8. März 2015
Von nichts kommt viel

Von nichts kommt viel

„Wer heilt, hat recht.“ Kritikern des Placebo-Effekts nimmt diese Welt- sicht jeden Wind aus den Segeln. In einer Pille steckt kein Wirkstoff? Egal, wenn Sie trotzdem gesund werden. So machen Sie sich ein faszinierendes Phänomen zunutze.

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© Pannonia/iStock
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Henry Beecher ist US-Militärarzt im Zweiten Weltkrieg. Im Lazarett, die Morphin- Vorräte sind längst aufgebraucht, sieht er, wie eine Krankenschwester einem verwundeten Soldaten eine einfache Kochsalzlösung spritzt. Doch die Injektion lindert das Leid des Patienten, denn er glaubt, ein starkes Schmerzmittel bekommen zu haben. Wie kann ein Placebo (lat.: „Ich werde gefallen“), also ein Medikament, das nachweislich keinen Wirkstoff enthält, dennoch Beschwerden lindern? Der Glaube versetzt tatsächlich Berge. Das können wir in vielen Lebensbereichen beobachten: in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Leistungssport – wer Siege erringen will, lässt sich heute von einem Mental-Coach auf den Wettkampf einstimmen – und eben auch in der Medizin. Schon in der Antike und im Mittelalter nutzten Heiler Scheinmedikamente. Doch erst mit der Beobachtung des Dr. Beecher beginnt die moderne Placebo- Forschung. Das Verblüffende: Der Effekt beruht nicht auf Einbildung und betrifft nicht nur das Empfinden der Betroffenen. Vielmehr konnten Forscher messbare, neurochemische Veränderungen in Gehirn und Körper nachweisen. Wer sich die eigene Überzeugung zunutze macht, öffnet die Schubladen seiner inneren Apotheke. Grünes Licht für die Selbstheilungskräfte!

Placebo-Analgesie

Die meisten Forschungsergebnisse liegen zum Einfluss auf die Schmerzempfindung vor. Wird eine angeblich stark wirksame Salbe auf die Haut von Testpersonen aufgetragen, empfinden sie den nachfolgenden Reiz als weniger schmerzhaft. Der Fachbegriff dafür lautet Placebo-Analgesie. Wissenschaftler am Hamburger Universitätsklinikum konnten das sogar sichtbar machen: Auf Kernspinaufnahmen stellten sie eine erhöhte Hirnaktivität in dem Areal fest, das für die Ausschüttung schmerzlindernder Endorphine zuständig ist. Clever: Die körpereigenen Opiate bringen sich also schon bei der Erwartung eines Schmerzreizes in höchste Einsatzbereitschaft.

„Kein besseres Heilmittel gibt es im Leid als eines edlen Freundes Zuspruch“
(Euripides)

Das Paradebeispiel für den Placebo- Effekt liefert der amerikanische Orthopäde Bruce Moseley im Jahr 2002. Für eine Studie teilte er seine Arthrose-Patienten in zwei Gruppen auf. Bei der einen täuschte er die geplante Knieoperation nur vor. Er inszenierte sie jedoch mit allen Einzelheiten, die Patienten konnten während der lokalen Narkose die OP sogar an einem Bildschirm verfolgen. Nur sahen sie nicht ihr eigenes Knie. Der Operateur ritzte die Haut bloß oberflächlich an, setzte eine typische Naht und legte einen Verband an. Das Kniegelenk selbst blieb unangetastet. Das geradezu kuriose Ergebnis: Nach der Heilungsphase äußerten sich die zum Schein operierten Patienten ebenso zufrieden mit der Behandlung wie jene, bei denen der Eingriff tatsächlich stattfand.

Zwei Punkte nennen Experten als entscheidend verantwortlich für den Effekt: Erwartung und Konditionierung. Jeder Patient geht davon aus, dass die Gabe eines Medikamentes deshalb geschieht, um Beschwerden zu lindern oder Krankheiten abheilen zu lassen. Mit dieser Erwartung geht jeder zum Arzt oder ins Krankenhaus. Darüber hinaus tut die Konditionierung, also die wiederholte Erfahrung, dass ein bestimmtes Präparat die erwünschte Wirkung zeigt, ihr Übriges. Bei Babys, denen die Erfahrung fehlt, dass eine Arznei ihnen hilft, und bei Menschen, deren kognitive Fähigkeiten gestört sind, z. B. Alzheimer-Patienten oder schwerst Depressiven, funktioniert das Phänomen daher nicht oder nur deutlich schwächer ausgeprägt.

Placebo - Das Wunderheilmittel

Nach Prof. Dr. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie der Universitätsklinik Essen ist auch das Verhalten des medizinischen Personals nicht zu unterschätzen: „Die Interaktion zwischen Arzt und Patient, die Art, wie der Arzt sich mit dem Patienten unterhält, wie er ihn annimmt und aufklärt, kann eine Riesenauswirkung haben auf den Erfolg einer Behandlung oder einer Medikation.“ Denn auch eine negative Erwartung oder Erfahrung hat Folgen. Hier kommt der „böse Zwilling“ des Placebos, Nocebo genannt, ins Spiel. Wenn der Zahnarzt in guter Absicht sagt „Sie brauchen keine Angst zu haben, es tut nur ganz kurz weh“, stehen die Worte „Angst“ und „tut weh“ im Raum. Der Patient wird auf dem Behandlungsstuhl Blut und Wasser schwitzen. „Auch die Nebenwirkungen auf Beipackzetteln können Patienten regelrecht krank machen“, erklärt einer der führenden Placebo- Forscher, Prof. Dr. Paul Enck von der Uni- Klinik Tübingen: „Studien zeigen: Verschwindet die Nebenwirkung aus dem Beipackzettel, taucht sie auch bei den Patienten nicht mehr auf.“ Ein extremes Beispiel: In Kulturkreisen mit fest verwurzeltem Glauben an Geister berichten Ärzte immer wieder von unerklärlichen Todesfällen nach Voodoo-Flüchen. Die „Verfluchten“ sind felsenfest überzeugt, sterben zu müssen. Und sterben tatsächlich, obwohl medizinisch keine Lebensgefahr bestand.

Die genauen Wirkmechanismen des Placebo-Phänomens konnten noch nicht vollständig erforscht werden. Doch dass es existiert, steht außer Frage. Ähnlich wie beim Schmerzempfinden ist der positive Einfluss bei Schlafstörungen, Depressionen, Bewegungsstörungen (speziell bei Parkinson) und auf das Immunsystem gut belegt. Die Experten kennen heute zudem viele Faktoren, die den Effekt verstärken: So helfen sehr kleine und sehr große Tabletten besser als mittelgroße, rote besser als weiße. Gleiches gilt für Medikamente mit komplizierten lateinischen Namen oder sehr hohem Preis.

Sind viele Operationen und Medikamente also im Prinzip überflüssig? Nein, sie bleiben wichtig. Denn wenn der Arzt sein Wissen über den Placebo- Effekt nutzt, etwa indem er seinen Patienten etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, macht das die Schulmedizin keinesfalls unnötig. Aber wirksamer. Medikamente helfen dann möglicherweise schon in geringerer Dosierung oder lösen weniger Nebenwirkungen aus. Nicht lebensnotwendige OPs können eventuell noch eine Zeit lang hinausgezögert werden. Eine andere Frage ist schon etwas schwieriger zu beantworten: Ist es überhaupt moralisch in Ordnung, dass ein Arzt seine Patienten an der Nase herumführt? Ethisch einwandfrei handelt der Arzt, würde er den Patienten über die Placebo- Gabe informieren. Dumm nur, dass er so den Effekt gewaltig reduzieren würde. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer hält die Anwendung von Placebos dennoch im klinischen Alltag für vertretbar – unter folgenden Voraussetzungen: die Beschwerden sind relativ gering, es steht keine andere geprüfte und wirksame Therapie zur Verfügung, der Patient verlangt ausdrücklich nach einem Mittel und die Behandlung hat Aussicht auf Erfolg. Dann darf der Arzt auch mal schummeln. Ganz offiziell.

Placebo: der Prüfstein für Medikamente

Bevor neu entwickelte Arznei­ mittel die Zulassung durch die Gesundheitsbehörde erhalten, müssen sie ihre Wirksamkeit in klinischen Studien unter Beweis stellen. Normalerweise vergleichen Forscher das Mittel mit der bisherigen Standardtherapie. Falls keine existiert, tritt das zu testende Medikament (Verum) gegen ein wirkstofffreies Mittel (Pla­cebo) an. In diesen „placebo­ kontrollierten, doppelblinden, randomisierten“ Studien erhält eine Gruppe der Testpersonen das Verum, die Kontrollgruppe das in Form, Farbe oder Ge­ schmack identische Placebo. Die Studienteilnehmer werden im Losverfahren den zwei Gruppen zugeordnet (rando­ misiert), und weder Patienten noch Ärzte wissen, wer das Verum und wer das Placebo erhält (doppelblind). Dieses Verfahren soll ein unbewusstes Beeinflussen der Studie un­ möglich machen. Schon diver­ se Präparate kamen nicht auf den Markt, weil sie bei diesen Studien durchgefallen waren, also keine deutlich bessere Wirkung zeigten als das Scheinmedikament. Eine weitere Aufgabe placebo­ kontrollierter Studien ist es, die Arzneiwirkung von anderen Effekten zu unterscheiden, z. B. von einer Spontanheilung.

Nutzen des Placebo-Effekts

So nutzen Sie den Placebo-Effekt

Nehmen Sie Ihr Glück und Ihre Gesundheit beherzt in die eigenen Hände. Sie haben größeren Einfluss, als Sie denken. Denn mit einer positiven inneren Einstellung machen Sie den Weg frei für Ihre Selbstheilungskräfte. Einige leicht umzusetzende Übungen helfen Ihnen dabei. Wenn Sie außerdem noch ungünstige Einflüsse geschickt umschiffen, holen Sie das Beste aus jeder Behandlung heraus.

EINEN EIGENEN PLACEBO- EFFEKT AUFBAUEN
• Wenn Sie zum Arzt gehen, befolgen Sie seinen Rat. Dafür haben Sie ihn schließlich aufgesucht. Ohne Ihre Mithilfe wird keine Therapie erfolgreich.
• Nehmen Sie Medikamente, die Ihnen verschrieben wurden, in dem Bewusst­ sein ein, dass sie etwas Wertvolles sind und Ihnen helfen werden.
• Versteifen Sie sich nicht auf eine bestimmte Therapie, sondern gehen Sie offen die Möglichkeiten durch, die sich Ihnen bieten. Es muss nicht immer die mehrstün­ dige OP sein, vielleicht wirken einige Stunden Physiotherapie ebenso gut. Geben Sie der Behandlung eine Chance.
• Entspannen Sie sich möglichst oft. In gelöster Stimmung – körperlich wie seelisch – können Energie­ ströme viel besser fließen. Ideale Methoden: auto­ genes Training oder Yoga. Auch regelmäßige Bewe­ gung hilft.
• Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge ein Bild Ihrer Genesung erscheinen. Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlen wird, wieder beschwerdefrei zu leben. Überlegen Sie, was Sie dann alles unternehmen, und malen Sie sich das Bild in allen Einzelheiten aus. Kehren Sie in Gedanken immer mal wieder zu die­ sem schönen Bild zurück.
• Suchen Sie sich für jedes nötige Fachgebiet einen Arzt, dem Sie vertrauen. Der Sie und seine Ange­ stellten höflich und freund­ lich behandelt, der sich Zeit nimmt und Ihnen wirklich zuhört.

DAS UNGEWOLLTE GEGENTEIL VERHINDERN
• Wenn Sie ängstlich sind oder zu Hypochondrie neigen, lesen Sie den Beipackzettel besser nicht zu genau durch. Machen Sie sich klar, dass die dort erwähnten Nebenwirkun­ gen in den allermeisten Fällen nicht auftreten.
• Messen Sie reißerischen Berichten über neue Volks­ krankheiten keine größere Bedeutung bei. Und hören Sie weg, wenn die „bestens informierte“ Nachbarin ihr Katastrophen-­Szenario­-Gift verspritzt.
• Stoppen Sie Gedanken wie „das hilft doch sowieso nicht“. Ertappen Sie sich dabei, ersetzen Sie ihn mit „das wird schon klappen“.
• Hände weg von Dr. Google! Im Netz finden Sie jede Menge haarsträubende Schauermärchen von Laien. Fundiertes Wissen bringt Sie weiter, aber das finden Sie in Foren selten.

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