15. September 2020
Multiple Sklerose, Parkinson & Co. – Therapie bei neurologischen Krankheiten

Multiple Sklerose, Parkinson & Co. – Hilfe bei neurologischen Krankheiten

Riechen, schmecken, sehen, fühlen – alle nötigen Impulse flitzen ständig auf dem Datenautobahnnetz unseres Nervensystems hin und her. Jeder Schaden beeinträchtigt die Lebensqualität. Doch die können wir pflegen und auch zurückerobern.

Frau mit Kopfschmerzen Migräne fasst sich an den Kopf
© pathdoc / Adobestock
Frau mit Kopfschmerzen Migräne fasst sich an den Kopf
Buchtipp: Wie ein Hirnschrittmacher sein Leben mit Parkinson positiv verändert, darüber berichtet Autor Christian Jung in seinem anregenden Buch: "Nochmal durchstarten", dtv, 17,90 Euro.

Verschwommenes Sehen, Doppelbilder, schmerzende Augenbewegungen – mit Symptomen wie diesen drückt Ihnen der Augenarzt wahrscheinlich eine Überweisung zur Neurologie in die Hand. Im ersten Moment denken Sie vielleicht, Moment, ein Psychiater? Doch das Fachgebiet beschäftigt sich mit den Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems. Netzartig durchziehen die Nervenbahnen den Körper. Sie steuern zusammen mit dem Gehirn unsere Bewegungsabläufe, Gefühlswelt und Sinne – ohne sähe das Leben düster aus. Daher fürchten wir die Diagnose einer unheilbaren neurologischen Erkrankung wie Multiple Sklerose (MS) oder Parkinson, die u. a. Sehstörungen oder Bewegungsprobleme mit sich bringt. Doch natürlich steckt nicht immer hinter solchen Symptomen gleich eine schwere Krankheit. Und falls doch können heute moderne Therapien den fortschreitenden Verlauf hinauszögern und nicht nur Beschwerden lindern. Je schneller aber die Therapie beginnt, desto besser die Erfolgsprognose.

Multiple Sklerose: bloß nicht täglich daran denken müssen

„Den Kopf nicht in den Sand stecken und eine positive Grundhaltung zur MS entwickeln“, dazu rät Neurologin Dr. Hela-F. Petereit ihren Patientinnen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig an der chronisch entzündlichen Autoimmunerkrankung wie Männer. Die Entzündungsherde schädigen irgendwo im Körper die Schutzhülle von Nervenfasern. Somit können verschiedenste Symptome, wie z. B. Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Kopfschmerzen, Muskel- oder Blasenschwäche auftreten. Experten unterscheiden drei Formen: Am häufigsten tritt die schubförmig remittierende (RRMS) auf. Sie geht im Laufe der Zeit oft in die SPMS (sekundär progrediente) über, die sich schublos kontinuierlich verschlechtert. Für die schwerste und seltensten Verlaufsform, der primär progredienten (PPMS), bei der der Abbau von Anfang an voranschreitet, existierte bis vor Kurzem keine Behandlungsmöglichkeit. Eine neue Antikörper-Therapie eignet sich endlich für alle drei Varianten.


Morbus Parkinson: alles zwischen Zittern und Starre

Bei den einen äußert sich die Erkrankung durch Zittern (Tremor), bei den anderen durch immer langsamer werdende Bewegungen (Rigor). Typisch bei Parkinson sind auch das maskenhafte „Pokerface“ und die schlurfenden Trippelschritte. Die früher als Schüttellähmung bezeichnete, fortschreitende neurologische Erkrankung, betrifft vor allem das Gehirn. Dopamin produzierende Nervenzellen im Mittelhirn sterben ab. Der Botenstoff steuert u. a. unsere Bewegungsabläufe. Medikamente gleichen den Dopamin-Mangel zunächst aus, lindern die Beschwerden. Physiotherapie und Bewegung, z. B. Tanzen oder Wassergymnastik, tragen dazu bei, die Lebensqualität lange aufrechtzuerhalten, wie Physiotherapeutin Prisca König-Sczyslo, selbst Betroffene, bestätigt. Schlagen Medikamente irgendwann nicht mehr an, kann im späteren Stadium ein implantierter Hirnschrittmacher (tiefe Hirnstimulation) für Besserung sorgen.
Buchtipp: Gewappnet gegen die nächste Migräne-Attacke – Autorin Sandra Rau gibt viele praktische Behandlungstipps, um die Schmerzen zu lindern: "Migräne und raus bist du!", Mainz, 12,80 Euro.

Notfall Schlaganfall: wenn jede Sekunde zählt

Bei einem Schlaganfall verstopft ein Blutgerinnsel (Thrombus) im Gehirn eine Arterie – Lebensgefahr! Dennoch gehört der Hirninfarkt zu den neurologischen und nicht zu den Gefäßerkrankungen. Ein halbseitig gelähmtes Gesicht, plötzliches Nuscheln – wählen Sie bei Symptomen wie diesen sofort den Notruf 112. Je schneller dann die „STROKE-Unit“, die Schlaganfall-Einheit im Krankenhaus, übernimmt, desto größer die Chancen, ohne neurologische Folgeschäden davonzukommen. Wo sie auftreten, hängt davon ab, in welcher Hirnregion die Bombe einschlägt, wie viele Nerven untergehen. Achten Sie auch auf neurologische Ausfälle, die innerhalb einer Stunde wieder verschwinden. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Warnsignal, das ebenfalls schnelles Handeln erfordert. Denn jede(r) zweite Betroffene einer solchen transitorisch ischämischen Attacke, kurz TIA, einer vorübergehenden Durchblutungsstörung im Gehirn, erleidet später mal einen Schlaganfall.

Migräne: Gewitter im Kopf gar nicht erst aufziehen lassen

Weil schmerzregulierende Systeme im Gehirn nicht funktionieren, liegen Menschen, die an Migräne leiden, mit meist einseitigen Kopfschmerzen regelmäßig komplett flach. Bis zu drei Tage lang, auch mit Übelkeit und Erbrechen. Jede kleinste Bewegung – undenkbar. Bitte kein Licht, kein Lärm. Anfälle kündigen sich teils mit einer Aura, d. h. einer Phase mit Seh- oder Sprachstörungen, an. Starke Medikamente helfen durchaus, doch mit zum Teil heftigen Nebenwirkungen bei häufiger Einnahme. Betroffene können Attacken allerdings vorbeugen, z. B. mit Entspannungsverfahren oder Ausdauersport. Ein Schmerztagebuch hilft, die persönlichen Auslöser, „Trigger“, wie etwa Wetterumschwünge, bestimmte Nahrungsmittel oder Stress, zu identifizieren und sich, wenn möglich, entsprechend vorsichtig zu verhalten.

Diabetes: Zu hohe Blutzuckerwerte schädigen die Nerven

Wenn bei Diabetes Beine und Füße kribbeln, sich taub anfühlen und Wunden nur schlecht heilen, zeugt das von einem länger schlecht eingestellten Blutzucker. Aber auch Vitamin-B1-Mangel, wie neue Studien zeigen, fördern diese Nervenschädigungen, Neuropathien. Erst entzünden sich die feinen Blutgefäße, dann springt der Funke auf die Nerven über. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie an Diabetes leiden. Doch als schwere Komplikation der Stoffwechselerkrankung kann deshalb neben dem Verlust des Augenlichts das diabetische Fußsyndrom drohen, bei dem chronische Wunden an den Füßen schlimmstenfalls eine Amputation erfordern. Lassen Sie also regelmäßig Ihre Blutwerte untersuchen. So schützen Sie auch Ihre wertvollen Nerven.
Auch interessant: Das sind die Symptome von Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2

Rat & Hilfe​

Früh erkennen und behandeln – etwa jeder dritte Mensch mit Diabetes leidet unter Nervenschäden, die unbehandelt zum diabetischen Fußsyndrom führen. Eine von der Deutschen Diabetes Stiftung DDG und Wörwag Pharma gegründete Aufklärungsinitiative bietet zahlreiche Informationen und Tipps, wie Sie Beschwerden richtig deuten, behandeln und letztlich Ihre Füße vor gefährlichen Folgen schützen (nai-diabetische-neuropathie.de).

Auf der nächsten Seite lesen Sie das Interview mit Neurologin Dr. Hela-F. Petereit über die Therapie bei MS >>

Datum: 15.09.2020
Autorinnen: Andrea Berning, Marnie Aschpurwis

"365 Tage therapiefrei" – Interview mit Neurologin Dr. Hela-F. Petereit

Über Dr. Petereit

Dr. Hela-F. Petereit, Fachärztin für Neurologie, Neurologische Labor- und Intensivmedizin. Sie lebt in Köln und behandelt seit ca. 25 Jahren MS-Patienten.

vital: Worauf zielt die Therapie bei MS ab?
Dr. Hela-F. Petereit: Verläufe verlangsamen bzw. stoppen und Schübe vermeiden. Denn keine neuen Schübe bedeuten auch keine neuen Symptome.

Wie gelingt das?
Statt Kortison bei akuten Schüben verabreichen wir vorbeugend Antikörper per Infusion. Es ist die einzige Möglichkeit, auch die schwere Form PPMS zu behandeln, denn die Therapie richtet sich gezielt gegen fehlgeleitete Immunzellen, wodurch Entzündungsprozesse der MS unterdrückt werden.

Ein großer Fortschritt.
Der Vorteil für Betroffene liegt auch darin, dass die Therapie nur zweimal im Jahr durchgeführt wird. An den restlichen 363 Tagen müssen sie nicht an die tägliche Tabletteneinnahme denken. Das erhöht die Lebensqualität enorm und ermöglicht ein aktiveres, freieres, unabhängigeres Leben.

Wie können Betroffene Schübe noch vorbeugen?
Zur Prophylaxe müssen sich Betroffene vor Infektionen schützen, die ja das Immunsystem aktivieren und damit das Schubrisiko erhöhen. Deshalb empfehle ich Impfungen, u. a. jährlich gegen die Grippe. Auch Sonnenbrände und starke Sonneneinstrahlung sind zu vermeiden, denn sie führen zu Entzündung in der Haut, die einen Schub begünstigen.

Was empfehlen Sie für den Alltag?
Soweit möglich, viel Bewegung, z. B. Ausdauersport, Yoga, gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Fisch und wenig Fleisch sowie eine hoch dosierte Vitamin-D-Einnahme, um das Immunsystem zu stärken. Wichtig: nicht den Mut verlieren, wenn die Diagnose kommt. Die Prognose ist heute besser. Und bei frühem Therapiebeginn sind eine Schubfreiheit und die Verlangsamung des Fortschreitens realistische Ziele.

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