23. November 2011
Endlich ein starker Rücken

Endlich ein starker Rücken

Was haben Liebeskummer, Hormone und Infektionen mit Kreuzschmerzen zu tun? Erstaunlich viel. Das belegen neue Erkenntnisse aus der Forschung. Prof. Wolfgang Ertel von der Berliner Charité erklärt uns, was unserem Rücken guttut.

Schmerzen im Rücken gehören zum Leben wie ein Schnupfen. Und sind meistens genauso harmlos. Neue Erkenntnisse zeigen, dass ihr Auftreten nicht nur auf Stress und lasche Muskeln zurückgeführt werden kann, sondern auch mal mit schwankenden Hormonen oder Liebeskummer zusammenhängt. Wie diese Mechanismen ausgehebelt werden können, erklärt der Wirbelsäulenexperte Prof. Wolfgang Ertel von der Berliner Charité. Und natürlich weiß er auch, was dem Rücken guttut und warum Bandscheibenvorfälle nicht immer sofort operiert werden müssen.

VITAL: Warum ist der Rücken überhaupt der größte Schwachpunkt des Körpers?
PROF. ERTEL: Grundsätzlich ist die Wirbelsäule stabil genug für unseren Alltag. Allerdings haben sich in den letzten 30 Jahren einige Faktoren geändert, die sie stark belasten. Dazu gehören in erster Linie chronische Fehlbelastungen wie langes Sitzen, Bewegungsmangel, die höhere Lebenserwartung, neue Extremsport- arten und häufiger auftretendes Übergewicht. Auch der steigende seelische Druck im Alltag und Beruf spielt bei Rückenschmerzen eine zunehmende Rolle, obwohl sich in diesen Fällen keine organischen Veränderungen finden lassen.

Prof. Wolfgang Ertel
© Jalag Syndication
Prof. Wolfgang Ertel, Direktor der Klinik für Unfall- und Wieder- herstellungschirurgie an der Berliner Charite.

Psychische Rückenschmerzen – existieren die wirklich?
Ja, wir beobachten in der Tat eine steigende Zahl von Patienten im mittleren Alter, die über chronische Rückenschmerzen klagen. Untersucht man sie im Magnetresonanztomographen, findet man nur selten signifikante Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule.

Sind das alles Hypochonder?
Nein. Wir wissen ja, dass sich Stress, Überforderung, Frustrationen, Depressionen, ja sogar Liebeskummer auf das Schmerzerleben auswirken können. Gerade beim chronischen Schmerz, der heute als eigenständige Erkrankung gilt, ist bekannt, dass dem Gehirn Schmerzinformationen vermittelt werden, selbst wenn im Extremfall kein auslösender Reiz vorliegt. Psychosoziale Faktoren beeinflussen den Verlauf von Rückenschmerzen vermutlich ebenso stark wie körperliche. Deshalb arbeiten wir in unserer Klinik interdisziplinär mit Schmerztherapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten Hand in Hand, um auch diesen Patienten eine hoch differenzierte Therapie zu garantieren. Wir nennen das „psychologische Schmerztherapie“.

Haben zufriedene Menschen demnach seltener Rückenschmerzen?
Nein, definitiv nicht. Aber psychische Faktoren beeinflussen die Weiterverarbeitung des Schmerzes im Gehirn. Je nach negativer oder positiver Ausrichtung wirken sie entweder verstärkend oder lindernd. Auch die Motivation, Rückenschmerzen frühzeitig mit Rückenschulung und gezieltem Sport zu behandeln, ist bei Patienten mit ausgeglichener Psyche viel höher.

Wie wirkt sich eine zu schwache Muskulatur aus?
Verkümmerte Muskeln machen den Rücken anfälliger für Schmerzen. Menschen mit chronischen Schmerzen weisen krankhafte Muskelveränderungen auf. Dadurch verliert der Rücken seine Stabilität und neigt zu schmerzhaften Verspannungen. Auch eine schlecht trainierte Bauchmuskulatur fördert Rückenprobleme.

Welcher Sport hilft dem Rücken?
Schwimmen, Wandern, Aerobic, Skilanglauf, Mountainbiking und Radfahren können Rückenprobleme vermeiden und bestehende bessern. Gift für die Wirbelsäule und erheblich belastend sind kurzfristige, schnelle Drehbewegungen und Stauchungen wie beim Tennis, Golf, Squash, Badminton, Rudern, Reiten, Gewichtheben und Ski alpin.

Haben hormonelle Umbrüche wie die Wechseljahre einen Einfluss?
Ja, in den Wechseljahren kann die Muskelkraft durch die Hormonumstellung abnehmen. Die dadurch veränderte Körperhaltung ruft unter Umständen Rückenschmerzen hervor. Dagegen helfen Sport und eine eiweißreiche Ernährung. Die durch den Östrogenmangel verursachte Bindegewebsschwäche kann zudem ein Wirbelkörpergleiten fördern. Auch in dem Fall tut Sport gut – und ein rückenfreundliches Leben. Frauen haben fünfmal häufiger Schmerzen im Kreuz als Männer. Liegt das an ihrer Doppelbelastung? Nein, ich führe es auf die häufigere Bindegewebsschwäche und ihre schwächere Muskulatur zurück. Und Frauen haben öfter ein Hohlkreuz.

Welche Auswirkungen hat das?
Das Hohlkreuz wird durch falsche Körperhaltungen wie gekrümmter Gang oder gekrümmtes Sitzen, eine schwache Bauch- oder eine verkürzte Rückenmuskulatur begünstigt. Es fördert Hüftgelenksarthrose und den Verschleiß der Lendenwirbelsäule. Deshalb sollten Frauen mit Hohlkreuz auf eine gute Körperhaltung und die Kräftigung ihrer Bauch- und Rückenmuskulatur achten. „Eine Infektion kann schuld sein“

„Eine Infektion kann schuld sein“

Verstecken sich auch mal organische Krankheiten hinter Rückenschmerzen?
Ja, man muss auch immer an einen Herzinfarkt denken, an ein Bauchaortenaneurysma, also eine krankhafte Erweiterung der Bauchschlagader, an Gallen- oder Nierensteine, an eine Entzündung von Gallenblase, Nieren oder Bauchspeicheldrüse.

Was raten Sie bei Rückenschmerzen?
Da es sich bei den meisten um Muskelverspannungen handelt, sollte man sich viel bewegen, seine Muskeln mit speziellen Übungen stärken und vor allem Fehlbelastungen vermeiden. Ich rate meinen Patienten, so oft wie möglich zwischen Sitzen, Stehen und Gehen zu wechseln. Man sollte oft aufstehen und Streckübungen machen, ohne dabei in den Rundrücken zu gehen. Und so oft wie möglich aufs Bücken und auf schwere Belastungen verzichten. Dazu viel Wärme und entzündungshemmende Schmerzmittel, z.B. mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Diclofenac.

Wann sollte ich zum Arzt gehen?
Wenn alle diese Maßnahmen nach einigen Tagen nicht helfen und zum Rückenschmerz ein bis in den seitlichen Fuß ziehender Beinschmerz hinzukommt. Und auch bei länger anhaltenden Rückenschmerzen mit Fieber. Das deutet auf eine entzündete Bandscheibe hin.

Fünf Tipps für den Alltag vom Rückenexperten

  • Achten Sie am Schreibtisch darauf, dass Ihre Füße flach auf dem Boden stehen und die Sitzfläche um 15 Grad nach vorn gekippt ist. Falls das nicht geht, benutzen Sie ein Keilkissen.
  • Üben Sie vor dem PC alle 15 Minuten über die Oberschenkelmuskulatur zehnmal leichten Druck auf Ihre Fußsohlen aus.
  • Atmen Sie nicht flach, sondern tief in den Bauch hinein. Das richtet die Wirbelsäule auf.
  • Schlafen Sie auf einer mittelharten Matratze, gönnen Sie sich alle zehn Jahre eine neue. Liegen Sie vor dem Einschlafen eine Weile entspannt auf dem Rücken, legen Sie die Beine hoch und recken und strecken Sie sich ausgiebig.
  • Belasten Sie beim Stehen beide Beine gleichmäßig, sodass sich die Wirbelsäule aufrichtet. Bei der Küchenarbeit abwechselnd ein Bein hochstellen, z. B. in einen offenen Unterschrank.

Mit welchen Beschwerden würden Sie Patienten sofort in eine Klinik schicken?
Alarmstufe Rot besteht bei einer Schädigung der Rückenmarksnerven durch einen akuten Bandscheibenvorfall. Neben einem Beinschmerz mit Sensibilitätsstörungen leidet der Patient dann z.B. an einer Lähmung der von der betroffenen Nervenwurzel versorgten Muskelgruppe, an unkontrolliertem Urin- und Stuhlabgang und einem Gefühlsverlust an den Oberschenkelinnenseiten.

Muss dann operiert werden?
Nicht unbedingt. Eine Operation ist immer die letzte Option, nachdem alle konservativen Behandlungsmaßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen. Die Therapie muss einem Stufenkonzept folgen. Primär sollte, mit Ausnahme der gerade geschilderten Akutsituation mit Lähmungen, immer eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln, intensiver Physiotherapie, Rückenschule und gegebenenfalls einer psychotherapeutischen Behandlung eingeleitet werden. Zeigen diese Maßnahmen innerhalb von sechs bis acht Wochen keinen Erfolg, können minimalinvasive Verfahren versucht werden.

Wird zu viel operiert?
Vielleicht nicht zu viel, aber zu früh und ohne alle konservativen Therapien auszuschöpfen. Aber auch die haben ihre Grenzen, wenn sie über Monate keinen Erfolg zeigen. Vielleicht wird oft auch der falsche Patient operiert. Es ist richtig, dass ein Bandscheibenvorfall, der nur eine Gefühlsstörung und milde Muskelschwäche verursacht, konservativ mit Schmerzmittel, muskelentspannenden Arzneien und Physiotherapie behandelt werden kann. Das verlangt dem Patienten aber Geduld und Schmerztoleranz ab. Ich kenne viele, die auch ohne Operation ein nahezu schmerzfreies Leben führen.

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