27. Februar 2011
Die Heilkraft der Musik

Die Heilkraft der Musik

Manche Rhythmen gehen sofort in die Beine, andere wecken Erinnerungen oder setzen sich als Ohrwurm fest. Musik hat erstaunliche Effekte auf das Gehirn und den Körper. Immer mehr Studien belegen: Sie ist pure Medizin.

Die Heilkraft der Musik
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Die Heilkraft der Musik

Alfred Hitchcock wusste es. Schon vor 50 Jahren, lange bevor die zahllosen aktuellen Studien auch nur angedacht waren, setzte er auf Geigen. Nur wenige Töne. Ein quälend hohes Stakkato. Damit ließ er die Dusch-Szene in „Psycho“ unterlegen. Der wohl berühmteste Mord der Filmgeschichte verdankt seinen Gänsehaut-Appeal auch der Musik – und natürlich dem Komponisten Bernard Herrmann, dem Hitchcock dafür die doppelte Gage zahlte.

Musik macht uns Angst, sie lässt uns träumen, weinen, tanzen, alles vergessen und alles erinnern. Ihre Sprache wird überall auf der Welt verstanden. Und: Musik löst in unserem Gehirn ein Feuerwerk von Nervenimpulsen aus. Sie beruhigt den Herzschlag, erleichtert das Atmen, senkt Blutdruck und Pulsrate. Eine Melodie kann Patienten im Wachkoma erreichen und bei jemandem mit Alzheimer verlorene Erinnerungen freilegen. Kurz: Musik ist Medizin.

Professor Gottfried Schlaug, Direktor des Music and Neuroimaging Laboratory der Harvard Medical School in Boston, hat ihre verblüffende Wirkung schon oft erlebt. Zum Beispiel gelang es einem seiner Schlaganfallpatienten nie, den Text von „Happy Birthday“ aufzusagen. Aber: Singen konnte er ihn. Autistische Kinder, die an seinem Institut zusammen mit normal entwickelten Kindern sangen oder Instrumente spielten, lernten schneller sprechen und soziale Kontakte knüpfen. „Mit anderen Musik zu machen aktiviert im Gehirn die sogenannten Spiegelneuronen“, erklärt Schlaug. Ohne diese Nervenzellen könnten wir nicht von anderen lernen und uns nicht in andere einfühlen.

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Rhythmische auditive Stimulation

„Außerdem spricht Musik immer beide Gehirnhälften an“, so Schlaug. „Sie schafft neue Verbindungen.“ Und die können dann Aufgaben von Hirnarealen übernehmen, die z. B. durch einen Schlaganfall zerstört wurden. „Etwa 60 Prozent der Patienten haben nach einem Hirninfarkt auch Sehprobleme“, ergänzt Dr. David Soto vom Imperial College in London. „Da hilft Musik ebenfalls.“ In einer aktuellen Studie stellte er fest, dass Betroffene Lichtpunkte und farbige Formen in ihrem eingeschränkten Gesichtsfeld besser wahrnehmen, wenn sie dabei ihre Lieblingsmusik hören. Fällt Patienten nach einem Hirnschlag das Gehen schwer, hilft die sogenannte rhythmische auditive Stimulation, kurz RAS (Die RAS-Therapie gibt z. B. gelähmten Patienten einen Takt vor, der festlegt, wann und wie schnell sie gehen sollen. Das steigert den Behandlungserfolg.), belegt eine neue Analyse der renommierten Coch rane Collaboration. Die Musiktherapie verbessert gleich mehrere Gangparameter wie Geschwindigkeit, Schritttakt oder Schrittlänge. „Die Ergebnisse sind ermutigend“, sagt Autorin Dr. Joke Bradt von der Temple University in Philadelphia.

In Deutschland arbeitet u. a. der Musiktherapeut Jens-Peter Rose von der Universität Freiburg mit Musik. An der Klinik für Tumorbiologie bot er Krebspatienten in einer Pilotstudie Klangmeditation an. Neben einem Saiteninstrument (dem Monochord) setzte er Klangschalen, einen chinesischen Gong und seinen Gesang ein – mit Erfolg. „Die Patienten waren viel ausgeglichener, weniger nervös und weniger erschöpft“, sagt Rose. Seitdem gehört die Klangmeditation an der Universität Freiburg als fester Bestandteil zur Krebstherapie, denn die wirkt umso besser, je positiver und entspannter sich die Patienten innerlich fühlen.

Daran arbeitet auch Ron Knox von der Caledonian University in Glasgow. Per Computer möchte er für Tumorpatienten genau die Musik finden, die ihnen vor, bei und nach der Behandlung individuell am besten hilft, Schmerzen und Stress auszuhalten. „Der Einfluss von Musik auf eine Person geht weit über die These hinaus, dass ein schnelles Stück die Stimmung hebt und ein langsames sie senkt“, sagt Knox.

Mehr Leistung mit Popmusik


Fest steht: Da ein gesunder Ruhepuls bei etwa 60 bis 70 Schlägen pro Minute liegt, entspannt man sich bei so einem Rhythmus am besten. Popmusik dagegen mit ihren durchschnittlich 120 bis 140 Beats pro Minute (Beats pro Minute, kurz BPM, ist ein Maß für das Tempo eines Musikstücks. Meistens werden Viertelnoten gezählt. 1 BPM entspricht 1/60 Hertz.) macht eher munter. Wer diesen Sound beim Joggen im iPod hört, bringt bis zu 15 Prozent mehr Leistung und fühlt sich anschließend weniger müde als jemand, der in aller Stille seine Runden dreht, fand Dr. Costas Karageorghis heraus, Sportpsychologe an der Londoner Brunel-Universität.

Professor Hans-Joachim Trappe von der Ruhr-Universität Bochum sieht Musik vor allem als Herzenssache. Der Kardiologe und ausgebildete Organist empfiehlt seinen Patienten, regelmäßig klassische Musik zu hören. „Am besten Stücke von Johann Sebastian Bach. Das ist wissenschaftlich gesichert“, sagt Trappe. Herzpatienten, die nach einer Bypass- oder Ballonkatheter-OP täglich zweimal zwölf Minuten klassische Musik hören, haben einen niedrigeren Blutdruck, einen gesünderen Herzrhythmus, weniger Herzbeschwerden und erleiden viel seltener einen erneuten Infarkt. Das zeigt eine Studie an 740 Patienten der Universität Belgrad. Den Grund kennen die Forscher mittlerweile auch: Klassik senkt den Pegel des Stresshormons Kortisol, steigert im Gegenzug die Ausschüttung des Wohlfühlhormons Oxytocin und verbessert obendrein die Sauerstoffsättigung im Blut.

Diesen Effekt nutzen immer mehr Kliniken schon vor oder während eines Eingriffs. Ob im Katheter- Labor, bei der Darmspiegelung oder Operationen mit örtlicher Betäubung – Musik wirkt so effektiv, dass Patienten weniger, nicht selten sogar überhaupt keine Beruhigungs- und Schmerzmittel brauchen.


Töne lenken vom Schmerz ab


Meist stehen zwei bis drei Titel zur Auswahl. Die Töne werden im Innenohr des Patienten in elektrische Nervenimpulse umgewandelt und über die so genannten akustischen Bahnen (Akustische Bahnen: Damit ist der Hörnerv gemeint. Er bildet zusammen mit dem Gleichgewichtsnerv den achten von insgesamt zwölf Hirnnerven. Seinen Ursprung hat er im Innenohr, wo feinste Haarzellen Töne in Nervensignale „übersetzen“. Er endet im auditorischen Kortex.) zum Gehirn geleitet. Dabei verlaufen sie in unmittelbarer Nähe zu Nervenfasern, die Schmerzsignale leiten – und können die dadurch überdecken. Zusätzlich entspannt Musik die Muskulatur, was ebenfalls die Schmerzwahrnehmung reduziert. Der Effekt verstärkt sich erstaunlicherweise noch, wenn der Arzt die Musik aussucht! Aber Musik kann auch zum lästigen Dauergast werden. Dann geht einem eine Melodie oder ein Refrain stundenlang nicht aus dem Kopf. So ein „Ohrwurm“ ist harmlos und eher lustig. „Bislang beschäftigen sich mit diesem Phänomen nur wenige Studien“, sagt Dr. Philip Beaman von der University of Reading in England. „Es scheint aber so, als falle es Menschen, denen Musik viel bedeutet, schwerer, einen Ohrwurm zu kontrollieren, als Personen, denen Musik egal ist. Er verschwindet am schnellsten, wenn man ihn hinnimmt und nicht versucht, aktiv dagegen anzugehen.“

Diesen ärztlichen Rat hören auch immer noch viele Tinnituspatienten, die oft nur ein einziger Ton quält. „Die Betroffenen leiden unter Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen und Ängstlichkeit“, so Professor Heike Argstatter vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung, kurz DZM, in Heidelberg. Sie hat mit ihren Kollegen herausgefunden, dass es völlig falsch wäre, das Pfeifen, Rauschen oder Brummen einfach hinzunehmen. Und wieder mal führte die Musik zum Umdenken.

Sie bildet den Kern des „Heidelberger Modells“, eines neuen Therapiekonzepts gegen Tinnitus, entwickelt vom DZM. Es setzt sich aus insgesamt fünf Bausteinen zusammen, die Patienten dazu bringen sollen, sich aktiv mit ihrem Tinnitus auseinanderzusetzen. So lernen sie z. B., „ihren“ Ton an einem Gong nachzuspielen und ihn nachzusingen. Dazu kommt ein Hörtraining sowie musiktherapeutisches Entspannen. Mehr als 400 Betroffene haben das „Heidelberger Modell“ bereits durchlaufen – mit beeindruckendem Erfolg: Bei 80 bis 90 Prozent der Teilnehmer besserte sich der Tinnitus deutlich oder verschwand völlig. „Wir gehen davon aus, dass ein Tinnitus durch eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn entsteht“, erläutert Professor Argstatter. „Unser Training führt zu einer Hörverbesserung und einer neuronalen Reogarnisation im auditorischen Kortex.“ (Der auditorische Kortex sitzt im Schläfenlappen unseres Gehirns. Dort endet die Hörbahn. Tiefe Töne werden im vorderen, hohe im hinteren Bereich erkannt.)


Der Mozart Effekt

Sogar noch kaum ausgeformte Gehirne von Frühchen reagieren schon auf Musik. „Vor allem Stücke von Mozart, in denen ähnliche Melodien immer wieder auftauchen, scheinen das Großhirn zu beruhigen“, sagt Dr. Dror Mandel vom Tel Aviv Medical Center in Israel. Mit seinem Kollegen Dr. Ronit Lubetzky hat er diesen „Mozart Effekt“ (Mozart-Effekt? Angeblich verbessert seine Sonate KV 448 das räumliche Denken. Stimmt nicht, fand man an der Universität Wien heraus.) erforscht. Und tatsächlich nahmen Frühchen, die täglich 30 Minuten Mozart hörten, schneller zu und waren besser vor Infektionen und Entwicklungsstörungen geschützt. „Als Nächstes wollen wir prüfen, ob Bach, Beethoven, Rap- und Popmusik einen ähnlichen Effekt haben“, sagt Dr. Mandel. Ältere Studien sprechen eindeutig dafür. So konnten Frühchen in einem US-Experiment früher gestillt werden, wenn sie regelmäßig Schlaflieder hörten. Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2001 ergab, dass sich Puls und Blutsauerstoffgehalt bei den kleinen Babys stabilisieren, wenn sie bei schmerzhaften Behandlungen beruhigende Wiegen- und Kinderlieder hören.

Insgesamt bestätigt die medizinische Forschung eine Alltagserfahrung, die jeder von uns schon oft gemacht hat: Musik tut gut. Sie bewegt etwas in uns. Nicht nur, wenn wir krank sind. Die „Hits der 80er und 90er“ im Radio, zu denen man als Teenie tanzte, lassen einen morgens besser in den Tag starten. Stress und Ärger im Büro verfliegen abends schneller bei einem Klavierstück von Frédéric Chopin. Mit „Y. M. C. A.“ von den Village People im Rücken bringt jeder Fitness-Kurs gleich noch mehr Spaß. Und was wären Kate Winslet und Leonardo DiCaprio am Bug der „Titanic“ ohne den Song von Celine Dion? Höchstens halb so schön. Für Musiktherapeut Jens-Peter Rose von der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg steht fest, dass längst nicht alle medizinischen Einsatzmöglichkeiten der Tonkunst erforscht sind. „Da Musik immer unsere Emotionen beeinflusst, sehe ich gerade in der psychosomatischen Medizin, wo es um das enge Zusammenspiel von Körper und Seele geht, viele Chancen.“ Musik, so scheint es, ist auf dem besten Weg, ein nebenwirkungsarmes Medikament der Meisterklasse zu werden.

Musik für jeden (All)Tag

Musik für jeden (All)Tag

Kopfschmerzen Gegen das Gewitter zwischen den Ohren stellte die Musiktherapeutin Antje Nell-Schliermann die CD „Im Takt: Kopfschmerzbehandlung nach Noten“ zusammen. „Ich habe Stücke ausgesucht, die entspannen, und Werke, die überraschen, zum aktiven Zuhören anregen und so vom Kopfschmerz ablenken“, erklärt die Expertin. „Schon wenn Sie merken, dass sich im Kopf etwas zusammenbraut, sollten Sie zum Vorbeugen die CD anhören.“ Kostenlos zu bestellen über ratiopharm GmbH, Marketing OTC, Graf-Arco-Str. 3, 89079 Ulm, oder http://schmerz.ratiopharm.de.

Schlafstörungen Wer regelmäßig erfolglos Schäfchen zählt, könnte von der CD-Sammlung „Somnia“ profitieren. Die Idee dahinter: In der wichtigen Tiefschlafphase produziert unser Gehirn sogenannte Delta- Wellen. Die Musik auf den CDs erzeugt diese Wellen und hilft dem Gehirn, länger anhaltende und intensivere Tiefschlafphasen zu erreichen. Professor Egon Stephan von der Uni Köln hat „Somnia“ geprüft. Sein Fazit: „Diese Musik kann bei konsequenter Anwendung vielen Menschen helfen, ihre Schlafprobleme zu mindern.“ Bestellungen über den Buchhandel, ab 27,99 Euro.

Miese Laune Gerade jetzt, wenn es draußen nur noch dun kel und kalt ist, fühlen sich viele lustlos, demotiviert und schlapp. Dann empfiehlt Professor Hans-Joachim Trappe von der Ruhr-Universität Bochum die Kantate „Schmücke dich, o liebe Seele“ von Johann Sebastian Bach oder die Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Fans moderner Musik sollten temporeiche Stücke mit einer klaren Sopranstimme wählen, z. B. „Heart & Shoulder“ von Heather Nova.

Abwehrschwäche Stress und winterliche Temperaturen – diese Kombination fordert unser Immunsystem heraus. Die passende Musik hilft ihm im Kampf gegen Viren und Bakterien und stärkt die Nerven. Dafür eignen sich, so Professor Trappe, „Largo“ von Georg Friedrich Händel aus der Oper „Xerxes“ und „Siciliano“ von Johann Sebastian Bach aus der Sonate Es-Dur, BWV 1031. Diese und weitere Werke finden Sie auf der CD „Herztöne – Musik für die Gesundheit“. Für 15 Euro zu bestellen über Deutsche Herzstiftung e. V., Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt am Main, Tel. 0 69/ 9 55 12 80, www.herzstiftung.de.

Erste Hilfe Im Notfall kann eine Herzmassage Leben retten. Nur welcher Takt ist der richtige? Tipp der American Heart Association: Der 70er- Jahre-Disco-Hit „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees hat den optimalen Rhythmus, um Menschen mit Herzstillstand wiederzubeleben. Seine 103 Beats pro Minute entsprechen nahezu perfekt den Vorgaben von Gesundheitsorganisationen.

Singen ist gesund!

SCHLAU & GESUND DURCH SINGEN
Das schönste Instrument tragen wir im eigenen Körper: unsere Stimme. Ob ausgebildet oder nicht, Singen ist immer gesund! Das entdeckten Wissenschaftler der Universität in Frankfurt am Main in einer Studie mit dem Deutschen Sängerbund. Demnach stärkt Singen das Immunsystem, das Stresshormon Kortisol wird abgebaut, und gleichzeitig bildet der Körper vermehrt Antikörper (Immunglobulin A). Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie empfiehlt nicht ohne Grund regelmäßigen Gesang: Eine Untersuchung des Royal Brompton Hospital in London zeigt, dass Gesangsunterricht bei lungenkranken Patienten Ängste abbaut, die Lebensqualität verbessert und das Luftholen erleichtert.

Kann denn jeder singen lernen? Ja! Musikalität und Rhythmusgefühl sind höchstwahrscheinlich sogar angeboren. Professor Marcel Zentner von der Universität York fand kürzlich heraus, dass sich Kinder schon im Alter von fünf Monaten spontan im Takt von Musik bewegen.

Was passiert beim Singen im Körper? Neben der verbesserten Immunabwehr werden die Lunge, das Zwerchfell, das Herz und viele Muskeln aktiviert. Singen wirkt sich außerdem positiv auf das Gefühlszentrum im Gehirn aus.

Macht Singen glücklich(er)? Eindeutig ja! In einer Studie des Musiksoziologen Karl Adamek von der Deutschen Stiftung Singen in Neuss erwiesen sich Menschen, die singen, als ausgeglichener, sozial verantwortlicher und psychisch belastbarer.

Warum sollten Kinder singen? Weil Singen die Konzentration fördert. Der ADHS-Experte Professor Gerald Hüther aus Göttingen sagt: „Aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass unbekümmertes, absichtsloses Singen den größten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kindergehirnen hat.“

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