13. Juni 2013
Ständig in Bewegung

Ständig in Bewegung

Es ist nicht bloß eine Kinderkrankheit: Drei von hundert Erwachsenen leiden darunter, ein „Zappelphilipp“ zu sein. Deutsche Forscher testen jetzt neue Therapien gegen ADHS. VITAL begleitete eine Betroffene.

Auf dem Stuhl zappeln
© Barbara von Woelwarth
Auf dem Stuhl zappeln

Nihal Acikdüsün sitzt in der Küche. Sie ist noch ein Kind. Ihre Mutter hat Reis auf den Tisch geschüttet. Unzählige kleine Körner. Damals, in den 1970er-Jahren, noch durchsetzt mit ungenießbaren Schmutzpartikeln. Nihal soll sie aussortieren wie Aschenputtel.
Als die heute 38-Jährige davon erzählt, sitzt sie wieder an einem Küchentisch. Er steht im Fachbereich Psychologie an der Universität Tübingen. Mitarbeiter und Studierende kommen hier zusammen, kochen sich Tee oder Kaffee und tauschen sich aus. Durch große Fenster geht der Blick in den Innenhof.

Ein langer Weg zur Diagnose

„So wollte meine Mutter mich ruhiger machen“, sagt Nihal Acikdüsün. Das Reis-Ritual war keine Strafe, sondern der laienhafte Therapieversuch einer ratlosen Mutter. „Eine kleine türkische Frau mit Kopftuch“, erzählt Nihal Acikdüsün liebevoll. „Meine arme Mutter. Neulich sagte sie zu mir: ‚Nihal, wenn es diese Diagnose gegeben hätte, als du klein warst, wärst du die ADHS- Königin gewesen.‘“
Aber es gab sie nicht. In den 70ern war die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung in Deutschland unbekannt. Erst recht in Gammertingen auf der Schwäbischen Alb, wo die kleine Nihal aufwuchs. Erst im September 2012 hat die gelernte Friseurin erfahren, dass sie ein „ADSler“ ist.

ADHS - auch bei Erwachsenen

Das betrifft hierzulande insgesamt etwa drei von hundert Erwachsenen. „Für mich war die Diagnose eine Erleichterung“, sagt Nihal Acikdüsün. „Auf einmal hatte ich die Antwort auf ganz, ganz viele unbeantwortete Fragen.
Endlich hatte das Ganze einen Namen.“ Jahrelang spürt sie, dass sie „anders“ ist als andere, fühlt sich angetrieben von einer inneren Unruhe, die sie nicht kontrollieren kann. Zum Arzt oder zu einem Psychologen geht sie aber nicht: „Ich hatte lange Angst vor einer negativen Diagnose. Ich wollte nicht in irgendeine Schublade gesteckt werden.“

ADHS in der Familie

Dann, vor zehn Jahren, bekommt sie ihren Sohn Cen – und hat immer stärker das Gefühl, dass sich bei ihm ihre eigene Geschichte wiederholt. „Er zeigte kaum Feinmotorik, konnte sich nicht konzentrieren, nie still sitzen. Schon morgens beim Frühstück gab es ,Zappel-Theater’, und regelmäßig flog etwas um“, erzählt Nihal Acikdüsün rückblickend.
„So wie bei mir.“ Als Cen in die Schule kommt, wird es noch schlimmer. Seine Mutter sieht, wie er leidet. „Er ist ja nicht dumm. Er wollte ja lernen, ruhig in der Klasse mitarbeiten. Aber er schaffte es nicht.“ Nihal Acikdüsün bittet die Kinderärztin um Hilfe, die sich am Ende sicher ist: Cen hat ADHS.
„Das war ein Schock. Es hat mir Angst gemacht“, erinnert sich Nihal Acikdüsün.

Nihal Acikdüsün
© Barbara von Woelwarth
„Ich hätte im Leben mehr erreichen können. Das macht mich ab und zu traurig." Nihal Acikdüsün

Mit der Krankheit leben lernen

Ihr Sohn bekommt Ergotherapie verordnet. Aber das ist noch nicht alles: „Die Kinderärztin sagte zu mir: ,Lassen Sie sich bitte auch testen.‘ Da war ich total verwirrt. Warum denn ich?“ Damals weiß sie noch nicht, dass ADHS zu 75 Prozent erblich bedingt ist. Sie geht zu einem Psychologen, das Ergebnis fällt eindeutig aus: Auch sie hat ADHS. Seit ihrer Kindheit. „Cen hat es dann wohl von mir“, sagt Nihal Acikdüsün.
„Seit ich das weiß, kann ich besser damit umgehen.“ Der Zufall will es, dass bei jenem Psychologen, der mit ihr das Puzzle zusammensetzt, eine Broschüre der Universität Tübingen ausliegt. Für eine Studie, in der zwei neue Therapien für Erwachsene mit ADHS untersucht werden sollen, werden Testpersonen gesucht. Nihal Acikdüsün meldet sich.

Die Forschung geht weiter

Seitdem fährt sie zweimal in der Woche mit dem Auto nach Tübingen. Heute stand sie im Stau. „Das war natürlich eine Supersache für mich“, witzelt Nihal Acikdüsün voller Ironie, während sie vor einem Computer Platz nimmt. Diplom-Psychologin Eva Wiedemann hilft ihr beim Aufsetzen einer weißen Kappe. Deren eingebaute „Fühler“ erfassen Nihal Acikdüsüns Hirnströme und leiten sie über allerlei Kabel zum Rechner. Eine Stunde lang wird Nihal Acikdüsün nun auf den Monitor gucken. In dessen Mitte, vor blauem Hintergrund, steigen weiße Luftblasen auf. Am Rand stellt die Software in Echtzeit Hirnwellen von Nihal Acikdüsün dar, die sie steuern und unter festgelegten Schwellenwerten halten soll.

ADHS-Symptome behandeln

„Bei Menschen mit ADHS sind langsame Theta-Wellen, die bei tiefer Entspannung vorkommen, zu stark ausgeprägt“, erklärt Eva Wiedemann. „Schnelle Beta-Wellen, die sich bei konzentrierter geistiger Arbeit zeigen, sind vermindert.
Durch das Training soll Frau Acikdüsün lernen, dieses Muster zu verändern. So kann sie ihre ADHS-Symptome hoffentlich abschwächen.“ Bei Kindern, zeigen Studien, wirkt dieses „Neurofeedback-Training“. Ob das auch für Erwachsene gilt, wollen die Tübinger Forscher herausfinden.

Eva Wiedemann wird darüber ihre Doktorarbeit schreiben. „Der Lebenslauf von Frau Acikdüsün ist typisch. Viele unserer Teilnehmer haben Ähnliches erlebt“, so die 27-Jährige. „Als sie Kinder waren, war ADHS nicht populär. Sie galten schlicht als ,lebendiger‘.“ Es gab weder Medikamente noch Trainings.
Inzwischen ist bekannt: Werden betroffene Kinder nicht behandelt, bleiben die Symptome in 60 Prozent der Fälle auch nach der Pubertät bestehen.

Nihal und Eva
© Barbara von Woelwarth
Regelmäßig prüft die Psychologin Eva Wiedemann per Fragebogen, ob sich bei Nihal Acikdüsün durch das Training die ADHS-Symptome verändern.

Sind ADHS-Betroffene schlauer?

„Ich war sicher kein typisches türkisches Mädchen“, erzählt Nihal Acikdüsün nach dem Training. „Ich habe nie mit Puppen gespielt, sondern lieber mit den Jungs Fußball. Wenn denen schon die Puste ausging, wollte ich immer noch eine Runde mehr.“ Mit den Eltern, die 1971 aus der Türkei nach Deutschland kamen, und ihrer älteren Schwester Meral wohnte sie in unmittelbarer Nähe der Schule. „Allein schon morgens aufstehen“, erinnert sich Nihal Acikdüsün und schüttelt den Kopf. „Das, wofür andere Kinder morgens eine Stunde brauchen, habe ich immer in fünf Minuten gemacht. Alles gleichzeitig.“
Im Unterricht antwortet sie, bevor die Lehrerin die Frage zu Ende formuliert hat. Mitschülern fällt sie ständig ins Wort, beendet deren Sätze, weil ihr alles zu lange dauert. Bei Hausaufgaben erledigt sie das Nötigste, für Klassenarbeiten lernt sie nie. Trotzdem schließt sie die Hauptschule mit 1,7 ab. Vier weitere Jahre bis zum Abitur? Niemals! Reine Zeitverschwendung.

Sie wird Friseurin, zieht mit 18 zu Hause aus und danach 15 Mal um. Sie gründet spontan eine WG, löst sie wieder auf, schafft einen Hund an und wieder ab. Zeitweise hat sie vier Jobs parallel, arbeitet 70, 80 Stunden in der Woche.
Immer wieder gestaltet sie ihre Wohnung um. „Das hat mich glücklich gemacht“, sagt Nihal Acikdüsün. „Hielt aber nie lange an.“ Ähnlich verhält sie sich in Beziehungen. Beim kleinsten Anlass setzt sie Männer, die sie liebt, vor die Tür: „Ich habe zu wenig Geduld mit Menschen.“

Umso glücklicher ist sie, dass die Beziehung zu ihrem Freund Claus jetzt schon fünf Jahre hält. „Ich weiß, dass andere im Alltag auch viel organisieren müssen“, sagt Nihal Acikdüsün. „Aber die können abends abschalten. Ich nicht. Ich muss immer etwas tun. Ständig habe ich diese innere Unruhe.

Wann habe ich ADHS?

Nihal trainiert
© Barbara von Woelwarth
Zweimal in der Woche absolviert Nihal Acikdüsün ihr Neurofeedback- Training an der Uni Tübingen.

Verläuft hier die Grenze zwischen „gestört“ und „nicht gestört“? Bei kaum einer Krankheit lässt sich das so schwer sagen wie bei ADHS. Jeder ist mal unruhig, vergesslich, ungeduldig, unkonzentriert, impulsiv oder schiebt Dinge auf. Aber das wievielte Mal ist nicht mehr normal? Immer mehr Ärzte und Psychologen sprechen von einer Modediagnose, einer „Generation ADHS“. Laut „Arztreport 2013“, herausgegeben von der Krankenkasse Barmer GEK in Berlin, wurde 2011 bei 750 000 Deutschen ADHS neu festgestellt. Ein Anstieg um 42 Prozent seit 2006. Ebenfalls im Jahr 2011 wurden 56 Millionen Tagesdosen Methylphenidat („Ritalin“) verordnet. 2002 waren es „nur“ 17 Millionen. Ist das noch normal?

Nihal Acikdüsün kennt diese Diskussionen. Auch ihr Sohn Cen nimmt mittlerweile Ritalin. „Ich habe mich sehr, sehr schwer damit getan“, gesteht sie „Was wäre, wenn Cen jeden Tag Tabletten nehmen müsste, weil er herzkrank ist?“, fragt die Ergotherapeutin ihres Sohnes irgendwann. Danach willigt Nihal Acikdüsün ein: „Cen gefällt es auch nicht, dass er Pillen nehmen muss. Aber es geht ihm damit besser.“
Ihre Sorgen sind geblieben. „Der Druck auf die Kinder ist heutzutage unheimlich hoch“, sagt Nihal Acikdüsün. „Umso belastender finde ich es, dass Cen ADHS hat. Ich möchte ihn schützen.

Sie selbst will es jetzt ohne Medikamente schaffen. „Ich habe die Blasen schon im Kopf“, erzählt Nihal Acikdüsün zuversichtlich und meint die Luftblasen aus dem Neurofeedback-Training. Obwohl sie erst neun von dreißig Sitzungen absolviert hat, spürt sie schon eine Veränderung: „Wenn ich zum Beispiel mit Claus diskutiere
und merke, dass es in mir anfängt zu pochen, denke ich daran und werde wieder ruhiger.“ Sie muss lachen: „Ich kann mich sogar bei ihm entschuldigen. Damit kommt er gar nicht zurecht.“ Ein Spaß, in dem aber auch sehr viel Ernst steckt.

Nihal Acikdüsün schaut auf ihr Handy. Sie muss los. „Ich gehe mit meiner Diagnose nicht hausieren. Sie ist für mich keine Entschuldigung“, sagt sie, zieht eilig ihre Jacke an und greift nach der Handtasche. „Trotzdem steht man irgendwie ständig im Mittelpunkt, obwohl man es gar nicht will.“

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