25. Oktober 2010
Medizin aus dem Regenwald

Medizin aus dem Regenwald

Der Regenwald ist die größte Naturapotheke der Welt. Die Suche nach neuen Wirkstoffen läuft überall auf Hochtouren – und brachte bereits Erfolge

Frau im Regenwald
© jalag-syndication.de
Frau im Regenwald

Zugegeben, müssten wir uns mit einer Machete durch die grüne Hölle kämpfen, würde das schon beim ersten Schritt archaische Ängste wachrütteln. Dennoch sind die urzeitlichen Tropenwälder mit ihrem ungeheuren Artenreichtum so etwas wie ein Garten Eden, die letzte Schatzkammer der Natur.

Alle Forscher sind sicher, dass der Regenwald weitere Mittel gegen Krebs und Aids hervorbringt

Ob Puerto Rico, das Amazonas gebiet, die Dschungel Indonesiens oder des Fidschi-Archipels: Die undurchdringliche tropische Vegetation bedeckt zwar nur rund sieben Prozent der gesamten Landfläche der Erde, beherbergt aber, vermuten Wissenschaftler, die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten – und ein schier unerschöpfliches Potenzial an medizinisch nutzbaren Rohstoffen. Mit deren Hilfe, davon gehen Pharmakologen aus, könnten sie Krankheiten wie Krebs, Aids, Demenz, Diabetes oder Parkinson besiegen. Und sie wollen Mittel gegen Infektionskrankheiten, neue Viren und multiresistente Keime finden, bei denen gängige Therapien versagen. Die Hoffnungen der Pharma-Industrie – und vieler Patienten – scheinen sich zu erfüllen. Schon heute enthält jedes vierte Medikament Substanzen, die aus dem tropischen Regenwald stammen.

Kolibri Zeichnung
© jalag-syndication.de
Kolibri Zeichnung

Ein paar Beispiele: Die peruanische Katzenkralle bringt den Rohstoff für Mittel gegen Rheuma und zur Stärkung des Immunsystems hervor. Aus dem in Brasilien beheimateten Jaborandi- Strauch wird Pilocarpin gewonnen, eine Substanz, die in Augentropfen gegen den Grünen Star wirkt. Madagaskar-Immergrün liefert mit Vinblastin und Vincristin zwei erfolgreiche zytostatische Wirkstoffe gegen Leukämie, Bronchial- und Hodenkrebs. Und aus der Pazifischen Eibe kommt Paclitaxel, zugelassen für die Brustkrebs-Therapie. Aber an die medizinischen Erfolge sind ebenso große industrielle Interessen gekoppelt. Nach einer Studie des UNO-Umweltprogramms (UNEP) zur wirtschaftlichen Bedeutung des Artenschutzes steckt hinter der Nutzung dieser natürlichen Rohstoffe ein Markt, der weltweit auf jährlich 75 bis 250 Milliarden US-Dollar geschätzt wird.

Ethnobotaniker entdecken laufend neue Arten

Blumen Zeichnung
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Blumen Zeichnung

Nicht zuletzt deshalb sind vor allem die Pharma-Unternehmen darauf aus, den Artenpool zu erhalten, um ihn als ewige Quelle für neue Arzneien zu nutzen. Fast alle beteiligen sich mit Geld und Know-how am Screening neuer Naturstoffe. Der US-Konzern Merck z.B. engagierte sich in den letzten zwanzig Jahren mit Finanzierungs- und Forschungsprojekten in Costa Rica. Monsanto und Bristol- Myers Squibb suchen zusammen mit staatlichen US-Wissenschaftszentren von Peru bis Surinam nach neuen Wirkstoffen. Immerhin: Für Teile der von Abholzung bedrohten Wälder bedeuten die Pharma-Interessen wenigstens einen gewissen Schutz. Aber nicht nur für die Konzerne, auch für Universitäten, Krebsforschungszentren oder Non-Profit-Organisationen durchforsten Ethnobotaniker weltweit die Regenwälder – und entdecken laufend Neues.

Ethnobotaniker durchforsten die tropische Vegetation und entdecken laufend neue Arten

Allein in den Dschungeln Costa Ricas wurden in den vergangenen 25 Jahren mehr als 400 unbekannte Arten entdeckt. Sie alle müssen dann erst in jahrelanger Laborarbeit auf mögliche Wirkstoffe getestet werden. Forscher der Universität Bonn stießen in Mexiko auf mehr als hundert Pflanzen, die den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Speziell die Extrakte des Guarumbo-Baumes könnten die Vorstufen eines neuen Heilmittels gegen Diabetes sein. In thailändischen Palmenarten und Schmetterlingsblütengewächsen, von denen dort allein über 11 000 verschiedene wachsen, stecken Saponine und Diterpenoide, die Krebszellen bekämpfen. Insgesamt wurden in den vergangenen Jahren mehr als 1000 solcher antikarzinogener Pflanzenwirkstoffe identifiziert.

Besonders erfolgversprechend sind afrikanische Pflanzen aus der Familie der Affodill-Gewächse. „Im Labortest zeigten darin enthaltene Wirkstoffe zum Teil exzellente Wirkungen gegen bestimmte Leukämie-Zellen“, sagt Prof. Gerhard Bringmann von der Universität Würzburg. Erster Schritt für neue Erkenntnisse ist oft das Wissen der Heiler und Schamanen. Die Medizinmänner der Naturvölker wissen aus jahrtausendelanger Überlieferung um die Wirkung vieler Blätter, Wurzeln, Blüten und Rinden. Sie kennen Mittel gegen Fieber und Rheuma, bei Schlangenbissen und Kopfschmerzen, zur Desinfektion oder zur Verhütung.

ADRESSEN & TIPPS

Initiativen zum Schutz der Tropenwälder: www.oroverde.de, www.pro-regenwald.de, www.salvefloresta.de, www.wwf.de

Buchtipp: „Apotheke Regenwald“ mit vielen Infos über die gefährdeten Ökosysteme und traditionelle Heilrezepte. Von Dr. Andrea Flemmer, Natura Viva, 176 Seiten, 16,90 Euro

So nutzten beispielsweise schon die mittelamerikanischen Ureinwohner die Yamswurzel als natürlichen Schutz vor Schwangerschaften. In den fünfziger Jahren wurde das daraus isolierte Diosgenin als erster Wirkstoff für die Antibabypille verwendet. In Zusammenarbeit mit den Heilkundigen des Regenwaldes fand das Institut für Ethnomedizin in Wyoming Mitte der 80er-Jahre einen der vielversprechendsten Wirkstoffe gegen das Aids-Virus. Prostratin, das von der US-AIDS Research Alliance derzeit klinisch getestet wird, stammt von einem samoanischen Baum. Die Inselbewohner nutzen seine Rinde seit Menschengedenken als Mittel gegen Gelbfieber. Sollte Prostratin die Marktreife erhalten, werden auch die Samoaner – als geistige Väter des Medikaments – am wirtschaftlichen Erfolg der Arznei beteiligt, so wie es die Biodiversitätskonvention der UNO vorsieht: Die AIDS Research Alliance legte mit der Regierung des Pazifikstaats vertraglich fest, dass 20 Prozent aus der Vermarktung von Prostratin an Samoa fließen sollen. In der Vergangenheit wurden solche Beteiligungen oft großzügig ignoriert: Medizinmänner sollten zwar ihr Wissen preisgeben, den Gewinn aber strichen die Konzerne ein.

Interview mit Dr. Andrea Flemmer

Das traditionelle Heilwissen der Eingeborenen stirbt jedoch nach und nach aus, und um Agrarflächen zu gewinnen, roden sie oder skrupellose Konzerne viele Urwälder – weltweit verschwand bereits mehr als die Hälfte. Nach Angaben des World Wildlife Fund gehen jährlich weitere 13 Millionen Hektar verloren. Das entspricht einem Areal in der Größe von 36 Fußballfeldern – pro Minute! Und kaum weniger dramatisch für uns alle: Mit jedem Quadratmeter abgeholztem Regenwald schwinden unzählbar viele Chancen, den Kampf gegen lebensbedrohliche Krankheiten zu gewinnen.

Andrea Flemmer
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Dr. Andrea Flemmer
„Mithilfe der Regenwälder könnten wir Krankheit und Hunger besiegen“

VITAL: Welches Potenzial bieten die Regenwälder der Erde?
Dr. Flemmer: Die Möglichkeiten sind gigantisch, allein aufgrund der Tatsache, dass bislang weniger als zwei Prozent der tropischen Arten auf ihre Bedeutung für die Medizin und die Ernährung untersucht worden sind. Und aus diesen wenigen wurden mehr als 7000 Arzneien entwickelt. Das entspricht etwa einem Viertel unserer heutigen Medikamente.

Was ist der größte Nutzen, den wir aus den Pflanzen ziehen?
In erster Linie der medizinische Aspekt. Bekannt sind vor allem Substanzen gegen Krebs. Aber auch viele Nahrungspflanzen könnten, großflächig angebaut, den Hunger in der Welt besiegen. Nicht die Gentechnik gilt es zu fördern, sondern die Regenwälder!

Existieren Reglements zum Schutz der Rohstoffe oder um die Naturvölker zu beteiligen?
Ja, und die sind auch notwendig. Die Problematik wurde bereits vor knapp 20 Jahren auf dem Weltklimagipfel in Rio erkannt. Mittlerweile lassen Länder wie Brasilien genetische und biologische Ressourcen per Gesetz schützen. Um Biopiraterie zu vermeiden, ist das Forschen erlaubt, doch die Erkenntnisse dürfen nicht ohne Erlaubnis der Behörden oder der Vertreter der Ureinwohner genutzt werden. Immer häufiger werden mit den Naturvölkern Verträge geschlossen, damit sie bei Erfolg eines neuen Wirkstoffs nicht leer ausgehen.

Haben die Naturvölker uns etwas voraus?
Ich halte Kulturvergleiche oft für zu idealisierend. Der edle, hilfreiche und gute Indianer ist eine Märchenfigur. Trotzdem glaube ich, dass viele Stämme mehr Respekt vor der Natur haben.

Regenwaldmedizin für zu Hause

Frosch Zeichnung
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Frosch Zeichnung

Exotische Heilpflanzen und Gewürze machen sich auch gut in der Hausapotheke: Probieren Sie mal, wie diese Rezepte bei Ihnen und Ihrer Familie anschlagen

  • SCHLAFLOSIGKEIT Die Blüten des auf den Philippinen beheimateten Ylang-Ylang-Baumes helfen gegen Nervosität, Stress, Schlafprobleme und depressive Verstimmungen. Für die „Atemtherapie“ einige Tropfen des ätherischen Öls in eine Duftlampe geben und eine Stunde vorm Schlafengehen anzünden.
  • ERKÄLTUNG WiraWira heißt ein Edelweißgewächs, das in den peruanischen Anden vorkommt und dort von den Indianern als Heilmittel gegen Husten, Schnupfen und Heiserkeit eingesetzt wird. Es wirkt schleimlösend und beruhigend auf die Atemwege. Erhältlich als Tee und Heilsalbe (über www.unadegato.cz).
  • MAGENSCHMERZEN Die Wurzelknollen des ursprünglich aus Südostasien stammenden Ingwers helfen bei Beschwerden des Verdauungstrakts. Ätherische Öle und Bitterstoffe in Ingwertee beruhigen die Schleimhäute. SOS-Tipp bei Übelkeit und Sodbrennen: ein kleines Stück Ingwer kauen – hilft sofort!
  • SCHÜRFWUNDEN Drachenblut, das rote Harz des gleichnamigen südamerikanischen Baumes, wird seit mehr als 2000 Jahren als Heilmittel bei Verletzungen genutzt: Der Baumsaft wirkt wie ein flüssiges Pflaster, stoppt Keime und Entzündungen. Auch gut gegen Herpes (über www.naturkräuter.com).
  • KREISLAUFBESCHWERDEN Reguliert den Blutdruck, senkt die Blutfettwerte und beugt so Arteriosklerose vor: Die Früchte des Caihu, einer Kürbisart aus Bolivien, werden getrocknet, gemahlen und schließlich in Kapselform verkauft (über www.unadegato.cz).
  • KOPFWEH Tee aus den Blüten der mittelamerikanischen Passionsblume löst Spannungskopfschmerz, Nervosität und Ängste: 2 g des getrockneten Krauts (Apotheke) mit 150 ml heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen. 3 bis 4 Tassen pro Tag.
  • RÜCKENSCHMERZEN In Belize trinkt man gegen Kreuz- und Nervenschmerzen Tee aus den getrockneten Blüten der Manayupa-Blume: 5 g mit 1 l heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen. Über den Tag verteilt trinken (über www.unadegato.cz).
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