14. Februar 2010
Nordic Walking gegen Krebs

Nordic Walking gegen Krebs

Petra Rath hat die schlimmste Diagnose bekommen, die es für eine Frau gibt: Brustkrebs. Doch statt zu verzweifeln, hat sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurückgewalkt. Ein Protokoll, das Mut macht.

© Jalg Syndication

Da gab es Momente, in denen ich mein Vertrauen in das Leben verloren hatte. Zum Beispiel den einen, als zusätzlich zu den Krebstumoren in der linken und rechten Brust und zwei befallenen Lymphknoten ein Schatten auf der Leber festgestellt wurde. Der sich später aber, Gott sei Dank, als völlig harmlos erwies. Ich war ängstlich, ohne Zuversicht und dachte nur: ,Okay, du bist 44. Wenn jetzt alles vorbei sein sollte, so hattest du doch ein richtig schönes Leben.‘

Klar, dass mich die 13 Monate Therapie- Tortur immer mal wieder mürbe machten. Mein Körper und meine Seele durchlebten selbstverständlich so einige Krisen. Drei Operationen, beidseitige Brustamputation, Wiederaufbau, Chemo, Bestrahlungen und ein chronisches Lymphödem im linken Arm – das steckt man nicht mal eben so einfach weg.

Gute Kondition durch Nordic Walking

© jalag-syndication.de
Für die 47-Jährige ist die schönste Walking-Strecke überhaupt der feine Ostseestrand in Hohwacht. Nur einen Steinwurf von ihrer Haustür entfernt
Die Narben, die Schmerzen, meine Schlappheit… An Nordic Walking war gar nicht zu denken. Das empfand ich als besonders hart! Wirklich schlimm! Zumal ich sogar noch im heftigsten Behandlungsstress merkte, wie nachhaltig sich mein vierjähriges regelmäßiges Walking-Training auf mich auswirkte: Nach jeder Vollnarkose erzählten mir die Ärzte ganz erstaunt, dass sie mir überhaupt keinen künstlichen Sauerstoff geben mussten, weil mein Blut und meine Organe perfekt damit versorgt waren. Und ich spürte ganz deutlich, dass ich die Krebsoperationen und -behandlungen ohne meinen Sport längst nicht so gut überstanden hätte. Das hat mich richtig stolz und glücklich gemacht, mir Kraft und Halt gegeben, mich durch meine Krankheit getragen. Und mich motiviert, wenn die Ärzte erst mal grünes Licht geben würden, sofort wieder mit dem Nordic Walking anzufangen.

Als die langwierigen Therapien hinter mir lagen, war meine Kondition auf dem Nullpunkt. Ich konnte mit meinem Mann nicht einmal mehr ohne Verschnaufpausen die Steilküste in der Nähe unseres Gästehauses hochkommen. ,Bist du das wirklich?‘, fragte ich mich geschockt. Ich trug noch ein ganz anderes Selbstbild mit mir rum – noch das ,alte‘. Das von der fitten, gut trainierten Petra, die eine Stunde am Stück walkt, ohne aus der Puste zu kommen. Und das mindestens dreimal die Woche.

Schritt für Schritt

In der Reha bekam ich mein so sehr vermisstes Nordic Walking wieder. Ich war unglaublich happy. Doch mein Glück bekam gleich zwei Dämpfer: Ich musste konditionsmäßig wieder ganz von vorne anfangen. Schritt für Schritt, mit kleinen Trainingseinheiten, walkte ich mich zurück zu meiner früheren Fitness. Und das auch noch ohne Stöcke. Wegen des Lymphödems, sagten die Ärzte. Damit solle ich mich abfinden. Nein, das hat mir überhaupt nicht gefallen. Denn ohne die Stöcke war der geschwollene Arm unangenehm schwer. Mit ihnen würde ich mich viel wohler fühlen. Allein schon wegen der entlastenden Pumpbewegungen von Hand und Unterarm.

Doch in den vier Wochen Reha wich meine anfängliche Mauligkeit von Walk zu Walk immer mehr einem fast euphorischen ,Kein Problem, ich schaffe das! Denn ich bin da, ich lebe‘. Und als ob sich mein Körper erinnerte, bekam ich ziemlich schnell Kondition, Kraft, Muskeln – meine Power – zurück.

‚Jetzt kann es nur bergauf gehen‘, dachte ich. Ich war wieder mit beiden Beinen – und seit der Reha, gegen den Rat der Ärzte, auch wieder mit beiden Stöcken – im Leben. Mit jeder sportlichen Sauerstoffdusche an der frischen Luft fühlte ich mich der Krankheit immer besser gewachsen. Sie machte den Kopf frei, stoppte ängstliche Grübeleien, endlose Gedankenkarussells. Ich empfand mich als so aktiv – als Macherin, die dem Krebs mit all ihrer Stärke entgegentritt und -walkt. Und die in jeder Beziehung gewappnet ist, falls er mit seinen ganzen Strapazen wieder zurückkommt.

Das Tolle am Nordic Walking ist ja auch, dass es einen buchstäblich und im übertragenen Sinn zwingt, den Blick nach vorne zu richten. Und genau das tue ich seit damals. Ich schaue nach vorne und sage: ,Pass auf, Leben, jetzt komme ich!‘ Nach dem Brustkrebs erst recht!

Interview "Sport ist Medizin"

Interview "Sport ist Medizin"

„Sport ist Medizin“

Dr. Anke Kleine-Tebbe, Leiterin Brustzentrum DRK Kliniken, Berlin-Köpenick

VITAL: Welchen Effekt hat Ausdauersport für Frauen mit Brustkrebs?

DR. KLEINE-TEBBE: Gerade beim häufigsten hormonempfindlichen Brustkrebs ist der positive Effekt auf die Regulation von Blutzucker-, Insulinspiegel und Östrogengehalt zurückzuführen. Deshalb empfehle ich ihn meinen Patientinnen auch wie ein zusätzliches Krebsmedikament.

VITAL: Profitiert auch die Psyche?

DR. KLEIN-TEBBE: Auf jeden Fall. Die Patientinnen bekommen mehr Selbstwertgefühl, haben weniger Ängste, seltener Depressionen, können besser schlafen. Ihre Körperwahrnehmung wird geschult, sie sind sozial aufgeschlossener, ziehen sich nicht resigniert und ängstlich in ihre Krankheit zurück.

VITAL: Kann z.B. Walking auch Brustkrebs verhindern?

DR. KLEIN-TEBBE: Die deutsche MARIE-Studie – also die Mammakarzinom-Risikofaktoren- Erhebung – belegt: Durch Ausdauersport kann das Risiko, an einem östrogenabhängigen Brustkrebs zu erkranken, um bis zu 29 Prozent reduziert werden. Besonders bei Frauen nach den Wechseljahren.

VITAL: Wie sieht das ideale Training aus?

DR. KLEIN-TEBBE: Bei Therapie und Prävention gilt: 5-mal pro Woche 30 Minuten walken, joggen oder Fahrrad fahren. Besser noch 45 bis 60 Minuten, kombiniert mit Krafttraining.

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