4. Dezember 2012
Wandern als Therapie

Wandern als Therapie

Zahlreiche Studien belegen, wie machtvoll Sport bei Krebs die Heilung unterstützen kann. VITAL wanderte mit Betroffenen über den Rheinsteig – vier außergewöhnliche Tage.

Wandern als Therapie
© Andrea Diefenbach
Wandern als Therapie

Einige Kollegen kommentierten Dr. Olav Heringers Pläne so: „Als Arzt kann man sich auch aktiv in den Knast bringen.“ Andere fanden die riskant anmutende Idee „ziemlich mutig“. Und es ist mutig, mit 13 Krebspatienten auf dem Rheinsteig-Wanderweg zwischen Wiesbaden und Rüdesheim 54 Kilometer zurückzulegen. Heringer, seit 2011 niedergelassener Onkologe in Wiesbaden, wirkt zufrieden. Über endlose Weinberge blickt er hinunter zum Rhein. In der Nähe steht das Niederwalddenkmal. Zu weit bei der Hitze.
„Der Arzt ist immer im Hinterkopf“, sagt Heringer. „Aber ich versuche, es nicht so spürbar werden zu lassen.“ In seinem Rucksack trägt er Schmerzmittel, einen Beatmungsbeutel, auch einen Bruch hätte er unterwegs schienen können. War nicht nötig. Alle haben die Tour ohne Komplikationen bewältigt. „Und der Rheinsteig ist überall mit einem Auto erreichbar“, sagt Heringer. Mut ist etwas anderes als Leichtsinn.

Für Betroffene heisst es Umdenken

Nach aktuellen Schätzungen des Robert-Koch-Instituts in Berlin erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 470 000 Frauen und Männer neu an Krebs. Neun von zehn Deutschen kennen einen Betroffenen. Allein das Wort Krebs löst beklemmende Assoziationen aus. „Sport passt da nicht rein“, sagt Heringer, während über uns der Verkehr der A643 über die Schiersteiner Brücke rauscht.
„Bei vielen Patienten muss ich erst Überzeugungsarbeit leisten.“ Seit 2006 hält er auch Vorträge vor Ärzten. „Unter älteren Kollegen herrscht noch immer die Meinung vor: Tumorpatienten gehören aufs Sofa.“ Dabei belegen immer mehr Studien genau das Gegenteil. Zahlen, Tabellen – hier, kurz vor Walluf, verwandeln sie sich in echte Menschen.

Wanderpause
© Andrea Diefenbach
Wanderpause

Der erste Tag unter Gleichgesinnten

Drei Tage zuvor, an einem zunächst bewölkten Donnerstagmorgen, war die Gruppe am Schloss Biebrich in Wiesbaden zur ersten Etappe aufgebrochen. Bis nach Schlangenbad sollte es gehen. Niemand ahnte, dass eines der wärmsten Wochenenden des Jahres bevorstand. Inzwischen hat jeder in der Gruppe einen Gesprächspartner und sein Tempo gefunden. Einige kennen sich, andere lernen sich kennen. Es wird gelacht, Vorfreude liegt in der Luft. Und der Krebs? Ist kein Thema. Eben weil alle das gleiche Schicksal teilen. Stillschweigendes Verständnis.
„Gott sei Dank“, sagt Dorothee Birke, „ich mag doch nicht nur darüber reden.“ Kurz nach dem Start löste sich bei der früheren Verwaltungsangestellten eine Sohle. Sie hatte ihre Wanderschuhe kaum getragen, seit 2008 bei ihr ein Hirntumor festgestellt worden war. Die Panne war ihr unangenehm. Aber ein Mitwanderer half und glättete die Sohle notdürftig mit seinem Taschenmesser. Für Dorothee Birke wurde ein Taxi bestellt, damit sie aus dem Hotel ihre Ersatzschuhe holen konnte. Keine große Sache. Jeder darf hier so sein, wie er ist.

Diagnose: Krebs

Die Diagnose Krebs erschüttert den Menschen in seinen Grundfesten, das Vertrauen in den eigenen Körper. In der Gruppe wird aus dieser Erfahrung ein unsichtbares Band, das alle verbindet. Eine besondere Vertrautheit. Niemanden stört es, wenn sich Hartmut Bock mittags eine halbe Stunde auf seine Isomatte legt. Er ist zum zweiten Mal dabei.

Gemeinsam Wandern
© Andrea Diefenbach
Gemeinsam Wandern

Der 72-Jährige, promovierter Physiker und Historiker, trägt einen breiten Stützgurt um den Bauch. Dort lauern die Tumoren. Unheilbar.
Da die „Waldgaststätte Rausch“ bei Eltville erst um 15 Uhr öffnet, ruht sich Bock im Schatten eines Baumes aus. „2008 bekam er das Bundesverdienstkreuz“, erzählt Dr. Heringer etwas abseits. Er war eingeladen, hörte Hartmut Bock sagen: „Dort sitzt der Mann, dem ich es verdanke, dass ich hier stehe.“ Heringer begleitet ihn bis heute.
Oft kreuzen sich die Lebenswege von Arzt und Patient nur kurz, der Kranke wird behandelt und wieder entlassen. Bei Krebs bilden beide eine Schicksalsgemeinschaft. Oft über Jahre, weil die Behandlungsmöglichkeiten immer besser werden und damit die Überlebenschancen steigen. „Das faszinierte mich“, sagt Heringer. Auch deshalb ist er Onkologe geworden und nicht Kinderarzt. „Aber die Kerben werden tiefer“, gibt der zweifache Vater offen zu. Auch seine Frau ist Krebsspezialistin. Wie seinen Patienten verordnet Heringer auch sich selbst Bewegung. Als Ausgleich. Er joggt, geht ins Fitness-Studio, fährt mit dem Fahrrad zur Praxis. Zehn Jahre lebte er als Student in Eltville.

Wandern
© Andrea Diefenbach
Wandern

Die Pizzeria „La Gondola“, in der sich die Wandergruppe zum Abendessen trifft, war früher seine Handball-Kneipe. Als alle bestellt haben, stößt Eva Massingue zur Gruppe. Sie ist gerade aus Brasilien zurückgekehrt – und will ab jetzt dabei sein. „Das wird das Sportlichste, was ich dieses Jahr mache“, sagt die Lektorin und lacht . „Ich will wissen, was ich kann.“ Birgit Möbis sitzt ihr schräg gegenüber und nickt. 2006 stellten Ärzte bei ihr Eierstockkrebs fest. Im Mai hatte sie ihre vorerst letzte Chemotherapie. „Seitdem habe ich tolle Blutwerte“, sagt die 54-Jährige voller Zuversicht. „Ich lebe jetzt.“
Mit dem Zug bricht die Gruppe am nächsten Morgen zur letzten Etappe auf: von Oestrich-Winkel nach Rüdesheim. 369 Höhenmeter. Es ist heiß, alle schwitzen. Abbrechen, so kurz vor dem Ziel? Kommt nicht infrage. Die Route führt vorbei am Kloster Marienthal und an der Abtei St. Hildegard. Stille Orte, an denen jeder bei sich sein kann.
Nachmittags sitzt die Gruppe ein letztes Mal in einem Restaurant zusammen. Alle sind stolz, es geschafft zu haben. Dorothee Birke lächelt: „Jetzt habe ich vier schöne Tage auf der Haben-Seite.“ Etwas, das sie dem Krebs entgegensetzen kann. Vielleicht hat Olav Heringer gehofft, dass so etwas passiert. Er lächelt zurück. Es ist passiert.

Dem Körper wieder vertrauen

Eva Massingue
© Andrea Diefenbach
Eva Massingue

Eva Massingue, 58, hat seit 2008 ein Plasmozytom.

„Ich musste niesen, da schoss ein heftiger Schmerz durch meinen Rücken. So fing es an. Hexenschuss, dachte ich, nahm Schmerzmittel und fuhr zur Kinderbuchmesse nach Bologna. Aber es wurde nicht besser. Als ich wieder in Frankfurt war, kam mein Hausarzt und schickte mich sofort ins Krankenhaus. Dort wurde ein Wirbelbruch festgestellt.
Die Brustwirbelsäule musste versteift werden. Drei Wochen suchten die Ärzte nach der Ursache. Schließlich kam einer zu mir und sagte: ,Es ist Krebs. Wenn wir nichts tun, haben Sie noch ein halbes Jahr.‘ Das vergesse ich nie. Meine Tochter Isabel war erst 14.

Adressen & Informationen

  • Die Stiftung „Leben mit Krebs“ (Mainzer Str. 48, 55252 Mainz, Tel. 0 61 34/7 53 81 38, www.stiftung-leben-mit-krebs.de) fördert neben der Rheinsteig-Wanderung bundesweit Sportangebote.
  • Die Deutsche Krebshilfe (Buschstr. 32, 53113 Bonn, Tel. 02 28/ 72 99 00, www.krebshilfe.de) informiert Betroffene seit mehr als 35 Jahren umfassend und finanziert zahlreiche Projekte.
  • Die Deutsche Krebsgesellschaft (Kuno-Fischer-Str. 8, 14057 Berlin, Tel. 0 30/32 29 32 90, www.krebsgesellschaft.de) ist die größte onkologische Fachgesellschaft in Deutschland.
  • Die Initiative „Psyche hilft Körper“ (www.gsk-onkologie.de) gibt ein bundesweites Verzeichnis von Therapeuten heraus, die Patienten und Angehörige psychologisch begleiten

Der Kampf um das Leben

Ich wollte nicht sterben, fühlte mich von meinem Körper verraten. Sport half mir, ihm wieder zu vertrauen. Im zweiten Chemotherapie-Block fing ich an zu trainieren. Erst fiel es mir schwer. Aber ich machte Fortschritte. Das tat mir gut. Ich kann das – ein wunderbares Gefühl.
Seit August 2011 lässt mich der Krebs in Ruhe. Neulich las ich, dass ein Mann 14 Jahre mit einem Plasmozytom gelebt hat. Das gibt mir Hoffnung. Wichtig ist, der Krankheit nie so viel Raum zu geben. Für mich ist sie ein tiefer Ton im Hintergrund, den ich mit vielen schönen Dingen zudecke. Dazu gehört die Wanderung – und mein Training jeden Freitag. Das lasse ich nie ausfallen.“

Sport befreit

Birgit Möbis
© Andrea Diefenbach
Birgit Möbis

Birgit Möbis, 54, lebt seit über sechs Jahren mit Eierstockkrebs.

„An der Rheinsteig-Wanderung musste ich unbedingt teilnehmen. Nach meiner vorerst letzten Chemotherapie im Mai wollte ich wissen, wo ich stehe. Ich habe mich immer viel bewegt. Daran ändert auch der Krebs nichts. Ich zeige ihm so, wer Herr im Haus ist. Das habe ich von meinem Mann Peter.
Als er 1997 an einem Non-Hodgkin-Lymphom erkrankte, ist er immer Rad gefahren. Auch während der Chemotherapie. Er wurde wieder gesund. Neun Jahre später wurde bei mir Eierstockkrebs festgestellt, ein Tumor, der schnell wächst und Metastasen bildet. In den letzten sechs Jahren hatte ich mehrere große Bauch-OPs, Chemo und Mikrowellen-Therapien.

Gegen den Krebs gewinnen

Trotzdem kehrte der Krebs zurück. Und jedes Mal spürte ich das. Dennoch empfinde ich es nicht als Kampf. Ich bin einfach noch nicht dran. Wenn ich im Bett bleibe, sterbe ich. Natürlich gibt es Tage, an denen ich weine. Aber Angst vor dem Tod habe ich heute nicht mehr. Wenn es so weit ist, gehe ich in ein Hospiz, weil ich Peter schützen will. So weiß er, dass ich in guten Händen bin, und kann gehen, wenn ihm mal die Kraft fehlt.
Ich glaube, mein Unterbewusstsein denkt viel darüber nach. Das merke ich, wenn ich morgens aufwache. Dann macht Sport den Kopf frei. Jetzt beginnt der Tag! So ein Gefühl habe ich danach. Einmal pro Woche mache ich „Rücken-Fit“, fahre oft Fahrrad, walke und arbeite viel im Garten. Obwohl mir 2010 ein Zugang für die Chemos implantiert wurde. Aber mein Arzt sagte mal zu mir: ,Damit dürfen Sie alles – außer Elefanten jagen.‘ Und darauf kann ich gut verzichten.“

Sport stärkt die Seele

Dorothee Birke
© Andrea Diefenbach
Dorothee Birke

Dorothee Birke, 67, hatte einen bösartigen Hirntumor.

„Wandern – da mache ich mit. Das stand für mich sofort fest. Ich war immer eine eifrige Wanderin und liebe die Natur. Bekannte staunen oft, was ich unterwegs alles sehe. Manchmal würde ich die dicken Bäume und den blauen Himmel am liebsten umarmen. Das hat mir auch während der Krankheit geholfen.
Es begann damit, dass ich 2008 mit dem rechten Fuß umknickte. Ich konnte meine rechte Körperseite nicht mehr bewegen, und meine linke Gesichtshälfte zuckte. Unheimlich war das.
Meine Hausärztin überwies mich sofort zu einer Neurologin. Doch die meinte, ich sei hypernervös, und schickte mich weiter zur Schilddrüsen-Spezialistin. Nur weil die auf einer Magnet-Resonanz-Tomographie beharrte, wurde der Tumor in meinem Kopf entdeckt.

Schreckdiagnose: Krebs

Er war drei mal drei Zentimeter groß und musste sofort operiert werden. Ich hatte Angst, dass dabei das Gehirn verletzt wird. Aber die OP verlief gut. In der Anschluss-Reha fing ich mit Sport an. Dann folgten Chemotherapie und Bestrahlung. Ich war unsicher, ging aber möglichst oft in Begleitung an die frische Luft. Das tat gut. Seit März 2011 mache ich immer mittwochs Sport, eine Mischung aus Ausdauer- und Krafttraining. Das stärkt mich im doppelten Sinn. Die Seele mehr als den Körper. Zur Kontrolle gehe ich mit dem festen Vorsatz: Da ist nichts! Und so war es bislang auch immer. Mir geht es gut. Ich bin gesund. Das genieße ich jetzt.“

Sport lindert die Beschwerden

VITAL: Krebspatienten müssen sich schonen, hieß es früher. Heute beginnen sie schon in der Chemotherapie mit körperlicher Aktivität. Wie kam es zu diesem Umdenken?
Dr. Freerk Baumann:
In meinen Augen durch zwei treibende Kräfte. Einerseits haben sich die Patienten selbst solchen Verboten immer stärker widersetzt. Andererseits erschienen in den letzten zehn, zwölf Jahren viele hochwertige Studien, die belegen, wie wichtig Bewegung und Sport im Zusammenhang mit Krebs sind.

Senken sie auch das Erkrankungsrisiko?
Ja, bei manchen Krebsarten senken drei bis fünf Stunden moderate Bewegung pro Woche das Risiko um 20 bis 40 Prozent.

Ist bewiesen, warum das so ist?

Dr. Freerk Baumann
© Freerk Baumann
Dr. Freerk Baumann, Leiter der Arbeitsgruppe „Bewegung, Sport und Krebs“ an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Mehrere Thesen werden diskutiert. Es sieht so aus, als ob Sport die Killerzellen des Immunsystems aktiviert und ihre Zahl steigert. Dadurch können Tumorzellen besser erkannt und bekämpft werden. Körperliche Aktivität bewirkt, dass der Körper oxidativem Stress, also aggressiven Sauerstoffverbindungen, die dem Erbgut schaden, mehr entgegenzusetzen hat.
Außerdem werden durch Sport Hormone abgebaut, die mit der Krebsentstehung in Verbindung gebracht werden, z. B. Insulin, Östrogen und Testosteron.

Wie hilft Bewegung, wenn ich Krebs habe?
Dank moderner Therapien ist heute trotz Krebs ein langes Leben möglich. Bewegung verbessert die Lebensqualität und vermittelt den Betroffenen das Gefühl, selbst einen Beitrag im Genesungsprozess leisten zu können. Hinzu kommt, dass Aktivsein verschiedene Nebenwirkungen der Behandlung, etwa Schmerzen, Übelkeit, Muskelabbau, Müdigkeit, Ängste, Depressionen oder Infektionen, deutlich abmildert.

Welche Sportarten sind erlaubt?
Grundsätzlich alle, die Spaß machen. Es kommt vor allem darauf an, in welcher Behandlungsphase sich der Patient befindet und welche Ziele er mit dem Sport erreichen möchte.

Lade weitere Inhalte ...