19. Februar 2010
Hilfe bei Arthrose

Hilfe bei Arthrose

Nur ältere Menschen haben Arthrose? Ein Irrtum. Immer jüngere leiden an dem schmerzhaften Verschleiß. Ein Orthopäde verrät, welche Therapien wirklich helfen.

© Peter Atkins - Fotolia

Gerade erst aufgestanden und schon tun die Gelenke weh? Typisch Arthrose. Und auch wenn die Schmerzen nach den ersten Schritten wieder verschwinden, nimmt der Verschleiß trotzdem schleichend zu und schädigt das Gelenk. Doch neueste Forschungsergebnisse der Universitäten Münster und Hannover machen Hoffnung. Am Institut für Experimentelle Muskuloskelettale Medizin in Münster haben Wissenschaftler das Molekül entdeckt, das den Verschleiß auslöst. Das Besondere: Jeder trägt es in sich, aber nur bei einigen Menschen wird es aktiv. Der Antikörper, der das Molekül deaktiviert, wurde im Tierversuch bereits gefunden. Hier konnte die Entstehung der Arthrose durch die regelmäßige Injektion dieses Antikörpers verhindert werden. „Unsere Prognose für den Menschen ist, dass Arthrose in etwa fünf bis sechs Jahren bereits im Anfangsstadium bekämpft werden kann“, sagt die Münsteraner Biologin Dr. Jessica Bertrand.

Viele Therapien gegen Arthrose versprechen eine Besserung der Beschwerden, ja sogar Heilung. Doch allerlei Methoden sind nichts als Geldschneiderei. Einige aber können tatsächlich Schmerzen stillen, Entzündungen lindern und den Knorpel erhalten. Für den Laien ist es allerdings schwierig, sich in diesem Therapie- Dschungel zurechtzufinden. Unser Experte Dr. Dr. Géza Pap, Chefarzt des Orthopädisch- Traumatologischen Zentrums vom Park-Krankenhaus in Leipzig, hilft Ihnen dabei. Er hat für Sie die wirklich sinnvollen Therapiemöglichkeiten einmal unter die Lupe genommen. Es werden aber auch diejenigen genannt, die nicht zu empfehlen sind.

Experteninterview zum Thema Arthrose

„Künstliche Kniegelenke halten über 20 Jahre“

Dr. Thomas Gehrke, Ärztlicher Direktor der Endo-Klinik, Hamburg

Sind künstliche Kniegelenke nur für ältere Patienten ein letzter Ausweg?

Nein, wir setzen sie durchaus auch bei jüngeren Menschen ein. Es gibt eigentlich keine Altersgrenze. Wenn die Gelenke zerstört sind und ein schmerzfreies Bewegen nicht mehr möglich ist, erfolgt eine Implantation. Das bedeutet auch: Der Patient erhält dadurch ein Stück Lebensqualität zurück.

Worauf muss der Patient nach der Implantation achten?

Es gibt einige Sportarten, die er meiden sollte. Dazu gehören zum Beispiel regelmäßiges Joggen, Kampfsportarten und sogenannte High-Impact-Sportarten, da hier die Stoß- und Stauchbelastungen sehr stark sind. Wegen der erhöhten Gefahr der Infektion sollten alle bakteriellen Entzündungen wie Harnwegsinfekte, Lungen- oder Zahnentzündungen frühzeitig und konsequent mit Antibiotika behandelt werden.

Ist die „Haltbarkeit“ einer Prothese bei allen Patienten gleich gut?

Grundsätzlich gilt: Die Haltbarkeit der Standardprothesen für Knie- und Hüftgelenke ist ähnlich. In der Regel sind sie sehr belastbar und halten den normalen Alltag sowie moderate sportliche Belastungen über mehr als 20 Jahre aus. Wenn sich eine Prothese nach dieser Zeit lockert, ist das völlig normal.

Wann muss eine Prothese gewechselt werden?

Ursachen für einen Prothesenwechsel können eine Lockerung innerhalb der ersten Monate oder eine bakterielle Infektion sein. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt aber nur bei einem Prozent. Bei einer Lockerung ist die Prothese nicht mehr fest mit dem Knochen verbunden. Es kommt zu Schmerzen und der Zerstörung des Knochens. Hier genügt ein Teilaustausch der gelockerten Elemente. Bei einer Infektion hingegen muss die gesamte Endoprothese ausgewechselt werden. Denn die Bakterien zerstören Knochen und Gewebe.

Was hat es in diesem Zusammenhang mit der „Knochenbank“ auf sich?

Hier werden bei Implantationen entnommene Hüftköpfe gelagert, die durch Erhitzen und Tiefgefrieren sterilisiert wurden. Wenn es nun bei Prothesenlockerungen zur Zerstörung des umgebenden Knochens kommt, werden diese Defekte mit Fremdknochen aus der Knochenbank aufgefüllt. Die neue Prothese hat so den nötigen Halt. Wir sind mit dieser Methode weltweit führend, verfügen über mehr als 20 Jahre Erfahrung mit 15 000 Patienten.

Hilfe bei Arthrose
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Das hilft gegen die Beschwerden

Akupunktur

Der Schmerz, den der Gelenkverschleiß hervorruft, führt automatisch zu einer Fehlbelastung der Gelenke. Denn um Schmerzen zu vermeiden, nehmen wir eine Schonhaltung ein. Wenn aber die Gelenke falsch belastet werden, hat das weiteren Verschleiß zur Folge. „Akupunktur wird vor allem eingesetzt, um gerade diesen Teufelskreis zu unterbrechen. Sie kann bei den Menschen Schmerzen lindern, die sich auch darauf einlassen“, erklärt Dr. Pap. „Es gibt hier jedoch sicherlich einen gewissen Placebo-Effekt.“ Zahlen die Kassen? Je nach Dauer und Aufwand kostet eine Sitzung zwischen 30 und 70 Euro. Nicht alle Kassen übernehmen die Kosten.

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Das hilft gegen die Beschwerden

Balneo-Therapie

Wer auf sanfte Weise seine Symptome lindern will, ist mit der Balneo-Therapie, einer Bäder- Anwendung durch geschultes Fachpersonal, gut beraten. „Ihr Einsatz macht bei Arthrose durchaus Sinn. Sie wirkt sowohl entzün- dungshemmend als auch schmerzlindernd“, so Dr. Pap. Der Unterschied zu den herkömmlichen Bädern: Das Wasser kommt aus Heilquellen mit einem höheren Gehalt an gelösten Stoffen, z.B. Mineralstoffen, Kohlendioxid, Kohlensäure, Schwefelwasserstoff oder radioaktiven Stoffen. Diese Substanzen werden beim Baden über die Haut aufgenommen und können in den betroffenen Regionen wirken. Zusätzlich entlastet der Auftrieb des Wassers Muskeln und Gelenke erheblich. Hier können Bewegungen durchgeführt werden, die wegen der Schmerzen sonst nicht möglich wären. Zahlen die Kassen? Eine Anwendung kostet ca. 5 bis 15 Euro. Die meisten Kassen tragen die Kosten.

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Das hilft gegen die Beschwerden

Taping und Bandagen

Für eine bessere Beweglichkeit sorgen auch Tape-Verbände. Bei Arthrose kann ein vom ausgebildeten Physiotherapeuten geklebtes Tape den Schmerz nehmen. Generell sind Tape-Verbände in der Lage, nach Bänderrissen und Gelenkverletzungen Muskeln und Bänder zu stützen, ohne sie komplett ruhigzustellen. Die Einschätzung des Leipziger Orthopäden und Unfallchirurgen: „Der Einsatz von Tape-Verbänden ist oft sinnvoller als das Tragen einer Bandage, denn die Muskulatur kann weiterarbeiten. Eine Bandage hingegen macht Sinn, wenn der Patient ohne deren Unterstützung zu instabil wäre und sich sonst gar nicht bewegen könnte.“ Zahlen die Kassen? Ein Tape kostet im Schnitt ca. 15 Euro. Viele Kassen zahlen nicht.

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Das hilft gegen die Beschwerden

Elektrotherapie

Das Wirkprinzip der Elektrotherapie beruht auf der stimulierenden Wirkung elektrischen Stroms, der die Muskulatur lockert, die Durchblutung anregt und so Schmerzen lindert. Es gibt verschiedene Anwendungsformen: Nieder-, Mittel- und Hochfrequenz-Therapie. Werden gleichzeitig schmerz- und entzündungshemmende Salben aufgetragen, unterstützt die Elektrotherapie ihre Aufnahme über die Haut in das Gelenk und sorgt so für eine verstärkte Tiefenwirkung. Diese Methode wird auch Iontophorese genannt. Eine Sonderform der Elektrotherapie ist die TENS (transkutane elektrische Nerven- Stimulation). Bei ihr stimuliert Reizstrom das Nervensystem über selbstklebende Elektroden, die an einen handlichen Impulsgeber gekoppelt sind. Die TENS eignet sich besonders gut bei chronischen Schmerzen. Zahlen die Kassen? Bei der Indikation Arthrose-Schmerz immer.

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Das hilft gegen die Beschwerden

Sport und Physiotherapie

Wer von Arthrose betroffen ist, muss noch lange nicht auf Sport verzichten. Denn der verbessert die Beweglichkeit. Zudem werden durch den Muskelaufbau gleichzeitig die Gelenke entlastet. Wichtig ist nur, dass die richtige Sportart ausgewählt wird. Dabei gilt folgende Faustregel: keine Sportarten mit großer Stoß- und Stauchbelastung sowie Extrembewegungen der Gelenke wie Joggen, Kampfsportarten, Tennis oder Squash. Besonders gut eignet sich Aqua-Sport, da hierbei die Belastung der Gelenke wegfällt. „Ich empfehle allerdings Immer zuerst eine ganz gezielte Physiotherapie, um akute Muskelverspannungen zu lösen. Erst danach sollten die Patienten unter Anleitung ausgebildeter Trainer mit dem Sport beginnen“, betont Dr. Pap. Zahlen die Kassen? 30 Minuten Physiotherapie kosten ab 40 Euro, eine Massage ab 25 Euro. Die Übernahme regelt jede Kasse individuell.

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Das baut den Knorpel auf

Autologe Chondrozyten-Transplantation (ACT)

Um dem Knorpelabbau entgegenzuwirken, wird diese Zelltherapie in einigen Fällen der sekundären Arthrose eingesetzt. Hierzu werden aus einem nicht betroffenen Teil des Knorpels per Endoskop Zellen entnommen, im Labor mithilfe von Wachstumsfaktoren vermehrt und mittels einer Trägersubstanz an der schadhaften Stelle im Gelenk wieder injiziert. Das dort neuentstandene knorpelartige Gewebe entspricht allerdings nicht dem natürlichen, dem sogenannten hyalinen Knorpel. Es handelt sich eher um faserartiges Gewebe, das weitaus weniger belastbar ist. Deshalb hilft diese Methode leider nicht auf Dauer. Und bei Patienten mit klassischer Arthrose bietet sie sich oft gar nicht erst an. In diesen Fällen ist nämlich nicht nur eine Stelle im Gelenk, sondern meist der gesamte Knorpel defekt. „Dennoch ist diese Art der Therapie besser, als gar nichts zu unternehmen. Mit ihrer Hilfe kann zum Beispiel Leistungssportlern für einen bestimmten Zeitraum weitergeholfen werden“, erklärt der Leipziger Orthopäde. Zahlen die Kassen? Je nach Dauer des Klinikaufenthalts kostet diese Methode ab 10 000 Euro. Die Krankenkassen zahlen in der Regel.

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Das baut den Knorpel auf

Abrasions-Chondroplastik

Diese Technik ist auch eine häufig angewandte arthroskopische (per Kniespiegelung) Behandlung, die besonders bei Kniegelenken zum Einsatz kommt. Bei der Abrasions-Chondroplastik werden der Gelenkknorpel und die darunterliegende oberste Knochenschicht angefräst. Es entstehen Blutungen aus dem intakten Knochen heraus, und das Knochenmark wird stimuliert, neuen Knorpel zu bilden. Doch auch hier tritt das gleiche Problem wie bei der Zelltherapie auf: Es entsteht nach etwa vier Wochen eher faserartiges und damit nicht so belastbares Gewebe. „Diese Methode funktioniert auch bei großflächigeren Schädigungen. Knorpelschäden, die einen großen Teil des Gelenks oder gar das gesamte Gelenk betreffen, können so aber nicht mehr behandelt werden“, gibt Dr. Pap zu bedenken. Zahlen die Kassen? Die Übernahme der ca. 3000 Euro muss mit der Krankenkasse individuell verhandelt werden.

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Das ist nicht zu empfehlen

Orthokin-Therapie

Der Hersteller geht davon aus, dass ein körpereigener Eiweißstoff in zu großen Mengen produziert wird und den Knorpel schädigt. Um dem entgegenzuwirken, wird der Gegenspieler, ein anderes im Blut vorhandenes Protein, mit einer Spritze entnommen und außerhalb des Körpers vermehrt. Durch die Injektion in das betroffene Gelenk soll die Knorpelzerstörung aufgehalten werden. Allerdings ist dieser schädigende Eiweißstoff nur einer der Auslöser, die zur Arthrose führen. Die Therapie hilft deshalb auch nicht jedem Patienten.

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Das ist nicht zu empfehlen

Glucosamin/Chondroitinsulfat

In Kapsel- oder Tablettenform angeboten, soll Glucosamin aus Schalentieren helfen, Knorpelsubstanz neu zu bilden. Es ist jedoch nicht gesichert, dass es die betroffenen Gelenke überhaupt erreicht. Das gilt auch für Chondroitinsulfat z.B. aus Haifischknorpel.

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Das ist nicht zu empfehlen

ADRESSEN

  • Deutsche Arthrose-Hilfe e. V., Postfach 11 05 51, 60040 Frankfurt/Main, Tel. 0 68 31/94 66 77, www.arthrose.de
  • Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V., Maximilianstr. 14, 53111 Bonn, Tel. 02 28/76 60 60, www.rheuma-liga.de
  • Endo-Klinik Hamburg, Holstenstr. 2, 22767 Hamburg, Tel. 0 40/31 97-0, www.endo-klinik.de 

Prinzipiell ist gegen ein paar Kilo Körpergewicht weniger nichts einzuwenden. Alles, was die Gelenke weniger tragen müssen, entlastet sie. Für spezielle Arthrose-Diäten sollte dagegen kein Geld ausgegeben werden. Denn die darin enthaltenen Knorpel-Nährstoffe können auch perfekt mit einer ausgewogenen Ernährungsweise aufgenommen werden.

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