Lohnt sich kümmern? Interview: Mit Fürsorge halten Frauen die Gesellschaft zusammen

Mit Fürsorge halten Frauen die Gesellschaft zusammen. Doch ausreichend bezahlt und wertgeschätzt werden sie dafür nicht, kritisiert Johanna Fröhlich Zapata. Das muss sich ändern!

Hausfrau

vital: Nach wie vor sind es mehrheitlich Frauen, die Kinder betreuen, sich um den Haushalt kümmern oder betagte Eltern pflegen, also enorm viel Fürsorgearbeit leisten. Was läuft da falsch?

Johanna Fröhlich Zapata: Fürsorgearbeit wird in 80 von 100 Fällen von Frauen übernommen. Sie hält nicht nur die Familien zusammen, sondern unser ganzes System. Mit der Corona-Krise kam genau das mit einem lauten Knall bei uns allen an. Wer bleibt mit Kindern zu Hause, wenn Schulen schließen? Wer pflegt all die Kranken in den Kliniken? Fürsorgearbeit ist wichtiger denn je!

Aber sie wird weder entsprechend wertgeschätzt noch entsprechend bezahlt. Richtig. Pflegen, kochen, sich um andere kümmern, macht prinzipiell zwar nicht arm. Die fehlende Wertschätzung führt aber zu einer Verarmung. 2016 reichte bei 16 von 100 alleinstehenden Rentnerinnen das Einkommen nicht zum Leben. 2036 wird die Quote bei fast 30 Prozent liegen. Insgesamt nimmt die Altersarmut bis dahin um 70 Prozent zu.

Also in einen Fürsorge-Streik treten?
Verantwortung für sich und andere zu übernehmen ist eine sehr reife Handlung. Auf keinen Fall sollten wir damit aufhören. Aber Frauen sollten überlegen, warum sie so viel Fürsorgearbeit leisten, ihre eigenen Handlungsimpulse hinterfragen: Können wir vielleicht, indem wir weniger tun, innehalten, eine Revolution im Privaten einleiten?

Und einen gesellschaftlichen Wandel?
Das wäre schön. Wir können es uns nicht leisten, Fürsorgearbeit auf ein unsichtbares Nebengeschäft zu reduzieren.

Deshalb Ihr „,Who cares?‘-Rechner“?
Ja. Es ist wichtig, diese Arbeit von Frauen in Geld umzurechnen, damit sichtbar wird, was Fürsorge bedeutet. Der „Who cares?“-Rechner ist ein Instrument, um sich Ungleichheiten bewusst zu machen.

Wie funktioniert dieser Online-Test?
Er nutzt Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Auf meiner Homepage können anonym drei kurze Fragen zu Stundenlohn, Alter der Kinder und Länge der Beziehung beantwortet werden. Danach wird einem sofort der Wert der unbezahlten Arbeit angezeigt.

Wie könnte ein Ergebnis lauten?
Lebt eine Frau z. B. seit 20 Jahren mit ihrem Partner zusammen und hat zwei Kinder im Alter von 15 und 18 Jahren ergäbe sich bei einem Mindestlohn von 9,35 Euro im Bundesdurchschnitt ein Betrag von 71 884 Euro und 67 Cent.

Melden sich viele Frauen bei Ihnen?
Ja, das ist sehr berührend, weil Frauen sich oft erst in einem bestimmten Alter Gedanken über ihre Rente machen. Oft bekomme ich Summen geschickt, die zeigen, warum Altersarmut weiblich ist.

Was sollten Frauen dann tun?
Ihr Ergebnis ist eine Einladung zum Gespräch mit dem Partner. Es ist nie zu spät für eine unkonventionelle Lösung oder einen Ehevertrag. Das bloße Bewusstsein über den Wert der Zeit kann schon eine Veränderung einleiten.

Wie könnte die Politik dazu beitragen?
Durch aufrichtigen Dank. Durch gute Bezahlung und durch die Übersetzung in viel mehr Rentenpunkte.

Das Interview ist zuerst in der Vital-Ausgabe Juni 2020 erschienen.

Datum: 06.05.2020
Autor: Kathrin Mechkat