3. November 2018
Gute Keime - böse Keime

Gute Keime - böse Keime

Mikroorganismen und Bakterien sind die Grundlage unsere Lebens. Aber welche von ihnen schaden wirklich unserer Gesundheit?

© seasons.agency / Gräfe & Unzer Verlag / Olonetzky, Nicolas

Nicht alle Bakterien sind schlecht

"Schluss mit Schmutz und Bakterien!“ Kommt euch dieser Satz aus der Werbung für verschiedene Haushaltsreiniger bekannt vor? Er hinterlässt leicht den Eindruck, Keime seien bäh – etwas, vor dem wir uns ekeln müssten. Klar, viele dieser Mikroorganismen (Mikroben), können unserer Gesundheit schaden und unliebsame Folgen wie Durchfall, Karies oder Entzündungen verursachen. Trotzdem wäre es unfair, alle Mikroben im übertragenen Sinn über einen Kamm zu scheren. Denn eine ganze Menge ihrer Vertreter führt nichts Böses im Schilde, im Gegenteil. „Jeder Mensch beherbergt etwa 10 Billionen Mikroorganismen. In ihrer Gesamtheit bezeichnen wir sie als Mikrobiom“, erklärt Prof. Markus Egert, Mikrobiologe und Hygieniker an der Hochschule Furtwangen (Baden-Württemberg). „Bestimmte Bakterien schützen vor Krankheitserregern, stimulieren das Immunsystem oder helfen der Verdauung.“ Sie durch übereifrige Hygienemaßnahmen allesamt zu bekämpfen schadet demnach sogar.

Hautinfektionen durch übertriebene Körperhygiene

Nehmen wir beispielsweise das Mikrobiom der Haut unter die Lupe. Einige Bakterien und Pilze haben sich hier zu einer stabilen Wohngemeinschaft zusammengeschlossen. Und die stellt u. a. die Barrierefunktion unserer äußeren Hülle sicher. Das funktioniert so: Die für das bloße Auge nicht sichtbare Schutztruppe produziert Proteine, die schädliche Mikroorganismen ausschalten. Außerdem stellen die kleinen Verteidiger Stoffe für den Säureschutzmantel her und bauen Abfallprodukte wie Talg ab. „Gerät dieser Mikrokosmos aus dem Gleichgewicht, können u. a. Hautinfektionen entstehen. Das passiert oft bei Menschen, die es mit der Körperhygiene zu gut meinen“, sagt der Experte. Wer etwa öfter als zweimal täglich duscht, erschwert der Hautflora, sich zu regenerieren. Allerdings kann vor allem regelmäßiges Händewaschen auch vor Krankheitserregern schützen.

Karies durch falsche Bakterienbesiedlung

Unsere Partner, unsichtbare Mikroorganismen, befinden sich nicht nur auf, sondern auch in unserem Körper – manchmal tatsächlich auch weniger gute. Im Mund machen sich vor allem solche Bakterien unbeliebt, die zu Plaque führen. „Dieser Bio lm auf Zähnen und Zunge kann Karies und Parodontitis hervorrufen“, warnt Prof. Egert. Wer mindestens zweimal am Tag die Zähne putzt und Zahnseide oder besser Zwischenraumbürstchen benutzt, kann den Zahnbelag entfernen. Zudem schützen Zahncremes mit den Wirkstoffen Amin- und Natriumfluorid sowie Xylitol vor Angriffen durch schädliche Bakterien, Kamillenextrakt (z. B. in „Aminomed“, in Apotheken) beugt Entzündungen vor. Dies alles hält das Risiko, dass ihr mit Beschwerden auf dem Zahnarztstuhl landet, in Grenzen. Ebenso, wenn ihr zu den glücklichen acht Prozent der Bevölkerung gehört, die von Natur aus den nützlichen Mundkeim „Streptococcus salivarius M18“ tragen, der Karies- und Parodontitis-Erreger angreifen. Alternativ enthalten spezielle Probiotika (z. B. „Pro-Bio-Dent“ Lutschtabletten, in Apotheken) das Bakterium in hoher Konzentration.

Voraussetzungen für eine gesunde Darmflora

Im Darm befindet sich die Zentrale des Mikrobioms. „Dort stellen Milliarden nützlicher Bakterien nicht nur sicher, dass die Verdauung klappt, sie stimulieren u. a. auch lebenswichtige Immunzellen“, betont der Biologe. Einseitige Ernährung, Dauerstress oder Antibiotika gehen ihnen aber an den Kragen und machen den Weg frei für schädliche Mikroorganismen. Nehmen diese auf Dauer überhand, drohen z. B. Durchfall, Allergien oder Herz-Kreislauf-Probleme.
Eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Darmflora: Der Körper bekommt die richtigen Vitamine und Spurenelemente. Vitamin A (z. B. in Karotten und Blattgemüse) sowie Biotin (u. a. in Nüssen) halten die Darmschleimhaut intakt. Vitamin C (z. B. in Paprika) und Selen (etwa in Fisch) unterstützen die guten Bakterien bei der Abwehr. Wenn wir viel um die Ohren haben, nehmen wir diese Vitalstoffe allerdings nicht immer in ausreichender Menge zu uns. Dann können Ergänzungsmittel (z. B. „Orthomol Immun“, in Apotheken) einspringen. Zudem zahlt es sich aus, nützliche Bakterien gezielt im Darm anzusiedeln. „Ein Paradebeispiel für positive Mikroorganismen sind Milchsäurebakterien, auch als Laktobazillen bekannt. Sie befinden sich zum Beispiel in Joghurt“, so Prof. Egert. Besonders empfehlenswert: Synbiotika. Sie bestehen aus natürlichen Milchsäurebakterien (Probiotika) und deren Nahrung, den Präbiotika. Werden bestimmte Bakterienstämme miteinander kombiniert (z. B. in „Omni-Biotic Stress Repair“, in Apotheken), können sie ein etwa durch Dauerstress gestörtes Darm-Mikrobiom wieder aufpäppeln.

Milchsäure für eine gesunde Scheidenflora

Gehen wir im weiblichen Körper noch ein wenig abwärts: Auch in der Scheide befinden sich wichtige Milchsäurebakterien. Sie halten u. a. schädliche Keime in Schach. Bringen hormonelle Schwankungen (z. B. in den Wechseljahren) oder ein geschwächtes Immunsystem die Scheidenflora durcheinander, stellen spezielle Laktobazillen (z. B. „Vagisan Milchsäure-Bakterien“, in Apotheken) das Gleichgewicht wieder her. Verteufeln wir also Mikroorganismen nicht, sie tragen viel zu unserer Gesundheit bei. Wir sollten unser Bestes tun, damit sie sich bei uns auch wohlfühlen!

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