1. Februar 2010
Knochenmarkspender gesucht!

Knochenmarkspender gesucht!

Zu ihrem Jubiläum wollte VITAL auch anderen die Chance auf noch viele schöne Geburtstage schenken. Deshalb ließen sich Redaktions-Kolleginnen als Knochenmarkspender registrieren. Um damit Menschen wie Sylvia Weiland zu helfen, die an Krebs erkrankte.

© olly - Fotolia.com

Ein verknackster Rücken – nicht angenehm, aber auch nicht wirklich schlimm“, das dachte Sylvia Weiland aus dem bayerischen Altenstadt, als ihr im Dezember 2003 die Wirbelsäule zu schaffen machte. Mit einem stützenden Nierengurt schleppte sich die damals 42-Jährige weiter zur Arbeit. Erst als die Schmerzen immer stärker wurden, suchte sie in der Klinik Hilfe. „Hexenschuss“, lautete die Diagnose nach dem Röntgen. Eine Kernspin-Untersuchung sei nicht nötig und zu teuer.

Diagnose Leukämie

Unter diesem Namen werden verschiedene bösartige Krankheiten zusammengefasst, bei denen die Vermehrung der weißen Blutkörperchen gesteigert ist. Daher auch der Begriff „Blutkrebs“. Es gibt akute und chronische Formen. Alle 45 Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch an Leukämie – darunter viele Kinder. Die Heilungschancen hängen von der Leukämieart, dem Alter und Gesundheitszustand des Patienten ab. Für 30 bis 40 Prozent der Erkrankten kommt als Therapie eine Stammzelltransplantation in Frage. Auch bei Krebserkrankungen des Knochenmarks wie dem Plasmozytom (multiples Myelom) kann oft nur eine Transplantation helfen.

Doch trotz Schmerzmitteln wurden die Beschwerden noch heftiger. Der Anfang Januar informierte Hausarzt ordnete sofort weitere Untersuchungen an: Kernspin und Computertomografie beim Spezialisten in einer Münchener Klinik. Der bestand auch auf einer Gewebeentnahme. „Ich werde den Moment nie vergessen, als der Orthopäde mir mitteilte: ,Es tut uns leid. Sie müssen in die Tumorabteilung’“, erinnert sich Sylvia Weiland. Die Ärzte hatten einen Tumor in derWirbelsäule entdeckt, ein Plasmozytom. Bei dieser Krebserkrankung des Knochenmarks vermehren sich entartete Plasmazellen immer stärker und bilden Antikörper, was zu Knochenschmerzen und zur Auflösung der Knochen führen kann.

Nicht aufgeben!

„Zuerst erhielt ich eine Chemotherapie mit Tabletten, dann Infusionen“, erinnert sie sich. Als beides nicht half, stand die erste Stammzellspende an, eine so genannte „autologe“. Das bedeutet: Zunächst wird dem Patienten Knochenmark entnommen und gefiltert. Anschließend erhält er eine- Hochdosis-Chemotherapie, danach bekommt er seine eigenen Stammzellen zurück. „Als auch dieses Verfahren nicht anschlug, wurde in meiner Familie nach einem Knochenmarkspender gesucht – erfolglos.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten die Chemotherapien Sylvia Weiland bereits geschwächt. Im April 2004 startete dann eine große Suche. Sämtliche bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in Tübingen registrierten Daten wurden mit denen von Sylvia Weiland verglichen. Denn wie bei der weit häufigeren Leukämie gilt auch für das Plasmozytom: Nur wenn zahlreiche Blutmerkmale übereinstimmen, verträgt der Körper des Empfängers das gespendete Knochenmark. Doch nicht immer findet sich ein passender Spender. Und bei Sylvia Weiland drängte die Zeit…

Spenderin gefunden

Karin Weber war erstaunt, als ihr im Mai 2004 ein Brief der DKMS ins Haus flatterte. Zehn Jahre zuvor, mit 22, hatte sie sich dort registrieren lassen. „Aber dass man mich jemals zu einer Spende bitten würde, habe ich, ehrlich gesagt, nicht geglaubt“, erinnert sich die dreifache Mutter aus Erharting in Oberbayern. Ihr Hausarzt nahm Blut für eine Feintypisierung ab. Ein paar Wochen später folgten weitere Bluttests. Ende Juni dann die Nachricht: „Bitte melden Sie sich sofort bei der DKMS.“

Karin Weber war tatsächlich die gesuchte „Stecknadel im Heuhaufen“.Ihre Blutmerkmale stimmten zu 100 Prozent mit denen von Sylvia Weiland überein. Alles musste jetzt ganz schnell gehen. „Zur Entnahme sollte ich nach Dresden fliegen – aber die DKMS übernahm sofort die Kosten für die Kinderbetreuung und kümmerte sich auch darum, dass mich mein Mann ohne Verdienstausfall begleiten konnte“, sagt Karin Weber. Alles klappte reibungslos.

Vor Ort wurde der Ablauf genau erklärt und die Spenderin noch einmal durchgecheckt. Alles war in Ordnung. Schon zu Hause hatte sie ein Medikament bekommen, das die Stammzellproduktion anregt. Die einzigen Folgen: Rücken- und Gliederschmerzen. „Die Spende selbst dauerte zweimal drei Stunden und war nicht weiter unangenehm – ähnlich wie eine Blutspende“, erinnert sie sich. „Man sagte mir, dass eine 43-jährige Frau die Empfängerin sei. Während der Entnahme habe ich immer gedacht: ,Hoffentlich kann ich ihr helfen!’“ Dass es der Unbekannten tatsächlich besser ging, erfuhr Karin Weber drei Monate später. „Ich habe dann regelmäßig bei der DKMS nach ihr gefragt.“

Die Rettung

Zwei Wochen lang lag Sylvia Weiland völlig isoliert in der Klinik, bekam eine Hochdosis-Chemo, die ihr krankes Knochenmark zerstörte. Sie fühlte sich müde, verlor erst ihren Appetit, dann die Haare, erbrach ihre Medikamente. „Aber als ich die ersehnte Stammzell- Infusion bekam, dachte ich nur: Danke, danke, danke!“, erinnert sie sich an diesen Moment. „Ich wusste nur, dass die Spende von einer jungen Frau stammte und aus Dresden kam.“ Schon nach wenigen Tagen verbesserten sich die Blutwerte von Sylvia Weiland. Die ersten 100 Tage nach der Transplantation musste sie strenge Regeln einhalten: keine Sonne, keine Teppiche, keine Blumen, genaue Essensvorschriften, wegen der Infektionsgefahr Menschenmengen meiden. Das hielt sie strikt ein. „Ich hatte das Glück, ein zweites Leben geschenkt zu bekommen – das konnte ich doch nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!“ Sylvia Weiland glaubte fest daran, dass alles gut werden würde. Und bekam recht.

Das Treffen

Obwohl beide Frauen einem Austausch ihrer Daten zugestimmt hatten, durften sie erst nach Ablauf von zwei Jahren Kontakt zueinander aufnehmen. Sylvia Weiland schickte ihrer unbekannten Spenderin eine Dankeskarte. Daraufhin griff Karin Weber zum Telefon. „Zuerst haben wir uns vorsichtig aneinander herangetastet“, erinnert sie sich. Doch schnell fanden sich die „Blutsverwandten“ sympathisch. Umso mehr, als sie feststellten, dass sie nur 180 Kilometer voneinander entfernt in Bayern wohnen. Wegen der Zellentnahme in Dresden hatten beide geglaubt, die andere sei bestimmt eine „Preußin“. Das erste Treffen verlief ebenfalls herzlich. „Über viele Dinge denken wir ähnlich“, sagt Karin Weber. „Und auch wenn wir uns nur von Zeit zu Zeit sprechen, ist das Verhältnis dann sehr intensiv, geschwisterlich“, ergänzt Sylvia Weiland. Sie ist überzeugt, dass Karin ihr nicht nur ein neues Leben, sondern auch einige ihrer Eigenschaften geschenkt hat. „Mein Haar ist jetzt dunkel statt blond. Außerdem ist meine Leidenschaft für Tee schlagartig verschwunden. Heute bin ich überzeugte Kaffeetrinkerin – wie Karin.“ Ob sie Angst hat, dass der Krebs wiederkommt? „Nein!“, sagt Sylvia Weiland überzeugt. „Denn jetzt kenne ich die Krankheit, weiß, was mich bei einem Rückfall erwarten würde. Mit diesem Risiko muss und kann ich leben. Außerdem würde Karin jederzeit wieder für mich spenden.“

Weitere Informationen finden Sie unter www.dkms.de oder direkt bei der DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei, Kressbach 1, 72072 Tübingen, Tel. 0 70 71/94 30, Fax 0 70 71/94 31 17.

So werden Sie Lebensspenderin


Die Registrierung

Viele Wege führen in die DKMS (Adresse vorherige Seite). Nach öffentlichen Aufrufen, bei Firmen- Aktionen, per Brief oder Internet melden sich Spendenwillige. Infrage kommen Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 55 Jahren. Nach der Einverständniserklärung folgt meist eine Blutprobe, um die Gewebemerkmale zu ermitteln. Noch einfacher: ein Wattestäbchen- Abstrich von der Wangenschleimhaut. Die 50 Euro Kosten für Registrierung und Laboruntersuchungen werden vom potenziellen Spender oder über Spendengelder finanziert.

Die Erfassung

Die persönlichen Daten werden ausschließlich bei der DKMS gespeichert. Lediglich die suchrelevanten Daten mit der zugewiesenen Spendernummer gehen an nationale bzw. internationale Suchregister wie das ZKRD (Zentrales Knochenmarkspender-Register für Deutschland) in Ulm.

Die Suche

Für eine erfolgreiche Transplantation müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient weitestgehend übereinstimmen. Bei häufigen Merkmalskombinationen wird möglicherweise unter 20 000 ein einziger Spender gefunden, bei seltenen mitunter unter Millionen keiner. Passt ein Spender zum Patienten und ist er nach wie vor zu der Spende bereit, kann sie nach weiteren gründlichen gesundheitlichen Untersuchungen vollzogen werden.

Die Spende

Es gibt zwei Möglichkeiten, die dringend benötigten Stammzellen zu gewinnen: die Knochenmark-Entnahme und die sogenannte periphere Stammzell-Entnahme. In beiden Fällen wird der Spender vorher gründlich untersucht, und der Arzt entscheidet daraufhin, welche Methode angewendet wird.

- Bei der Knochenmark-Entnahme wird dem Spender unter Vollnarkose mittels Punktionsnadeln etwa 1 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem hinteren Beckenknochen entnommen – nicht, wie viele denken, aus dem Rückenmark. Das dauert ungefähr eine Stunde. Das Blutgemisch bildet sich innerhalb von zwei Wochen vollständig neu.

- Vor der peripheren Stammzell-Entnahme wird dem Spender fünf Tage lang ein Wachstumshormon in die Bauchdecke gespritzt. Es sorgt dafür, dass möglichst viele Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut abgegeben werden. Das Medikament kann grippeähnliche Beschwerden verursachen, die schnell wieder abklingen. Für die Stammzell-Entnahme erhält der Spender an beiden Armen venöse Zugänge. Das Blut fließt von einem Arm aus durch einen Zellseperator und über den zweiten Zugang am anderen Arm in den Körper zurück. In diesem Gerät werden die Stammzellen vom restlichen Blut getrennt. Das geschieht ambulant und dauert an maximal zwei Tagen etwa drei bis vier Stunden.

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