11. Mai 2011
Medical Wellness

Medical Wellness

Der neueste Trend im Spa-Business heißt Medical Wellness. Beauty-Farm mit Belastungs-EKG oder Dampfbad kombiniert mit Darmkrebs-Test – das Hotel wird zum Gesundheitszentrum. Im VITAL-Talk diskutierten fünf Experten: Ist das seriös?

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Ein Blutbild mal eben im Hotel machen lassen – will man das? Ja, davon ist der Deutsche Medical Wellness Verband (DMWV) mit Sitz in Berlin überzeugt. Er hilft Wellness-Hotels, Kur- oder Heilbädern, die alle gegen sinkende Gästezahlen kämpfen, ihr Image mit neuer „Wohlfühl-Medizin“ aufzupolieren. Aber bleibt die Arztpraxis nicht der bessere Ort für Vorsorge? Wir baten fünf Experten zum VITAL-Talk.

VITAL: Knapp 80 Prozent der Deutschen können mit dem Begriff „Medical Wellness“ nichts anfangen, ergab eine Studie der Universität Greifswald. Wörtlich übersetzt, bedeutet er: „medizinisches Wohlfühlen“. Das klingt widersprüchlich. Was genau ist damit gemeint?
LUNGWITZ
: Unser Verband definiert Medical Wellness als gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens. Es handelt sich also um medizinische Wohlfühl-Angebote im Sinne einer wirksamen Vorsorge.

Lutz Lungwitz
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Lutz Lungwitz, Erster Vorsitzender des Deutschen Medical Wellness Verbands (DMWV)

Das hört sich für uns immer noch sehr schwammig an.
Nun ja, weil dieser Begriff so komplex ist, sind die Diskussionen um seine korrekte Definition in unserem Verband noch immer in vollem Gang. Wir haben ihn noch nicht hundertprozentig erfasst.

Mit anderen Worten: Sie wissen selbst nicht, was Sie damit meinen.
Doch! Medical Wellness steht eindeutig für ärztlich begleitete Wohlfühl-Maßnahmen. Die haben jedoch, das muss ich an dieser Stelle betonen, nichts mit Krebsvorsorge oder ähnlichen medizinischen Untersuchungen zu tun.

Gehört Medizin in die Wellness?

Dr. Thomas Broemel
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Dr. Thomas Broemel, Geschäftsführer der Praenobis GmbH, die in Hamburg ein neues Zentrum für Prävention betreibt
Das sehen einige Hotels offenbar anders. Die bieten Gefäß-Ultraschall, Belastungs-EKG, einen Glukosetoleranz-Test zur Diabetes-Diagnostik und Darmkrebs-Früherkennung an. Gehört so viel Medizin wirklich in die Wellness?
DR. BROEMEL: Eines vorweg: Ich bin „Hardcore-Arzt“. Wellness hat für mich nichts mit Medizin zu tun! Ich bezweifle auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Medical Wellness“. Wellness bedeutet für mich „wohlfühlen“. Sie können sich seelisch, körperlich oder geistig wohlfühlen. Aber wie wollen Sie sich medizinisch wohlfühlen? Das gibt es überhaupt nicht.
DR. KUBENZ
:
Einen Moment, Dr. Broemel, wenn ich Wellness gut und dauerhaft anwende, habe ich durchaus einen Effekt auf die Entwicklung von Krankheiten. Auch langfristig. Da befinden wir uns schon im Bereich der Prävention.

Stichwort „Prävention“. Gezielt etwas tun, um gar nicht erst krank zu werden – das will doch jeder. Da könnte man ja zugespitzt sagen: Medical Wellness brauchen wir alle.
DR. KUBENZ
:
Das glaube ich nicht. Gesunde brauchen nur Wellness, um sich wohlzufühlen. Aber derjenige, der Medical Wellness macht, nehme ich an, hat wohl meist schon eine Krankheit wie Rheuma oder Diabetes. Die soll sich nicht weiter verschlechtern bzw. es sollen keine weiteren Erkrankungen dazukommen. Oder?
LUNGWITZ
:
Nein, bei Medical Wellness werden kranke Menschen nicht gesund gemacht, sondern gesunde Menschen gesund erhalten.

Demnach wäre Medical Wellness nichts anderes als Präventionsmedizin.
BUBENZER
: Nein, der Unterschied zur Präventionsmedizin ist, dass Medical Wellness nichts vorschreibt. Unsere Gäste können die medizinischen Angebote im Hotel wahrnehmen oder zwei Wochen „auf der faulen Haut“ liegen. Alles passiert ohne Druck, ohne Belehrungen und immer auf freiwilliger Basis. So wie wir den Zusatz „medical“ verstehen, hat er vor allem die Funktion, unter den Anbietern die Spreu vom Weizen zu trennen.

Das erscheint dringend nötig. Lebensstil-Coaching, Ernährungsberatung, Heilfasten nach F. X. Mayr, TCMDiagnostik, ärztliches Qigong, Shiatsu, energetische Körperarbeit – die Angebote sind unüberschaubar. Wie sollen Laien da erkennen, welche seriös sind?
LUNGWITZ
: Wir haben mit dem TÜV ein Zertifikat entwickelt, das Hotels beantragen können und das nach der Vergabe jedes Jahr überprüft wird. KRANICH: Schön und gut. Aber wenn der Verbraucher im Katalog sieht, dass ein Hotel Ihr Zertifikat hat, weiß er immer noch nicht, was das genau bedeutet und beinhaltet. Da ist Etikettenschwindel programmiert.
LUNGWITZ
: Sie haben mich ja nicht ausreden lassen! Unser Zertifikat beruht auf mehr als 3000 Bewertungskriterien. Dazu gehört z. B. die Aufenthaltsqualität. Die bewerten wir in Anlehnung an die 4-Sterne-Standards des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Genauso wichtig: Wie sieht das Qualitätsmanagement in dem Haus aus? Wie wird ausgebildet, wer informiert wen, wie wird dokumentiert? Und natürlich gehört dazu ein gut ausgebildeter Arzt vor Ort.

Wer sind typischen Medical-Wellness-Gäste?

Christoph Kranich
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Christoph Kranich, Fachabteilungsleiter Gesundheit und Patientenschutz bei der Verbraucherzentrale Hamburg
Wie kann der Gast sichergehen, dass ein Haus diese Kategorien erfüllt, Herr Kranich?
KRANICH
: Er sollte vor dem Buchen alles abfragen, was ihm wichtig ist. Transparenz und Beurteilbarkeit für die Gäste finde ich sehr, sehr wichtig. Es sollte ein Portal im Internet geben, wo Gäste ihren Aufenthalt beurteilen können. Das nackte Zertifikat allein reicht nicht. Inbesondere, wenn es um mögliche Nebenwirkungen geht.

Umso schlimmer, dass es in einigen Hotels keinen Arzt gibt, der immer erreichbar ist, wie Tester kürzlich feststellen mussten.
BUBENZER
: Es muss ja auch kein vom Hotel angestellter Arzt sein. Wir vom DMWV verlangen aber eine ausreichend hohe Verfügbarkeit im Sinne einer Rufbereitschaft.
DR. BROEMEL
: Achtet der DMWV auf die Qualifikation des Arztes?
BUBENZER
: Es muss sich erst einmal um einen zugelassenen Arzt handeln. Zusätzlich sollte er etwa als Sport-, Ernährungsmediziner oder Arzt für Naturheilverfahren qualifiziert sein.
DR
. KUBENZ
: Das reicht mir nicht. Jede Medical-Wellness-Einrichtung muss in meinen Augen garantieren, dass am ersten Tag ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt und eine allgemeinmedizinische Untersuchung stattfindet. Das ist doch wichtig, um festzulegen, welche Angebote Gästen guttun und welche nicht. Läuft die Behandlung, sollten regelmäßig Betreuungsgespräche stattfinden. Und am Ende muss man sich auch um die Nachbetreuung beim Hausarzt des Gastes kümmern. Nur so ergibt Medical Wellness für mich einen Sinn!
BUBENZER
: Wie wollen Sie das denn regeln? Wenn jemand freiwillig in seinem Urlaub Medical Wellness macht und seinen Hausarzt darüber nicht informiert, dann liegt das doch ausschließlich in seiner persönlichen Verantwortung. Das kann das Hotel doch nicht melden.
DR. KUBENZ: Das nicht. Es kann den Gast vor seinem Aufenthalt aber bitten, Befundberichte über seine Vorerkrankungen mitzubringen. In herkömmlichen Kurkliniken passiert das ganz selbstverständlich. Fehlt die Verbindung zwischen Hausarzt und Hotel, wird das Arzt-Patient- Verhältnis gestört. Das erzeugt eine Konkurrenzsituation, die alles konterkariert, was die Medical Wellness bei ihren Gästen möglicherweise Positives auf den Weg bringt.

Dr. Kira Kubenz
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Dr. Kira Kubenz, Praktische Ärztin und Präventionsmedizinerin aus Hamburg
Wer sind denn nun die typischen Medical-Wellness-Gäste?
LUNGWITZ
: Das sind Menschen, die mit der Schulmedizin oder ihren Ärzten unzufrieden sind, weil sie keine Zeit für sie haben, nicht zuhören.
KRANICH: So geht es sicher vielen Patienten. Aber in erster Linie ist Medical Wellness ja wohl ein neuer Markt, den Sie erschließen, ein Geschäftsmodell, das möglichst viele Anbieter nutzen sollen und wollen.
DR. BROEMEL
: Ja, schließlich ist so ein Zertifikat auch ein wunderbares Marketing-Instrument. Wenn ich ein neues Wellness-Hotel aufmache, sehe ich doch zu, dass ich so viele Stempel wie möglich bekomme – und wenn ich sie selbst erfinden muss.
LUNGWITZ: Marketing an sich ist ja erst mal nichts Negatives. Wenn es aber so wäre, wie Sie sagen, Dr. Broemel, wäre die Zurückhaltung von vielen Hotels nicht so groß, sich zertifizieren zu lassen. Der DMWV hat aber auch gar nicht die Absicht, die Häuser, die keinen „Stempel“ haben, anzuklagen. Wir wollen, dass sie ihren Standard erhöhen. Wir wollen mehr Medical Wellness mit maximaler Qualität und weniger unseriöse schwarze Schafe.

Kann Medical Wellness Vorsorgemuffel erreichen?

Rainer Bubenzer
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Rainer Bubenzer, Pressesprecher des DMWV in Berlin
Das müsste doch in Ihrem Sinne sein, Frau Dr. Kubenz. Die Präventionsmedizin hat ja das Problem, dass z. B. der kostenlose „Check-up 35“ oder das Mammografie-Screening viel zu selten genutzt werden. Könnte Medical Wellness mehr Vorsorgemuffel erreichen? DR. KUBENZ: Den Begriff „Medical Wellness“ finde ich nicht glücklich. Das sage ich ganz klar. Aber was dahintersteckt, finde ich schon sinnvoll. Das ist eine gute Ergänzung, die uns Ärzten bei der Prävention helfen kann. Aber der DMWV sollte seine Qualitätskriterien überdenken.

Sie wirken eher nicht überzeugt, Dr. Broemel. Sehen Sie das anders?
DR. BROEMEL:
Ich habe kein Problem damit, dass man sich mit dem Zusatz „Medical“ abheben will. Dass wir Ärzte viel mit Ihnen gemeinsam machen können, sehe ich nicht. Mich wundert, dass sich der DMWV nicht stärker abgrenzt. Warum bieten Sie nicht Methoden an, die Schulmediziner gerade nicht beherrschen, etwa Ayurveda? Solche Heilsysteme sollten Sie sich auf die Fahne schreiben.

Ihr Fazit, Herr Kranich?
KRANICH
:
Wie im Gesundheitssystem insgesamt wünsche ich mir auch hier mehr Transparenz für die Verbraucher. Ganz klar: Auch bei Medical Wellness muss drin sein, was draufsteht.

Herr Lungwitz?
LUNGWITZ
:
Ich nehme viele Anregungen mit. Ein Rückmeldesystem ist eine gute Idee. Wir werden auch unsere Zertifizierung optimieren. Schließlich wollen wir Leistungen in höchster Qualität. Wir kämpfen für die Medical Wellness – auch in Zukunft.

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