
Wer an die „Abnehmspritze“ denkt, hat meist das Bild von purzelnden Pfunden im Kopf. Doch in Arztpraxen häufen sich Berichte über eine Nebenwirkung, die Mediziner elektrisiert: Patienten verlieren plötzlich das Interesse an Dingen, die früher ihr Leben kontrollierten. Das tägliche Glas Wein? Schmeckt nicht mehr. Die Zigarette zum Kaffee? Vergessen. Der Impuls zum Online-Shopping? Verschwunden.
Der "Stopp-Schalter" im Belohnungszentrum
Wissenschaftler vermuten den Grund tief in unserem Gehirn. Der Wirkstoff Semaglutid (enthalten in Ozempic und Wegovy) ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptor-Agonist. Er ahmt ein Hormon nach, das wir normalerweise nach dem Essen produzieren, um Sättigung zu signalisieren.
Doch diese Rezeptoren sitzen nicht nur im Darm, sondern auch in den dopaminreichen Arealen des Gehirns, wie dem Nucleus accumbens. Dies ist unser „Belohnungszentrum“. Wenn wir Alkohol trinken oder etwas Neues kaufen, schüttet das Gehirn Dopamin aus – wir fühlen uns gut und wollen mehr. Ozempic scheint diesen Mechanismus zu dämpfen: Die Dopamin-Spitzen fallen flacher aus, der „Kick“ bleibt weg. Damit sinkt das sogenannte Craving, das unbändige Verlangen.
Was sagt die Forschung?
Bereits im Mai 2023 veröffentlichte ein Team der Universität Göteborg eine vielversprechende Studie im Fachmagazin eBioMedicine. Die Forscher konnten bei Ratten nachweisen, dass Semaglutid den Alkoholkonsum und die Rückfallquote drastisch senkte.
Erste Beobachtungsstudien am Menschen stützen diese These. Eine im Fachjournal Nature Communications (2024) veröffentlichte Analyse von Gesundheitsdaten deutet darauf hin, dass Patienten unter GLP-1-Therapie seltener wegen Alkoholproblemen behandelt werden mussten als Vergleichsgruppen. Derzeit laufen großangelegte klinische Studien, unter anderem an der University of North Carolina, um die Wirkung bei verschiedenen Abhängigkeiten (u.a. Tabak und Opioide) wissenschaftlich zu untermauern.
Hoffnung oder Hype?
Trotz der Euphorie mahnen Experten zur Vorsicht. Sucht ist eine komplexe Erkrankung mit tiefen psychologischen Wurzeln. „Ein Medikament kann das biologische Verlangen dämpfen, aber es ersetzt keine Therapie, die sich mit den emotionalen Ursachen der Sucht befasst“, warnen Suchtmediziner.
Zudem wird über Nebenwirkungen wie die sogenannte Anhedonie diskutiert – ein Zustand, in dem Betroffene nicht nur das Interesse an ihrer Sucht, sondern auch an Hobbys oder Freude am Alltag verlieren könnten.
Quellen
Studie zur Alkoholsucht (Universität Göteborg): „Semaglutide reduces alcohol intake and relapse-like drinking in male and female rats“, veröffentlicht in eBioMedicine/The Lancet (2023).
Datenanalyse zum Suchtpotenzial: „Association of GLP-1 Receptor Agonists With Alcohol-Related Outcomes“, veröffentlicht in Nature Communications (2024).
Klinische Studien-Übersicht: Datenbank von ClinicalTrials.gov (Suche nach: Semaglutide + Alcohol Use Disorder / Substance Use Disorder).
Experten-Statement: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) zu den neurologischen Auswirkungen von GLP-1-Rezeptor-Agonisten.


