24. Februar 2010
Ayurveda - Quelle der Medizin

Ayurveda - Quelle der Medizin

Im zweiten Teil unserer Serie stellen wir Ihnen das vielleicht älteste Heilsystem der Welt vor, das viele spätere Heiler und Mediziner prägte. Zu Recht, wie immer mehr neue Wirksamkeitsstudien jetzt belegen

Ayurveda - Quelle der Medizin
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Ayurveda - Quelle der Medizin

Fast eine halbe Stunde lang massiert ein warmer Strahl aus Sesam- und Kräuteröl die Stirn. Wie ein Wasserfall aus purem Gold. Tiefe Entspannung stellt sich ein, Alltagssorgen verblassen… Das ist Shirodhara, der Stirnguss, jene Behandlung, an die wohl viele zuerst denken, wenn sie das Wort Ayurveda lesen. Zum Beispiel in immer mehr Hotel-Prospekten. Ayurveda boomt, Ayurveda ist chic – und verkommt so zum hippen Wohlfühl-Trend. Doch genau das ist er nicht. Nie gewesen. Dieses Missverständnis fängt schon damit an, dass viele gar nicht wissen, dass es der Ayurveda heißt und nicht das Ayurveda.

Ayurveda macht schlank
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Die Idee dahinter

Die Wurzeln des Ayurveda (übersetzt: „Das vollständige Wissen über das Leben“) sind uralt. Wie alt genau, ist unklar. Meditierende Seher, so die indische Überlieferung, bekamen ihn von Göttern in Versform übermittelt. „Zu einer Zeit“, lautet eine der Strophen, „als Krankheiten aufzutreten begannen.“ Existiert Ayurveda also möglicherweise schon so lang, wie es Menschen gibt, die nach Erklärungen für Krankheit und Naturphänomene suchen? Ist er die „Mutter der Medizin“? Dr. Eckhard Moog, 77, seit fast 25 Jahren Ayurveda-Arzt in Deutschland, vom Parkschlösschen in Traben-Trabach hält das durchaus für möglich. „Ayurveda könnte tatsächlich der Ursprung der Medizin sein“, glaubt der Fachmann. „Was er Marmas nennt, sind z.B. die Großväter der Akupunktur-Punkte in der traditionellen chinesischen Medizin. Und der griechische Arzt Hippokrates war ebenfalls stark vom ayurvedischen Heilungskonzept beeinflusst, als er schrieb, dass uns Krankheiten nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel überfallen, sondern Folge fortgesetzter Fehler wider die Natur sind.“

Die Fünf Elemente

Fünf Elemente oder Prinzipien bilden diese Natur im Ayurveda: Raum, Luft, Feuer, Erde und Wasser. Sie sind auch in jeder Zelle unseres Körpers vertreten und bilden dort Energie-Muster, die drei Doshas: Vata Raum und Luft), Pitta (Feuer und Wasser) und Kapha Erde und Wasser). Jeder Mensch hat immer alle drei Doshas in sich. Ein oder zwei überwiegen jedoch, prägen Körper und Charakter. So sind Vata-Menschen hochgewachsen und kommunikativ, Pitta-Menschen kräftig, zielstrebig, und Kapha-Menschen methodisch und ausdauernd. Und das ist gut so, denn: Gesund im Sinne des Ayurveda ist es, wenn die drei Doshas in uns ein individuelles Gleichgewicht bilden. Sein oberstes Ziel ist es, dieses Gleichgewicht lebenslang zu fördern und zu erhalten. Im Vordergrund steht das Gesundbleiben, nicht das Gesundwerden.

Zwei Ursachen für Krankheit unterscheidet der Ayurveda: Zum einen können die Doshas durch falsche Ernährung, nachlässige Körperpflege, fehlende Entspannung und eine schlechte Anpassung an Tages- und Jahreszeiten – die „Fehler wider die Natur“ bei Hippokrates – aus dem Gleichgewicht geraten. Zum anderen führt ein schwaches Verdauungsfeuer (Agni) dazu, dass sich im Körper krankmachende Stoffe (Ama) ansammeln. Ob das eine und/oder das andere der Fall ist, klärt der Ayurveda- Arzt in einem ausführlichen Anamnesegespräch und bei einer mehrstufigen Untersuchung. „Er beurteilt dabei immer das ganze System, das Körper, Seele und Lebensumfeld des Patienten bilden“, sagt Dr. Moog. Entsprechend groß ist die Zahl der ayurvedischen Behandlungsmethoden (Rasayana): ausgewogene Ernährung, gesündere Tagesroutinen (Ritucarya), Heilpflanzen und -kräuter (Dravyaguna), Güsse, Massagen, Entspannungsübungen und Schwitz-Kuren werden für jeden Kranken individuell kombiniert. Hilft das nicht, wird der Körper bei einer Panchakarma-Kur quasi „generalüberholt“. Fünf ausleitende Behandlungen befreien ihn zunächst von allen Giftstoffen, bevor sein Dosha-Gleichgewicht danach wieder aufgebaut wird. Für viele Patienten eine Grenzerfahrung. Aber eine, die wirkt.

Das sagt die Forschung

Das sagt die Forschung

Kann ein Heilsystem, das so alt ist, gegen moderne wissenschaftliche Forschungsmethoden überhaupt bestehen? Ja, der Ayurveda kann es! Absolut gleichberechtigt steht er zum Beispiel in Indien neben der Schulmedizin. Beide werden an den dortigen Univer- sitäten gelehrt und erforscht. So weit ist es in Deutschland zwar noch nicht. „Hier kommt aus der Schulmedizin eher Ablehnung“, sagt Dr. Moog. Seitdem sich aber immer mehr Menschen für Ayurveda interessieren und entsprechend behandeln lassen, steigt auch in der westlichen Welt das Forschungsinteresse – mit erstaunlichen Ergebnissen. So ergab eine Studie der Poliklinik Bonn, das Arthritis- Patienten während einer Panchakarma-Kur weniger Medikamente einnehmen mussten und die Gelenkentzündung nach der Kur deutlich abgeklungen war. Ähnliches erlebt Dr. Moog auch bei Typ-2-Diabetikern. „Nach so einer Reinigungskur brauchen sie weniger Insulin“, berichtet er. Und Lisa Ann Conboy von der Harvard Medical School in Boston legte im Juni eine Studie vor, die belegt, dass eine Panchakarma-Kur die Patienten anhaltend motiviert, sich weiter gesundheitsbewusst zu verhalten. Auch die während so einer Kur vermittelten Ernährungsempfehlungen und Tipps für eine weniger belastende Tagesroutine werden inzwischen von Schulmedizinern und Chronobiologen, die sich mit der „inneren Uhr“ befassen, nicht mehr angezweifelt. Im Gegenteil.

Kliniken: Habichtswald-Klinik Kassel, Tel. 05 61/31 08 99, www.ayurveda-klinik.de; Parkschlösschen Bad Wildstein, Tel. 0 65 41/70 50, www.parkschloesschen.de

Verband: VEAT – Verband Europäischer Ayurveda-Mediziner und -Therapeuten, Tel. 0 84 24/88 57 58, www.ayurveda-verband.eu

Noch beeindruckender ist die Heilkraft, die offenbar in den über 4000 Pflanzen und Kräutern steckt, die der Ayurveda für Tees oder Aufgüsse verwendet. Erst ein Bruchteil davon ist erforscht. Vor allem eine unscheinbare Rankpflanze mit herzförmigen Blättern (Guduchi) hat es in sich. Mehr als 100 Studien belegen inzwischen ihre Wirksamkeit unter anderem gegen Diabetes, Leberschäden, Heuschnupfen und sogar gegen Krebs. Ähnliches gilt für die Bittermelone (Karela). Ihre Pflanzenstoffe helfen ebenfalls bei Diabetes und schützen vor Zellschäden. Erst im Juli legten Forscher der Universität Chengdu in China eine Studie vor, die zeigt, dass Proteine aus den Samen der Bittermelone Hautkrebszellen absterben lassen. „Daraus könnte durchaus ein neuer Anti-Tumor-Wirkstoff werden“, schreiben die sechs Autoren. Gegen Parkinson, die Darmkrankheit Morbus Crohn sowie Alzheimer gelten die indische Juckbohne, Weihrauch und Brahmi, das Kleine Fettblatt, als weitere aussichtsreiche Kandidaten. Für unsere Expertin Dr. Kalyani Chopra, 42, leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik der Habichtswald- Klinik in Kassel, ist deshalb klar (siehe Interview): "Vom Ayurveda und seinen Heilmitteln können wir in Zukunft noch mehr erwarten!“

Eine Patientin erzählt

Eine Patientin erzählt

„Die Wirkung hielt über ein Jahr an“

Patricia Heuser-Merkle (48), erlebte 2003 ihre erste Panchakarma-Kur: „Ich bin aber schon während meines Medizinstudiums durch eine Kommilitonin mit Ayurveda in Berührung gekommen. Viele Jahre später hörte ich dann einen Vortrag, der dazu führte, dass ich mich für eine Panchakarma-Kur in der Ayurveda-Klinik in Kassel anmeldete. Ich litt damals unter einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung. Außerdem hatte ich gelegentlich Migräne, morgendliche Anlaufschmerzen in den Gelenken, leichten Bluthochdruck und eine Schilddrüsenüberfunktion. Zweieinhalb Wochen sollte die Reinigungskur dauern. Mir gefiel, dass sie verschiedene Behandlungsmethoden kombinierte. Aber etwas skeptisch war ich auch. Nach den ersten Tagen fühlte ich mich leicht kraftlos, ausgebremst, kam aber auch innerlich zur Ruhe. Ich dachte viel über mich nach. Vorzeitig aufhören wollte ich aber nie. Zumal ich mich nach dem zweiten Teil der Kur fast wie ein neuer Mensch fühlte. Kraftvoll, energiegeladen, der Stress war weg, und in mir war jetzt große Gelassenheit. Auch meine Blutdruck- und Schilddrüsenwerte waren danach viel besser. Ich hatte seltener Migräne, kaum noch Gelenkschmerzen, und die Entzüng der Nasennebenhöhlen war weg. Und das hielt über ein Jahr an. Es war frappierend und hat mich schon überrascht – und am Ende dazu geführt, dass ich jetzt regelmäßig eine Panchakarma-Kur mache.“

Experten-Interview

Experten-Interview

„Ayurveda gehört nicht in die Wellness“

Interview mit Dr. Kalyani Chopra, leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik der Habichtswald-Klinik

Ist Ayurveda nicht hoffnungslos veraltet? Im Gegenteil! Er ist zwar das älteste Heilsystem, aber nie in seiner Entwicklung stehen geblieben. Er wird intensiv erforscht, und die jahrtausendealte Erfahrung wird an neue Lebensgewohnheiten angepasst.

Warum wird Ayurveda bei uns immer beliebter? Das liegt, glaube ich, daran, dass immer mehr Menschen sich für Naturheilverfahren interessieren und bereiter sind, selbst etwas für ihre Gesundheit zu tun. Und dieser Gedanke ist im Ayurveda ganz zentral. Er berät den Patienten, nimmt ihm die Verantwortung nicht ab. Er muss mitarbeiten, bekommt regelrecht Hausaufgaben. Ayurveda ist aber auch stark im Wellnessbereich vertreten.

Zu Recht? Nein, da gehört der Ayurveda nicht hin. Der bekannte Stirnguss ist z. B. eine wirkungsvolle Therapie, bei der aber auch viel falsch laufen kann. Er gehört nicht in ein Hotel. Ein weiteres Problem ist, dass gesetzlich nicht geregelt ist, wer sich Ayurveda- Therapeut nennen darf.

Wann kann eine Ayurveda- Behandlung sinnvoll sein? Der Ayurveda dient in erster Linie der Gesunderhaltung. Wer also schon im gesunden Zustand etwas über seine ayurvedische Konstitution, eine entsprechende Ernährung und Lebensführung erfährt, kann Krankheiten verhindern, z. B. einem Infarkt vorbeugen. Außerdem kann Ayurveda bei allen chronischen und psychosomatischen Erkrankungen helfen, z. B. bei Rheuma, Arthrose, Rückenschmerzen, Wechseljahresbeschwerden oder unerfülltem Kinderwunsch.

Was ist der größte Unterschied zur Schulmedizin? Im Ayurveda wird der Mensch als Ganzes in seiner Umgebung betrachtet und individuell beraten. Schulmedizin behandelt einzelne Organe mit Standardtherapien.

Rasayana-Rezept

Rasayana-Rezept

Safranmilch mit eingelegten Aprikosen

Ein echter Jungmacher! Der Drink versorgt den Körper mit Vitamin A und D, Kalzium, Kalium und beruhigt die Nerven.

Zutaten: 1/4 l Kuh- oder Reismilch, 1 Messerspitze Safran, 6–8 getrocknete ungeschwefelte Aprikosen

Die Aprikosen und den Safran über Nacht in der Milch einweichen. Alles zusammen erwärmen, die Aprikosen essen und die warme Safranmilch dazu trinken. Ideal zum Frühstück oder als Snack.

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