11. Februar 2021
Umweltforscher: Corona-Pandemie nicht das Schlimmste

Forscher warnt im Interview: Die Corona-Pandemie ist noch nicht das Schlimmste

In seinem Buch „Die Triple-Krise“ erklärt Prof. Dr. Josef Settele den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Umwelt und schweren Pandemien. Laut Settele muss davon ausgegangen werden, dass es in Zukunft noch gefährlichere, tödlichere Zoonosen als das Coronavirus geben kann. Im Interview mit Vital.de erklärt er, was WIR tun können, damit es nicht so weit kommt.

Klimawandel Zoonosen
© iStock/12521104
Der Klimawandel kann das Entstehen von Zoonosen begünstigen.

In seinem Buch „Die Triple-Krise“ erklärt Prof. Dr. Josef Settele das Zusammenspiel dreier gefährlicher Entwicklungen: Klimawandel, Artensterben und Zoonosen. Er sieht dabei einen klaren Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Umwelt und der Entstehung schwerer Pandemien. Laut Settele können nicht nur Wildtiere Zoonosen verursachen, auch die Ausdehnung von Agrar- und Stadtland könne eine gefährliche Schnittstelle für den Kontakt mit Erregern darstellen.

„Es geht um uns alle“

Mit seinem Buch ruft er zum Handeln auf und warnt vor weiteren Zoonosen: „Dabei muss fest davon ausgegangen werden, dass das Corona-Virus von 2019 harmlos gegen das ist, was im Dschungel auf uns wartet. (…) Das Risiko von Zoonosen, die zu regional begrenzten Epidemien oder globalen Pandemien ausufern, wird weiter wachsen.“ Wir haben mit Prof. Dr. Josef Settele über sein Buch gesprochen und darüber, was jeder einzelne tun kann, um weitere globale Pandemien zu verhindern.

Prof. Dr. Josef Settele
© Sebastian Wiedling
Prof. Dr. Josef Settele Umweltforscher, Argarökologe, Co-Vorsitzender des globalen Berichtes des Weltrates für Biodiversität, Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung

Vital.de: „Ihr Buch Die Triple-Krise haben Sie im letzten Jahr geschrieben und veröffentlicht. Hat die Corona-Pandemie für Sie den Ausschlag gegeben, dieses Buch zu schreiben oder hatten Sie die Idee bereits vorher?“

Mein Buch sollte ursprünglich Bevor der letzte Schmetterling stirbt heißen und sich »nur« mit dem Rückgang der Insekten befassen. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Mir wurde klar, dass der Ansatz jetzt zu kurz greifen würde, der Klimawandel, das Artensterben und die wachsende Gefahr durch Zoonosen in größerem Zusammenhang geschildert werden müssen.

Vital.de: „In Ihrem Buch geht es um die Triple-Krise: Klimawandel, Artensterben, Zoonosen. Wie hängen diese drei Punkte zusammen?“

»Noch immer ist nicht nur die Corona-Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun«, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble Ende April 2020 in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel - und fasste damit das, was ich die Triple-Krise nenne, exakt zusammen. Die Welt steht vor der Aufgabe, gleichzeitig diese drei nie dagewesenen Herausforderungen zu meistern. Die drei Komponenten der Triple-Krise bedingen und befeuern sich gegenseitig, ihre Wechselwirkungen sind verheerend. Wissenschaftlich belegt ist ein enger Zusammenhang zwischen der Zunahme schwerer Epidemien oder gar Pandemien und der Zerstörung der Umwelt, einschließlich des Niedergangs unzähliger Arten.

Vital.de: „Sie gehen in Ihrem Buch zu einem großen Teil auf Insekten, stellvertretend für die Gefährdung der gesamten Artenvielfalt, ein. Woher kommt Ihre Begeisterung für Insekten?“

Begeisterung lässt sich ja schwer herleiten oder erklären. Ich bin in einem kleinen Weiler im Allgäu aufgewachsen. Dort habe ich meine Leidenschaft für die Insekten entdeckt, welche sich aufgrund ihres oftmals als eklig empfundenen Aussehens und ihrer Angewohnheit, bei Tag und Nacht garstig zu stechen, äußerst begrenzter Beliebtheit erfreuen – dabei für die Menschheit von herausragender Bedeutung sind. Ohne Insekten sähe mein Heimatort (Kohlhunden) wie auch der Rest der Welt deutlich ärmer aus. Auf mich haben Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken und anderes krabbelndes, fliegendes oder summendes Getier von Kindesbeinen an größtmögliche Faszination ausgeübt, die bis heute anhält. Ihrer Erforschung und inzwischen auch ihrem Erhalt widme ich mein ganzes wissenschaftliches Engagement. Zunächst als Hobbyforscher, später als studierter Insektenkundler. Wie ich dazu kam? Dazu habe ich in meinem Buch ab Seite 104 noch ein bisschen mehr erzählt.

Vital.de: „In Ihrem Buch bezeichnen Sie Pandemien als direkte Folge menschlicher Aktivitäten. Können wir Menschen Ihrer Meinung nach etwas tun, um weitere globale Pandemien wie die Corona-Pandemie zu verhindern? Welchen Beitrag kann jeder Einzelne leisten?“

In der Tat, es kommt auf jeden Einzelnen an. Ich gehöre nicht zu denen, die Wasser predigen und Wein trinken. Ich bin nicht für konsequenten Verzicht auf allen Konsum, den Grillabend, jede Autofahrt oder Reise mit dem Flugzeug. Ein Hinterfragen des eigenen Handelns, ein bewusster Umgang mit Ressourcen im Alltag hilft schon. Ist es okay, dass Lebensmittel im Müll landen? Gibt es Alternativen zu Billigklamotten? Oder zum SUV? Wie wäre es mit einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt und der Bahn in den Urlaub statt mit dem Auto oder dem Flieger? Muss es jeden Tag Fleisch sein? Müssen der Rasen und die Hecke des Hauses tatsächlich permanent gemäht und beschnitten werden? Ist ein blühender Garten nicht viel schöner als eine Schotterfläche? Muss man die Wespe immer gleich totschlagen und die Fliege in die Falle locken?Auf den Willen kommt es an. Für Hobby-Gärtner ist der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln überhaupt nicht reguliert. Jeder kann sich in Baumarkt oder Gartencenter weitgehend frei bedienen und nach Herzenslust hochgiftige Substanzen versprühen oder sonstwie ausbringen. Dabei ist es nicht schwer, einen insektenfreundlichen Garten oder Balkon zu gestalten. Erkundigen Sie sich bei einer Naturschutzorganisation. Die wissen, wie man Insekten auf die Beine hilft und Flügel verleiht. Denn nicht alles, was bunt blüht, nährt Hummel und Bienen. Mut zum Chaos, könnte die Devise lauten. Flächen, die zuwuchern, sind herrliche Biotope. Jeder hat daheim viele Möglichkeiten, einen winzigen Beitrag zu leisten. Warum nicht einfach mit einem Beitrag anfangen, der machbar erscheint und vielleicht sogar Spaß macht?

Vital.de: „Was ist für Sie die wichtigste Aussage Ihres Buches?“

Ich hoffe, ich kann meine Leser überzeugen, dass Sie es als unsere gemeinsame Aufgabe betrachten, sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen. Ich sehe einen positiven Trend, gerade unter jungen Leuten. Ich bin ja ursprünglich aus Bayern und gerade dort hat es sich mit dem Volksbegehren für den Erhalt der Bienen ein breiter gesellschaftlicher Rückhalt für mehr Artenschutz gezeigt. Im Bericht des Weltbiodiversitätsrates von 2019 heißt es: »Gesellschaftliche Ziele – etwa sauberes Wasser, Gesundheit, Nahrungs- und Energiesicherheit, und damit hohe Lebensqualität für alle – können durch einen raschen und optimierten Einsatz von vorhandenen Politikinstrumenten sowie neue Initiativen erreicht werden, die individuelle und kollektive Maßnahmen für einen transformativen Wandel wirksamer nutzen.« Worauf warten wir also noch?

Vital.de: „Vervollständigen Sie diesen Satz: 2050 werden die Menschen ...“

... es hoffentlich geschafft haben, das Klima zu stabilisieren und den Artenschwund zu stoppen.

Vital.de: „Denken Sie, dass den Menschen der Ernst der Klimakrise schon bewusst ist? Was würden Sie Ihnen gerne – über die Botschaften in Ihrem Buch hinaus – sagen?“

Lassen Sie uns die Krisen dieser Welt gemeinsam angehen - gemeinsam im Sinne der gegenseitigen Vernetzung dieser Krisen und gemeinsam im Sinne eines Vorgehens von uns allen. Es gibt keine Bevölkerungsgruppe, die da primär dingfest zu machen ist - es geht um uns alle. Es geht beispielsweise nicht um die Landwirte, sondern es geht um die Landwirtschaft - und das sind wir alle!

Vital.de: „In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das Coronavirus nichts gegen das ist, was noch kommt. Was ist das Schlimmste, das Ihrer Meinung nach passieren kann?“

Das ist schwer zu sagen - denn der Blick in die Zukunft ist oft der in die Glaskugel. Aber allein schon die Mutationen, die beim Corona-Virus derzeit auftreten, geben uns einen Eindruck davon, dass es schnell gefährlichere, tödlichere Zoonosen geben kann, die unser Leben noch viel stärker in Mitleidenschaft ziehen als wir es gerade 2020 und 2021 erleb(t)en.

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