15. März 2010
Chinesische Medizin

Chinesische Medizin

Mit der Akupunktur fing es an. Doch die fernöstliche Heilkunst hat viel mehr zu bieten. Ihr mehr als 2000 Jahre altes Wissen wird heute intensiv erforscht – mit erstaunlichen Ergebnissen.   

Brust abtasten
© doram - iStockphoto
Brust abtasten

Für den Besuch beim Hausarzt braucht man in China vor allem zwei Dinge: gute Nerven und viel Zeit. Die Warteräume sind überfüllt, der Lärmpegel erinnert an eine Markthalle. Stammpatienten lässt das kalt. Viele von ihnen kommen täglich zur Akupunktur. Neuzugänge werden dagegen vom Arzt erst mal beschnuppert. Denn Atem- und Körpergeruch spielen bei der Diagnose eine wichtige Rolle. Steht sie fest, erhält der Patient ein Rezept. Doch dafür bekommt er in der Apotheke nicht etwa eine Pillenpackung, sondern eine Mischung aus Pflanzenteilen, einen sogenannten Dekokt. Nicht nur der Geschmack dieser „Suppe“, das gesamte System dahinter ist für Europäer gewöhnungsbedürftig. Für Chinesen gehört es nämlich zum Alltag, dass es immer zwei Behandlungsmöglichkeiten gibt: die Schulmedizin und „ihre“ traditionelle chinesische Medizin (TCM).

Die Idee dahinter

Auch wer sich noch nie mit TCM beschäftigt hat, wird ein Schlagwort garantiert parat haben: Akupunktur. Nicht wenige glauben sogar, TCM sei nur ein anderes Wort für Akupunktur. „Das ist ein weitverbreitetes Vorurteil“, sagt Dr. Christian Schmincke, ärztlicher Leiter der Klinik am Steigerwald in Gerolzhofen. Doch es hat einen wahren Kern: In der Shang-Dynastie, zwischen dem 16. und 11. Jahrhundert vor Christus, war man davon überzeugt, dass Kranke von bösen Geistern beherrscht oder verflucht wurden. So entstand die Idee, diese Dämonen durch Nadelstechen zu vertreiben – der Vorläufer der heutigen Akupunktur. Einflussreiche Philosophen wie Konfutse oder Laotse sorgten dann jedoch mit ihren Schriften dafür, dass der Dämonenglaube am Ende Platz machen musste für die beiden wichtigsten Konzepte in der chinesischen Medizin: die Lebensenergie Qi („tschi“) und das Yin-und-Yang-Prinzip.

Sie beschreiben den Kern der TCM: Harmonie und Wandel. Alle ihre Behandlungsmethoden und Lehren beziehen sich darauf. Mit Harmonie ist gemeint, dass alle Dinge immer zwei Seiten bzw. Qualitäten haben, die möglichst im Gleichgewicht sein sollen. Die erste Qualität ist Yin: schwarz, dunkel, kalt und weich. Die zweite Qualität ist Yang: weiß, hell, heiß und hart. Ein und dieselbe Sache kann sowohl Yin als auch Yang sein. Eine warmer Pudding ist z.B. im Vergleich zu einer heißen Suppe Yin, im Vergleich zu drei Kugeln Erdbeereis aber Yang. Für unseren Körper bedeutet das: Er ist gesund, wenn alle seine Bestandteile – Organe, Zellen, Moleküle – ein harmonisches Miteinander aus Yin und Yang bilden. Er wird krank, wenn das Zusammenspiel gestört ist. Alle Stoffwechselprozesse versteht die TCM als Wandel von Yin und Yang.

Aber Wandel und Leben brauchen Energie. Die liefert Qi. Die chinesische Philosophie versteht darunter die Bewegung aller Dinge. Jeder TCM-Arzt lernt: „Was Qi hat, lebt. Was kein Qi hat, stirbt. Leben entsteht mittels Qi.“ Es fließt auf zwölf Haupt- und zwei Nebenleitbahnen, den sogenannten Meridianen, durch unseren Körper. Ist alles im Fluss, geht es uns gut. Wird das Qi blockiert, werden wir krank. Eine TCM-Behandlung hat deshalb immer mehrere Ziele: Erhaltung oder Wiederherstellung des Yin- Yang-Gleichgewichts, Qi-Blockaden lösen und das Qi kräftigen. Sie findet aber natürlich nicht im luftleeren Raum statt. Der Patient wird permanent von seiner Umwelt beeinflusst. Außerdem sieht ein TCM-Arzt nie den Körper allein, sondern bezieht immer Seele und Geist mit ein, weil die drei für ihn untrennbar sind.

Um Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt sowie zwischen Körper, Geist und Seele zu beschreiben, gibt es in der TCM die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Jeder Phase werden Jahres- und Tageszeiten, Wetterlagen, Lebensabschnitte, Gefühle, Himmels- und Geschmacksrichtungen, Gewebearten und die Organe zugeordnet. Sowohl die Grundkonstitution als auch die aktuelle Situation des Patienten haben Einfluss darauf, in welche Wandlungsphase der Arzt ihn und seine Beschwerden einordnet. Auch seine Diagnose(n) und Behandlungsempfehlungen hängen davon ab.

Chinesische Medizin
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Gesundheit heißt: Es ist Harmonie zwischen Yin und Yang  

So ergibt sich eine sehr individuelle Therapie. „Das ist die große Stärke der TCM“, erläutert Dr. Fritz Friedl, Chefarzt der Silima-Klinik im bayerischen Riedering. „Sie schaut das Individuum an. Jede Behandlung muss sich am Einzelfall bewähren. Es gibt keine von Statistiken abgeleiteten Therapien wie in der Schulmedizin.“ Vielmehr kombiniert die TCM vier Behandlungselemente immer wieder neu: 1. Tägliche Bewegungsübungen wie Qigong und Tai-Chi, die das Qi im Körper fließen lassen. 2. Eine ausgewogene Ernährung, die dem Patienten hilft, gesund zu werden und zu bleiben. 3. Abkochungen, Dekokten, die aus 10 bis 20 verschiedenen pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Zutaten bestehen und die der Patient regelmäßig zu sich nehmen soll. 4. Methoden wie Akupunktur, Guasha, Akupressur oder Tuina-Massagen, die Qi-Blockaden lösen. Die TCM hat also viel zu bieten. Aber: Was bleibt davon übrig, wenn man heutige wissenschaftliche Maßstäbe anlegt?

Das sagt die Forschung

Zugegeben: Wieso Krankenkassen bestimmte Behandlungen zahlen und andere nicht, ist nicht immer nachvollziehbar. Trotzdem ist die Tatsache, dass eine Therapie eine sogenannte Regelleistung der Krankenkassen wird, ein guter Gradmesser, denn: Bevor das passiert, muss die Methode ihre Wirksamkeit in großen klinischen Studien beweisen. Das hat die Akupunktur 2006 geschafft. In der GERAC-Studie wurde an fast 3000 Patienten bundesweit untersucht, ob das Nadelstechen bei Spannungskopfschmerz, Migräne, chronischen Knie- und Rückenleiden hilft. Die Ergebnisse nach sechs Monaten waren eindeutig: 10 bis 15 Akupunktur- Sitzungen hatten bei all diesen Krankheitsbildern einen ähnlich Effekt wie die sonst übliche Therapie mit Medikamenten – ohne Nebenwirkungen (siehe Allergie-Therapien, Seite 56)! Seitdem wird Akupunktur zumindest bei Rücken- oder Kniegelenkschmerzen erstattet. Das gilt mittlerweile auch für Tai-Chi-Kurse, wo gesetzlich Versicherte ebenfalls einen Teil der Gebühren zurückbekommen. Denn immer mehr Studien belegen, dass die langsamen Fließbewegungen guttun. So veröffentlichten Forscher der Tufts University in Boston im November eine Studie, die zeigt, dass Patienten mit Osteoarthritis, die drei Monate lang einmal pro Woche 60 Minuten Tai-Chi machten, danach deutlich weniger Schmerzen hatten. Fast zeitgleich erschien eine Untersuchung, die beweist, dass Tai-Chi sogar bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hilft, die bislang kaum therapierbar waren.

ADRESSEN & TIPPS

Mehr Infos: Arbeitsgemeinschaft für klassische Akupunktur und traditionelle chinesische Medizin (AGTCM), Wisbacher Str. 1, 83435 Bad Reichenhall, Tel. 0 86 51/69 09 19, www.agtcm.de

Buchtipp: „Das Gesetz der Balance“ von Dr. Fritz Friedl, Gräfe und Unzer, 192 Seiten, 19,90 Euro

Auch die Behandlung von noch weitaus ernsteren Erkrankungen könnte dank TCM in naher Zukunft möglich werden. So fand das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg in 18 von 76 TCM-Kräutern Stoffe, die das Tumorwachstum hemmen. Dazu gehören z.B. die Wirkstoffe Artesiminin aus dem Einjährigen Beifuß oder Emodin aus dem Medizinalrhabarber. Warum Ginseng in der TCM zu Recht als „Herrscher-Kraut“ gilt, ist ebenfalls geklärt: Seine Saponine, belegen zahlreiche Studien, helfen bei Allergien, verbessern die Hirnleistung bei Alzheimer, beugen Diabetes vor und lassen Krebszellen absterben. Ebenso wirksam ist das Speichelkraut bei Entzündungen, die Süßholzwurzel gegen gefährliche Magenkeime und die Tragantwurzel, die unser Immunsystem stärkt. Experten überrascht das wenig. Für sie ist die TCM immer noch für eine Überraschung gut. Da seien noch viele neue Ergebnisse zu erwarten.

Experten-Interview

„Unterstützen kann sie immer“

Dr. Fritz Friedl, 57, ist Autor und Chefarzt der TCM-Silima- Klinik in Riedering in Bayern

Wie kamen Sie persönlich zur TCM? Schon während meines Studiums habe ich mich mit der TCM beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte der Medizin kam an der Uni viel zu kurz. Dann wurde ich schwer lungenkrank. Kein Arzt konnte mir helfen. Der einzige Ausweg war eine OP. Da besorgte ich mir über einen Freund chinesische Kräuter und habe mich damit selbst behandelt. Das Erstaunliche: Mit meiner Gesundheit ging es sofort rasant bergauf. So fing es an.

Was ist das Besondere an der TCM? Sie ist ganzheitlich und hilft dem Körper, sich selbst zu heilen. In der Schulmedizin werden dagegen meist Symptome unterdrückt. Sie ist eine Reparaturmedizin. Die TCM könnte dieses Defizit ausgleichen. Die Schulmedizin gibt aber leider nicht zu, dass sie es hat. Das ist in China bis heute ganz anders.

Bei welchen Krankheiten hilft die TCM? Unterstützen kann sie fast immer, vor allem chronisch Kranke. Viel wichtiger ist ihr aber das Gesundbleiben. Sie veranschaulicht dem Gesunden wichtige Zusammenhänge und hilft ihm, rechtzeitig zu erkennen, wenn gesundheitliche Probleme entstehen. Sie bietet ihm Techniken an, um gesund zu bleiben. Man sollte aber nicht auf eigene Faust – oft belastete – Kräuter im Internet bestellen, sondern immer zuerst zu einem TCM-Arzt gehen.

Eine Patientin erzählt

„Endlich nahm man mich ernst“

Cecile Schuck, 52, Bildhauerin aus München

„Ich leide schon sehr, sehr lange an Fibromyalgie, einer rheumatischen Erkrankung. Das weiß ich aber erst, seit ich 2005 in einer TCM-Klinik war. All die Jahre davor hatte ich Schmerzen. Doch die Schulmediziner, bei denen ich war, gaben mir zu verstehen: Das ist was Psychisches. Ich wäre in der Psychiatrie gelandet, wenn mir eine Ärztin nicht die TCM-Klinik empfohlen hätte. Erst dort nahm man mich ernst. Endlich bekam ich die richtige Diagnose. Ich machte Qigong, Tuina-Massagen, lernte die Fünf-Elemente- Küche kennen und bekam zwei Dekokte verordnet, die ich bis heute täglich einnehme. Nach nur vier Monaten konnte ich wieder ein Atelier mieten. Es wurde und wird Tag für Tag besser.“

Rezept gegen Heisshunger:

Ingwerhirse mit Äpfeln und Rosinen

Das Rezept schmeckt pikant, gehört aber in der TCM zu den süßen Gerichten, die den Körper entspannen und mit viel Energie versorgen. Ideal bei Schoko-Heißhunger.

Zutaten: 1/4 Tasse Hirse (schnellkochend), Butter, Rosinen, Nüsse, 1 Apfel, Ingwer (ca. 2 Scheiben), 1 Prise Salz und Zimt

Zubereitung: Hirse und Rosinen in zerlassener Butter kurz schwenken, mit heißem Wasser übergießen, etwas Salz, Nüsse, Apfel- und Ingwerstücke dazugeben, 15 Minuten quellen lassen. Mit etwas Zimt auf einen Teller geben.

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