Prostata-Vorsorge ab 45: Welche Untersuchung wann sinnvoll ist

Gesetzlicher Anspruch oder wissenschaftliche Empfehlung: Was Männer ab 45 über Tastuntersuchung und PSA-Test wirklich wissen sollten.

Mann mittleren Alters liest nachdenklich einen Aufklärungsflyer im Wartezimmer einer Arztpraxis.KI-generiert (fal-ai/flux-2-pro), Vital

Viele Männer schieben den Termin erst mal weiter nach hinten, aus Unsicherheit, aus Unlust, aus schlichter Verdrängung. Dabei lohnt sich ein genauer Blick auf das, was angeboten wird, denn nicht jede Untersuchung, die die Kasse zahlt, ist auch die, die Fachleute heute empfehlen.

Genau hier liegt die Krux: Es gibt einen gesetzlichen Anspruch und es gibt eine wissenschaftliche Empfehlung, und die beiden decken sich nicht mehr vollständig. Wer das versteht, kann im Arztgespräch gezielter fragen und selbstbestimmt entscheiden.

Was gesetzlich versichert wird und was nicht

Ab 45 Jahren haben gesetzlich versicherte Männer jährlich Anspruch auf eine kostenlose Früherkennungsuntersuchung der Prostata. Dazu gehört ein Vorgespräch, die Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane und Lymphknoten in der Leiste sowie das Abtasten der Prostata vom Enddarm aus, die sogenannte digital rektale Untersuchung. Die Kasse übernimmt das einmal pro Jahr.

Der PSA-Test dagegen, bei dem ein Eiweißwert im Blut gemessen wird, ist keine Kassenleistung, solange kein konkreter Verdacht besteht. Männer zahlen ihn selbst, als sogenannte individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Die Kosten liegen bei 15 bis 25 Euro. Erst wenn die Tastuntersuchung einen Verdacht ergibt, übernimmt die Kasse die weiteren Kosten zur Abklärung, inklusive PSA-Test.

Warum Fachleute vom Abtasten zur Früherkennung inzwischen abraten

Das mag überraschen, ist aber gut belegt: Die Tastuntersuchung ist zwar weiterhin Teil des gesetzlichen Früherkennungsprogramms, wird von Fachgesellschaften aber nicht mehr zur Prostatakrebs-Früherkennung empfohlen. Der Grund liegt in der Studienlage. Mit der Tastuntersuchung allein wird nur etwa 1 von 3 vorhandenen Prostatakarzinomen entdeckt. Und wenn ein Arzt überhaupt etwas ertastet, hat der Tumor meist schon eine gewisse Größe erreicht, das Frühstadium ist dann oft schon vorbei.

Hinzu kommt: Bisher gibt es keine Studien, die belegen, dass regelmäßiges Abtasten tatsächlich die Sterblichkeit an Prostatakrebs senkt. Die Untersuchung selbst ist nebenwirkungsfrei und schnell erledigt, das spricht nicht gegen sie als Ergänzung. Als alleiniges Früherkennungsinstrument reicht sie Fachleuten zufolge aber nicht aus.

Der PSA-Test: Was er leistet und wo seine Grenzen liegen

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie und andere Fachgesellschaften empfehlen stattdessen ein individuell angepasstes Früherkennungsprogramm, das auf dem PSA-Wert basiert. Gemessen wird die Menge des prostataspezifischen Antigens im Blut, ein Eiweiß, das fast ausschließlich die Prostata bildet. Ist der Wert erhöht, kann das ein Hinweis auf Prostatakrebs sein, muss es aber nicht. Auch gutartige Erkrankungen wie eine Prostatavergrößerung oder eine Entzündung können den Wert nach oben treiben.

Die Zahlen aus großen Studien zeigen das Dilemma deutlich. Von 1.000 Männern im Alter zwischen 55 und 69 Jahren, die keinen PSA-Test machen, erhalten innerhalb von 21 Jahren 97 die Diagnose Prostatakrebs, 25 einen metastasierten Prostatakrebs, und 15 versterben daran. Bei 1.000 Männern mit regelmäßigem PSA-Test sind es 155 Diagnosen, 17 metastasierte Fälle und 11 Todesfälle – macht 4 verhinderte Todesfälle durch das Screening. Gleichzeitig zeigt sich bei dreiviertel der Männer mit erhöhtem PSA-Wert in der Biopsie kein Tumor, ein falscher Alarm also.

Diese Gemengelage erklärt auch, warum der Gemeinsame Bundesausschuss 2020 entschied, den PSA-Test nicht als allgemeine Kassenleistung einzuführen: Das IQWiG kam zu dem Schluss, dass der Nutzen den Schaden insgesamt nicht aufwiegt.

Sieben Schritte für ein informiertes Arztgespräch

  1. Klären Sie Ihr persönliches Risiko. Gibt es Prostatakrebs in der Familie oder eine bekannte BRCA2-, MSH2- oder MSH6-Mutation? Das beeinflusst, wann die Früherkennung beginnen sollte.

  2. Beginnen Sie je nach Risiko unterschiedlich früh. Ohne familiäres Risiko empfehlen Fachleute den Start ab 45 Jahren, bei bekannter Genmutation bereits ab 40 Jahren mit Risikosprechstunde.

  3. Fragen Sie aktiv nach dem PSA-Test, auch wenn er nicht automatisch angeboten wird – er zählt zu den individuellen Gesundheitsleistungen.

  4. Lassen Sie sich die Kosten vorher nennen. Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, über Kosten aufzuklären.

  5. Kontrollieren Sie einen erhöhten Wert, bevor Sie in Panik geraten. Ein einmalig erhöhter PSA-Wert sollte stets noch einmal gemessen werden.

  6. Nutzen Sie das empfohlene Kontrollintervall. Bei einem Wert unter 1,5 ng/ml reicht eine Wiederholung alle 5 Jahre, zwischen 1,5 und 2,99 ng/ml alle 2 Jahre.

  7. Besprechen Sie eine MRT vor der Biopsie. Eine multiparametrische MRT kann helfen, unnötige Gewebeproben zu vermeiden.

Typische Missverständnisse, die zu falschen Entscheidungen führen

Ein weit verbreiteter Irrtum: Viele nennen die Früherkennungsuntersuchung umgangssprachlich "Prostatakrebs-Vorsorge". Fachlich korrekt ist das nicht, denn echte Vorsorge würde die Krankheitsentstehung verhindern. Für Prostatakrebs gibt es das bislang nicht, es geht ausschließlich um Früherkennung.

Ein zweites Missverständnis: Ein unauffälliger PSA-Wert bedeutet nicht hundertprozentige Sicherheit. Bei etwa 7 von 10.000 Tests fällt das Ergebnis falsch negativ aus, der Tumor wird also übersehen. Umgekehrt bedeutet ein erhöhter Wert nicht automatisch Krebs: Bei etwa sieben von zehn Männern mit leicht erhöhtem PSA-Wert liegt gar kein Prostatakrebs vor. Und schließlich: Nicht jeder durch Früherkennung entdeckte Tumor muss sofort behandelt werden. Bei kleinen, wenig aggressiven Tumoren kann aktives Beobachten sinnvoller sein als eine sofortige Therapie.

Fazit

Die jährliche Tastuntersuchung ab 45 Jahren ist ein gesetzlicher Anspruch, wird von Fachleuten zur Früherkennung aber nicht mehr empfohlen, weil sie zu ungenau ist. Der PSA-Test bietet mehr Aussagekraft, bleibt aber eine Selbstzahlerleistung mit eigenen Risiken wie Überdiagnose – die Entscheidung dafür oder dagegen sollten Männer nach einem ausführlichen Aufklärungsgespräch mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt treffen.

Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische oder fachliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

Häufige Fragen

Übernimmt die Krankenkasse die Prostata-Untersuchung ab 45?

Ja, die gesetzlichen Krankenkassen zahlen Männern ab 45 Jahren einmal jährlich die Tastuntersuchung der Prostata vom Enddarm aus. Der PSA-Test ist davon ausgenommen und muss ohne konkreten Verdacht selbst bezahlt werden, es sei denn, die Tastuntersuchung ergibt einen Verdacht.

Warum raten Fachleute von der Tastuntersuchung zur Früherkennung ab?

Mit der Tastuntersuchung allein wird nur etwa 1 von 3 vorhandenen Prostatakarzinomen entdeckt, zudem lassen sich damit meist nur bereits größere Tumoren ertasten. Studien belegen bisher nicht, dass regelmäßiges Abtasten die Sterblichkeit an Prostatakrebs senkt.

Was kostet der PSA-Test und was zeigt er?

Der PSA-Test kostet als Selbstzahlerleistung 15 bis 25 Euro und misst den Wert des prostataspezifischen Antigens im Blut. Ein erhöhter Wert kann auf Prostatakrebs hinweisen, aber auch gutartige Ursachen haben, deshalb sollte ein erhöhter Wert immer noch einmal kontrolliert werden.

Ab welchem Alter sollte die Früherkennung beginnen?

Ohne familiäres Risiko empfehlen Fachleute den Beginn der Früherkennung ab 45 Jahren, bei familiärer Vorbelastung bereits ab 40 Jahren. Bei einer bekannten BRCA2-, MSH2- oder MSH6-Mutation wird bereits ab 40 Jahren zu einer Risikosprechstunde geraten.

Quellen
  1. Prostatakrebs: Vorsorge, Früherkennung und PSA Wert | DKFZ - Krebsinformationsdienst
  2. Prostatakrebs-Früherkennung (Prostata-Untersuchung)
  3. Krebsvorsorge für Männer: Untersuchungen & ab wann sie sinnvoll sind
  4. Evidenz beim PSA-Screening?