Burnout und andere Volkskrankheiten: Warum die Wartelisten für Therapieplätze immer länger werden

Wer heute einen Therapieplatz sucht, wartet. Sechs Monate, neun Monate, manchmal länger. Die öffentliche Debatte dreht sich um fehlende Kapazitäten, zu wenig Kassensitze und zu viel Bürokratie. Das sind legitime Kritikpunkte. Doch sie beantworten eine unbequeme Frage nicht: Warum kommen so viele Menschen immer wieder? Oft nicht mit einem neuen Problem, sondern mit demselben. Nur in anderer Form.

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Hypnoseexperte und Gründer von feelen Andreas Ackermann© Andreas Ackermann
Inhaltsverzeichnis

Ein System, das Symptome recycelt

Das Gesundheitssystem ist sehr gut darin, akute Beschwerden zu behandeln. Schmerzen werden gelindert, Krisen stabilisiert, Belastungen abgefedert. Deutlich seltener wird untersucht, warum ein Zustand überhaupt entstanden ist und weshalb er wiederkehrt.

Burnout führt häufig zu einer Auszeit von Monaten, manchmal sogar Jahren. Chronische Rückenschmerzen zu Physiotherapie. Angststörungen zu Gesprächstherapie oder Medikamenten. Diese Maßnahmen sind in vielen Fällen sinnvoll und notwendig. Sie verschaffen Entlastung und helfen, schwierige Phasen zu überstehen. Eine entscheidende Ebene hingegen bleibt unberührt: das Verhaltensmuster, das den Zustand ausgelöst hat.

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Jedes Jahr nehmen in Deutschland 2,1 Millionen Menschen Kontakt zu einem der mehr als 39.000 niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf — Tendenz steigend. Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass es rund 7.000 Kassensitze zu wenig gibt; die durchschnittliche Wartezeit auf ein Erstgespräch liegt bei knapp sechs Wochen, bis ein regulärer Therapieplatz verfügbar ist, vergehen im Schnitt nochmals 20 Wochen.

Allein mit fehlendem Angebot lässt sich das aber nicht erklären. Ein strukturell unsichtbares Problem sitzt tiefer: Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Nachfragen bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten um über 40 Prozent gestiegen. Nicht weil Menschen plötzlich brüchiger geworden wären, sondern weil das Bewusstsein für mentale Gesundheit in der Gesellschaft enorm gewachsen ist. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst, etwas zu verändern — oft ohne zu ahnen, dass hinter ihren Beschwerden tieferliegende Muster stecken.

Der Mensch verlässt die Behandlung erleichtert. Gleichzeitig nimmt er dasselbe Denk- und Reaktionsmuster mit, das ihn ursprünglich in diese Lage gebracht hat. Exakt darin liegt das strukturelle Problem. Solange dieses Muster bestehen bleibt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Symptom zurückkehrt.

Wenn das Muster unverändert bleibt

Andreas Ackermann, Hypnoseexperte und Gründer von feelen, arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen, die persönliche oder berufliche Krisen durchlaufen. Aus seiner Sicht bestimmt sich einzig an diesem Punkt, ob Veränderung langfristig wirkt.

"Der Unterschied ist, dass ich den Leuten erkläre, woher es kommt und wie es kommt, und nicht einfach das Problem löse. Wenn jemand zu einem Hypnosetherapeuten geht, löst der das in einer Hypnose. Dann verlässt der Patient die Praxis, aber sein Verhaltensmuster hat sich nicht geändert. Also kommt er ein halbes Jahr später mit einer anderen Beschwerde wieder, weil er wieder dasselbe Verhalten an den Tag legt."

Die Aussage wirkt zugespitzt. Gleichzeitig beschreibt sie einen Mechanismus, den viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Eine Herausforderung wird gelöst, doch die Struktur dahinter bleibt bestehen. Deshalb lassen sich lange Wartelisten nicht allein mit zu wenigen Therapieplätzen erklären. Ein Teil der Klientinnen und Klienten taucht immer wieder auf. Nicht, weil eine Behandlung grundsätzlich wirkungslos wäre, sondern weil sie vor allem das Symptom adressiert.

Ackermann hat hierzu ein einfaches Beispiel: "Wenn ich Nackenschmerzen habe und zur Massage gehe, fühlt sich das erstmal gut an. Aber wenn der Schmerz eigentlich daher kommt, dass ich ständig Stress mit meiner Freundin habe, dann kommt er immer wieder zurück. Erst wenn ich das Problem in der Beziehung löse, verschwindet auch der Schmerz wirklich."

Was anekdotisch klingt, ist statistisch messbar. Das Rückfallrisiko nach einem Burnout liegt Schätzungen zufolge zwischen 50 und 60 Prozent — mehr als jeder Zweite bricht also ein zweites Mal zusammen. Nach dem dritten Burnout ist die statistische Wahrscheinlichkeit, die Situation positiv aufzuarbeiten, fast nicht mehr existent — und das hat einen einfachen Grund: Der oder die Betroffene kehrt in dieselbe Familie, zu denselben Kollegen und Vorgesetzten zurück, mit denselben Verhaltensmustern, die ursprünglich in die Erschöpfung geführt haben. Was nicht aufgearbeitet wurde, wartet. Die Auszeit hat das Symptom behandelt. Das Muster darunter ist geblieben.

Die Ursache liegt oft im Geist

Die Verbindung zwischen Psyche und Physis ist wissenschaftlich gut belegt. Chronischer Stress verändert den Hormonhaushalt, erhöht den Cortisolspiegel und schwächt das Immunsystem. Dauerhafte innere Anspannung kann Entzündungsprozesse fördern oder organische Beschwerden verstärken. Emotionale Belastungen bleiben daher nicht auf die mentale Ebene beschränkt. Sie äußern sich häufig auch psychosomatisch im Körper.

Ackermann formuliert seinen Ansatz entsprechend deutlich: "Die Ursache ist in 99,9 Prozent der Fälle eine geistige, nicht eine körperliche. Also muss man die geistigen Themen anschauen. Wenn jemand mit Rückenschmerzen kommt, bin ich nach fünf Minuten beim Punkt, wo er sich Sorgen macht, Angst oder Zweifel hat und immer wieder darüber nachdenkt. Und weil er das tut, kann er die Last seines Lebens gefühlsmäßig nicht tragen und bekommt sie überall zu spüren."

Im klassischen Behandlungsmodell beginnt die Therapie meist beim Körper. Erst wenn Beschwerden bleiben, rückt die psychische Ebene stärker in den Fokus. Die dahinterliegenden Denkmuster werden dagegen selten systematisch betrachtet. Ebendort sehen viele Fachleute eine zentrale Lücke.

Wenn Gefühle nicht verarbeitet werden

Ein weiterer Aspekt wird im Alltag häufig unterschätzt. Gefühle, die nicht verarbeitet werden, verschwinden nicht. Sie verschieben sich. Manchmal zeigen sie sich später im Verhalten, manchmal im Körper und manchmal in Lebenssituationen, die sich immer wieder ähneln.

Menschen, die nie gelernt haben, belastende Emotionen bewusst zu durchleben, verfallen immer wieder in ähnliche Muster: gleichartige Konflikte in Beziehungen, dieselben Überlastungsspiralen im Beruf oder wiederkehrende organische Stressreaktionen. Das hat wenig mit Charakter zu tun. Meist fehlt schlicht eine grundlegende Fähigkeit.

Emotionale Kompetenz wird selten systematisch vermittelt. In Schule, Ausbildung oder medizinischen Grundpraktika spielt sie kaum eine Rolle. Gefühle gelten oftmals als persönliche Eigenschaft und nicht als Fähigkeit, die man entwickeln kann. Dabei zeigen psychologische Studien seit Jahren, dass emotionale Verarbeitung durchaus trainierbar ist.

Ein anderer Blick auf Gesundheit

Sofern man diesen Zusammenhang ernst nimmt, verändert sich auch die Perspektive auf Krankheit. Das Symptom wird dann nicht nur als Problem gesehen, sondern als Hinweis. Ein Signal dafür, dass im Hintergrund ein bestimmtes Muster wirkt.

Die wesentliche Frage "Was fehlt dem Menschen?" muss daher um die Zusatzfrage "Warum entsteht dieser Zustand immer wieder?" ergänzt werden.

Transformationsexperte Ackermann beschreibt den Ausgangspunkt für Veränderung so: "Das Auge der Erkenntnis. Wenn du das hast, kannst du alles verändern. In dem Moment, in dem du erkennst, dass etwas nicht stimmt, bist du offen. Das ist der erste Schritt." Erkenntnis ist damit kein theoretisches Konzept. Es handelt sich um den Moment, in dem jemand beginnt, sein eigenes Denken und Tun zu hinterfragen.

Weshalb sich an den Wartelisten wenig ändert

Solange Behandlung in erster Linie auf kurzfristige Linderung ausgerichtet ist, bleibt ein Teil des Problems bestehen. Symptome verschwinden, doch die zugrunde liegenden Muster bleiben aktiv. Die Wartelisten im Gesundheitssystem spiegeln deshalb nicht nur einen Mangel an Kapazitäten wider. Sie zeigen ebenfalls, wie stark das System auf Symptombehandlung ausgerichtet ist.

Dabei bleibt eine einfache Dynamik bestehen: Menschen werden behandelt. Sie gehen nach Hause. Und irgendwann stehen sie wieder auf derselben Warteliste.