6. Oktober 2016
Vererbte Krankheiten von der Mutter

Vererbte Krankheiten von der Mutter

Ob die Tochter vererbte Krankheiten in sich trägt, klären oft schon simple Fragen innerhalb der Familie. Teils besser als ein Gentest. Selbst ein erhöhtes Risiko muss nichts heißen. Denn Sie können selbst etwas tun: gegensteuern!

Vererbte Krankheiten von der Mutter
© wundervisuals/iStock
Vererbte Krankheiten von der Mutter

Wie Bücher in einer Bibliothek sind unsere Erbinformationen in jeder Zelle fein säuberlich einsortiert. Da stehen 46 dicke Bände – die Chromosomen. Ihre Kapitel sind die Gene, mehr als 30 000. Manchmal taucht in einem Kapitel ein „Druckfehler“ auf. Es entsteht ein mutiertes Risiko-Gen, das eine Schlüsselrolle bei der Krankheitsentstehung spielen kann. Z. B. bei Brustkrebs oder einer Allergie. Doch erhöht ein einziger Fehler im Gen-Code das Risiko meist nur leicht. Erst bei mehreren steigt es merklich. Risiko-Gene können innerhalb einer Familie vererbt werden, etwa von der Mutter auf die Tochter. Meist stellt sich mit 45, 50 Jahren die Frage, ob es auf einen zutrifft. Doch es besteht zum Glück nur bei 4–10 Prozent ein Wiederholungsrisiko.

Noch eine gute Nachricht: Die Forschung hat herausgefunden, dass mutierte Gene durch einen gesunden Lebensstil ausgeschaltet werden können. Um das Risiko zusätzlich zu reduzieren, kann eine genetische Untersuchung klären, ob eine Gefährdung vorliegt. Dafür erstellt ein Humangenetiker für die Patientin ein Risikoprofil. Sie erfährt, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie eine Erkrankung bekommen wird. Und der Facharzt entwickelt ein individuelles Früherkennungsprogramm, das z. B. empfiehlt, wie oft sie zu einer Darmspiegelung gehen sollte. vital erklärt, bei welchen Krankheiten das möglich ist, wann eine genetische Beratung Klarheit bringt, welcher Lebenswandel schützt. Und welche Fragen an Mutter, Oma oder Schwester bei der genetischen Spurensuche helfen.

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Vererbte Krankheiten: MYOME

„Hatten Oma und du mit einer starken Regel zu tun?“

  • Ihr Risiko Die gutartigen Wucherungen in der Gebärmuttermuskulatur schieben nicht nur Östrogen, sondern auch eine erbliche Disposition an: Die Töchter von Müttern mit Myomen haben ein 3-mal höheres Risiko.
  • Wichtige Checks Bei einer ständig starken Periode zeigen Tastuntersuchung und vaginale Sonografie beim Gynäkologen, ob Myome vorliegen.
  • Das schützt Sie Neueste Studien zeigen, dass Übergewicht das Myom-Risiko bis zu verdreifacht. Ideal: ein BMI von 20 bis 25; lieber Huhn oder Pute, statt Rind und wenig Wurst essen, dafür aber viel grünes Gemüse.
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Vererbte Krankheiten: HERZSCHWÄCHE

„Hat Oma eigentlich, genau wie du, heimlich Herzpillen genommen?“

  • Ihr Risiko Es existiert eine genetische Veranlagung für primäre Herzinsuffizienz. Eine Studie des Karolinska Instituts, Stockholm: Hat die Mutter dieses Herzmuskelleiden, erbt die Tochter ein Risiko von 43 Prozent.
  • Wichtige Checks Auch bei nur einem Fall von Herzschwäche in der Familie sollten Verwandte ersten Grades auch ohne Beschwerden alle zwei Jahre zum EKG und Herz-Ultraschall, rät die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie.
  • Das schützt Sie 150 Minuten pro Woche Schwimmen oder Walken, 3-mal pro Woche Kaltwasserfisch mit viel Omega-3-Fettsäuren wie Lachs, Makrele, täglich 3 EL Olivenöl essen, den Bauchumfang wenn möglich unter 80 cm halten.
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Vererbte Krankheiten: GRÜNER STAR

„Warum nimmst du seit ich denken kann ständig Augentropfen?“

  • Ihr Risiko Hat eine Verwandte ersten Grades (z. B. Mutter, Schwester) ein Glaukom, ist das Risiko etwa um das 6-Fache erhöht. Weitere Faktoren: Alter über 40, starke Kurzsichtigkeit.
  • Wichtige Checks Ab 40 alle zwei Jahre Augeninnendruck und Sehnerv checken, bei Gesichtsfeldeinschränkung und blindem Fleck gleich zum Arzt gehen.
  • Das schützt Sie Laut einer aktuellen US-Studie vom Januar 2016 senkt Grünkohl das Risiko um 28 Prozent, grünes Blattgemüse wie Spinat, Mangold, Rucola oder Feldsalat um 18 Prozent. Ihr Nitratgehalt verbessert den gestörten Abfluss des Kammerwassers.
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Vererbte Krankheiten: KRAMPFADERN

„Hast du nach langem Sitzen oder Stehen öfter dicke Knöchel?“

  • Ihr Risiko Die Ursache Bindegewebsschwäche ist zwar laut Deutscher Venen- Liga zu 17,2 Prozent familiär gehäuft. Es gibt aber keine Genmutation.
  • Wichtige Checks Sind die Knöchel abends geschwollen, nerven nachts Wadenkrämpfe, sollte ein Phlebologe eine Venenfunktions-Diagnostik (z. B. Doppler-Sonografie) machen. Erst recht bei sichtbaren Krampfadern, Besenreisern.
  • Das schützt Sie Öfter die Beine hochlegen, am Schreibtisch alle 30 Minuten mit den Füßen wippen, Kompressionsstrümpfe (erhältlich in Apotheken) tragen, kalte Wadengüsse oder Wassertreten, Verstopfung vermeiden.
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Vererbte Krankheiten: BRUSTKREBS

„Hatte Oma nicht mal eine Brust-OP, als du ein junges Mädchen warst?“

  • Ihr Risiko Bei nur 5 Prozent liegt eine vererbte Gen-Mutation vor – von Mutter auf Töchter auf Enkelinnen. In diesen Hochrisiko-Familien liegt die Brustkrebs-Gefahr bei 80 Prozent, die für Eierstockkrebs bei 40 Prozent, vor allem wenn Tumoren im Alter unter 50 auftreten.
  • Wichtige Checks Bei Risiko-Patientinnen ab 25 alle 6 Monate Tastuntersuchung von Brust und Eierstöcken, Ultraschall der Brust, alle 12 Monate MRT, ggf. Mammografie, genetische Beratung, evtl. Gentest.
  • Das schützt Sie Das Deutsche Krebsforschungszentrum rät: 3-mal pro Woche 30 Minuten Radeln, das senkt das Risiko um ein Drittel; pro Woche höchstens zwei Gläser Wein trinken.
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Vererbte Krankheiten: ALLERGIEN

„Wie sieht es bei Papa und dir mit einer Allergie aus?“

  • Mein Risiko Sind beide Eltern allergisch, liegt das Risiko für die Kinder bei 50 bis 60 Prozent, so der Deutsche Allergie- und Asthmabund. Haben beide die gleiche Allergie, bei 60 bis 80 Prozent.
  • Wichtige Checks Ob eine Allergie vorliegt, welche Allergene (z. B. Pollen) sie auslösen, zeigen z. B. Inhalations-, Haut- Tests. Im Blut können Antikörper einer Allergie-Reaktion gemessen werden.
  • Das schützt Sie Eine Hyposensibiliserung bekämpft die Ursache, verhindert den „Etagenwechsel“ in die Bronchien. Ob per Spritze oder Tablette: Allergene werden immer höher dosiert, um den Körper an den Auslöser zu gewöhnen.
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Vererbte Krankheiten: DARMKREBS

„Wurden bei dir schon mal Darmpolypen entdeckt?“

  • Mein Risiko Haben die Ärzte diese Krebsvorstufe gefunden und sind schon ein weiteres Familienmitglied und von ihm ein Verwandter ersten Grades (z. B. Eltern, Geschwister) an Dickdarmkrebs erkrankt, liegt eine erbliche Genveränderung vor – wie bei jedem 20. Darmkrebspatienten. Das Risiko, selbst zu erkranken, steigt auf bis zu 80 Prozent, gleichzeitig das für ein Karzinom in der Gebärmutter auf 60 Prozent.
  • Wichtige Checks Aufschluss gibt eine genetische Beratung plus ein Gentest. Bei Vorbelastung jährlich zur Darmspiegelung gehen – bei Verwandten ersten Grades 10 Jahre vor dem Alter, in dem sie erkrankt sind (auch an Polypen).
  • Das schützt Sie Viel Getreide und Hülsenfrüchte aber wenig rotes Fleisch essen, täglich zwei Tassen Kaffee trinken. Laut niederländischer Studie verringert ASS die Bildung von Polypen, vor allem ab dem 50. Lebensjahr (täglich 75 mg unter ärztlicher Kontrolle nehmen).
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Vererbte Krankheiten: NEURODERMITIS

„Hattest du eigentlich immer schon so raue, schuppige Knie?“

  • Ihr Risiko Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Risiko bei 20 bis 40 Prozent. Vererbt wird aber nur die Veranlagung. Ob und wann Neurodermitis ausbricht, hängt von weiteren Faktoren ab, insbesondere von Umwelteinflüssen.
  • Wichtige Checks Blutuntersuchung (auf Immunglobulin E), Hauttest für eine starke Immunreaktion auf Allergene.
  • Das schützt Sie Verhindert Schübe: Haut mit pH-neutralen Syndets ohne Zusatzstoffe reinigen, mit rückfettendem Nachtkerzenöl einreiben, Wäsche mit Weichspüler soften (ohne Konservierungs-, Duftstoffe), täglich 20 Min. Progressive Muskelentspannung, viel Fischöl essen z. B. Thunfisch, Sardine, Aal.
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Vererbte Krankheiten: DEPRESSIONEN

„Sag mal, Mama, warum ziehst du dich manchmal so still zurück?“

  • Ihr Risiko Depressionen treten familiär gehäuft auf. Sind Verwandte ersten Grades betroffen, liegt die Gefahr für eine Depression bei 15 Prozent. Auslösefaktoren: belastende Ereignisse (z. B. Trennung, Jobverlust), auf die Betroffene sensibler als andere reagieren.
  • Wichtige Checks Bei anhaltender innerer Leere, Traurigkeit, Angstgefühlen, Schlafproblemen kann ein Psychiater oder Neurologe anhand eines standardisierten Fragebogens (z. B. WHO), eventuell auch mit einer Stresshormon-Bestimmung, eine Depression diagnostizieren.
  • Das schützt Sie Stresshormone mit Achtsamkeitsmeditation niedrig halten, 3- bis 4-mal pro Woche 15–20 Min. Sport treiben, z. B. auf dem Laufband oder Fahrradergometer. Täglich 7–8 Stunden Schlaf einhalten, realistische To-do-Liste schreiben (schützt vor Überforderung), viel Magnesium (Soja, Bohnen), Folsäure (Avocado, Linsen) essen.
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Vererbte Krankheiten: ANDROGENETISCHER HAARAUSFALL

„Wann hast du gemerkt, dass deine Haare dünner werden?“

  • Ihr Risiko Bei 80 Prozent der Frauen wird der Kopf im Scheitel- und Wirbelbereich wegen einer genetischen Veränderung des Follikels kahl. Sie wird mit einem doppelt so hohen Risiko von der Mutter auf die Tochter weitergereicht.
  • Wichtige Checks Machen sich über 3–4 Wochen pro Tag mehr als 100 Haare dünne, ab in die Haarsprechstunde. Dermatologen checken Vitalstoff- oder Hormonmangel, machen Kopfhaut-und Haarwurzel-Analyse.
  • Das schützt Sie Haare brauchen Aminosäuren, Eiweiße, B-Vitamine, Eisen, Zink. Das liefern Nüsse, Pflanzenöle, Gerste, Kartoffeln, Pilze, Petersilie, Brokkoli, Naturjoghurt, Trockenfrüchte. Medizinisch wirksam: Tinktur oder Schaum mit Minoxidil (in Apotheken).
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Die Geheimsprache der Risiko-Statistik

Um 70 Prozent höher, 3-mal größer ... Aussagen wie diese machen erst mal Angst, sind aber meist gar nicht so schlimm. Wir erklären, was hinter den Zahlen steckt

Statistische Zahlen über Krankheitsrisiken sind schwer einzuordnen. Die allermeisten von uns lassen sich von ihnen schnell hinters Licht führen und fühlen sich verunsichert. Vor allem hohe Prozent- oder Vergleichszahlen wie z. B. „um 100 Prozent erhöht“ oder „doppelt so häufig“ lassen ein enorm angestiegenes Erkrankungsrisiko vermuten. Was bedeutet das aber nun genau? Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den Unterschied zwischen relativen und absoluten Zahlen an dem Beispiel von eben: Eine Studie ergibt, dass eine von 5000 Frauen eine bestimmte Krankheit bekommt. In der Folgestudie erkranken zwei von 5000: Doppelt so viele. Das klingt beängstigend, keine Frage. Doch in absoluten Zahlen ausgedrückt, ist es eben von 5000 Frauen nur eine mehr. Und das entspricht einer absoluten Steigerung von 0,02 Prozent auf 0,04 Prozent. Ebenfalls eine Verdoppelung, doch die Panik bleibt aus. Beide Zahlen, die absolute wie die relative, sollten Sie bei der Risikobetrachtung berücksichtigen. Lassen Sie sich aber von diesem Zahlen-und Begriffs-Wirrwarr nicht verrückt machen, sondern fragen Sie im Zweifel Ihren Arzt nach seiner fachlichen und sachlichen Einschätzung. Verstehen Sie die Werte lieber als das, was sie in Wirklichkeit sind: Ihre große Chance, das Leben so umzukrempeln, dass Sie die bekannten Risikofaktoren so gering wie möglich halten können.

MEINE GENE, DEINE GENE

Eine DNA-Analyse ergibt vor allem dann Sinn, wenn eine Erbkrankheit auf der Mutation eines einzigen Gens beruht (z. B. BRCA1, Brustkrebs). Der Gentest z. B. aus Speichel zeigt die Wahrscheinlichkeit an, zu erkranken oder das Gen weiterzuvererben. Meist zahlen die Kassen.

SICHER IST SICHER

In einem ca. 1-stündigen Gespräch (Kassen zahlen meist) erheben Humangenetiker eine Familienanamnese, erstellen einen Gen-Stammbaum über vier Generationen, errechnen das Erbrisiko. Ist es hoch, bieten sie eine Gen-Untersuchung an, planen Ihre persönliche Vorsorge.

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