Tipps Placebo - Das Wunderheilmittel

„Wer heilt, hat recht.“ Kritikern des Placebo-Effekts nimmt diese Welt- sicht jeden Wind aus den Segeln. In einer Pille steckt kein Wirkstoff? Egal, wenn Sie trotzdem gesund werden. So machen Sie sich ein faszinierendes Phänomen zunutze.

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Nach Prof. Dr. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie der Universitätsklinik Essen ist auch das Verhalten des medizinischen Personals nicht zu unterschätzen: „Die Interaktion zwischen Arzt und Patient, die Art, wie der Arzt sich mit dem Patienten unterhält, wie er ihn annimmt und aufklärt, kann eine Riesenauswirkung haben auf den Erfolg einer Behandlung oder einer Medikation.“ Denn auch eine negative Erwartung oder Erfahrung hat Folgen. Hier kommt der „böse Zwilling“ des Placebos, Nocebo genannt, ins Spiel. Wenn der Zahnarzt in guter Absicht sagt „Sie brauchen keine Angst zu haben, es tut nur ganz kurz weh“, stehen die Worte „Angst“ und „tut weh“ im Raum. Der Patient wird auf dem Behandlungsstuhl Blut und Wasser schwitzen. „Auch die Nebenwirkungen auf Beipackzetteln können Patienten regelrecht krank machen“, erklärt einer der führenden Placebo- Forscher, Prof. Dr. Paul Enck von der Uni- Klinik Tübingen: „Studien zeigen: Verschwindet die Nebenwirkung aus dem Beipackzettel, taucht sie auch bei den Patienten nicht mehr auf.“ Ein extremes Beispiel: In Kulturkreisen mit fest verwurzeltem Glauben an Geister berichten Ärzte immer wieder von unerklärlichen Todesfällen nach Voodoo-Flüchen. Die „Verfluchten“ sind felsenfest überzeugt, sterben zu müssen. Und sterben tatsächlich, obwohl medizinisch keine Lebensgefahr bestand.

Die genauen Wirkmechanismen des Placebo-Phänomens konnten noch nicht vollständig erforscht werden. Doch dass es existiert, steht außer Frage. Ähnlich wie beim Schmerzempfinden ist der positive Einfluss bei Schlafstörungen, Depressionen, Bewegungsstörungen (speziell bei Parkinson) und auf das Immunsystem gut belegt. Die Experten kennen heute zudem viele Faktoren, die den Effekt verstärken: So helfen sehr kleine und sehr große Tabletten besser als mittelgroße, rote besser als weiße. Gleiches gilt für Medikamente mit komplizierten lateinischen Namen oder sehr hohem Preis.

Sind viele Operationen und Medikamente also im Prinzip überflüssig? Nein, sie bleiben wichtig. Denn wenn der Arzt sein Wissen über den Placebo- Effekt nutzt, etwa indem er seinen Patienten etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, macht das die Schulmedizin keinesfalls unnötig. Aber wirksamer. Medikamente helfen dann möglicherweise schon in geringerer Dosierung oder lösen weniger Nebenwirkungen aus. Nicht lebensnotwendige OPs können eventuell noch eine Zeit lang hinausgezögert werden. Eine andere Frage ist schon etwas schwieriger zu beantworten: Ist es überhaupt moralisch in Ordnung, dass ein Arzt seine Patienten an der Nase herumführt? Ethisch einwandfrei handelt der Arzt, würde er den Patienten über die Placebo- Gabe informieren. Dumm nur, dass er so den Effekt gewaltig reduzieren würde. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer hält die Anwendung von Placebos dennoch im klinischen Alltag für vertretbar – unter folgenden Voraussetzungen: die Beschwerden sind relativ gering, es steht keine andere geprüfte und wirksame Therapie zur Verfügung, der Patient verlangt ausdrücklich nach einem Mittel und die Behandlung hat Aussicht auf Erfolg. Dann darf der Arzt auch mal schummeln. Ganz offiziell.

Placebo: der Prüfstein für Medikamente

Bevor neu entwickelte Arznei­ mittel die Zulassung durch die Gesundheitsbehörde erhalten, müssen sie ihre Wirksamkeit in klinischen Studien unter Beweis stellen. Normalerweise vergleichen Forscher das Mittel mit der bisherigen Standardtherapie. Falls keine existiert, tritt das zu testende Medikament (Verum) gegen ein wirkstofffreies Mittel (Pla­cebo) an. In diesen „placebo­ kontrollierten, doppelblinden, randomisierten“ Studien erhält eine Gruppe der Testpersonen das Verum, die Kontrollgruppe das in Form, Farbe oder Ge­ schmack identische Placebo. Die Studienteilnehmer werden im Losverfahren den zwei Gruppen zugeordnet (rando­ misiert), und weder Patienten noch Ärzte wissen, wer das Verum und wer das Placebo erhält (doppelblind). Dieses Verfahren soll ein unbewusstes Beeinflussen der Studie un­ möglich machen. Schon diver­ se Präparate kamen nicht auf den Markt, weil sie bei diesen Studien durchgefallen waren, also keine deutlich bessere Wirkung zeigten als das Scheinmedikament. Eine weitere Aufgabe placebo­ kontrollierter Studien ist es, die Arzneiwirkung von anderen Effekten zu unterscheiden, z. B. von einer Spontanheilung.