13. Februar 2010
Lachen als Therapie

Lachen als Therapie

Es geht nicht nur um ein besseres Gefühl zu sich selbst – Humor verbessert auch die Kommunikation mit anderen. Deshalb raten immer mehr Psychologen zu einer gezielten Provokation.

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Lachen macht Spaß. Und Lachen macht frei. Damit hat das Lachen eine wichtige Funktion. Es entkrampft den Körper, beflügelt das Immunsystem und knackt innere Blockaden. Wer über sich selbst schmunzeln kann, gewinnt Abstand zu sich und entdeckt plötzlich neue Wege. Ärger und Resignation haben keine Chance mehr. Diese Erkenntnisse macht sich die sogenannte Provokative Therapie zunutze. Provokante, aber humorvolle Bemerkungen sollen andere aus der Reserve locken, zum Lachen bringen und sie herausfordern, eingefahrene Strukturen zu überdenken.

Entwickelt hat die Methode der amerikanische Psychologe Frank Farrelly. In den 1960er-Jahren arbeitete er in einer klinischen Psychiatrie in Wisconsin nach der damals üblichen Methode: größtmögliches Einfühlungsvermögen, viele aufbauende Worte. Einen seiner Patienten behandelte er schon seit 90 Sitzungen. Immer wieder ermutigte er ihn: „Sie sind ein wertvoller Mensch, Sie können sich ändern.“ Als dieser zum x-ten Mal erwiderte: „Ich kann das nicht, ich werde mich nie ändern“, gab Farrelly ihm auf einmal recht: „O.k.! Sie sind wirklich ein absolut hoffnungsloser Fall!“ Da geschah etwas Überraschendes: Der Patient begann, halb amüsiert, halb entrüstet, zu protestieren: „So schlimm ist es auch wieder nicht.“ Von da an ging es mit ihm kontinuierlich bergauf.

Farrelly erkannte, dass wohldosierte Provokationen Humor und eine Art von Rebellion auslösen. Beides bringt den Patienten entscheidend weiter. Farrelly verfeinerte seine Methode und wurde immer häufiger hinzugezogen, wenn andere Kollegen scheiterten. Nach und nach hielt die Provokative Therapie auf der ganzen Welt Einzug – und ist heute erfolgreicher denn je. Aber der provokative Stil wirkt nicht nur in der Therapie. Viele Menschen praktizieren ihn bereits im Alltag – intuitiv und ohne darüber nachzudenken. Sie lieben es zu plänkeln, verteilen beim Kommunizieren mit anderen freche, aber sympathische Seitenhiebe. Damit schaffen sie eine ungezwungene Atmosphäre und machen notorische Jammerer elegant auf ihr Verhalten aufmerksam. Anderen Menschen wiederum fällt dies schwerer. Doch Humor kann man lernen.

Zum Lachen provozieren - wie geht das?

Auch in Deutschland findet die Provokative Therapie immer mehr Anhänger. Die Ärztin Dr. Heidi Huber aus Neustadt an der Weinstraße ist eine der Vorreiterinnen. Sie ist seit 20 Jahren mit dem Gründer Frank Farelly in engem Kontakt, hat mit seiner Methode viele Erfahrungen gesammelt. Wir haben mit ihr gesprochen.

WORIN LIEGT FÜR SIE DER ERFOLG DES PROVOKATIVEN STILS?

Immer wieder verharren Menschen in bestimmten Denkschienen und verlieren den Blick für das Ganze. Um diese Menschen aufzuwecken, spiegele ich ihnen ihre eigenen inneren Stimmen wider und treibe sie auf die Spitze. Wenn z. B. jemand glaubt: „Ich habe immer Pech. Anderen geht es viel besser“, sage ich: „Das ist wohl Ihr Schicksal. Die anderen stehen auf der Sonnenseite des Lebens, Sie im Schatten. Da ist Ihr Platz. Damit müssen Sie sich abfinden.“ Eine solch idiotische Bemerkung löst meist die amüsierte Reaktion aus: „Die spinnt doch ...“ Die Patienten verstehen mit einem Mal das Absurde ihrer Gedanken, entspannen sich, brechen manchmal sogar in schallendes Gelächter aus. Außerdem provoziere ich damit ihren Widerspruch.

WAS PASSIERT DA GENAU BEIM PATIENTEN?

Der Mechanismus hat mit Balance zu tun, genau wie bei einem Floß. Stellen Sie sich einmal vor, dass ein Patient auf einer Seite eines Floßes steht, während er von seinem negativen Selbstbild erzählt. Wenn man ihm übertrieben recht gibt, sich sozusagen auf seine Seite begibt, kippt das Floß. Instinktiv springt der Patient dann auf die andere Seite, beginnt automatisch, eine andere Position einzunehmen. Und schon ist das Floß wieder ausgeglichen. Das Schöne ist: Der Patient kommt aus seiner Opferhaltung heraus, lernt, die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, und übernimmt wieder Verantwortung für sich selbst.

WERDEN SIE AUCH MANCHMAL MISSVERSTANDEN?

Das Wichtigste ist, dass ich meine Übertreibungen und kleinen Provokationen in einem liebevollen Ton formuliere. Sozusagen mit einem Augenzwinkern. Die Menschen müssen spüren, dass ich ihnen wirklich helfen möchte. Wenn ich von Anfang an locker bin und mich selbst auch nicht so wichtig nehme, wird der scherzhafte Ton meist verstanden. Wenn ich aber merke, jemand fühlt sich verletzt, reagiere ich sofort darauf.

Wichtig! Der Respekt steht immer im Vordergrund

KLAPPT DIESE METHODE BEI ALLEN MENSCHEN?

Voraussetzung für diese Therapie ist, dass ich meinem Patienten zutraue, dass er damit umgehen kann. Wenn ich merke, er ist psychisch zu geschwächt, lasse ich ihn in der Regel in eine psychiatrische Klinik einweisen. Er braucht dann intensivere therapeutische und medizinische Betreuung. Ansonsten mache ich fast immer positive Erfahrungen, z. B. bei Angstzuständen, Depressionen und Essstörungen. Die Patienten merken dabei einfach, welche Möglichkeiten sie selbst haben, um ihr Problem letztlich doch zu lösen.

HAT DENN JEDER MENSCH HUMOR?

Ich denke schon. Bei manchen muss man ein bisschen dicker auftragen. Bei anderen genügt ein Blitzen in den Augen. Ich hatte einmal einen älteren Patienten, der für sein notorisches Meckern bekannt war. Wenn er wieder griesgrämig wurde, sagte ich: „Sie Armer, es geht Ihnen aber auch wirklich nie gut ...“ Und siehe da: Durch diesen lockeren Ton taute er langsam auf und wurde sogar richtig charmant. Manchmal muss man das Positive eines Menschen ein bisschen herauskitzeln. Das gilt übrigens auch für das normale Leben – in Beziehungen, im Freundeskreis, im Job und sogar bei sich selbst.

WIE LANGE HÄLT DER POSITIVE EFFEKT AN?

Die Provokative Therapie ist eine Kurztherapie. In relativ wenigen Sitzungen soll beim Klienten ein Schalter umgelegt werden. Es geht nicht um die Lösung eines Problems. Sondern um die Fähigkeit, das eigene Leben wieder selbst zu gestalten. Insofern ist die Methode eine Hilfe zur Selbsthilfe und wirkt langfristig. Dasselbe gilt übrigens für die Anwendung im privaten Bereich. Auch hier werden die gezielten und hintergründigen Bemerkungen in der Regel dafür sorgen, dass der Adressat sich grundlegend hinterfragt.

GIBT ES GRENZEN FÜR IHRE ART VON HUMOR?

Nein. Ich wende die Provokative Therapie selbst bei schwer kranken oder trauernden Menschen an. Das geht deshalb, weil in der Provokativen Therapie der empathische Umgang mit den Klienten an oberster Stelle steht. Ich lache nicht über sie, sondern mit ihnen. Mit diesem Respekt kann man wirklich alles humorvoll ansprechen – sogar schwere Ängste. Und die Menschen können dann damit besser umgehen.

Infos und Buchtipps

INFOS & BUCHTIPPS

  • Deutsches Institut für Provokative Therapie, Bastian-Schmid-Platz 11a, 81477 München, Tel. 089/79 82 77, www.provokativ.com
  • Der Buchklassiker zum Thema: „Provocative Therapy“, amerikanische Originalausgabe von Frank Farrelly, Meta Publications, U.S., ca. 30 Euro Workshop von Frank Farrelly auf DVD 29,95 Euro, zu bestellen über dip@provokativ.com
  • „Das wäre doch gelacht“ – Ein Buch über Humor und Provokation von Eleonore Höfer und Hans-Ulrich Schachtner (beide Mitbegründer des Deutschen Instituts für Provokative Psychologie), rororo, 272 Seiten, 8,95 Euro
  • Über die hohe Kunst des gekonnten Jammerns – Ute Lauterbach: „Jammern mit Happy End“, Kösel-Verlag, 128 Seiten, 12,95 Euro
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