15. Februar 2010
Hilfe für die Haut

Hilfe für die Haut

Moderner Lebensstil, zu viel Stress und Schadstoffe: Unsere Schutzhülle leidet unter Dauerbeschuss von Außen. Aber es gibt Hilfe für das wichtige Organ.

© Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Keine anderen Krankheiten haben in Europa so rasant zugenommen wie Hautleiden. Die Zahl der Neurodermitiker steigt jedes Jahr um 10 Prozent. Jährlich erkranken zwischen 15 000 und 20 000 Menschen an Ekzemen oder Hautallergien. Ausgelöst durch Giftstoffe im Job oder Schadstoffe im Haushalt. Der Haut-Experte Prof. Dr. Thomas L. Diepgen vom Institut für Sozialmedizin der Uni Heidelberg warnt: „Schon ein Drittel der Bevölkerung leidet heute unter Hautkrankheiten, die behandelt werden müssten. Davon werden aber nur 20 Prozent aus dermatologischer Sicht optimal versorgt.“

Körpereigene Klimaanlage

Gesunde Haut ist lebenswichtig, denn unsere strapazierfähige Hülle ist ein hochspezialisiertes Organ – genau wie Leber oder Niere. Sie hält z. B. die Körpertemperatur konstant auf 36,5 Grad. Bei tropischer Hitze schwitzt sie und kühlt auf diese Weise durch Verdunstungskälte. Bei frostiger Kälte wiederum lässt sie die Körperhärchen sich zu einer „Gänsehaut“ aufrichten, um ein isolierendes Luftpolster zu schaffen. Und sie verengt die Blutgefäße, um eine Auskühlung zu verhindern. Als Schutzhülle hält sie den ganzen Körper zusammen und federt Stöße ab. Ihr Säureschutzmantel blockt schädliche Substanzen aus der Umwelt ab. Gleichzeitig speichert sie Wasser und Blut sowie Energie in Form von Fettgewebe. Darin befinden sich fettlösliche Vitamine wie E und A oder Hormone wie das Östrogen.

Natürlicher Krebsschutz

Natürlicher Krebsschutz

Und die Haut kann noch mehr. In nur 15 Minuten produziert sie mit Hilfe des Sonnenlichts unseren täglichen Vitamin- D-Bedarf für Knochenbau, Muskeln und Immunsystem. Neue Studien weisen sogar einen Schutzeffekt des Vitamins gegen Brust-, Darm- und Eierstockkrebs sowie Lymphknotentumoren nach. Die Haut ist auch ein Atmungsorgan. Sie nimmt 1 bis 2 Prozent des gesamten Sauerstoffbedarfs auf und gibt über die Poren entsprechend viel Kohlendioxid ab. Außerdem schützt sie uns vor zu viel Sonne. Sie bildet das Hautpigment Melanin, das gefährliche UV-BStrahlen absorbiert, damit sie nicht weiter in den Körper eindringen. Aber dieser natürliche Schutz reicht vor allem bei hellen Hauttypen längst nicht aus. Wir müssen mit Sonnenschutzcremes und UV-undurchlässiger Kleidung nachhelfen.

Schichtweise Schutz

Der Aufbau unserer natürlichen Hülle ist sehr vielschichtig. Im Prinzip besteht sie aus drei miteinander verbundenen Schichten: Oberhaut, Lederhaut und Unterhaut. Alle drei unterteilen sich in viele weitere Schichten – wie bei einer Zwiebel. Die Oberhaut ist eine Art Rüstung, die z. B. an den Fußsohlen bis zu 4 Millimeter dick wird. Insgesamt besteht sie aus fünf weiteren Lagen. Was wir von außen sehen, ist die Hornschicht. Sie hat 15 bis 20 verschiedene Lagen von Hornzellen, die sich alle 27 Tage erneuern. Tag für Tag stößt die Haut bis zu 14 Gramm tote Hornzellen ab – damit häuten wir uns öfter als jede Schlange.

Fakten über ein Wunderwerk

Bei einem Erwachsenen misst die Hautoberfläche etwa 1,5 bis 2 Quadratmeter. Die Haut ist unser schwerstes Organ: Die circa 110 Milliarden Hautzellen machen 15 bis 20 Prozent des Gewichts aus. Sie enthalten ein Viertel des im Körper gespeicherten Wassers. Ein einziger Quadratzentimeter Haut enthält etwa 600000 Zellen, 5000 Sinneszellen, die Kälte, Druck oder Hitze erkennen, 4 Meter Nervenbahnen, 100 Schweißdrüsen, 1 Meter Blutgefäße, 5 Haare, 15 Talgdrüsen und rund 150000 Pigmentzellen. Täglich wächst die Haut um 0,002 Millimeter. Ihre Hornschicht absorbiert 10 Prozent der UV-B- und 50 Prozent der UV-A-Strahlung.

Robust und elastisch

Die Lederhaut ist die solideste Schicht. Erst wenn Bakterien oder Viren ihr robustes Netzwerk aus Kollagenfasern durchdrungen haben, können sie den Körper angreifen. Sie ist Schutzbarriere und versorgt die Oberhaut mit Nährstoffen. In der Lederhaut sitzen die Nervenenden, die auf Wärme, Kälte und Berührungsreize reagieren. Am Übergang zur elastischen Unterhaut liegen die Schweißdrüsen und Haarwurzeln. Dort befindet sich auch das Unterhautfettgewebe. Es ist Energiereserve und Wärmepolster. Außerdem schützt es Knochen, Muskeln und andere Organe gegen Stöße und Druck von außen. Es schrumpft, wenn wir abnehmen, und wächst, wenn wir zunehmen. So ausgeklügelt das System Haut ist – es braucht unsere Hilfe. Immer mehr Umwelteinflüsse, Stress, Sonnenlicht und Allergien machen der Haut zu schaffen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihrem größten, schönsten und sinnlichsten Organ beistehen können.

Hoffnung bei Hautleiden

HOFFNUNG BEI HAUTLEIDEN

Mehr als 10 Millionen Deutsche haben eine Hautkrankheit. Die Ursachen von Neurodermitis, Rosacea oder Psoriasis sind immer noch nicht endgültig geklärt. Neue Therapien geben aber Hoffnung.

PSORIASIS

Wenn das Immunsystem entgleist

Rund 2 Prozent der Deutschen leiden unter der Autoimmunkrankheit Schuppenflechte (med.: Psoriasis). Die Veranlagung steckt in den Genen. Ausgelöst wird sie durch Infektionen, Verletzungen, Alkohol oder bestimmte Medikamente. Die Haut der Erkrankten beginnt, sich wesentlich schneller als bei Gesunden zu erneuern. So bilden sich Schuppen – vor allem an Knien, Ellbogen und auf der Kopfhaut. Das Leiden kann auch Gelenke und Nägel befallen. Hilfe bringen neue, biotechnologisch hergestellte Eiweiße. Diese „Biologics“ greifen gezielt in die fehlgeleiteten, überschießenden Immunprozesse ein. Effektiv und schonend ist auch die sanfte Bestrahlung mit UV-A-1-Kaltlicht. Bei diesem Verfahren werden zusätzlich zum ultravioletten Licht auch Infrarotstrahlen eingesetzt.

NEURODERMITIS

Wenn der Säureschutzmantel gestört ist

Unter Neurodermitis (med.: atopisches Ekzem) leiden etwa 5 bis 20 Prozent der Kinder und 1 bis 3 Prozent der Erwachsenen. Neben einer genetischen Veranlagung gibt es Auslöser wie Allergene, Schadstoffe oder zu viel Stress. Die Haut ist hochempfindlich und trocken, gerötet oder verschorft. Typische Stellen sind die Armbeugen, die Kniekehlen, die Hals- und Gesichtspartie. Quälend ist vor allem ein starker Juckreiz (siehe Interview Seite 56). Neue Mittel mit natürlichen Substanzen, z. B. aus einem Schlauchpilz, verringern die Zahl der Neurodermitis-Schübe und bekämpfen die Entzündungen.

ROSACEA

Wenn die Wangen erröten

Hinter Verfärbungen auf Nase, Stirn oder Wangen steckt oft eine ernste Krankheit, die zu schmerzhaften Bläschen führen kann: die Rosacea (dt.: kleine Rosenblüten). Etwa 4 Millionen Deutsche leiden darunter. Prof. Dr. Thomas L. Diepgen, Uniklinikum Heidelberg: „Rosacea tritt häufig im dritten und vierten Lebensjahrzehnt auf.“ Eine Ursache ist offenbar eine Störung der Wärmeregulation. Die Äderchen im Gesicht ziehen sich nicht mehr zusammen. Auslöser sind Stress, Alkohol, Sonne oder scharfe Speisen. Entzündungshemmende Antibiotika, z. B. Cremes mit Metronidazol, helfen sehr gut. Gepulste Farbstoff-Laser oder hoch- energetische Blitzlampen machen die hässlichen Äderchen unsichtbar. Beide Behandlungen kosten jeweils ca. 150 Euro. Die Kassen zahlen nicht.

AKNE

Wenn Pickelchen blühen

Etwa jede vierte Frau zwischen 25 und 45 Jahren hat mit Akne zu kämpfen. Entscheidende Auslöser sind Stress, bestimmte Medikamente wie etwa Antidepressiva oder hormonelle Schwankungen. Heute ist jede Akne zum Glück heilbar. Z. B. mit Formen des Vitamin A wie Isotretinoil. Auch verschreibungspflichtige Cremes mit Azelainsäure oder Antibiotika mit den Wirkstoffen Minozyklin oder Doxyzyklin helfen.

Heilkräuter

DIE FÜNF BESTEN HEILKRÄUTER FÜR DIE HAUT

  • Ringelblumen enthalten entzündungshemmende Farbstoffe. 1 bis 2 TL Blüten mit 150 ml Wasser aufbrühen, nach 10 Minuten abseihen, auf eine Kompresse träufeln und auf die Haut legen.
  • Zaubernuss schützt durch Gerbstoffe vor Hautentzündungen. 2 g Rinde mit 150 ml Wasser kalt ansetzen, 15 Minuten kochen. Auf eine Kompresse geben, auf die gereizte Stelle legen.
  • Kamille regt den Hautstoffwechsel an. 50 g Extrakt (Apotheke) auf 10 Liter Wasser geben, betroffene Hautstelle 10 Minuten darin baden.
  • Leinkraut bekämpft fleckige Haut. Presssaft 4-mal täglich auftragen.
  • Johanniskrautöl (Apotheke) hilft bei Ekzemen und trockener Haut. Mehrmals am Tag auftragen.

Erste Hilfe

VERLETZT? ERSTE HILFE

Nur 1 Sekunde beim Möhrenschnippeln nicht aufgepasst – schon ritzt das Messer die Haut. Auch bei kleinen Verletzungen kommt es auf die richtige Behandlung an.

SCHNITTWUNDEN: Blutung durch einen leichten Druckverband stillen. Dabei darauf achten, dass die Wundränder genau aufeinanderliegen. Verletzte Stelle hochlagern. Auch bei kleineren Wunden an Tetanusschutz denken! Tiefere Wunden muss der Arzt nähen, klammern oder mit Gewebekleber verschließen.

BRANDWUNDEN: Schon bei Temperaturen ab 40 Grad treten Zellschäden auf. Betroffenen Hautbereich 5 Minuten unter fließendem kalten Wasser kühlen, anschließend Brandgel auftragen und mit einer sterilen Wundauflage abdecken. Brandblasen nicht aufstechen, sonst kann sich die ungeschützte frische Haut entzünden!

SCHÜRFWUNDEN: Fremdkörper (wie z. B. Sand) mit Hilfe eines Mulltupfers entfernen. Dann mit steriler Kochsalzlösung (Apotheke) oder klarem Wasser spülen. Bei leichten Abschürfungen hilft ein Sprühverband. Bei größeren Schürfflächen eine Salbenkompresse oder eine sterile Mullkompresse auflegen – sie verklebt nicht mit der Wunde.

Grenzverletzungen

DAS GEHT NAHE - GRENZVERLETZUNGEN

Wenn wir uns erschrecken, erbleichen wir. Schämen wir uns, werden wir rot. Reaktionen, die wir nicht kontrollieren können.

Dabei ist es kein Wunder, dass unsere Hülle besonders sensibel auf Stimmungen oder Konflikte reagiert. „Die Haut und das zentrale Nervensystem bilden sich beide aus den gleichen Anlagen – früher als alle anderen Sinnesorgane“, sagt der Dermatologe Prof. Dr. Uwe Gieler, Uni Gießen. Die Seele spielt auch bei jeder dritten Hauterkrankung eine entscheidende Rolle. Wer sich unwohl fühlt, massive Kontaktprobleme hat oder sich abgrenzen will, zeigt dies mit seiner Haut. Seelische Faktoren lösen 40 bis 60 Prozent der Neurodermitis-Erkrankungen aus. Bei 70 Prozent der Psoriatiker tritt das Leiden erstmals in einer Stresssituation auf.

Dahinter steckt ein komplexes Zusammenspiel zwischen Gehirn und Haut, das nun allmählich entschlüsselt wird. Sobald aus dem Gehirn ein Stress-Signal kommt, aktivieren spezielle Eiweißstoffe eine Immunkaskade in der Haut. „Aus Sicht der Evolution ist dies durchaus sinnvoll“, sagt die Psychosomatik-Expertin Prof. Petra Arck von der Charité Berlin. Signalisiert das Gehirn der Haut Gefahr – früher etwa den Angriff eines Raubtiers –, kann sich das Immunsystem bereits auf eine mögliche Verletzung vorbereiten. Weil sich die Umwelt aber geändert hat und Raubtiere heute keine Probleme mehr verursachen, richtet sich das Immunsystem bei erhöhter Stressbelastung nun häufig gegen den eigenen Körper. „Wenn es gelingt, diese Reaktion gezielt auszuschalten, könnten daraus neue Therapien für entzündliche Hauterkrankungen entstehen“, macht Petra Arck Hoffnung.

Frühwarnsystem

FRÜHWARNSYSTEM FÜR STÖRUNGEN

  • Eine gelbe Hautfarbe kann Anzeichen für eine Leber- Störung sein, z. B. eine Hepatitis.
  • Dunkelrote Flecken, die beim Drücken mit einem Spatel ihre Form behalten, können auf Diabetes oder eine Störung der Nebennierenrinde hinweisen.
  • Eine fahle Gesichtsfarbe, trockene und juckende Haut sind oft Zeichen einer Nierenerkrankung.
  • Bluthochdruck zeigt sich oft durch rote Äderchen im Gesicht.
  • Und fettige Haut kann ein Signal für eine Stoffwechselstörung sein. Solche Selbstdiagnosen sollten in jedem Fall vom Arzt abgesichert werden.

Tipps für Stressabbau

DURCHATMEN, STRESS ABBAUEN

Sie verzeiht keinen Ärger und keinen Stress, reagiert schnell mit Flecken, Rötungen oder Pickelchen. Die besten Tipps, um die Haut wieder zu besänftigen.

ENTSPANNUNGS-BAD Ätherische Öle wie Cineol und Kampfer entstressen. Ebenso Lavendel. Für ein Bad 60 g Blüten mit 2 l Wasser aufkochen, nach 10 Minuten abseihen und ins 37 Grad warme Wasser geben.

SALBEI-KOMPRESSE 2 EL Blätter mit 1/2 l kochendem Wasser aufgießen. 5 Minuten ziehen lassen. Mulltuch oder Pads einweichen und etwa 10 Minuten auf das Gesicht legen – diese Methode beruhigt sofort.

KEIMÖL Stress zerstört die empfindliche Balance der Haut zwischen hohem Feuchtigkeits- und Fettgehalt. Dieser Mix reguliert sie bereits nach 30 Minuten: normale Hautcreme mit 2 EL Weizenkeimöl mischen, dick auf Gesicht, Hals und Hände auftragen.

YOGA Die Bewegung und die Atemtechniken regulieren auch den Hautstoffwechsel. Eine Übung, die gestresste Haut schnell wieder zum Strahlen bringt: 1 Sich mit ausgestreckten Beinen hinsetzen. Das linke Bein beugen und anheben. Die Ferse bleibt dabei auf dem Boden. 2 Während das linke Knie wieder gesenkt wird, das rechte anheben. 1 bis 3 Minuten fortsetzen. 3 Jetzt zusätzlich die Arme mit den Handflächen nach unten ausstrecken. Arme im Takt mit den Beinen hochschwingen und senken. Die Übung 2 bis 5 Minuten lang fortsetzen. 4 Danach auf den Rücken legen, entspannen, tief und ruhig atmen.

Interview

„Juckreiz kann auf eine Erkrankung hindeuten“

Dermatologin Prof. Dr. Sonja Ständer ist Leiterin der Juckreiz-Sprechstunde am Universitätsklinikum Münster

Ist Juckreiz mehr als einfach nur lästig? Er ist eine der unangenehmsten Beschwerden bei Neurodermitis, Nesselsucht, Schuppenflechte oder allergischen Kontaktekzemen. Er kann aber auch auf eine innere Erkrankung hindeuten, etwa ein Nierenleiden oder Diabetes. Eisenmangel kann ihn ebenfalls auslösen.

Was hilft? Tritt Juckreiz zusammen mit trockener Haut auf, ist die Basis der Behandlung eine regelmäßige rückfettende und Feuchtigkeit spendende Pflege, vielleicht mit einem Harnstoff-Zusatz. Schnelle Hilfe bringen kühlende feuchte Umschläge oder spezielle Cremes mit Menthol oder Kampfer.

Sind Hausmittel sinnvoll? Bei einer Selbstbehandlung ist eher Vorsicht geboten – Abreibungen mit Franzbranntwein oder Kräutertinkturen z. B. können die Beschwerden noch verschlimmern.

Welche neuen Medikamente gibt es? Lindernd ist der Einsatz von so genannten Immunmodulatoren wie Pimecrolimus oder Tacrolimus in Salben. Aber auch die Chilischoten- Substanz Capsaicin ist sehr wirksam.

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