14. Juli 2021
Kritik am Inzidenzwert: Wie aussagekräftig ist er?

Kritik am Inzidenzwert: Wie aussagekräftig ist er noch?

Hat der Inzidenzwert ausgedient? Die Aussagekraft der Sieben-Tage-Inzidenz steht aktuell zur Debatte. Laut Medienberichten soll die Hospitalisierung als Indikator in Betracht gezogen werden, um die aktuelle Lage bestmöglich zu beurteilen.

RKI rückt vom Inzidenzwert ab

Langsam, aber stetig, steigt seit einigen Tagen wieder der bundesweite Inzidenzwert, der in den vergangenen Monaten als wichtiger Richtwert der Corona-Politik galt. Doch allmählich verliert die Inzidenz ihre Bedeutung. Das Robert-Koch-Institut (RKI) will nun offenbar einen zusätzlichen Leitindikator einführen: die Hospitalisierung – also die Behandlung in einem Krankenhaus, wie die Bild-Zeitung unter Berufung auf eine interne Präsentation des RKI schreibt. Es seien „weiterhin mehrere Indikatoren zur Bewertung notwendig, aber die Gewichtung der Indikatoren untereinander ändert sich" hieß es laut Bild in dem RKI-Papier.

Das Institut begründet die Hinzunahme der Hospitalisierung demnach mit den „Konsequenzen zunehmender Grundimmunität“. Es rechnet mit einer „Abnahme des Anteils schwerer Fälle" und fordert daher einen „stärkeren Fokus auf die Folgen der Infektion“, darunter schwere Erkrankungen mit Hospitalisierung, Todesfälle und langfristige Folgen.

Virologin: Mehr Menschen müssen geimpft werden

Die Münchner Virologin Ulrike Protzer teilt ebenfalls diese Ansicht. In der BR24 Rundschau sagte sie, dass Inzidenzwerte allein nicht mehr aussagekräftig seien, um das Pandemiegeschehen angemessen zu beurteilen: „Was wir verhindern wollen, ist, dass viele Menschen krank werden. Da ist es einfach hilfreich, wenn man schaut, wie viele Menschen müssen denn mit Covid-19 ins Krankenhaus.“ Mithilfe der Berechnung der Corona-Lage von Inzidenzwerten und Belegungszahlen mit Covid-Patienten in den Kliniken „hätte man einen guten Überblick über das, was an Krankheitsgeschehen passiert und über das, was an Infektionsgeschehen unterwegs ist.“ Allerdings nennt Protzer einen wichtigen Aspekt in dieser Debatte: Um das Pandemiegeschehen aufzuhalten, bedarf es mehr Impfungen. Die aktuelle Impfquote von 42 Prozent bewertete die Virologin als zu gering. Um die Ausbreitung einzudämmen, bräuchte es deutlich über 60 Prozent, idealerweise über 80 Prozent.

Merkel: Höhere Inzidenzen besser bewältigen

Und wie steht die Politik zum umstrittenen Inzidenzwert? zeit.de zitiert Bundeskanzlerin Angela Merkel, die klarstellte, dass die Inzidenz wichtig sei, aber man könne auch höhere Werte als bisher bewältigen, ohne dass das Gesundheitssystem überlastet werde – weil es wegen der vielen Impfungen zu weniger schweren Verläufen komme. Ein Wert von 100 müsse nun anders betrachtet werden als vor der Impfkampagne.

Laut dem Bundesgesundheitsministerium dürfe eine Bundesnotbremse, sollte sie eingeführt werden, nicht mehr allein von steigenden Inzidenzen abhängig gemacht werden. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plädiert dafür, zukünftig neben der Inzidenz auch die Lage in den Kliniken mit einzubeziehen. Eine hohe Inzidenz bedeute nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten, wie die Tagesschau ihn zitierte.

Video: RKI will Änderung der deutschen Corona-Politik

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