Interview „Eine Infektion kann schuld sein“

Was haben Liebeskummer, Hormone und Infektionen mit Kreuzschmerzen zu tun? Erstaunlich viel. Das belegen neue Erkenntnisse aus der Forschung. Prof. Wolfgang Ertel von der Berliner Charité erklärt uns, was unserem Rücken guttut.

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Verstecken sich auch mal organische Krankheiten hinter Rückenschmerzen?
Ja, man muss auch immer an einen Herzinfarkt denken, an ein Bauchaortenaneurysma, also eine krankhafte Erweiterung der Bauchschlagader, an Gallen- oder Nierensteine, an eine Entzündung von Gallenblase, Nieren oder Bauchspeicheldrüse.

 

Was raten Sie bei Rückenschmerzen?
Da es sich bei den meisten um Muskelverspannungen handelt, sollte man sich viel bewegen, seine Muskeln mit speziellen Übungen stärken und vor allem Fehlbelastungen vermeiden. Ich rate meinen Patienten, so oft wie möglich zwischen Sitzen, Stehen und Gehen zu wechseln. Man sollte oft aufstehen und Streckübungen machen, ohne dabei in den Rundrücken zu gehen. Und so oft wie möglich aufs Bücken und auf schwere Belastungen verzichten. Dazu viel Wärme und entzündungshemmende Schmerzmittel, z.B. mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Diclofenac.

 

Wann sollte ich zum Arzt gehen?
Wenn alle diese Maßnahmen nach einigen Tagen nicht helfen und zum Rückenschmerz ein bis in den seitlichen Fuß ziehender Beinschmerz hinzukommt. Und auch bei länger anhaltenden Rückenschmerzen mit Fieber. Das deutet auf eine entzündete Bandscheibe hin.

 

Mit welchen Beschwerden würden Sie Patienten sofort in eine Klinik schicken?
Alarmstufe Rot besteht bei einer Schädigung der Rückenmarksnerven durch einen akuten Bandscheibenvorfall. Neben einem Beinschmerz mit Sensibilitätsstörungen leidet der Patient dann z.B. an einer Lähmung der von der betroffenen Nervenwurzel versorgten Muskelgruppe, an unkontrolliertem Urin- und Stuhlabgang und einem Gefühlsverlust an den Oberschenkelinnenseiten.

 

Muss dann operiert werden?
Nicht unbedingt. Eine Operation ist immer die letzte Option, nachdem alle konservativen Behandlungsmaßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen. Die Therapie muss einem Stufenkonzept folgen. Primär sollte, mit Ausnahme der gerade geschilderten Akutsituation mit Lähmungen, immer eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln, intensiver Physiotherapie, Rückenschule und gegebenenfalls einer psychotherapeutischen Behandlung eingeleitet werden. Zeigen diese Maßnahmen innerhalb von sechs bis acht Wochen keinen Erfolg, können minimalinvasive Verfahren versucht werden.

 

Wird zu viel operiert?
Vielleicht nicht zu viel, aber zu früh und ohne alle konservativen Therapien auszuschöpfen. Aber auch die haben ihre Grenzen, wenn sie über Monate keinen Erfolg zeigen. Vielleicht wird oft auch der falsche Patient operiert. Es ist richtig, dass ein Bandscheibenvorfall, der nur eine Gefühlsstörung und milde Muskelschwäche verursacht, konservativ mit Schmerzmittel, muskelentspannenden Arzneien und Physiotherapie behandelt werden kann. Das verlangt dem Patienten aber Geduld und Schmerztoleranz ab. Ich kenne viele, die auch ohne Operation ein nahezu schmerzfreies Leben führen.

 

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