7. Juni 2014
Küssen macht glücklich

Küssen macht glücklich

Fürs Herz. Für die Seele. Und für die Zähne. Wie die zärtlichsten Lippenbekenntnisse uns immer wieder zum Strahlen bringen.

Paar küsst sich
© Thinkstock
Paar küsst sich

Siebenmal am Tag wird in Frankreich und Italien geküsst, in Deutschland liegt der Schnitt bei kümmerlichen 1,3 Bussis. Immerhin noch besser als in China oder Japan, da finden Paare nur alle zwei Tage Zeit für die zärtlichste Sache der Welt. Schade, denn Küssen ist gesund. Sehr sogar! Der Blutdruck steigt kurz auf 180, der Pulsschlag verdoppelt sich, Adrenalin und Dopamin werden gleichzeitig ausgeschüttet. Eine perfekt ausgeklügelte Kombination– gemeinsam wirken die beiden Hormone schmerzlindernd, wundheilend und reduzieren die Bildung des Stresshormons Cortisol. Weil mit einem Mal 40 000 Bakterien ausgetauscht werden, schnellt die Antikörperproduktion in die Höhe.

Bestens fürs Immunsystem, denn diese sogenannte Kreuzverkeimung härtet gegen Infekte ab. Dazu kommt der Beauty-Effekt für einen schöneren Teint, weil die Durchblutung angekurbelt wird – dafür sorgen bis zu 38 aktivierte Muskeln im Gesicht und am Kiefer, allen voran der Musculus orbicularis oris, der Lippenschließmuskel.

Und sogar unsere Zähne haben etwas davon, schließlich bilden sich beim Küssen antimikrobielle Enzyme, die Karies bekämpfen. Ganz abgesehen davon, dass uns schon der Gedanke ans Küssen den Mund wässrig macht und der vermehrte Speichelfluss den Zahnbelag löst.

Auf die Mundhygiene achten

Einen Haken hat die Sache allerdings: Auch Bakterien, die Karies und Parodontitis verursachen, werden durchs Küssen übertragen. Denn beide sind, was kaum jemand weiß, ansteckende Infektionskrankheiten. Sorgfältige Mundhygiene vor dem Küssen schützt. Eine Forsa-Umfrage hat jedoch ergeben, dass sich jeder und jede Vierte abends nicht die Zähne putzen. Wegen Stress, Übermüdung, Unlust. Überhaupt sind die Deutschen Mundhygiene-Muffel, leider. „Zahnseide ist unersätzlich, um zwischen den Zähnen zu reinigen – alle Mundduschen dieser Welt schaffen das nicht. Man sollte den Faden mit einer sachten Sägebewegung zwischen den Zähnen hin- und herziehen“, sagt Roland Frankenberger, Professor für Zahnerhaltungskunde an der Universität Marburg. „Aber nur sehr wenige Menschen benutzen regelmäßig Zahnseide. Bei täglicher Anwendung müsste der jährliche Verbrauch bei circa 180 Metern pro Person liegen, in Deutschland kommen wir aber gerade mal auf zehn“, rechnet Frankenberger vor. Auch die Zungenreinigung gehört für ihn zur guten Mundhygiene. Beides geht ruck, zuck, wenn die Kniffe für Schaber und Seide bekannt sind – und wer sich unsicher fühlt, bekommt eine Einführung beim Zahnarzt oder der Prophylaxe-Assistentin.

Wer küsst wen?

Damit leisten wir nicht nur einen wichtigen Beitrag für unsere Zahngesundheit, sondern auch für die Beziehung. Bei einer Emnid-Studie gaben 54 Prozent der Befragten an, keine Partnerscha mit jemandem einzugehen, der erkennbar wenig Wert auf Mundhygiene legt. Und nun raten Sie mal, woran das liegt? Genau: Weil Küsse einfach das Sahnehäubchen einer Beziehung sind. Normalerweise. Wenn da kein Mundgeruch stört.

Dabei kommt von Knoblauch, Zwiebeln, Alkohol gar nicht der fieseste Duft . Schlimmer empfinden wir flüchtige Schwefelverbindungen, die entstehen, weil im Mund bis zu 500 Bakterienarten leben, von denen 80 zu unangenehmen Stinkern werden können – sofern die Mundhygiene nicht stimmt. Im Grunde geht es nur um etwa sechs Minuten am Tag. Zweimal zwei Minuten Zähneputzen, abends noch zwei Minuten für die Zahnzwischenräume und die Zunge – das genügt schon. Zusätzlich empfiehlt sich ein- bis zweimal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung. Und sich zahngesund zu ernähren: Eine vollwertige Ernährung mit naturbelassenen, basischen Lebensmitteln ohne viel Zucker und ohne industriell gefertigte Produkte mit künstlichen Zusätzen.

Küssen ist freiwillig

Gesunde, gepflegte Zähne sind nicht nur wichtig für unsere Gesundheit. Sie animieren auch zur schönsten Liebesbekundung überhaupt. Denn Küssen ist kein Trieb. Wir müssen das nicht. Wir wollen es. Und äußern damit ein sehr bewusstes, intimes Kompliment. Immer wieder. Soll doch der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt weiter bei seiner gefühlsfreien Theorie bleiben, der Kuss sei lediglich das, was vom gegenseitigen Mund-zu-Mund-Füttern übrig blieb – tatsächlich küssen auch Orang-Utans oder Schimpansen mit der Zunge. Und Sigmund Freuds psychoanalytische Idee vom Bedürfnis, das Saugen an der Mutterbrust immer und immer wieder zu imitieren, klingt ebenfalls nicht nach dem, was wir beim Küssen empfinden: Vertrauen, Begehren, Geborgenheit. „Gäbe es für den Kuss verhaltensbiologische Erklärungen, würde ja die ganze Menschheit küssen. Tut sie aber nicht.

Bis etwa 1950 hat nur der Okzident geküsst. Ungefähr zehn Prozent der Weltbevölkerung macht es bis heute nicht“, erklärt der französische Philosoph Alexandre Lacroix, der dem Thema sein Buch „Kleiner Versuch über das Küssen“ (Matthes & Seitz Berlin, 175 S., 16,90 Euro) gewidmet hat. Und zwar nachdem er bemerkte, dass seine Frau den Kuss als Liebesbarometer empfand. „Ich habe einsehen müssen, dass es der Anfang vom Ende einer Beziehung ist, wenn man das Küssen vergisst.“

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