14. Oktober 2010
Die Chrono-Ökotrophologin

Die Chrono-Ökotrophologin

Folge 1: VITAL besucht Frauen, die bewusst, fernab der Schulmedizin, kaum bekannte Verfahren gewählt haben, um zu helfen. Hier erklären sie, wie es dazu kam – und wie sie behandeln. Diesmal: Susann Sontag

Bittet man Susann Sontag, ihr Behandlungskonzept zu erklären, erhält man eine irritierende Antwort: „Gucken Sie mal aus dem Fenster.“ Es ist Sommer im Wendland. Hier in Clenze, 120 Kilometer südöstlich von Hamburg, arbeitet und lebt die gebürtige Berlinerin seit 2006. Die 56-Jährige liebt diese Jahreszeit, wenn die Natur alles im Überfluss bietet und der Alltag draußen stattfindet. „Nächstes Jahr wird das alles wieder so sein“, sagt sie, fasziniert von diesem Rhythmus, den niemand beschleunigen, bremsen oder verändern kann. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Alles hat seinen Takt. Darum geht es Susann Sontag.

Jeder Patient komme in einer bestimmten Jahreszeit zu ihr. „Damit meine ich nicht nur, dass draußen beispielsweise Winter ist, wenn er meine Praxis betritt“, erklärt die Heilpraktikerin für Psychotherapie, die auch Diplom-Ernährungsberaterin ist. „Die Jahreszeiten stehen für mich auch für ein bestimmtes Alter und für bestimmte Themen im Leben.“

Bauernhaus Susann Sontag
© jalag-syndication.de
Ursprünglich nutzte die Familie die alte Scheune nur als Ferienhaus

Dem Frühling ordnet Susann Sontag die Kindheit zu. Pubertät, Berufsstart, eine Familie gründen – das ist der Sommer. Im Herbst lässt die Kraft langsam nach, der Körper verändert sich. Im Winter endet das Leben. „Wie die Natur folgt jeder Mensch einem Lebensrhythmus“, fasst sie zusammen, „der wird aber individuell gestaltet, und das ist angeboren. Meine Tochter Katrin schlief als Baby wie ein Murmeltier. Inken machte nachts durch. Holger schlief mondphasig. Das hat ihnen ja keiner beigebracht.“

Bei ihren ausschließlich erwachsenen Patienten stellt sie meist fest, dass die ihren Rhythmus verloren haben. Äußere oder innere Ansprüche nötigen sie seit Jahren, schneller zu leben als ihr innerer Taktgeber. Oder sie konnten eine Jahreszeit ihres Lebens nie wirklich abschließen, suchen z.B. immer noch nach dem „richtigen“ Selbst und schlucken die wütende Unzufriedenheit darüber buchstäblich hinunter. „Lebens- und Ernährungsthemen sind sehr eng miteinander verzahnt“, erklärt Susann Sontag. Ihre Patienten essen zu hastig, zu viel, zu wenig, zu einseitig. Sie leiden unter chronischen Magen- und Darm - beschwerden oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Küche aufräumen – ein guter Anfang

Holzfiguren
© jalag-syndication.de
Wenn die Worte fehlen: Holzfiguren für die Spieltherapien

Kommen sie in die Praxis von Susann Sontag, gibt sie ihnen zunächst einen Fragebogen mit. 14 Tage sollen sie ihre Lebens- und Essgewohnheiten beobachten. „Das bringt oft schon viel in Bewegung“, sagt die Chrono-Ökotrophologin. „Ich biete den Klienten außerdem an, mit ihnen ihre Küche aufzuräumen. Auch das schärft den Blick für eigene Bedürfnisse.“

Die in Worte zu fassen fällt vielen Rat - suchenden sehr schwer. Darum lässt Susann Sontag sie spielen. Holzfiguren, Bauklötze oder Glaskugeln – „Die haben mir meine Kinder geschenkt“ – drücken aus, was im Unbewussten schwelt. So kommen offene Lebensthemen und unerfüllte Träume ans Licht. Sie klar zu benennen und zu überlegen, was die Lage ändert – dafür nutzt Susann Sontag ihre psychologischen Kenntnisse. Als Ernährungsberaterin stellt sie dann für den Klienten individuell Mahlzeiten zusammen, in denen die benötigte Energie steckt.

„Geht es etwa ums Gefühl, seit Langem im Leben stillzustehen – ein Frühlingsthema –, empfehle ich einfache Grundrezepte mit Sprossen und Getreide oder Pfannkuchenvariationen“, sagt die Tochter einer Restaurantbesitzerin. „Leidet jemand unter Dauerstress, ein Winterthema, helfen wärmende Kraftbrühen oder Eintöpfe.“ Wer so esse, der spüre seinen Lebensrhythmus bald wieder.

Hat sie ihren eigenen auch mal verloren? „Oh ja“, der Ton ihrer Stimme ändert sich. „Ich dachte lange, ich lebe bewusst. Aber das Gegenteil war der Fall.“ 1994 stellte man bei Susann Sontag Brustkrebs fest, sie wurde sofort operiert. Zeit, sich mit der Diagnose auseinanderzusetzen, blieb ihr nicht. „Mein Vater wurde sehr krank. Ich habe ihn drei Monate gepflegt, bis er starb“, erinnert sie sich. Doch auch trauern konnte sie kaum: Wenig später siedelte die Familie nach Indien um. Ihr Mann Joachim, heute 58, bekam die Chance, dort eine neue Firma aufzubauen.

Sie achtet auf jede Note der Lebensmelodie

Susann Sontag
© jalag-syndication.de
Susann Sontag

Schließlich zog ihr Körper die Notbremse. „Innerhalb weniger Wochen nahm ich zwölf Kilo ab. Ich war am Ende.“ Starke Medikamente halfen. „Aber die Ärzte in Indien konnten mir keinen Weg aus der Krankheit zeigen.“ Schlimmer noch: Susann Sontag wusste nicht, welcher Weg sie in die Krankheit hineingeführt hatte. Ihr Beruf als Dozentin, drei Kinder: „Mein Alltag war seit Jahren übervoll, doch ich fand das normal.“

Sie achtet auf jede Note der Lebensmelodie

Je stärker sie sich an ihr altes Leben klammerte, desto elender war ihr zumute. „Ich musste akzeptieren, dass es so nicht weiterging.“ Das tat weh. Sie stellte sich all ihren Ängsten, Zweifeln und den schmerzhaften Antworten auf die Frage: Bin ich wirklich so, wie ich sein will? Dann kam dieser Morgen. „Ich wachte auf und genoss es plötzlich, im Bett zu liegen. Meine Freude darüber kann ich heute noch fühlen. Das war der Beginn meiner Heilung.“ Susann Sontag konnte ihn wieder spüren – ihren Lebensrhythmus. Sie begann, dreimal täglich warm zu essen. „Kalte Nahrung raubt mir die Energie.“ Und sie wurde zu dem Menschen, der sie heute ist.

Das sollen auch ihre Klienten schaffen. Mehrere Stunden kann eine Beratungssitzung dauern. Einen Folgetermin vereinbart Susann Sontag nie. Wann es Zeit ist, bestimmen die Klienten. „Aber immer, wenn einer zu mir kommt, versuche ich, auf jede sechzehntel Note in seiner Lebensmelodie zu achten.“ Das tut sie auch bei sich. Jeden Tag. Ein Blick aus dem Fenster erinnert sie daran.

INFO:

  • Was steckt dahinter? Susann Sontag ist Diplom- Ernährungsberaterin und Psychotherapeutin. In ihrer Beratung kombiniert sie Theorien und Konzepte aus beiden Bereichen. (Zu den Berufsbildern siehe z.B. www.vdoe.de und www.heilpraktiker-psychotherapie-pruefung.de) Buchtipp: „Wenn das Leben auf den Magen schlägt“ von Susann Sontag, Knaur Verlag, 191 Seiten, 8,95 Euro
  • Und die Forschung? Dass Stoffwechsel und Psyche festen Rhythmen folgen, gilt als gesichert. Chrono-Biologen gehen davon aus, dass wir mindestens eine „innere Uhr“ besitzen. Die beeinflusst z.B., wann Medikamente am besten wirken, ob wir Frühaufsteher sind und wann wir Hunger haben.
  • Wem hilft die Methode? Susann Sontag berät vor allem Menschen mit chronischen Magen-Darm- Krankheiten, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Lebensmittelallergien.
  • Wo kann ich mich weiter informieren? Auf der Internetseite von Susann Sontag: www.lebensschritte.com. Telefonisch ist sie unter 0 58 44/ 97 69 07 erreichbar. Eine Beratungssitzung kostet ca. 44 bis 89 Euro.
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