
Erst ist es nur ein dumpfer Schmerz, vielleicht ein bisschen Druckgefühl in den Beinen. Viele winken ab: Wird schon nichts sein, sicher nur eine Kleinigkeit. Doch was, wenn gerade das Schweigen der Symptome die eigentliche Gefahr birgt? In unserer neuen Podcast-Folge trifft Moderatorin Clarissa Corrêa da Silva auf Dr. Christos Petridis, Gefäßchirurg und Autor. Im Gespräch öffnet er den Blick für die unterschätzte Welt der Gefäßerkrankungen – Krankheiten, die im Verborgenen wachsen, oft erst sichtbar werden, wenn kaum noch Zeit bleibt. Doch es ist nicht nur Angst, die im Zentrum steht, sondern auch Ermächtigung: “Wissen kann Leben retten”, sagt Petridis.
Ein Experte mit Mission: Der Kampf um Aufklärung
Der Einstieg ins Gespräch verrät schon die emotionale Nähe zum Thema. Dr. Christos Petridis ist nicht erst seit gestern als Stimmengeber gefragt, wie er gleich zu Beginn verrät. Für Podcasts wurde er schon häufiger angefragt, doch „die Anfragen waren nie so interessant – Credits an euch“, sagt er. Dass es Petridis um mehr als akademische Distanz und Fachsimpelei geht, zeigt das direkte Anliegen des Gesprächs: „Mir ist es extrem wichtig, darüber aufzuklären. Gefäßkrankheiten müssen raus aus der Tabu-Ecke, diese sind oft lautlos, bis es plötzlich zu spät ist.”
Die Dramatik des Themas ist für das Publikum oft nicht greifbar. Der medizinische Alltag macht die Distanz deutlich – viele PatientInnen verbinden beispielsweise mit Krampfadern eher kosmetische Makel als ernste Risiken. „Das ist leider auch ein Problem der mangelnden Aufklärung in der Breite“, meint Dr. Petridis.
Gerade Krampfadern, häufig als optisches Problem abgetan, sind sein persönliches Steckenpferd. Hausärzte würden sie gelegentlich abtun – als harmlos, kosmetisch, nicht behandlungsbedürftig. Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Deswegen werde ich halt immer nicht müde, das alles zu erzählen, alles zu erklären. Das hat nichts mit Kosmetik zu tun, sondern das ist ein sauernstes Problem.
— Dr. Christos Petridis
Wer Krampfadern hat, neigt dazu, sie zu ignorieren – vielleicht auch aus Angst vor dem, was medizinisch dann folgt. Doch Petridis betont: Unbehandelte Krampfadern können lebensgefährlich werden, zu Thrombosen, offenen Beinen, ja sogar Amputationen führen.
Das Problem: Die Veränderungen sind oft lange nicht sichtbar. Er erklärt mit anschaulichen Worten: „Die Vene ist wie eine Autobahn, an der ständig Autobahnabfahrten abzweigen.“ Wenn Venenklappen undicht werden – sei es durch stehende Berufe, familiäre Veranlagung oder andere Faktoren – beginnt sich das Blut zurückzustauen. Der Körper bekommt an manchen Stellen schlicht nicht mehr genug Sauerstoff.
Unsichtbare Risiken: Von Aneurysmen und Arteriosklerose
Doch Gefäßkrankheiten sind weit mehr als Krampfadern. Als Clarissa nach Aneurysmen fragt, spricht Dr. Petridis von der „anderen Autobahn“ des Körpersystems: dem Hochdrucksystem der Arterien. Aneurysma – eine sackartige Ausbuchtung der Arterienwand, eine tickende Zeitbombe. „Wenn so etwas platzt, dann steigen die Chancen oder die Gefahr, dass man das nicht überlebt, leider dramatisch,“ erklärt Petridis.
Die Ursachen für solche Erkrankungen sind vielfältig, doch es gibt bekannte Risikofaktoren: Rauchen, Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte oder genetische Disposition. Besonders Rauchen ist ein extremer Negativfaktor mit gravierenden Auswirkungen auf die Gefäße. Mit klarer Sprache ruft er zur Vorsorge auf und holt das medizinische Vokabular auf den Boden des Alltags:
Wir haben nur diese eine Chance, wir haben nur diesen einen Körper und dass man alle zwei Jahre sein Auto zur Inspektion bringt … das ist alles immer total selbstverständlich.
— Dr. Christos Petridis
Auch die klassische Arterienverkalkung, medizinisch Arteriosklerose genannt, sowie Thrombosen, die das Blut schlagartig fest werden lassen und wiederum zu Lungenembolien führen können, werden ausführlich erläutert. Das Bild von „Himbeergelee“ im venösen System, das sich ablösen und auf Wanderschaft begeben kann, bleibt hängen. Die Schwere der stillen Gefahren wird so für jede und jeden verständlich.
Mit einfachen Worten und Bildern setzt Dr. Petridis die Risiken in Relation zum gesellschaftlich bekannten – und viel leichter akzeptierten – Umgang mit Autos und Technik. Warum ist Prävention beim Auto selbstverständlich, aber nicht beim eigenen Körper?
Vorsorge: Zwischen Statistik, System und Eigeninitiative
Je tiefer das Gespräch geht, desto deutlicher wird: Prävention scheitert oft nicht am medizinischen Wissen, sondern an System und Gewohnheit. Dr. Petridis ist Verfechter der frühzeitigen Untersuchung. Die Zahlen sprechen Bände, und dennoch bleibt die gesetzliche Vorsorge in Deutschland limitiert: Aneurysma-Screening gibt es auf Kassenkosten nur für Männer ab 65 – eine Entscheidung, hinter der nüchterne Kosten-Nutzen-Modelle stecken. „Das finde ich ehrlich gesagt Mist, ganz großen Mist“, sagt Petridis unmissverständlich. Für Frauen und Jüngere bleibt häufig nur der Gang zum Arzt auf eigene Kosten.
Er plädiert dafür, Verantwortung für sich zu übernehmen: „Es steht dir jederzeit frei, loszugehen und das auf eigene Kosten zu machen.“ Es ist nicht teuer – eine Ultraschalluntersuchung kostet weit weniger als so mancher glaube.
Auf die Frage, ab welchem Alter eine Vorsorge Sinn macht, bleibt Petridis pragmatisch, aber klar: Für junge Erwachsene ohne Risikofaktoren ist eine Aneurysma-Untersuchung vielleicht noch nicht nötig, ab Ende 50 jedoch durchaus angebracht – vor allem bei familiärer Disposition, Rauchen oder Bluthochdruck. Sein Buch “The Killers Amongst Us” so erklärt er, enthält sogar einen Self-Assessment-Risikotest, der eine erste Orientierung gibt.
Besonders bei Krampfadern empfiehlt der Gefäßchirurg ein aktives Vorgehen. Tiefliegende Krampfadern etwa sieht man nicht, sie können aber zu „offenem Bein“ oder Thrombosen führen.
Therapie und Alltag: Mut zur Veränderung
Ist einmal eine Gefäßerkrankung diagnostiziert, stehen verschiedenste Therapieoptionen offen. Von klassisch-operativ – wie die über 100 Jahre alte Stripping-OP bei Krampfadern – bis hin zu modernen minimal-invasiven Verfahren mit Katheter und Stent, ist das medizinische Arsenal breit gefächert. Doch auch hier mahnt Dr. Petridis: Das Voranschreiten der Technologie darf nicht dazu führen, dass klassische Operationskompetenz verloren geht. „Wenn du die nur noch in Kathetern und Stents ausbildest, dann können die in 10, 15, 20 Jahren alle nicht mehr operieren.“
Am Ende des Gesprächs steht die Ermutigung, selbst aktiv zu werden. Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Ernährung oder Bewegung spielen eine entscheidende Rolle dabei, das persönliche Risiko zu senken. Dr. Petridis weiß um die Herausforderungen, bleibt jedoch optimistisch: „Selbst wenn du von einer Schachtel Zigaretten reduzierst auf eine halbe, hast du schon ganz, ganz, ganz, ganz viel geschafft.“ Und auch kleine Veränderungen, wie die regelmäßige Blutdruckkontrolle, können helfen, Symptome rechtzeitig zu erkennen.
Versuch mal über den Tellerrand hinauszuschauen. Nimm es selbst in die Hand. Mach nicht das, was die breite Masse macht, weil es vorgegeben ist, sondern versuch mal zu gucken, gibt es vielleicht was anderes.
— Dr. Christos Petridis
Das Schlusswort des Experten richtet sich an alle, die ihre Gesundheit bislang ein wenig vernachlässigt haben, insbesondere an jene, die vor vermeintlich unangenehmen oder „alten“ Therapiemethoden zurückschrecken. Ja, die Medizin hat sich weiterentwickelt – und auch für scheinbar selbstverständliche Eingriffe wie das „Venenziehen“ gibt es heute neue, schonendere Methoden. Aber auch diese muss man selbst aktiv suchen.
Die vielleicht wichtigste Botschaft aus diesem Gespräch: „Wir sollten unseren Körper, unsere Gesundheit mindestens so gut wie unser Auto behandeln.“
Mit Humor und Ernst plädiert Dr. Petridis für Aufklärung und Eigenverantwortung – dafür, Lautlosigkeit nicht mit Harmlosigkeit zu verwechseln. Denn im Zweifel kann der rechtzeitige Ultraschall das sein, was Leben rettet – vielleicht sogar das eigene.
Mehr zu Dr. Christos Petridis findet ihr hier:
Lust auf noch mehr Expertenwissen?
Blähbauch adé: Wie Maria Maas den Darm zum Lebensgefühl machte
Haut im Wandel: Wie moderne Dermatologie unser größtes Organ neu versteht


