
Wer unter chronischen Darmbeschwerden leidet, entwickelt mit der Zeit eine Landkarte der Notlösungen: Wo ist die nächste Toilette? Kann ich das im Restaurant wirklich bestellen? Dr. Luisa Werner beschreibt diesen Zustand als eine "Bauchweh-Karriere", die das soziale Leben schleichend zum Erliegen bringen kann.
Besonders eindringlich ist ihre medizinische Einordnung: Studien belegen, dass die Lebensqualität bei einem schweren Reizdarmsyndrom mit der von Dialyse-Patienten vergleichbar ist. Es geht also um weit mehr als ein bisschen Blähungen – es geht um die Rückgewinnung von Freiheit und Lebensfreude durch das Verständnis der eigenen Anatomie und gezielte Entspannung.
Das Interview: "Das ganze Leben richtet sich nach dem Darm"
Frau Dr. Werner, Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr offen Ihre eigene „Bauchwehkarriere“. Gab es einen ganz bestimmten Moment auf dem Sofa mit Wärmflasche, an dem Sie wussten: „Ich muss das jetzt selbst als Expertin lösen, weil mir bisher niemand helfen konnte“?
Dr. Luisa Werner: Das war eher ein schleichender Prozess, da ich zusätzlich zu Arztbesuchen und Ernährungstherapie immer mehr zu dem Thema gelesen habe und Fortbildungen gemacht habe. Begonnen hat das noch während meines Studiums. Durch Zufall bin ich dann als approbierte Ärztin einige Jahre später zusätzlich auf die Zusatzweiterbildung Ernährungsmedizin gestoßen, die mir sehr weitergeholfen hat das Thema Darm und Ernährung noch besser zu verstehen und anwenden zu können.
Die Lebensqualität bei Reizdarm ist vergleichbar mit der von Dialyse-Patienten.
Viele Betroffene passen ihr Leben – wie Sie früher mit Ihren zu großen Hosen – an ihre Beschwerden an. Wie hat sich Ihr Lebensgefühl verändert, seit Sie wieder „alles essen können“ und nicht mehr zuerst nach der nächsten Toilette suchen müssen?
Dr. Luisa Werner: Oft erkennt man leider erst, wenn man gesundheitliche Beschwerden hat, wie wichtig die eigene Gesundheit ist! Bei mir war das Tückische, dass ich nach meiner Essstörung eigentlich wieder zu einem gesunden Essverhalten finden wollte – mir da jedoch das Thema Unverträglichkeiten ziemlich im Wege stand. Treffen mit Freunden abzusagen, nicht ins Restaurant gehen zu können oder sich unterwegs essen holen zu können ist sehr einschränkend. Das ganze Leben richtig sich dabei oft nach dem Darm – von der nächstliegenden Toilette über soziale Events, die man aufgrund dessen absagen muss. Dazu noch tägliche Beschwerden und Schmerzen, führen zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität. Damit war ich damals aber definitiv nicht alleine – es gibt auch Studien zu dem Thema, die gezeigt haben, dass die Lebensqualität von PatientInnen mit Reizdarmsyndrom so stark eingeschränkt sein kann, wie von PatientInnen die aufgrund von starken Funktionsstörungen der Niere an die Dialyse (Blutwäsche) gebunden sind.
Sie erwähnen den "gastrokolischen Reflex", die natürliche Entleerungsreaktion des Darms auf Nahrungsaufnahme. Wie können wir uns dieses Körpersignal zunutze machen, um morgens sanft die Verdauung anzuregen?
Dr. Luisa Werner: Der Gastrokolische Reflex ist eine sehr schlaue Möglichkeit vom Darm für neues Essen Platz zu schaffen! Dabei werden durch warme Speisen und Getränke die Darmbewegungen aktiviert und schon verdaute Speisen weiter Richtung Ausgang transportiert. Das kann von einer Tasse Tee, Kaffee bis hin zum Porridge oder warmen Wasser reichen. Ergebnis: Man verspürt Stuhlgang und muss auf die Toilette. Der Reflex funktioniert bei vielen besonders am Morgen gut.
In Ihrem Buch widmen Sie der „Endstation“ der Verdauung ein eigenes Kapitel. Warum ist die klassische Sitzposition auf westlichen Toiletten anatomisch gesehen eigentlich ein Hindernis für unseren Darm?
Dr. Luisa Werner: Das liegt an einem sehr schlauen System von unserem Körper, das uns nochmal zusätzlich dabei unterstützt kontinent zu bleiben, wir wollen uns schließlich nicht bei jedem Sprung in die Hose machen. Hierbei existiert eine Art Muskelschlinge, die sich einmal um den Darmausgang legt. Damit diese Schlinge entspannt – und wir ohne Hindernisse auf die Toilette gehen können – müssen die Beine eher etwas angezogen und hochgestellt werden. Die Position auf den westlichen Toiletten, aufrecht sitzend, entspricht nicht der optimalen Position, die eher einer Hocke ähnelt.
Der „Toilettenhocker“ ist ein Trend-Thema. Hilft er wirklich jedem, oder gibt es Menschen, bei denen er die Beschwerden sogar verschlimmern kann?
Dr. Luisa Werner: Es ist eine einfache Option auszuprobieren, ob es den Stuhlgang erleichtert. Insbesondere bei Verstopfungen oder, wenn man sich nicht vollständig entleert fühlt nach dem Stuhlgang. Verschlimmern kann es Darmbeschwerden also per se nicht.
Sie raten dazu, sich für den Toilettengang einen „Safe Space“ zu schaffen. Warum ist Entspannung in diesem Moment medizinisch so wichtig für die Entleerung?
Dr. Luisa Werner: Auch hier spielt wieder das Thema Parasympathikus (Anm. d. Red.: Der Teil des Nervensystems, der für Entspannung, Ruhe und Verdauung zuständig ist) eine große Rolle. Unser Darm ist oft ein kleines "Sensibelchen" was Stress oder Zeitdruck beim Stuhlgang angeht. Dabei signalisiert unser Gehirn den Darmmuskeln am Darmausgang ob die Situation gerade passend ist, um sich zu entleeren oder ob man lieber noch etwas warten sollte. Wenn bspw. dauerhaft an der Türe geklopft wird kann das für sensible Därme schon ein Hindernis darstellen.
Sie haben selbst erlebt, dass Stress ein riesiger Trigger ist. Wie unterscheidet man als Laie, ob die Beschwerden eine körperliche Ursache haben oder ob das „Darmhirn“ gerade einfach überlastet ist?
Dr. Luisa Werner: Eine Körperliche Ursache vom „Darmhirn“ zu trennen ist fast nicht möglich, da diese rund um die Uhr zusammenarbeiten und kommunizieren. Auch Stress kann körperliche Symptome triggern, indem das Nervensystem beeinflusst wird. Daher kann man insbesondere auch bei funktionellen Verdauungsbeschwerden, wie dem Reizdarmsyndrom viel mit der Darm-hirn-Achse arbeiten – von Darm-Yoga über Darm-Hypnose.
Dr. Luisa Werner: "Du bist nicht allein damit!"
In Ihrem Buch geht es auch um den Vagusnerv. Gibt es eine kleine „Notfall-Übung“ für unterwegs, mit der man den Darm beruhigen kann, wenn man merkt, dass es vor einem wichtigen Termin im Bauch rumort?
Dr. Luisa Werner: Ich persönlich bin ein ganz großer Fan von Atemübungen – den Atem hat man immer bei sich und man kann ihn selbst gut steuern. Man braucht keine extra Tools oder viel Platz, sondern kann es machen ohne, dass es jemand mitbekommt. Beispielsweise tiefe Bauchatmung mit einer Hand auf dem Bauch oder auch Box-Breathing, bei dem man je 4 Sekunden einatmet, 4 Sekunden den Atem hält, dann 4 Sekunden ausatmet und nochmals 4 Sekunden hält. Das kann man so oft machen wie man möchte, beispielsweise 5-10 Runden.
Sie sprechen das sensible Thema Essstörungen an. Wie findet man nach Jahren der Einschränkung wieder zu einer entspannten Beziehung zum Essen zurück, ohne ständig Angst vor Schmerzen zu haben?
Dr. Luisa Werner: Das Wichtigste ist hierbei sich professionelle Hilfe an die Hand zu nehmen, da man selten allein einen Weg aus einer Essstörung findet und die Folgen verheerend sein können. Gerade das Thema Malnutrition, also Mangelernährung kommt immer mehr auf. Die Ursache für die eigenen Beschwerden zu finden – von Unverträglichkeiten über eine Dünndarmfehlbesiedlung – ist für viele Betroffene schon sehr erleichternd. Darauf basierend kann man sich eine Ernährung zusammenstellen, die für den eigenen Körper gut funktioniert. Denn gerade diese Hilflosigkeit "Was kann ich denn noch essen?" führt zu einer starken Unsicherheit und Kategorisierung von Lebensmitteln in gut und schlecht mit langen sehr restriktiven Diätphasen, wenn man es alleine versucht. Der Weg könnte also sein: Ernährungsberatung, Diagnostik und Ursachenforschung, individuelle Ernährungszusammenstellung.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an alle, die heute Abend wieder mit offenem Hosenbund und Wärmflasche auf dem Sofa sitzen und nicht mehr weiterwissen?
Dr. Luisa Werner: Du bist nicht allein damit! Es geht Millionen von Menschen so und es gibt immer mehr gute Therapeuten, die sich mit dem Thema Darm beschäftigen. Sich auf die Suche nach Hilfe machen, Dinge austesten und am Ball bleiben. Und natürlich: Mein Buch lesen und auf meinem Kanal bei Instagram vorbei schauen für mehr Tipps!



