Natürlich Altern: Dietrich Grönemeyer über Demenz, Langlebigkeit und die Kraft des Genusses

In einer neuen Folge des Vital Gesundheitspodcasts spricht Clarissa Corrêa da Silva mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer über gesunde Lebensjahre, den Mythos Longevity und wie bewusster Genuss helfen kann, Demenz vorzubeugen. Ein intensives Plädoyer für Lebensfreude und ganzheitliche Gesundheit.

Das Protein scheint PF4 Entzündungen zu reduzieren.© iStock/DjelicS
Die richtige Haltung ist wichtig, wenn man natürlich (und gut) altern möchte.

Das Streben nach einem langen, glücklichen Leben beschäftigt die Menschheit seit jeher – und nie wurde öffentlich so viel darüber gesprochen wie heute. Während Longevity-Trends und Biohacking in aller Munde sind, tritt der renommierte Arzt und Bestsellerautor Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer mit einer simplen, fast altmodischen Botschaft auf: Gesund altern bedeutet, bewusst zu leben – mit Bewegung, gutem Essen, sozialen Kontakten und einer neugierigen Haltung. Im Vital Gesundheitspodcast taucht er tief in die Zusammenhänge zwischen Demenz, Longevity und seelischer Resilienz ein. 

Ein Arzt mit Haltung: Die Kraft kleiner Schritte 

Mehr als vier Jahrzehnte beschäftigt sich Prof. Dietrich Grönemeyer mit dem Menschen in seiner Gesamtheit – als Körper, als Seele, als Teil eines sozialen Gefüges. 

Grönemeyer, einst vor allem als Rückenschmerzspezialist bekannt, hat seine Arbeit immer weitergefasst und ist überzeugt: “Es gibt nicht nur den Körper, der behandelt werden muss, sondern eigentlich auch immer das Psychische und Soziale, das mit einbezogen werden muss in allem, was wir tun.” 

“Fang mit den kleinen Schritten an. Und wenn du mit Hausmitteln der Naturheilkunde nicht zurechtkommst, dann ist eben auch Schulmedizin gefragt, bis hin zur Operation oder Transplantation.” [Prof. Dietrich Grönemeyer] 

Besonders für die Heilung, so betont Grönemeyer, sei die mentale Gesundheit entscheidend: Sie beeinflusst maßgeblich nicht nur Genesungsprozesse, sondern auch, wie Krankheiten überhaupt entstehen. Seine Herangehensweise ist pragmatisch und nahbar – er kennt die Konflikte zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde aus eigener Kindheit. Das Bild seiner Mutter, einer Medizinerin mit Zeit und Fürsorge, hat ihn geprägt. Sie habe erst zu Hausmitteln gegriffen, bevor zu Medikamenten gegriffen wurde: es wurde auf Zucker geträufelt, Ruhe, Schlaf, viel Geduld – und notfalls auch Antibiotika, aber eben mit Bedacht und nicht direkt als erster Schritt. 

Grönemeyer schildert diese Haltung mit Humor und gewisser Nostalgie – eine Medizin, wie sie im Ideal alltagsnah wäre: “Ich möchte in der Medizin genauso jemanden haben, wie meine Mutter, die Zeit hatte für mich, die zugehört hat, die mich in den Arm genommen hat.” Die Realität sieht jedoch oft anders aus. “Im niedergelassenen Bereich”, so erklärt der Arzt, sei die Zeit knapp bemessen, das Vergütungssystem begrenzt die Möglichkeiten realer Zuwendung. 

Longevity zwischen Hype und Haltung 

Im Zentrum des Gesprächs steht Grönemeyers neues Buch „Natürlich Altern“, in dem er den Hype rund um Longevity aufgreift – aber kritisch hinterfragt. “Das, was als Longevity-Hype durch die Welt geistert, ist mir eine Nummer zu viel, weil es ganz viel mit Medizin und technischen Hilfsmitteln zu tun hat, aber viel zu wenig mit dem Menschen und mit mir als Individuum.” 

Für Grönemeyer ist Altern kein zu besiegender Feind, sondern eine Aufgabe, die eine bewusste Lebenshaltung erfordert. Es geht ihm weniger um das pure „Wie-alt-werden“, sondern vielmehr um das „Wie-altern-wir“. Seine prägnante Vision: “Ich möchte Hundert werden, aber nicht klapprig im Bett sitzen und mit dem Kopf wackeln, sondern noch ein Gefühl für mich selbst haben.” 

“Wie wir alt werden, das ist doch ein Teil unserer Haltung.” [Prof. Dietrich Grönemeyer] 

Die Verbindung zu Demenz ist für ihn deutlich: Beide Themen – alt werden und Demenz vermeiden – hängen eng mit einem bewussten, aktiven Alltag zusammen. Demenz, sagt Grönemeyer, hat neben der körperlichen meist auch seelische Ursachen. “Vergesslichkeit hat auch ganz viel mit posttraumatischen krankmachenden Effekten zu tun.” Es gebe 14 wissenschaftlich belegte Risikofaktoren, darunter nicht nur Herz-Kreislauf-Probleme oder Mangel an Vitamin B, sondern auch Aspekte wie Hören, Sehen, Ernährung, Bewegung und seelische Traumata. 

In der Realität, räumt er ein, seien demenziell Erkrankte in Deutschland vielerorts eine gesellschaftliche Randgruppe. “Wir haben fast zwei Millionen demenziell Erkrankte. Wenn wir den Weg nicht konsequent weitergehen in Wissenschaft und medizinischer Versorgung, werden es schnell mehr.” 

Ganzheitliche Prävention: Bewegung, Genuss, Gemeinschaft 

Aber was kann man denn tatsächlich tun, um geistig fit zu bleiben? Die Antwort kommt prompt und umfassend: Ernährung spielt eine riesige Rolle, aber auch Bewegung, soziale Einbindung und Schlaf. Es ist dieses Fünf-Pfeiler-Prinzip, das sich wie ein roter Faden durch seine Empfehlungen zieht. 

“Turne bis zur Urne”, sagt er humorvoll – ein Satz, den er mehrmals wiederholt, fast wie ein Mantra. Bewegung in jedem Alter, ob Baby, Jugendliche oder 110-Jährige, ist für ihn essenziell. Dabei zählt nicht der Hochleistungssport, sondern die Regelmäßigkeit. Auch kleine Runden um den Block, Spaziergänge, Radfahren, auch per E-Bike, Tai Chi, Yoga – Bewegung ist kein Wettbewerb, sondern eine Einladung, den eigenen Körper zu spüren. 

“Genuss muss. Essen muss lecker sein, es muss Freude machen, es muss Spaß machen. Kochen, essen, Tischdecken, gemeinsam essen, gemeinsam lachen.” [Prof. Dietrich Grönemeyer] 

Genuss steht für den Mediziner über aller dogmatischen Ernährungstipps. Gewürze wie Rosmarin oder Oregano, Kapuzinerkresse oder Meerrettich nennt er als Beispiele für natürliche Immunbooster. Gemeinsames Essen, Lachen und soziale Rituale machen nachweislich fit für ein hohes Alter. Die dritte Säule: Gemeinschaft. Soziale Beziehungen tragen, trösten, geben Kraft und Struktur. 

Der Schlaf, so Grönemeyer, wird häufig unterschätzt. Powernaps gehören zu seinem Alltag. “Wenn ich müde werde mittags, lege ich meinen Kopf mal 15 Minuten auf den Tisch, wenn es geht, vorher einen Espresso trinken. Nespressos nenne ich das immer.” Eine kleine Alltagsstrategie für mehr Energie. 

Wider die Hypochondrie: Lebensfreude statt Zahlenstress 

Im letzten Drittel des Gesprächs rückt ein weiterer, oft vernachlässigter Aspekt in den Vordergrund – der Genuss am Leben, ohne sich im Longevity-Stress zu verlieren. Zu viel Kontrolle, zu viele technische Hilfsmittel, so warnen Grönemeyer und die Gastgeberin, führen oft nicht zum längeren, sondern zum ängstlicheren Leben. “Das schafft ja Stress und Stress heißt, Adrenalinspiegel geht hoch, Cortisonspiegel geht hoch, du belastest das Herz, die Bauchspeicheldrüse, das Gehirn, chronischer Stress führt dann wieder zur Zuckerkrankheit.” 

Stattdessen empfiehlt Grönemeyer radikale Achtsamkeit und Selbstschätzung: “Was entspannt dich, was schafft dir ein Lächeln... was öffnet dir die Tore zu deinem eigenen Herzen, zu deiner Selbstliebe?” Die Pandemie-Jahre, sagt er, hätten ihm gezeigt, wie viel gute Gemeinschaft und Fokus auf das Wesentliche bewirken können. Er erinnert an den “Gänsemarsch im Lockdown”, an frierende Kinder in der Schule – und er appelliert an eine Erziehung, in der Kinder den Wert des Lebens und des Genießens erleben und erlernen sollen. 

Die Hoffnung auf ein besseres, erfülltes Altern verkörpern für ihn Vorbilder aus dem eigenen Leben. “Jugend ist wirklich ein Geisteszustand”, resümiert Grönemeyer. So könne jeder selbst Baumeister seines Alters und seines Wohlbefindens sein – unabhängig von technischen Innovationen oder Modetrends. 

Am Ende dieses inspirierenden Gesprächs steht ein einfaches, aber kraftvolles Fazit: Ob Demenzprävention, Longevity oder einfach Lebenslust – das Wesentliche liegt selten in Pillen oder Apps, sondern in Bewegung, Genuss, Gemeinschaft, Schlaf und der Liebe. Die Liebe, so betont Grönemeyer, dürfe man nie vergessen – zu sich selbst und zu anderen. 

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