28. September 2016
Selbstheilung mit Düften und Aromen

Selbstheilung mit Düften und Aromen

Ihre starke Wirkung verdanken sie Duftmolekülen, die unser Körper seit Jahrtausenden kennt – und einem Sinn, der niemals schläft: So stärken ätherische Öle die Selbstheilungskräfte.

Lavendel
© Dušan Zidar - iStockphoto
Lavendel

Solange wir atmen, riechen wir. Rund um die Uhr. Sogar im Schlaf. Sind wir wach, alarmiert uns Brandgeruch sofort. Ein Hauch Zimt reicht aus, um Erinnerungen an Weihnachten und Winterabende bei Bratapfel und Kerzenschein zu wecken. Kein anderer Sinneseindruck wirkt auf Körper, Geist und Seele so schnell und direkt wie ein bestimmtes Aroma. Darauf setzt auch die moderne Medizin: In immer mehr Kliniken und Pflegeeinrichtungen arbeiten mittlerweile sogenannte Aromapfleger oder -therapeuten. Mit ätherischen Ölen versuchen sie, Patienten beim Gesundwerden zu unterstützen. Mit Erfolg, wie viele Studien belegen. So senkt z.B. Lavendelöl den Schmerzmittelbedarf und wirkt bei generalisierten Angststörungen ähnlich gut wie die routinemäßig verordneten Medikamente (Benzodiazepine).

Ruth von Braunschweig überrascht das nicht. Seit mehr als 20 Jahren erforscht die Diplombiologin und Heilpraktikerin, die in Ahnatal bei Kassel lebt und arbeitet, wie ätherische Öle heilen können. „In ihnen stecken Moleküle, die unser Körper wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden kennt“, sagt die Expertin. „Und vieles spricht dafür, dass er überall Rezeptoren, sprich Andockstellen für sie besitzt.“ Wir haben also nicht nur alle eine Nase im Gesicht, auch viele unserer Zellen können „riechen“.

Die Eizelle lockt mit einer Art Maiglöckchenduft

Pflanzen locken mit ätherischen Ölen Insekten an oder halten sie fern. Für Menschen hat sich die Natur ähnliche Duft-Tricks ausgedacht: So produziert die weibliche Eizelle eine Art Maiglöckchenduft, um unentschlossene Samenzellen anzulocken. Krebszellen in der Prostata lassen sich dagegen mit Veilchenduft stoppen, fand Prof. Hanns Hatt heraus, Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie an der Universität Bochum.

Entsprechend empfänglich reagiert unser Körper auf die Duftreize ätherischer Öle. Sie hemmen unter anderem die Histaminausschüttung und stoppen die Produktion von Prostaglandinen. Allergien, Schmerzen, Entzündungen und Fieber lassen so nach. Auch Bakterien, Viren und Pilze, die unser Immunsystem austricksen, sind gegen bestimmte Duftmoleküle aus ätherischen Ölen machtlos.

Die starke und schnelle Wirkung verdanken sie ihrer Fettlöslichkeit. Dadurch passieren ihre Inhaltsstoffe ruck, zuck die Haut oder die Schleimhäute und lassen sich nur wenige Minuten später im Blut nachweisen. „Dazu kommt, dass unsere Haut quasi ein nach außen gewendeter Teil des Gehirns ist. Beide entstehen aus der gleichen Zellschicht des frühen Embryos“, erklärt von Braunschweig. Noch ein Grund mehr für den Turbo- Effekt einer Aromatherapie.

Es geht sogar noch schneller. Denn als einziges Sinnesorgan ist unsere Nase direkt mit dem Gehirn verbunden. Was ihre Riechzellen in Nervenimpulse übersetzen, beeinflusst sofort die Gedanken, Gefühle und das Gedächtnis. „Düfte wirken im Gehirn vor allem auf das limbische System“, erklärt die Expertin. „Dort werden unsere Stimmung sowie unterbewusste Prozesse wie Atmung, Kreislauf und Verdauung koordiniert.“ Ätherische Öle wirken also nicht nur körperlich, sondern ebenso psychisch.

Genau das macht drei Dinge enorm wichtig: höchste Qualität, maßvolles Dosieren und Sorgfalt bei der Wahl der Öle. „Verfahren Sie nicht nach dem Motto: Viel hilft viel“, rät von Braunschweig. „Für die Aromapflege zu Hause genügen einprozentige Mischungen. Dazu mischt man 20 Tropfen verschiedener ätherischer Öle, z.B. in 100 Milliliter Jojobaöl. Benutzt man lediglich ein ätherisches Öl, genügen sogar zehn Tropfen.“ Die wirksamsten Mischungen gegen häufige Alltagsbeschwerden im Sommer hat sie für VITAL zusammengestellt.

Lust, Öle auszuprobieren? Dann sollten Sie vor allem kritisch einkaufen! „Das Angebot ist fast unüberschaubar geworden“, kritisiert die Heilpraktikerin. „Man sollte nur dort bestellen, wo man kompetent beraten wird.“ Genauso wichtig: das Etikett. Es sollte ein „100 % reines ätherisches Öl“ aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) ausweisen. Außerdem müssen dort das Herkunftsland, der lateinische und deutsche Pflanzenname sowie der sogenannte Chemotyp stehen. „Er zeigt, welcher Inhaltsstoff am stärksten vertreten ist“, erklärt von Braunschweig. Beispiel Thymian-Öl, erhältlich in drei Chemotypen (CT): CT Thymol, CT Thujanol und CT Linalool. Jeder von ihnen wirkt in der Aromapflege ein bisschen anders.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Laien finden mithilfe eines einfachen Modells das jeweils passende Aroma. Dabei bestimmt sein Hauptinhaltsstoff – Terpene oder Benzolverbindungen – , ob ein Aromaöl anregend, ausgleichend oder entspannend wirkt. „Allerdings sind die Grenzen nicht so klar, wie das Modell vorgibt“, schränkt von Braunschweig ein, die das Modell entwickelt hat, „manche Öle wirken in alle Richtungen.“

Die wichtigsten Öle für Ihre Hausapotheke

AUSGLEICHEND Die Inhaltsstoffe dieser Öle wirken im Körper antibakteriell und antiviral. Sie hemmen Entzündungen, heilen Wunden und regen das Immunsystem an. Auf die Psyche bezogen lösen sie Stress und fördern die Konzentration
DIESE ÖLE WIRKEN KÖRPERLICH Amyris, Palmarosa, Patschuli, Rosengeranie, Rosenholz, Sandelholz, Thymian Linalool
DIESE ÖLE WIRKEN PSYCHISCH Iris, Manuka, Myrrhe, Nanaminze, Osmanthus, Salbei, Schopflavendel, Thuja, Ysop
DIESE ÖLE KÖNNEN BEIDES GUT Kamille, Narde, Vetiver, Zeder

ANREGEND Die Öle dieser Gruppe fördern im Körper die Durchblutung, erzeugen Wärme, stärken die Abwehr und unterstützen die Verdauung. Psychisch fühlt man sich erfrischt, die Öle lösen Ängste und hellen die Stimmung auf
DIESE ÖLE WIRKEN KÖRPERLICH Bay, Cassia, Nelke, Thymian Thymol, Zimtrinde
DIESE ÖLE WIRKEN PSYCHISCH Cajeput, Eukalyptus, Lemongrass, Litsea, Myrte, Rosmarin
DIESE ÖLE KÖNNEN BEIDES GUT Angelika, Nadelhölzer, Zitrusöle

ENTSPANNEND Im Körper wirken diese Öle entkrampfend und schmerzlindernd. Sie fangen schädliche Sauerstoffe („freie Radikale“) ab und fördern guten Schlaf. Psychisch wirken sie antidepressiv, aphrodisierend und wärmend
DIESE ÖLE WIRKEN KÖRPERLICH Benzoe, Champaca, Jasmin, Rose Absolue, Vanille, Ylang-Ylang
DIESE ÖLE WIRKEN PSYCHISCH Anis, Basilikum, Bergamotte, Estragon, Fenchel, Tonka
DIESE ÖLE KÖNNEN BEIDES GUT Lavendel, Muskatellersalbei, Römische Kamille

Die besten Öle gegen häufige Sommerbeschwerden

Alles für Ihre Behandlung und Pflege bekommen Sie in Apotheken, Naturkostläden oder im Internet (z. B. www.neumond.de, www.larome.de, www.maienfelser-naturkosmetik.de). Achten Sie beim Kauf auf Reinheit und Qualität! (Rezepte: Tropfen = Tr., Milliliter = ml)

  • KOPFSCHMERZEN
    SOS-Hilfe:
    Geben Sie 1–2 Tr. Angelikawurzelöl oder Basilikumöl auf ein Taschentuch. Atmen Sie den Duft ruhig und tief durch die Nase ein.
    Für die Duftlampe: 2 Tr. Grapefruit, 1 Tr. Neroli, 1 Tr. Basilikum, 2 Tr. Angelikawurzel ins Wasser der Verdunstungsschale träufeln. 1 bis 2 Stunden brennen lassen.
  • HEUSCHNUPFEN
    Grundmischung:
    30 Tr. Zedernholz-, 10 Tr. Manuka-, 60 Tr. Zypressenöl in ein Braunglasfläschchen füllen. Davon 2-mal täglich 2 Tr. auf 1 Stück Zucker tropfen, im Mund zergehen lassen.
    Wichtig: maximal 2 Wochen anwenden.
  • SONNENBRAND
    Grundmischung
    :
    5 Tr. Pfefferminz, 5 Tr. Lavendel fein oder Lavandin mit 50 ml Johanniskrautöl mischen und die betroffenen Stellen damit mehrmals täglich behandeln.
    Wichtig: nur bei einem leichten Sonnenbrand einsetzen.
  • INSEKTENSTICHE
    SOS-Hilfe:
    Auf den Stich 1–2 Tr. Tea-Tree-Öl pur träufeln. Wiederholen, bis die Beschwerden abklingen.
    Grundmischung: 20 Tr. Eucalyptus citriodora, 10 Tr. Lemongrass, 10 Tr. Palmarosa, 10 Tr. Rosengeranie, 20 Tr. Bergamotteminze. Davon 5–7 Tropfen in eine Duftlampe geben. Vertreibt Mücken!
  • KLEINE WUNDEN
    Grundmischung
    : Je 60 Tr. (3 ml) Cistrose, Lavendel fein und Immortelle in eine Braunglasflasche geben. Bei Bedarf einige Tropfen pur und großflächig über die Verletzung verteilen (darf auch in kleine offene Wunden getropft werden).
    Tipp: Dieser Mix gehört in jede Hausapotheke!
  • SCHLAFSTÖRUNGEN
    Im Hotelbett:
    1 Tr. Zedernholz, 1 Tr. Lavendel fein, 1 Tr. Rose in die Handinnenflächen geben und auf dem Kissen verreiben.
    Schlummer-Bad: 4 Tr. Bergamotte, 3 Tr. Mandarine, 1 Tr. Jasmin, 2 Tr. Amyris, 1 Tr. Vetiver mit 1/2 Becher süßer Sahne verrühren und ins Badewasser gießen

Ihre volle Heilkraft entfalten die verschiedenen Inhaltsstoffe allerdings erst im Team: „Das ist ein Synergie-Effekt. Ätherische Öle können sich wechselseitig ergänzen und verstärken.“ Etwa bei einer Erkältung. Dann sind nicht nur Aromastoffe gefragt, die antiviral, entzündungshemmend und schleimlösend wirken wie Lorbeer oder Weißtanne. Wer hustet und niest, kann mit entspannenden Ölen wie Benzoe oder Lavendel auch verhindern, dass die Krankheit allzu sehr nervt. „Der Vorteil so einer Mischung ist, dass sie den Körper quasi an mehreren Stellen parallel abholt“, sie wirkt ganzheitlich.

Wer sich mit Ölen Gutes tut, wird erst gar nicht krank

Kommen für so ein duftendes Dream- Team mehrere Öle mit der gleichen Wirkung infrage, gilt: immer der Nase nach! Am besten von jedem einen Tropfen auf einen Pappstreifen geben und die Duftprobe machen. Ruth von Braunschweig ermutigt zum Ausprobieren: „Je nach Laune können Sie dann mal das eine, mal das andere Öl verwenden. Aromapflege hat viel mit Kreativität zu tun. Und das Komponieren bringt unheimlich Spaß.“

Als Basis für Mischungen zum Einreiben und Massieren ist Jojobaöl ideal, weil es kaum Eigengeruch hat. Ein Mix für die Duftlampe oder zum Inhalieren kommt ohne Basisöl aus. Kombiniert mit Kokosfett, Sheabutter oder Meersalz wird aus einem Grundmix eine pflegende Creme oder ein heilsamer Badezusatz. Auch Sahne, fette Milch oder Honig kommen als Trägerstoffe und Emulgator infrage. Dagegen eignet sich Mineralölhaltiges, z.B. Paraffine, nicht. Achten Sie auch bei diesen Zutaten auf Qualität!

Grundsätzlich liegt der Schwerpunkt der Aromatherapie auf der Prävention. Es geht ums Gesundbleiben, weniger ums Gesundwerden. „Natürlich können ätherische Öle den Heilungsprozess wirkungsvoll unterstützen. Chronisch Kranken helfen sie, ihr Leiden besser anzunehmen“, sagt von Braunschweig. „Primär geht es jedoch darum, sich regelmäßig Gutes zu tun, damit man erst gar nicht krank wird.“ Das wissen natürlich auch ihre beiden erwachsenen Kinder. Kommen sie zu Besuch, fragen sie fast immer nach einer duftenden Fußmassage.

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