17. Februar 2010
Gefahren in der ästhetischen Chirurgie

Gefahren in der ästhetischen Chirurgie

Im Namen der Schönheit werden Nabel normiert, Hände geliftet, Pos auf knackig getrimmt. Einige Beauty-OPs sind fragwürdig – mit geringem Nutzen und hohem Risiko.

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Sich per Spritze oder Skalpell schön machen lassen: Trotz Wirtschaftkrise und chronischer Ebbe im privaten Portemonnaie haben ästhetisch-plastische Eingriffe ungebrochen Konjunktur. Allein zwischen 1993 und 2008 hat sich die Zahl der Beauty-OPs um das Sechsfache erhöht. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie in Berlin legten sich allein im vergangenen Jahr 400 000 Deutsche für die „Operation Schönheit“ unters Messer. Zu 80 Prozent waren es Frauen, zu einem Viertel sogar Teenager zwischen 15 und 25 Jahren. Und auf der Straße befragt, wäre jeder zweite Bundesbürger nicht abgeneigt, sich operieren zu lassen. Auch dann nicht, wenn er dafür eine Vollnarkose und ein paar Tage Klinik hinnehmen müsste.

ADRESSEN & INFOS

Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland e. V., Königsteiner Str. 55 a, 65812 Bad Soden, Tel. 0 61 96/6 52 49 23, www.gacd.de

Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch- Plastische Chirurgie e. V., Bergmannstr. 102, 10961 Berlin, Tel. 0 30/8 87 10 22 00, www.dgaepc.de.

Ohren anlegen, Lider straffen, Fett absaugen, die Nase korrigieren, Falten wegspritzen – das sind die ganz normalen Wünsche der Patienten, die Basics der ästhetischplastischen Chirurgie. Aber seit ungefähr fünf Jahren werden sie immer exotischer, die Einschnitte in den Körper, immer haarsträubender – und immer fragwürdiger. Da werden im großen Stil Schamlippen mädchenhaft gekürzt, Pos mit dem Skalpell knackig geshaped oder Nabel fürs Bauchfrei-Top straff auf Mitte gesetzt. So manche Schönheitschirurgen machen für Geld alles möglich. Ohne den Risiko-Nutzen-Faktor des Eingriffs, ohne die Gesundheit des Patienten im Blick zu haben. Hier die fünf wahnsinnigsten, nicht zu empfehlenden Schönheitsoperationen.

Völlig unnatürlich: BOTOX MIT 25

Pralle Schlauchboot-Lippen zum Abitur, Anti-Falten-Botox zu Weihnachten: Die „New Generation“ kennt keine Berührungsängste mit der künstlichen Schönheit. Besonders beliebt sind Injektionen mit dem starken natürlichen Nervengift Botulinumtoxin. Besser bekannt unter dem Kürzel „Botox“. Aber Verjüngungs-Spritzen – wohin eigentlich? Normalerweise in „Zornes-“ oder Nasolabialfalten. Doch bei einer 25-Jährigen noch keine Spur davon. Warum also lassen sich in Deutschland pro Jahr mehr als 100 000 junge Frauen nicht vorhandene Falten wegspritzen? Zur Vorbeugung. Sicher ist sicher. Damit Fältchen und erst recht Falten keine Chance haben. „Prinzipiell sollte eine Botox-Behandlung beschwerdeorientiert und bei Vorliegen eines bestimmten Leidensdruck erzeugenden Befundes appliziert werden“, betont Dr. Christoph Reis, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, von der Privatklinik Dr. Etscheit in Düsseldorf. „Das erfolgt im Regelfall aber erst jenseits des 30. Lebensjahres.“ In zu jungen Jahren kann Botox schnell zu einem künstlich-maskenhaften, überkorrigierten Ergebnis führen. Dr. Reis: „Gerade bei jungen Frauen ist Natürlichkeit oberstes Gebot.“

Große Einschnitte bei der GESÄSSSTRAFFUNG
Mit 45 einen „Knack-Po“ haben wie eine 25-Jährige. Ohne schweißtreibende Schinderei im Fitnessstudio. Diesen Traum erfüllen sich mittlerweile schon nahezu 10 Prozent der deutschen Frauen ab 40. Doch für ihren Traum müssen die Patientinnen im wahrsten Sinne bluten. Denn bei der bis zu dreistündigen OP in Vollnarkose entfernt der Chirurg Falten und erschlafftes Gewebe mit sehr großflächigen Schnitten: von der Außenseite der Gesäßfalte bis nach vorn in die Leiste. „Bei der Gesäßstraffung besteht die Problematik in der Tat darin, dass sie durch lange Narben erkauft werden muss, die in jedem Fall auffällig sind“, sagt Dr. Marita Eisenmann- Klein, Direktorin der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg. „Liegen die Narben am oberen Ende des Gesäßmuskels, sind sie im Stehen an der unbekleideten Patientin deutlich sichtbar. Liegen sie in der Falte zwischen Gesäß und Oberschenkel, ist damit zu rechnen, dass sich die Narben mit der Zeit senken und dann stärker auffallen.“ Und dafür zahlen die Patientinnen dann auch noch bis zu 7000 Euro. Fazit von Dr. Eisenmann- Klein: „Die Gesäßstraffung ist wirklich nur eine Methode für Patientinnen nach massiver Gewichtsreduktion und bei stark ausgeprägter Hauterschlaffung.“


BAUCHNABELKORREKTUR – ein zu hoher Preis

Zusammen mit bauchfreien Tops und Nabel-Piercings ist auch die Bauchnabelkorrektur in Mode gekommen. Der Bilderbuch-Nabel soll jungmädchenhaft mittig, vertikal leicht länglich oval geformt, nicht zu tief liegen, aber auch nicht hervorstehen. So jedenfalls definieren nicht wenige Schönheitschirurgen die optimale optische Mitte der Frau. Doch Schwangerschaft, nachlassendes Bindegewebe, starke Gewichtsabnahme – und radikales Fettabsaugen! – rücken so manchen Bauchnabel aus der vermeintlichen Schönheitsnorm heraus. Die plastische Chirurgie richtet das in einer meist ambulanten, bis zu eineinhalbstündigen Operation in örtlicher Betäubung. Bei der sogenannten Umbilicoplastik entfernt der Chirurg überschüssige Haut um den Nabel oder löst ihn von seiner Unterlage und fixiert ihn einige Zentimeter unterhalb seiner ursprünglichen Position. Gar nicht mal ein so kleiner Eingriff, der selbst unter Schönheitschirurgen umstritten ist. „Es muss dringend davor gewarnt werden, bei den Patientinnen neue Bedürfnisse zu wecken. Wenn ein Nabel als unästhetisch empfunden wird, steckt häufig ein Nabelbruch dahinter“, so Dr. Marita Eisenmann- Klein. „Bei der Behandlung durch einen unerfahrenen Chirurgen wären sogar lebensbedrohliche Komplikationen vorstellbar. Die Ergebnisse sind in der Regel auch enttäuschend, da Straffungsoperationen in der Nabelgegend selten genügend schlaffe Haut erfassen.“ Im Übrigen ist der Nabel ein genetisch bestimmtes individuelles äußeres Merkmal des Menschen. Warum alles normieren? Und dann womöglich noch ständig nach angesagten Schönheits-Trends umoperieren – ein zu hoher Preis!

BRUSTAUFBAU – Langzeitstudien fehlen
Spritze statt Skalpell: Immer öfter wird zum Brustaufbau Hyaluronsäure gespritzt. Als „sanft“ verkaufen Schönheitschirurgen diese Alternative zum Silikonimplantat. Die Mediziner verwenden bei der Methode Macrolane- Gel, das in ähnlicher Zusammensetzung bereits zur Faltenunterspritzung eingesetzt wird. Da sich das Gel innerhalb von zwei bis vier Jahren abbaut, muss regelmäßig nachgespritzt werden. „Schon bei der Faltenbehandlung besteht das Risiko, dass sich durch Fremdkör- perreaktionen Zysten oder Knötchen bilden“, sagt Dr. Marcus Schlichter, Facharzt für Ästhetische und Plastische Chirurgie, Aestheticum Praxisklinik, Bremen. Bislang fehlen kontrollierte Langzeitstudien. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch- Plastische Chirurgie warnt vor Macrolane- Injektionen in die Brust. Die Gründe: Bei dieser Technik wird über hundertmal mehr Wirkstoff verwendet als bei Faltenunterspritzungen. Und dann auch noch in einem so sensiblen Gebiet wie dem Brustdrüsengewebe, das bei jeder zehnten Frau im Laufe ihres Lebens bösartig entartet. Dadurch können Patientinnen davon ausgehen, dass bei ihnen verstärkt Probleme auftreten. Auch ein Brustaufbau mit Eigenfett aus Bauch, Po oder Oberschenkel ist nicht ohne. Zwar gibt es keine Fremdkörperreaktionen. Doch die Fettzellen wachsen im Brustdrüsengewebe schlecht an oder überleben nicht lange, sodass ständig nachgespritzt werden muss. Und bei dieser Methode sind zwei Eingriffe nötig: Fettabsaugen und Unterspritzungen.

Tortur: „JÜNGERE“ HÄNDE
Die Hände mit Eigenfett-Unterspritzung neu modellieren – allein schon das klingt ein wenig nach Frankensteins Horrorkabinett. Bei der plastisch- chirurgischen Handverjüngung ist das Unterfüttern des altersbedingt schrumpfenden Unterhautfettgewebes mit Eigenfett oder Hyaluronsäure meist aber nur ein kleiner Schritt zu „jugendlichen“ Händen. Ganz oft werden vorher auch noch die erschlaffte Haut gestrafft oder hervortretende Venen verödet. Und dann müssen ja auch noch die Altersflecken weg. Das machen Laser, Diamant-Schleifköpfe bei der Dermabrasion oder Fruchtsäure- Peelings. Verständlich, dass dieses „Verjüngungs-Paket“ so allerlei Risiken in sich birgt: z. B. helle Hautstatt Altersflecken, irreparable Empfindungsstörungen, Asymmetrie der Hände, unregelmäßiges Hautrelief. Und dann passen die jugendlichen Hände nicht mehr zu Unterarmen, Hals oder Gesicht – weitere Liftings sind fast schon programmiert.


Vorsicht vor diesen TRENDS!

IM DUTZEND BILLIGER
Nach einer Nasenkorrektur gibt’s Botox-Spritzen zum Dumpingpreis, nach einem Facelift das Fettabsaugen mit Sonderrabatt. Unseriöse plastische Chirurgen ködern ihre Patienten mit einem Bonussystem von bis zu 10 Prozent Preisnachlass. Und begeben sich damit auf wettbewerbswidriges Terrain. Denn durch den OP-Rabatt, so das Urteil des Landgerichts Frankfurt, „würden Verbraucher in unsachlicher Weise zu einer Behandlung oder Operation veranlasst“.

SCHNÄPPCHENSCHNITTE IM AUSLAND
Beliebter denn je: Beauty- Tourismus. Doch die Reise ins vermeintliche „OP-Sparadies“ kann den Patienten buchstäblich teuer zu stehen kommen: Durch Beratungshonorare, Vermittlungsgebühren und Reisekosten wird die scheinbar so günstige Auslands-OP schnell teurer als bei einem deutschen plastischen Chirurgen. Und: Treten zu Hause Komplikationen auf, muss der deutsche Arzt die Ursache der Kasse melden. Die verweigert dann die Kostenübernahme.

MIT DEM BEAUTY-DOC AUF GROSSER FAHRT
Der neueste Trend bei Reiseveranstaltern: ein Kreuzfahrt- Traumurlaub mit minimalinvasiven Schönheits-OPs „all inclusive“. An Bord unterspritzt der plastische Chirurg z. B. Falten oder injiziert Botox. Gebucht werden können auch ästhetische Zahnbehandlungen, wie Bleeching. Andere Reiseanbieter planen sogar große OPs wie Facelifts auf hoher See.

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