7. März 2010
Medizinisch-Taktile Untersucherinnen spüren Knoten auf

Medizinisch-Taktile Untersucherinnen spüren Knoten auf

Statt mit kalter Apparatemedizin suchen blinde Medizinisch-Taktile Untersucherinnen die Brust mit Händen nach Tumoren ab. VITAL hat einer von ihnen auf die „sehenden“ Finger geschaut.

Brust abtasten
© doram - iStockphoto
Brust abtasten

Zentimeter für Zentimeter gleiten die langen, filigranen Zeige- und Mittelfinger systematisch im Zickzackkurs über die Brust der Patientin. Bei jedem Tastpunkt halten sie inne, kreisen erst sanft an der Oberfläche, dann mit größerem Druck zum tiefer gelegenen Gewebe. Angetrieben von den auffällig kräftigen Armmuskeln, bahnen sich die Finger den Weg hinunter bis zum Brustkorb der Patientin. Eins, zwei drei, eins, zwei, drei – im rhythmischen Walzertakt auf der Suche nach einem verdächtigen Knoten. Die Hände von Pia Hemmerling brauchen auf ihrer „Entdeckungsreise“ eine Orientierungshilfe, die sie fühlen können: schwarz-rotweiße Klebestreifen mit Tastpunkten, die den Busen wie eine Art Koordinatensystem in vier Tastzonen unterteilen. Denn die 31-jährige gebürtige Rostockerin ist blind. Sie kam mit einer unheilbaren Sonderform des grünen Stars auf die Welt, die sich unaufhaltsam verschlechtert hat.

MTU als neue Chance

„Deshalb musste ich auch meinen Job in einem Hamburger Reisebüro aufgeben. Das Buchen am Computer, der Kontakt mit den Kunden – das klappte einfach alles nicht mehr“, erinnert sich Pia Hemmerling. „Ich wollte aber nicht arbeitslos, so ohne Aufgabe, zu Hause herumsitzen. Dafür bin ich doch noch viel zu jung!“ Aus dem Fernsehen erfuhr sie von dem Berufsbild der Medizinisch-Taktilen Untersucherin, kurz MTU. Das Interesse für Gesundheit liegt in ihrer Familie: Mutter und Oma sind Krankenschwestern. Da meldete sie sich kurzentschlossen zur MTU-Umschulung an. Eine Qualifikation speziell für blinde und hochgradig sehbehinderte Frauen, die das Sozialunternehmen „discovering hands“ in Kooperation mit mehreren Berufsförderungswerken durchführt. Pia Hemmerling gehört zum ersten Ausbildungsjahrgang, der fast zwölf Monate lang geschult wurde.

Kleinste Knoten aufspüren

Kleinste Knoten aufspüren

Eine von über 40 MTUs in ganz Deutschland ist sie. Pia Hemmerling arbeitet bei Gynäkologen in Rostock, Berlin und Potsdam. Der Hamburger Gynäkologe Dr. Jürgen Kröger (siehe Interview Seite 68) war ihr erster Arbeitgeber. Mit einer für Sehende kaum vorstellbaren Feinfühligkeit. „Ich habe schon Gewebeveränderungen aufgespürt, die waren gerade mal stecknadelkopfgroß. Das klappt aber nur bei einer kleinen Brust. Bei einem größeren Busen oder dichtem Gewebe taste ich Knoten von vier bis sechs Millimeter Größe mit ziemlicher Sicherheit“, berichtet die zierliche Frau ein wenig stolz. Über ihr Fingerspitzengefühl staunt die Medizinische Tastuntersucherin selbst immer wieder: „Dass mein Tastsinn so toll ist, hätte ich nicht gedacht! Durch meine Ausbildung habe ich ihn ganz neu entdeckt. Ich habe ihn regelrecht trainiert und dann auch eine gehörige Portion perfektioniert.“

Und was ist, wenn sie einen Knoten ertastet? Einen Befund kann und darf die MTU nicht erheben. Wenn sie eine Gewebeveränderung entdeckt, ruft sie den Arzt. „Ich taste mich dann an den Orientierungsstreifen entlang zu dem Knoten und lege die Hand des Arztes auf meine. Er löst sie ab und tastet nach. Bislang hat er meinen Verdacht immer bestätigt“, sagt die junge Frau.

Wer übernimmt die Kosten

Wer übernimmt die Kosten

Pia Hemmerling arbeitet Tag für Tag im Dienst der Brustkrebsfrüherkennung. Die Kosten für eine Untersuchung durch eine Medizinisch-Taktile Untersucherin werden von alle Krankenkassen getragen. In die „sehenden“ Hände ihrer Kolleginnen würde sich die Rostockerin jederzeit begeben. Aber sich selbst in MTU-Manier abtasten? Für die brünette Frau ein absolutes No-go.

Sobald sie die Praxisräume verlässt, ist sie nur noch der Privatmensch Pia Hemmerling: „Das Thema Brustkrebs hat bei mir zu Hause überhaupt nichts zu suchen. Ich brauche diese strikte Trennung. Nur so kann ich mich von den psychischen Belastungen erholen, die mein Beruf mit sich bringt.“ Denn die Verantwortung ist groß, einen Tastbefund zu „übersehen“, und die Last der Patientinnenschicksale, die ihr fast täglich erzählt werden, nicht gerade leicht.

Adressen & Tipps

Projektkonsortium „discovering hands“, Leitung: Dr. med. Frank Hoffmann, c/o Praxis für Frauen, Friedrich- Ebert-Straße 2, 47179 Duisburg-Walsum, Tel. 02 03/7 13 86 80, www.discovering-hands.de

Und wie gleicht sie die seelischen, aber auch die körperlichen Belastungen aus? Pia Hemmerling: „Ich habe mein ganz besonderes Kontrastprogramm. Ich kellnere jedes Wochenende in einem bekannten Dunkelrestaurant. Da kann ich mich mal so richtig auspowern, bekomme den Kopf wieder frei. Dort bin ich dann die sehende Blinde unter den blinden Sehenden. Das ist ein bisschen so wie in meinem Job als Medizinische Tastuntersucherin.“

Eine Patientin erzählt

Eine Patientin erzählt

"Ich mache mir jetzt keinen Kopf mehr"

Sigrid O. (68), Rentnerin aus Sarstedt, ist 160 Kilometer gefahren, nur um sich von Pia Hemmerling abtasten zu lassen.

Meine Motivation

In der monatlichen Gesundheitsbeilage meiner Tageszeitung habe ich über die MTU gelesen. Ich fühlte mich sofort angesprochen und habe mir über das Internet die Hamburger Adresse besorgt. Ich bin nämlich eine Risikopatientin, weil ich mehrere Kalkknoten in der Brust habe, mein Gewebe sehr dicht ist und meiner Schwester vor drei Wochen die Brust wegen Krebs entfernt wurde. Ich wollte einfach noch mehr Sicherheit haben. Ich habe meiner Frauenärztin übrigens davon erzählt. Sie hat noch nie etwas von einer blinden Brustabtasterin gehört und bat mich, ihr Unterlagen mitzubringen. Ein Grund mehr für mich, nach Hamburg zu fahren.

Meine Erwartungen

Alles, was an Früherkennung möglich ist, möchte ich durchführen lassen. Ich möchte größtmögliche Sicherheit haben – zusätzlich zu meinem üblichen Vorsorgeprogramm: Ich gehe regelmäßig zweimal im Jahr zum Brustabtasten zu meiner Frauenärztin und jedes Jahr zur Mammographie. Beim Screening bin ich auch alle zwei Jahre.

Meine Ängste

Nachdem das mit meiner Schwester passiert ist, denke ich doch ab und zu: „Vielleicht bist du die Nächste.“ Man weiß es ja nicht. So intensiv ist meine Brust jedenfalls noch nie abgetastet worden. Und ich habe schon Angst, dass die MTU mit ihrem feinen Finger- spitzengefühl etwas entdeckt. Tja – und wenn das so sein sollte: Dann ist das eben Schicksal. Mehr an Früherkennung kann ich einfach nicht machen lassen.

Meine Bilanz

Ganz so entspannend, wie ich sie mir vorgestellt habe, war die Untersuchung nicht. Sie war zwar längst nicht so schmerzhaft wie eine Mammographie, hat an einigen Stellen aber doch gedrückt und wehgetan. Ich werde trotzdem jedes Jahr zur MTU gehen. Und jetzt bin ich einfach nur froh, dass sie keinen Knoten gefunden hat.

Interview

Interview

„Der Brustkrebs- Check wird optimal ergänzt“

Dr. Jürgen Kröger ist niedergelassener Gynäkologe in Hamburg

Warum haben Sie eine Medizinische Tastuntersucherin eingestellt?
Eine derartig intensive Tastuntersuchung dauert je nach Brustgröße und Gewebedichte zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Im regulären Praxisalltag habe ich diese Zeit nicht. Außerdem besitzen Blinde ein ausgeprägtes Fingerspitzengefühl. Das macht sie zu besonders guten Tastuntersucherinnen, die einen Knoten mitunter früher entdecken als der Arzt.

Für welche Frauen ist diese Früherkennung besonders wichtig?
Vor allem für Frauen unter 50 Jahren, die noch nicht in das Mammographie- Screening-Programm aufgenommen werden. Für sie ist das Brustabtasten durch den Frauenarzt die einzige gesetzlich vorgesehene Früherkennungsuntersuchung. Und genau deren Qualität und diagnostische Sicherheit erhöht die Tastuntersucherin.

Ersetzt eine MTU eine Mammographie?
Auf keinen Fall! Aber die Medizinische Tastuntersucherin ergänzt den ärztlichen Brustkrebs-Check mitsamt apparativer Diagnostik in optimaler Weise.

Was passiert, wenn die MTU einen Knoten tastet?
Dann zeigt sie mir anhand ihres speziellen, aufgeklebten Koordinatensystems, wo ihr Tastbefund lokalisiert ist. Ich taste nach und führe eine Ultraschalluntersuchung durch. Ist der Befund immer noch suspekt, schicke ich die Patientin zur Mammographie.

Sie und die MTU sind ein Team – entscheiden Sie das auch beide?
Nein, letztlich ist immer der Arzt verantwortlich. Er entscheidet über die nachfolgenden Diagnoseschritte und legt das Therapiekonzept fest.

Wie oft sollte eine Frau zur Medizinischen Tastuntersucherin gehen?
Frauen unter 50 Jahren, die nicht zur Risikogruppe gehören, zeitversetzt mit dem Brustabtasten durch den Arzt ca. alle zwei Jahre. Frauen zwischen 50 und 69 zeitversetzt mit Mammographie- Screening und ärztlichem Brustabtasten.

Haben Sie die Einstellung einer MTU jemals bereut?
Niemals! Die Medizinische Tastuntersucherin ist richtungsweisend bei der Früherkennung von Brustkrebs und sollte bundesweit Schule machen.

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