17. Mai 2014
Immer der Nase nach

Immer der Nase nach

Maulwürfe erschnüffeln zielsicher ihren Weg. Auch unser Geruchssinn ist ein perfekter Kompass. Wir müssen ihm nur vertrauen.

Maulwurf
© Thinkstock
Maulwurf
Er lässt sich nur selten blicken, aber seine Anwesenheit ist kaum zu übersehen. Die kleinen Hügel verraten ihn meist, obwohl er sich doch immer so schön unter der Erde versteckt. Im Sommer o nur eine Menschenfußlänge unter der Wiese, wenn es kälter wird, bis zu einem Meter tief. Dort lebt er in einem Gangsystem, meist das ganze Jahr über ziemlich allein, er ist ein Eigenbrötler. Außerdem hat er anderes zu tun: Er muss graben. Wenn er ein Männchen ist, ist sein Gebiet etwa 6000 Quadratmeter groß. Ein Weibchen begnügt sich mit einem Drittel dessen. Hunger haben beide, und zwar fast immer. Es gibt Jagdgänge, Flure, Wohnzimmer, Lagerräume – alle zappenduster. Mit seinen winzigen Äuglein kann der Maulwurf da nichts anfangen, seine Ohren sind auch keine große Hilfe. Dafür ist er Weltmeister im Fühlen: Seine kleinen Fellhärchen und Barthaare verraten ihm, wie die Umgebung beschaffen ist. Wo er aber lang muss, weist ihm seine Nase. Spitz und rosig ragt sie voraus und zeigt ihm schnurstracks den Weg zu seiner Mahlzeit. Manchmal Regenwürmer, mal Schnecken, dann wieder Asseln. Die können lauern, wo sie wollen, die Maulwurfsnase entdeckt sie alle.
Sie dirigiert ihn nach rechts und links. Zielsicher. Es sei denn, irgendjemand verstopft eines der beiden Nasenlöcher, so wie der US-Biologe Kenneth Catania, der damit erst dem Geheimnis des Maulwurf-Orientierungssinns auf die Spur kam. Derart behindert, schickt der Riecher ihn auf Umwege. Ohne seinen körpereigenen Wegweiser geht gar nichts mehr.

Vertrauen Sie auf ihre Nase

Für den Knirps ist das Kaum-mehr-riechen-Können genau so verheerend wie für uns das Fast-nichts-mehr-sehen-Können. Obwohl wir durchaus noch andere Möglichkeiten häen, den Ausfall des für uns so wichtigen Sinnesorgans teilweise zu kompensieren, sind wir im plötzlichen Dunkel zunächst verloren. Vielleicht, weil wir uns das Fühlen ab- und das Funktionieren angewöhnt haben. Weil wir uns selbst nicht mehr vertrauen. Unser Tastsinn kann mit dem des Sternmulls – einer Maulwurfsart mit strahlenförmiger Nase, die über 100 000 Nervenenden auf einem Quadratzentimeter Haut versammelt – sicher nicht mithalten. Dabei ist unsere biologische Grundausstaung erstklassig. Aber wenn wir die Augen einmal schließen, merken wir doch, wie sensibel wir fühlen können. Und auch unsere Nase wird feinsinniger, wenn wir uns auf sie konzentrieren. Sie ist ohnehin unser bester Begleiter: Sie weiß nicht nur, wie Kaffee riechen muss, sie kann sogar Genkombinationen erschnüffeln, die gut zu uns passen.
Gerüche entfalten eine Macht, von der die meisten kaum etwas ahnen – denn die Duftstoffe sind es, die über Sympathie und erotische Anziehung entscheiden. Während wir unsere Augen schließen und Geräusche halbwegs ausblenden können, arbeitet die Nase weiter. Wir müssen schließlich atmen. Trotzdem: „In der westlichen Kultur wird die Nase sträflich vernachlässigt“, findet die norwegische Künstlerin und Duforscherin Sissel Tolaas. Es fange schon damit an, dass Kindern von ihren Eltern und der Werbung fragwürdige Geruchsnormen eingebläut würden, sagt sie: „Und zwar eine Unterscheidung zwischen Du und Gestank.“ Dabei wäre es ein Leichtes, alles zu nehmen, wie es kommt, keine voreiligen Urteile zu fällen, und so dem Geruchssinn mehr Raum zu geben.

Gerüche wecken Erinnerungen

Wie wichtig die Arbeit unserer Nase ist, merken wir erst, wenn wir Schnupfen haben. Dann schmeckt alles ganz blass, und selbst ein edelkravoller Château Petrus ist kaum mehr von einem plörrigen Tetrapak-Roten zu unterscheiden. Denn Gerüche aus der Versenkung der Emotionszentren Amygdala und Hippocampus im Gehirn auf Knopfdruck nach oben zu befördern funktioniert nicht. Andersherum ist das System ausgeklügelt: Gerüche produzieren Bilder. Jedes emotionale Ereignis wird samt Duft im Kopf abgespeichert, von Geburt an. Dort lagern sie wie in einer riesigen Datenbank, auf die wir keinen Zugriff haben, solange der passende Schlüssel fehlt. Sobald wir aber etwas riechen, öffnet sich die Tür automatisch. Wir nehmen Wierung auf, nach unseren Erfahrungen und lange verdrängten Erlebnissen. Manchmal müssen wir grübeln, woran uns unsere Nase gerade erinnert. Dann sind es Ereignisse, die vielleicht schon Jahrzehnte her sind, konkret zurückverfolgen lassen sie sich bis in unser zweites Lebensjahr.

Was will uns der Geruch damit sagen?

Es lohnt sich innezuhalten. Wir sind unserer Vergangenheit auf der Spur. Auch eine Art Beute. Durch sie können wir uns selbst besser verstehen. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Maulwurf sein – im übertragenen Sinne natürlich. Indem wir unser Leitsystem nutzen, in unserer Datenbank wühlen, Erfahrungen hervorkramen und manchmal lieber die Nase entscheiden lassen als den nüchternen Verstand. Denn der lässt sich täuschen. Wenn es sein muss, sogar gänzlich ausschalten. Wir lassen uns oft eher von wildfremden Menschen beraten als von uns selbst, immer auf der Suche nach dem Experten für unser eigenes Leben. Weil wir glauben, dass der Blick von außen der objektivere ist. Dabei haben wir unsere Ratgeber stets bei uns, und der allerbeste sitzt mitten in unserem Gesicht. Unter der Erde ist jetzt im April übrigens Paarungszeit. Rein rechnerisch, die kleinen Naturbagger werden im Schnitt drei Jahre alt, treffen sie also ungefähr drei Mal in ihrem Leben absichtlich auf Artgenossen.
Lassen wir sie und ihre erdigen Hinterlassenschafften also besonders jetzt besser in Ruhe. Manchmal sind die Nester mit den Jungen nämlich sehr dicht unter dem Hügel versteckt. Und es wäre doch schade um diese weichpelzigen Gesellen mit den riesigen Schaufelhänden und den putzigen, spitzen Nasen. Nehmen wir die Spuren lieber als Erinnerungsstütze. Erstens dafür, dass diese Tiere nur dort leben, wo das Erdreich fruchtbar und gesund ist. Und zweitens dafür, dass die Nase ein eingebauter, stets zuverlässiger Kompass ist. Nicht nur bei Maulwürfen.
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