Experteninterview Schlafprobleme bei Babys und Kleinkindern

Die Ursache für Schlafprobleme bei Babys und Kleinkindern sind für die Eltern häufig schwer auszumachen, weil die Kinder selbst noch nicht äußern können, was Ihnen fehlt. Prof. Dr. Erler, Kinderarzt und Schlafexperte am Klinikum Potsdam beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema. 

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Dr. Erler, kommen viele Eltern und ihre Babys mit Schlafproblemen zu Ihnen?

Ja, an mich wenden sich regelmäßig Eltern von Kindern, die offenbar an Schlafproblemen leiden. Dies ist insofern auch nicht verwunderlich, da wir aus nationalen und internationalen Studien wissen, dass möglicherweise bis zu 25 Prozent aller Kinder zeitweise oder regelmäßig Schlafstörungen haben. Es handelt sich also um ein sehr verbreitetes Phänomen, das Eltern oder ganze Familien oft sehr beunruhigt.

Was sind die häufigsten Schlafprobleme bei Kleinkindern und Babys, bei denen Eltern Ihre Hilfe suchen?

Am häufigsten erleben junge Eltern, dass ihre Babys oder kleinen Kinder nicht durchschlafen. Sie haben oft Sorgen, dass ihre Kleinen nicht ausreichend Schlaf bekommen. Das liegt daran, dass Erwachsene und Babys einen anderen Schlaf-Wach-Rhythmus haben. Der unregelmäßige Schlaf-Wach-Rhythmus der Kleinen überträgt sich unweigerlich auf die Eltern, die dann ebenfalls darunter leiden. Es fällt den Eltern schwer, die Kinder wieder zum Schlafen zu bringen und sie wenden dann oft sehr ausgefallene Methoden an, um den Nachwuchs zu beruhigen: Stundenlanges Herumlaufen oder sogar ausgedehnte Autofahrten sind zwei Varianten, die ich aus der Praxis gut kenne. Für junge Eltern ist es wichtig zu wissen, dass ein mehrstündiges, nächtliches Durchschlafen erst „erlernt“ werden muss. Vor der Geburt kannten die Ungeborenen keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Nach der Geburt wird der Tagesablauf ausschließlich vom Hunger bestimmt und danach richten sich auch die Wachzeiten. Um diesen Lernprozess zu beginnen, braucht das Baby dann zuerst einmal einen strukturierten Tagesablauf sowie optimale schlafhygienische Bedingungen.

Was können Eltern bei der „Schlafhygiene“ beachten?

Wichtig ist ein immer wiederkehrendes Einschlafritual: ein bestimmtes Lied, eine beruhigende Geschichte oder Ähnliches. Natürlich müssen die Schlafbedingungen optimal sein. Das Baby braucht eine trockene Windel, ein abgedunkeltes, ruhiges Zimmer mit einer Temperatur von max. 18 °C. Die Bekleidung sollte der Jahreszeit angepasst sein: am besten ein Schlafsack (Sommer- oder Winterversion). Das Schlafzimmer muss rauchfrei sein, das Bett sollte genügend Bewegungsfreiheit bieten, sich in der Nähe der Eltern befinden, eine luftdurchlässige Matratze haben und keine losen Kissen oder Decken im Bett – wer möchte, kann seinem Kind auch einen Schnuller geben.

Welche Schlaflerntechniken gibt es?

Eine wichtige Aufgabe für Babys bzw. für Kleinkinder besteht darin zu erlernen, alleine einzuschlafen. Dies stellt für die ganze Familie die größte Herausforderung dar. Trotzdem sollten sich Eltern dieser Aufgabe stellen, indem sie ihr kleines Kind wirklich erst dann schlafen legen, wenn es tatsächlich müde ist. Beim zwischenzeitlichen Erwachen sollte das Kind dann aber nicht zum Beruhigen aus dem Bett genommen werden. Hier ist im Normalfall die Präsenz des Elternteils ausreichend, um dem Baby das Wiedereinschlafen zu erleichtern. Auch zusätzliche Mahlzeiten sind oft nicht erforderlich. Beruhigende Worte, erneutes Anwenden des Schlafrituals bei dunkler Umgebung können das erneute Einschlafen ermöglichen. Notfalls muss diese Vorgehensweise täglich mehrfach wiederholt werden, und zwar an vielen aufeinanderfolgenden Tagen. Geduld ist gefragt!

Was können Eltern bei schlechten Schlafphasen tun?

Schlechte Schlafphasen können unterschiedliche Ursachen haben. Zum Beispiel werden alle Kinder auch einmal krank. Und so gehen dann eben auch viele kleine Infekte mit gestörtem und nicht erholsamem Schlaf einher. Wichtig ist hier zuerst einmal die Behandlung der Grunderkrankung. Manchmal muss in Krankheitsphasen der fehlende Schlaf sogar am Tag nachgeholt werden. Am Rat der fürsorglichen Oma ist schon etwas dran: Schlaf Dich gesund mein Kind! Beunruhigend für Eltern ist z. B. auch der sogenannte Nachtschreck, der Parvor nocturnus. Es ist schon schlimm, wenn ein kleines Kind plötzlich mit angstgeweiteten Augen im Bett sitzt und auf Ansprechen nicht reagiert! Trotzdem sind beruhigende und besonnene Maßnahmen am hilfreichsten. Das betroffene Kind weiß in der Regel von den nächtlichen Schlafstörungen am Folgetag gar nichts mehr und fühlt sich auch kaum beeinträchtigt. Überraschenderweise wissen wir, dass ein immer wieder auftretender Nachtschreck die Entwicklung der Kinder nicht negativ beeinflusst. Und spätestens bis zum Schulalter sind derartige Ereignisse in der Regel wieder verschwunden! Generell ist es wichtig, auch bei schlechten Schlafphasen Geduld mit dem Baby oder Kleinkind zu haben und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, denn diese Phasen gehen auch wieder vorüber.

Was ist Ihr persönlicher Tipp für einen erholsamen Babyschlaf?

Es ist für einen erholsamen Babyschlaf besonders förderlich, den Tag ruhig ausklingen zu lassen, vor dem Schlafen nicht noch mal „herumzutoben“ und keine besonders gehaltvollen Mahlzeiten zu verabreichen. Bei manchen Babys kann mit dem abendlichen Bad die Einschlafzeremonie befördert werden – bei anderen Kindern wirkt es belebend. Außerdem muss die Schlafumgebung stimmen: Ein gut belüfteter, rauchfreier Raum, kein Lärm und vor allem Dunkelheit wichtig. Babys brauchen ein Einschlafritual. Hier kann sich jede Familie vielleicht sogar etwas ganz Individuelles ausdenken – Lied, Musikstück, Vorlesen, Singen oder Ähnliches. Wichtig bleibt zu beachten: Dieses Ritual wird nur zum Einschlafen genutzt – sonst verliert es seine Wirkung!

Weitere Tipps für einen gesunden Babyschlaf findet ihr auch hier.