Krebs Diagnose: Krebs

Zahlreiche Studien belegen, wie machtvoll Sport bei Krebs die Heilung unterstützen kann. VITAL wanderte mit Betroffenen über den Rheinsteig – vier außergewöhnliche Tage.

Wandern als Therapie

Die Diagnose Krebs erschüttert den Menschen in seinen Grundfesten, das Vertrauen in den eigenen Körper. In der Gruppe wird aus dieser Erfahrung ein unsichtbares Band, das alle verbindet. Eine besondere Vertrautheit. Niemanden stört es, wenn sich Hartmut Bock mittags eine halbe Stunde auf seine Isomatte legt. Er ist zum zweiten Mal dabei.

Der 72-Jährige, promovierter Physiker und Historiker, trägt einen breiten Stützgurt um den Bauch. Dort lauern die Tumoren. Unheilbar.
Da die „Waldgaststätte Rausch“ bei Eltville erst um 15 Uhr öffnet, ruht sich Bock im Schatten eines Baumes aus. „2008 bekam er das Bundesverdienstkreuz“, erzählt Dr. Heringer etwas abseits. Er war eingeladen, hörte Hartmut Bock sagen: „Dort sitzt der Mann, dem ich es verdanke, dass ich hier stehe.“ Heringer begleitet ihn bis heute.
Oft kreuzen sich die Lebenswege von Arzt und Patient nur kurz, der Kranke wird behandelt und wieder entlassen. Bei Krebs bilden beide eine Schicksalsgemeinschaft. Oft über Jahre, weil die Behandlungsmöglichkeiten immer besser werden und damit die Überlebenschancen steigen. „Das faszinierte mich“, sagt Heringer. Auch deshalb ist er Onkologe geworden und nicht Kinderarzt. „Aber die Kerben werden tiefer“, gibt der zweifache Vater offen zu. Auch seine Frau ist Krebsspezialistin. Wie seinen Patienten verordnet Heringer auch sich selbst Bewegung. Als Ausgleich. Er joggt, geht ins Fitness-Studio, fährt mit dem Fahrrad zur Praxis. Zehn Jahre lebte er als Student in Eltville.

Schicksale führen zusammen

Die Pizzeria „La Gondola“, in der sich die Wandergruppe zum Abendessen trifft, war früher seine Handball-Kneipe. Als alle bestellt haben, stößt Eva Massingue zur Gruppe. Sie ist gerade aus Brasilien zurückgekehrt – und will ab jetzt dabei sein. „Das wird das Sportlichste, was ich dieses Jahr mache“, sagt die Lektorin und lacht . „Ich will wissen, was ich kann.“ Birgit Möbis sitzt ihr schräg gegenüber und nickt. 2006 stellten Ärzte bei ihr Eierstockkrebs fest. Im Mai hatte sie ihre vorerst letzte Chemotherapie. „Seitdem habe ich tolle Blutwerte“, sagt die 54-Jährige voller Zuversicht. „Ich lebe jetzt.“
Mit dem Zug bricht die Gruppe am nächsten Morgen zur letzten Etappe auf: von Oestrich-Winkel nach Rüdesheim. 369 Höhenmeter. Es ist heiß, alle schwitzen. Abbrechen, so kurz vor dem Ziel? Kommt nicht infrage. Die Route führt vorbei am Kloster Marienthal und an der Abtei St. Hildegard. Stille Orte, an denen jeder bei sich sein kann.
Nachmittags sitzt die Gruppe ein letztes Mal in einem Restaurant zusammen. Alle sind stolz, es geschafft zu haben. Dorothee Birke lächelt: „Jetzt habe ich vier schöne Tage auf der Haben-Seite.“ Etwas, das sie dem Krebs entgegensetzen kann. Vielleicht hat Olav Heringer gehofft, dass so etwas passiert. Er lächelt zurück. Es ist passiert.