20. Oktober 2010
Die Hippotherapeutin

Die Hippotherapeutin

VITAL besucht Frauen, die bewusst, fernab der Schulmedizin, kaum bekannte Verfahren gewählt haben, um zu helfen. Hier sagen sie, wie es dazu kam – und wie sie behandeln. Diesmal: Corinna Wagner.

Es ist nur ein Moment, aber schön und vertraut. Begrüßungsworte murmelnd streicht Corinna Wagner zärtlich über Cotton Eye Joes Blesse. Allein das Pferd, nichts sonst scheint jetzt zu zählen. Der gescheckte Warmbluthengst senkt seinen Kopf und stupst die Hippotherapeutin mit seinem samtenen Maul an. Es sieht aus, als hielten sie geheime Zwiesprache: Wie geht es dir? Alles okay?

Doch die Zeit drängt. „Wir sind spät dran, hoffentlich wartet Flori nicht schon. Er ist der erste Patient heute“, sagt Corinna Wagner, während sie die schwere Schiebetür zu Joes Box schließt. Pferdeführerin Isabel wird den Hengst gleich satteln, den Langzügel anlegen und Joe in die Reithalle bringen. Corinna Wagner geht schon voraus. Sie muss noch die Rampe aufbauen, über die ihre gehbehinderten Patienten aufs Pferd gelangen.

Das Loisachtal und die Walchenseeberge rund um Murnau im bayerischen Oberland – die Voralpenlandschaft sieht aus wie das reinste Postkartenidyll

Wir gehen über den Hof, vorbei an einer Gruppe trächtiger Stuten. „Im Moment kommt hier fast täglich ein Fohlen zur Welt!“, ruft die sportliche 45-Jährige, und ihre dunklen Locken tanzen im Wind. Das Stallgebäude, in dem auch Joe seine Box hat, ist so etwas wie die Geburtsklinik dieses riesigen Pferdehofs. Wir sind auf dem Gestüt Schwaiganger, dem staatlichbayerischen Fachzentrum für Pferdehaltung, in der Nähe von Murnau, gut 70 Kilometer südlich von München.

Der Ort im Voralpenland hat eine lange Tradition: Seit mehr als 1000 Jahren hält man hier Pferde. Das Gestüt ist eine anerkannte Ausbildungsstätte und Zucht mit 350 Haflingern, Warm- und Kaltblutpferden. Auch Cotton Eye Joe gehört dazu. Corinna Wagner zahlt Miete für die Nutzung des Pferdes und der Halle – und sieht es als Privileg an, hier ihre Reittherapie anbieten zu dürfen: „Die Anlagen sind super gepflegt, die Mitarbeiter sind toll, die Tiere sowieso.“

Jeder Schritt ein heilender Impuls

Fragebogen Corinna Wagner
© jalag-syndication.de
Fragebogen Corinna Wagner

Seit 13 Jahren arbeitet die Mutter von zwei Kindern als freiberufliche Physio- und Hippotherapeutin – sie ermöglicht krankengymnastische Behandlungen auf dem Pferd. Damit nichts passieren und sie sich voll auf den Patienten konzentrieren kann, ist immer eine Pferdeführerin dabei, die das Tier am Zügel unter Kontrolle hat.

Jeder Schritt ein heilender Impuls

Vor allem Menschen mit neurologischen Schäden kommen zu Corinna Wagner; sie sind querschnittsgelähmt, hatten einen Schlaganfall oder leiden unter Multipler Sklerose. Viele werden direkt von der Unfallklinik in Murnau an sie überwiesen – oft junge Leute, die von heute auf morgen im Rollstuhl sitzen müssen.

„Die Schicksale gehen mir natürlich nahe“, sagt Corinna Wagner. „Aber das muss ich ausblenden, ich kann ja nicht wie ein Trauerkloß danebenstehen. Ich will dazu beitragen, dass die Patienten besser klarkommen, sich besser fühlen.“ Wie erreicht sie das? „Das Pferd macht den Hauptjob. Ich stütze, korrigiere, leite, wenn etwa während des Ritts bei einem Patienten plötzlich ein Muskelkrampf auftritt“, erklärt sie.

Corinna Wagner bei der Arbeit
© jalag-syndication.de
Gleich geht’s los: Patient Georg darf aufsitzen. Das Training mit dem Pferd ahmt natürliche Bewegungsmuster nach und aktiviert sämtliche Gewebe. 

Der Kern der Therapie liege in den sehr ähnlichen Bewegungsmustern von Mensch und Pferd: Mit jedem Schritt übertragen sich vom Rücken des Tieres Schwingungen auf den Patienten. „Entscheidend ist, dass Wirbelsäule und Brustkorb ordentlich durchbewegt werden. Das ist wie eine Gangschulung für den ganzen Körper. Die Impulse auf Nervensystem und Muskulatur helfen, das Gleichgewicht und die Haltung zu trainieren.“

In ihren Ausführungen schwingt Begeisterung mit. Darauf angesprochen, sagt sie: „Meine Arbeit macht mir großen Spaß, und ich habe das Glück, mein Hobby – die Reiterei und Arbeit mit Pferden – mit meinem Beruf verbinden zu können. Daraus schöpfe ich Energie.“

Ihr selbst hilft Barny, den Kopf wieder freizubekommen

Neben der Reittherapie arbeitet Corinna Wagner noch als Bewegungspädagogin und Pferdephysiotherapeutin. Sie ist außerdem eine von bundesweit nur vier Ausbildungsleiterinnen beim Kuratorium für Therapeutisches Reiten. In Zusammenarbeit mit dem ADAC hat sie ein Programm zur Gesundheitsvorsorge für Mitarbeiter in der Luftrettung ausgearbeitet. Und wenn es „brennt“, hilft sie in der Physiotherapie-Praxis ihres Mannes Jürgen aus. Energie muss tatsächlich reichlich vorhanden sein.

Wem hilft die Methode?

Nach der Arbeit unter die Decke: Joe in seiner Box

Corinna Wagner lacht: „All diese Standbeine sind so nach und nach gewachsen.“ Überhaupt habe sich alles in ihrem Leben einfach glücklich gefügt: „Ich strebe nichts an oder plane irgendwelche Ziele. Das raubt nur Kraft und Zeit. Bis jetzt kamen die Chancen und Möglichkeiten immer zu mir.“ Dieses Vertrauen in die Zukunft strahlt die gebürtige Ansbacherin auch aus – vielleicht das Wichtigste, was sie ihren Patienten mitgeben kann.

Natürlich kennt Corinna Wagner auch andere Phasen. Da läuft nicht immer alles rund, da schwinden ihre Kräfte: „Wenn ich abends kaputt bin und dann bei meinem Sohn noch die Latein-Vokabeln abfrage, merke ich manchmal schon, dass ich ganz schön viel mache. Aber ich will es ja so.“

Zwölf bis 16 Patienten behandelt sie pro Woche. Doch die Zeit für die Familie, ihren Mann Jürgen, Sohn Simon und Tochter Lilith, lässt sie sich nicht beschneiden. Und wo bleibt sie selbst? Corinna Wagners Augen strahlen. „Ich habe mit neun Jahren angefangen zu reiten. Seitdem hat mich die Leidenschaft für den Pferdesport und die Tiere nicht mehr los gelassen“, gesteht sie. Sooft wie möglich fährt sie zu ihrem Barnabas, einem wunderschönen weißen Shagya-Araber, der nur ein paar Autominuten von ihrem Wohnort entfernt in einem Stall steht. Barny hilft ihr, den Kopf freizubekommen, vollkommen bei sich zu sein.

Genau dort ist sie jetzt. Und bei Flori, ihrem ersten Patienten heute. Corinna Wagner hat keine Zeit mehr für Fragen, die Therapie beginnt. Sie ist voll konzentriert, ganz da, für Pferd und Patient.

INFO

  • Was steckt dahinter? Corinna Wagner ist staatlich anerkannte Physiotherapeutin und hat beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) die Zusatzausbildung Hippotherapie absolviert. Daneben arbeitet sie als Pferdephysiotherapeutin. Infos zu den Berufsbildern unter www.dkthr.de, Tel. 0 25 81/9 27 91 90; www.pferd-aktuell.de, Tel. 0 25 81/6 36 20.

  • Und die Forschung? Mehrere wissenschaftliche Studien belegen, dass die Hippotherapie bei den behandelten Kindern und Erwachsenen das Gleichgewicht verbessert, Ängste abbaut, die Gehfähigkeit und die Lebensqualität allgemein verbessert.

  • Wem hilft die Methode? Patienten mit neurologischen Symptomen (Multiple Sklerose, Schlaganfall, Schädel-Hirn- Trauma). Jede „Sitzung“ dauert 20 Min. und kostet ca. 25 Euro.
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