6. Februar 2010
Historie eines Begriffs: „Wellness“

Historie eines Begriffs: „Wellness“

Wellness, Well-Being, Well-Nepp… Was wirklich hinter diesen Begriffen steckt, wollte VITAL- Autorin Christiane Bongertz wissen.

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Ein Sonntagnachmittag im Jahr 2009. Draußen regnet’s. Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa. Ihre Hände umfassen eine duftende Tasse Tee. Ihr Freund kommt herein, zieht eine Augenbraue hoch und kommentiert schmunzelnd: „Du sitzt da ja wie in der Wellness-Werbung.“ Verlassen wir diese Szene für eine kleine Zeitreise.

Vor 20 Jahren hätte es sich eine Frau auf die gleiche Weise gemütlich machen können. Und doch wäre niemand auf die Idee gekommen, das mit dem Begriff „Wellness“ in Verbindung zu bringen. Man kann es sich kaum vorstellen: Damals war Wellness noch völlig unbekannt, obwohl die Wortschöpfung „Wellness“ unter Sportmedizinern in den USA bereits seit den 50ern kursierte. Der Sportarzt Kenneth H. Cooper (der übrigens
schon 1968 das Aerobic erfand – Ewigkeiten, bevor Jane Fonda öffentlich turnte) beschrieb Wellness schon damals als eine Art zu leben, die sich durch eine Kombination von „wellbeing“ – also Wohlfühlen –, Fitness und Happiness auszeichnet.

All das und noch viel mehr fand sich dann auch im Wellness-Boom der 90er und 2000er wieder. Nach den coolen 80ern mit protzigem Yuppietum und Hochleistungs-Fitness in neonbeleuchteten Muckibuden gab es eine diffuse Sehnsucht nach Erdung und sinnlichem Verwöhntwerden, die kein richtiges Ventil fand. Wer genau den alten Fachbegriff dann wieder ausgegraben hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber er schlug ein wie eine Bombe. Wellness wurde über Nacht zum Trend. Wo Wellness draufstand, war garantiert kein Stress drin. Stattdessen irgendwas aus dem Gemischtwarenladen der Wohlfühl-Traditionen, konsumfreundlich aufbereitet für den modernen Menschen in Spas, Fitnessstudios und Kosmetiksalons.

Er hat sichaus der Küche eine Flasche Mineralwasser geholt und zu seiner Freundin aufs Sofa gesetzt. „Ach“, sagt sie süffisant, „der Herr trinkt Wellness-Wasser mit Gingko-Extrakt! Aber mich belächeln! Und was ist mit dem Duschkopf im Badezimmer, den du vorgestern angebracht hast? Auf der Packung stand was von Sumatra-Rain-Wellness!“ Wie das so ist mit Erfolgsstorys: Die Trittbrettfahrer warten schon. Da ist plötzlich ein Begriff, noch dazu ein rechtlich ungeschützter, der allen ein gutes Gefühl gibt: der Heilige Gral eines jeden Marketing-Menschen!

Well-Nepp

Während der Sport- und Saunabereich eines Hotels oder eine Yoga-Reise die Bezeichnung „Wellness“ durchaus verdienen, kursierte auf einmal Kurioses, der sogenannte Well-Nepp. Mit Bildern sich sichtlich wohlfühlender Menschen (und Tiere!) wurden unter anderem Wellness-Strumpfhosen, Wellness-Schnitzel oder Wellness-Katzenstreu angepriesen. Sogar das Modell eines Autoherstellers bekam den Slogan „Das erste Wellness-Konzept, das auf Motoröl beruht“ verpasst.

Eine begriffliche Inflation, die die Hamburger Biermarke „Astra“ schon vor ein paar Jahren ironisch für ihre Zwecke nutzte: Über dem Foto eines Schnurrbartträgers im Whirlpool, der von zwei Damen mit Doppel-D-Körbchen gekrault wird, prangte der Spruch „Das nennt man jetzt Wellness“. Bedeutet das Ausverkauf und Schluss mit Wohlfühlen? Antje Schünemann vom Trendbüro Hamburg weiß es besser: „Auch wenn es inzwischen neue Bezeichnungen wie ,Selfness’ gibt, bei denen mehr das Ich und die aktive Arbeit am Selbst im Mittelpunkt stehen, bedeutet das nicht das Ende der Wellness. Sie wird es weiter geben: als Wegweiser für alles, was gut tut.”

In Zukunft trennt sich aber die Spreu vom Weizen: Eine Konkretisierung der Angebote wird wichtiger. Denn wenn heute alles als „Wellness“ verkauft wird, steigt die Sehnsucht nach besonderen Angeboten. Hotels lassen sich darum zum Beispiel zunehmend testen und für gut befinden. Und sie nennen ihre Angebote wieder beim Namen. Schünemann: „Eine Wellness-Massage bucht heute keiner mehr. Die Leute fragen kritisch: Was ist das und was bringt mir das?“ Ergebnis: Der Well-Nepp wird in Zukunft links liegengelassen und am Ende siegen Kompetenz, Qualität – und Wohlgefühl!

Ein Sonntagnachmittag im Jahr 2009. Draußen regnet’s. Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse Tee, gibt ihrem Freund einen Kuss – und denkt: „Ist doch egal, wie’s heißt – solange es gut ist.“ Wellness kann so einfach sein …

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