27. Oktober 2011
Therapien gegen Schlafstörungen

Therapien gegen Schlafstörungen

Ausgeruht aufwachen – das möchten wir alle. Aber Stress und Sorgen lassen viele von uns erst gar nicht einschlafen. Oder nachts stundenlang wach liegen. Helfen kann dann ein Termin in der Schlafschule. Vital war dort.

Frau liegt im Bett
© iStockphoto
Frau liegt im Bett

Am Ende bleibt von einer Nacht nicht mehr übrig als zwei Blatt Papier. Auf dem einen stehen Zahlenreihen, auf dem anderen verlaufen bunte Linien, mal wild gezackt, mal schnurgerade. „Hier“, sagt Prof. Christian Krüger, Leiter des Universitären Schlafmedizinischen Zentrums Hamburg, und tippt auf einen winzigen schwarzen Balken, der eine rote Linie unterbricht. „Das war eine REM- oder Traum-Phase.“ Sein Zeigefinger wandert weiter. „Da war der Patient wach, hat es aber wahrscheinlich gar nicht gemerkt. Und da hat er sich umgedreht. Das macht jeder von uns bis zu zwölfmal in jeder Nacht.“ Besorgt ist er über etwas anderes: Atemaussetzer, sogenannte Schlaf-Apnoen. „40-mal hat der Patient aufgehört, zu atmen“, erklärt Prof. Krüger, hebt seine buschigen Augenbrauen und weist auf eine Linie in der Mitte des Blattes hin. „Sehen Sie, wie die Sauerstoffsättigung absinkt? Der Körper stand die ganze Nacht unter Stress. Wie soll er sich da erholen?“ Eine rhetorische Frage.

Je stärker wir Schlaf herbeisehnen, desto seltener stellt er sich ein
Rund 1500 solcher Ausdrucke werten Krüger und sein Team jedes Jahr aus. Es verbringen also etwa 125 Patienten pro Monat eine Nacht im Schlaflabor im vierten Stock des Krankenhauses Bethanien in Hamburg-Eppendorf, das es seit 1995 gibt. Zuvor war Krüger Chef-Internist einer anderen Klinik. Als die Schlafmedizin immer wichtiger wurde, sattelte er um. Inzwischen hat er das Rentenalter erreicht. Doch die Frage, was zwischen Wachen und Träumen geschieht, lässt ihn nicht los. „Es ist noch viel zu tun.“ Er meint die Forschung. Sie hat viel darüber herausgefunden, was nachts in uns passiert. Aber fast genauso viel liegt buchstäblich noch im Dunkeln.

„Ohne Computer wären wir längst nicht so weit“, meint Krüger. Pro Patient und Nacht fällt eine Datenmenge an, die ein Buch mit 900 DINA4- Seiten füllen würde. Ausgewertet wird sie von einem handelsüblichen PC. Atmung, Herzschlag, Gehirnaktivität, Muskelzuckungen, Beinbewegungen, Sauerstoffsättigung – all diese Daten werden gespeichert und aus den neun „Schlafzimmern“ der Station auf verschiedene Bildschirme in einem engen Kontrollraum übertragen. Hier kommen auch die Bilder der Restlichtkameras an, die alle Schlafenden filmen. Für Krüger und sein Team sind diese Aufnahmen Routine. Finden es die Patienten nicht merkwürdig, sich am nächsten Tag selbst beim Träumen beobachten zu können? „Nein“, sagt der Experte nach kurzem Nachdenken. „Sie sind erstaunt und häufig erleichtert darüber, dass sie tatsächlich schlafen.“

Denn bis zu diesem Moment sind viele Betroffene überzeugt, dass sie es nicht tun. „Diese Fehlwahrnehmung verschärft Ein- und Durchschlafprobleme noch“, erklärt Prof. Krüger. „Sie kann zu einer regelrechten Aversion gegen den Schlaf führen.“ Je stärker die Gedanken um ihn kreisen, desto seltener stellt er sich ein und umso größer wird die Abneigung. Ein Teufelskreis, der nicht selten dazu führt, dass Patienten regelrecht verlernen, zu schlafen.

So war es auch bei Helene Schwarz aus Limburgerhof bei Mannheim. „Trotzdem fand ich es schwierig, fast peinlich, zum Arzt zu gehen“, sagt die 55-jährige Erzieherin. „Ich wollte es allein schaffen.“ Doch je länger der Schlaf gestört ist, desto schwieriger wird es, sich aus eigener Kraft dagegenzustemmen. Deshalb gilt bei dem Kölner Schlafmediziner Dr. Michael Feld die sogenannte „Dreier-Regel“: Wer innerhalb von drei Wochen in drei oder mehr Nächten pro Woche drei Stunden oder länger wach liegt, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Insomnien, so der Fachbegriff, können körperliche Ursachen haben. Auch das sollte medizinisch abgeklärt werden. Außer Atemaussetzern rauben chronische Schmerzen, unruhige Beine, das sogenannte Restless-Legs-Syndrom, oder Probleme mit der Schilddrüse den Schlaf. Vor allem aber ist es der Kopf, der nicht zur Ruhe kommen will.

Schlaflos durch Stress und Angst

Wir leben losgelöst vom Tag-Nacht-Rhythmus und sind ständig auf Sendung

Im aktuellen Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten- Krankenkasse (DAK) in Hamburg gab fast jeder zweite Erwerbstätige an, dass er in den vergangenen drei Monaten zumindest manchmal nicht einoder durchschlafen konnte. Hauptursache mit über 64 Prozent: Stress, Belastungen, Sorgen und Ängste. „Und die werden riesengroß, wenn man nachts wach liegt“, weiß Helene Schwarz.

Besser schlafen

Schlummer-Menü: Zwischen Abendessen und Schlaf sollten 2–3 Stunden liegen. Ideal sind Geflügel, Eier, Käse, Quark und Gemüse.

Sport: „Er wirkt am besten, wenn man acht Stunden vor dem Einschlafen 60 Minuten Ausdauersport macht“, rät Prof. Krüger.

Fast-Träume: Um zur Ruhe zu kommen, hilft es, sich an schöne Erlebnisse zu erinnern, z. B. den letzten Sommerurlaub. „Es müssen aber echte Erinnerungen sein“, sagt Krüger.

Heiß & kalt: Ein heißes Bad regt „Einschlaf-Neuronen“ an und heizt den Körper etwas auf. Deshalb kühlt er sich danach automatisch ab – das perfekte Einschlafsignal.

Dunkel, kühl und ruhig sollte das Schlafzimmer sein. 14–18 °C sind ideal. „Ohrstöpsel und eine Schlafbrille schließen den Kopf ab“, empfiehlt Prof. Krüger.

Gedanken stoppen: Gibt der Kopf länger als 15 Minuten keine Ruhe, aufstehen und die Gedanken bei Schummerlicht aufschreiben. „Das hilft, sie loszuwerden“, sagt Dr. Feld.

Rhythmus & Rituale: Möglichst immer zur selben Zeit ins Bett gehen und aufstehen. Mit einem Schlaftee oder heißer Milch mit Honig können Sie den Tag bewusst beenden.

Lichtduschen: „Machen Sie es morgens hell, gehen Sie jeden Tag raus“, rät Prof. Krüger. „Das fördert abends das Schlafbedürfnis.“

Trotzdem ist bei vielen Betroffenen noch Platz für einen weiteren Ruheräuber im Kopf. „Wir leben heute losgelöst vom Tag-Nacht-Rhythmus, sind quasi immer auf Sendung“, sagt Feld. „Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird schwieriger. Außerdem arbeiten die meisten nur mit dem Kopf, nicht mit den Muskeln. Es kommt zu einer Entkopplung von Körper und Geist.“ Um in den Schlafmodus umzuschalten, braucht unsere innere Uhr jedoch das Gegenteil. „In jeder Zelle von uns stecken Uhr-Gene, die auf den Wechsel zwischen Nacht und Tag angewiesen sind“, so der Allgemeinmediziner. „Hinzu kommt: Wer schlecht geschlafen hat, ist tagsüber müde und wird grundsätzlich als nicht belastbar wahrgenommen. Das setzt Schlaflose noch stärker unter Druck.

“ Es ist die Angst vor dem nächsten Tag. Davor, nicht mithalten zu können. „Das sind keine Einzelfälle. Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit.“ Doch während die gesetzlichen Krankenkassen bei Patienten mit Atemaussetzern den Aufenthalt im Schlaflabor erstatten, müssen Insomniker ihn selbst zahlen. „Die Betreuungs-Decke ist dünn“, bemängelt Feld. Gerade Hausärzte wüssten häufig zu wenig über das Thema Schlaf. „Es müsste in die Ausbildung von Allgemeinmedizinern aufgenommen werden.“ Auch bei Andrea Oertel aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg war es so, dass sie ihren Internisten auf die richtige Diagnose stoßen musste. „Ich hatte etwas über das Restless-Legs-Syndrom gelesen und fragte ihn: Kann es das sein?“, erzählt die 43-Jährige. Ein krampfartiges Ziehen in den Beinen quälte sie jahrelang, das Entspannen und Einschlafen fast unmöglich machte. Ihr Arzt bestätigte ihre Vermutung.

Frauen sind öfter betroffen, weil sie sich um mehr Dinge Gedanken machen

„Frauen lassen sich bei Schlafstörungen generell eher helfen“, sagt Prof. Krüger auf dem Weg in eines seiner „Schlafzimmer“ in Hamburg. „Sie sind aber auch öfter betroffen, weil sie sich um viel mehr Dinge Gedanken machen und so mehr Probleme mit ins Bett nehmen.“ Insofern ist die reine Männergruppe, die gerade im Wartebereich sitzt, eher untypisch. „Im Erstgespräch heißt es dann oft: ,Meine Frau sagt, dass ich schnarche’“, erzählt Krüger im Vorbeigehen und schiebt die Tür von Patientenzimmer Nr. 2 auf.

Das Bett sieht gemütlich aus, die Geräte und Gurte, die an der Wand am Kopfende hängen, weniger. „Diese Kontakte sind aus Gold“, sagt Krüger und greift ein Bündel Kabel, durch die später die Hirnströme des Patienten weitergeleitet werden. Eine gute halbe Stunde dauert es, bis alle Sensoren korrekt sitzen. Kann man so „verkabelt“ überhaupt schlafen? „Es gibt natürlich einen Erste-Nacht-Effekt“, so Krüger. „Aber einige schlafen hier auch das erste Mal wieder richtig gut.“ Er hängt die Kabel zurück. „Das zeigt uns, dass eine Insomnie eher psychische Auslöser hat. Diese Patienten empfinden das Schlaflabor als Entlastung.“

Die nächste Nacht verbringen sie jedoch wieder im eigenen Bett. Wer hilft ihnen dann? „Wir bieten allen Betroffenen unsere Schlafschule an“, sagt Krüger und öffnet die Tür zu einem großen, lichtdurchfluteten Seminarraum. Hier lernen die Patienten, mit Entspannungsübungen das Gedankenkarussell anzuhalten. Sie erfahren, dass es normal ist, mal nachts wach zu werden, da der Mensch von Natur aus eigentlich nur zwischen 21 und 24 Uhr und von zwei Uhr morgens bis Sonnenaufgang auf Schlaf programmiert ist. Und, dass schlaflose Nächte zum Leben dazugehören nicht gleich dick, dumm und krank macht. Es gibt Einzel- und Gruppengespräche und viele Tipps, wie sich der sogenannte Schlaf-Druck erhöhen lässt.

Viele Krankenkassen erstatten inzwischen die Kosten für neun Unterrichtsstunden. Beim Schlaf kommt es nicht auf die Quantität, sondern die Qualität an „Wir wollen den Teilnehmern klarmachen, dass es beim Schlaf nicht auf Quantität, sondern die Qualität ankommt“, sagt Krüger. „Vier Stunden Schlaf sind in Ordnung, wenn man sich fit und erholt fühlt. Es gibt keine Vorschrift, acht Stunden schlafen zu müssen.“ Allein dieses Wissen ist häufig wirksamer als jede Tablette. Ein Fragebogen, den die Schlafschüler einige Wochen nach dem Seminar ausfüllen, belegt das. „80 Prozent sagen, dass sie davon sehr profitiert haben“, erzählt Krüger, zufrieden darüber, dass sein Team so vielen Schlaflosen helfen kann. Die nächsten warten schon. „Der Schlaf ist das zweite Leben eines Menschen.“

Schlafen neu lernen

»Die Therapie war hart. Aber ich lernte wieder zu schlafen«

Helene Schwarz, 55, aus Limburgerhof litt viele Jahre unter Ein- und Durchschlafstörungen „Es fing an, als bei mir eine banale OP anstand. Ich hatte aber solche Angst vor der Narkose, dass ich nicht mehr einschlief. Wenn du wieder arbeitest, hoffte ich, hört das wieder auf. Aber es blieb so. Ich lag nachts stundenlang wach. Man guckt zum Wecker: halb drei, halb vier. Schrecklich! Ich fing an zu grübeln, wusste nicht mehr, wie ich den nächsten Tag überstehen sollte. Ich wollte nur noch schlafen. Müdigkeit macht empfindlich und reizbar. Ich weinte viel, hatte keine Kraft mehr. Mein Mann wollte mir helfen. Aber wie? Ich spürte, dass Clarissa und Hendrik, unsere Kinder, dachten, dass sie schuld an meiner Schlaflosigkeit wären. Das machte es noch schlimmer. Nach einigen Wochen ging ich zum Hausarzt. Das war mir fast peinlich. Ich sah das nicht als Krankheit. Mein Hausarzt schon. Er nahm mich sehr ernst und führte viele Gespräche mit mir. Ich bekam ein Antidepressivum, wollte aber eigentlich keine Pillen nehmen. Ich hatte Angst, abhängig zu werden. Das Mittel half auch nicht.

Mein Neurologe war es schließlich, der mir riet, in ein Schlaflabor zu gehen. Als ich dort ankam, traf mich der Schlag. Da saßen nur Schlaf-Apnoe-Patienten, die sich einen Film über Atemmasken ansahen. Das wollte ich nicht! Im Gespräch am nächsten Morgen hörte ich dann, dass ich verlernt hätte, zu schlafen. Ich sollte vier Wochen in eine psychosomatische Klinik. Das war der nächste Schock. Ich bin nicht verrückt, dachte ich. Am Ende ging ich. Schlimmer konnte es nicht werden. Die Therapie war hart. Ich blieb bis zwei Uhr morgens wach und stand um sechs Uhr wieder auf. Aber: Es half. Ich lernte wieder, zu schlafen. Sah ein, dass ich nicht alles 100-prozentig machen muss, Zeit für mich brauche. Es fiel mir schwer, aber ich gab meine Ehrenämter auf. Ich lernte auch, negative Gedanken bewusst mit schönen Bildern an der Schlafzimmertür zu stoppen. Mein Wissen gebe ich heute in einer Selbsthilfegruppe weiter.“

»Kein Arzt wusste Rat. Dann zweifelt man schon an sich selbst«

Andrea Oertel (43) aus Henstedt-Ulzburg kam wegen ihrer unruhigen Beine nie zur Ruhe „Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht früher Hilfe gesucht habe. Aber ich renne nun mal nicht mit jedem Schnupfen zum Arzt. Ich glaube, mein Restless-Legs-Syndrom (RLS) fing nach meinen beiden Schwangerschaften an. Genauer kann ich es nicht sagen. Es verlief schleichend. Am Ende wanderte immer ein krampfartiges Ziehen von unten in die Beine, sobald ich entspannt sitzen oder schlafen wollte. Dann musste ich mich bewegen. Lange Autofahrten waren kaum möglich. Vor drei Jahren flogen wir in die Karibik. Auf dem Rückflug ging ich im Flieger fast ununterbrochen auf und ab. Es war die Hölle. ,Sei nicht so hibbelig’, sagten auch meine Kollegen oft zu mir. Das war unangenehm. Denn das bin ich nicht! Ich hätte gern still gesessen. Ich fühlte mich auch nie ausgeschlafen. Kein Arzt konnte mir helfen. Da zweifelt man an sich selbst. Vor zweieinhalb Jahren las ich dann einen Artikel über RLS und fragte meinen Arzt: ,Kann es das sein?’ Er verordnete mir Tabletten und sagte: ,Wenn die helfen, ist es das.’ Ich hatte recht. Seitdem geht es mir besser. Ich nehme den gleichen Wirkstoff wie Parkinson-Patienten, muss regelmäßig meine Blutwerte prüfen lassen. Aber das ist es mir wert. Vielleicht können wir ja noch mal in die Karibik fliegen. Das wäre schön.“

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