28. September 2010
Krebs bekämpfen

Krebs bekämpfen

In dieser Klinik direkt an der Ostsee sind viele jung, oft keine 30 Jahre alt. Alle haben das gleiche Ziel: In einer einzigartigen Kur für Kinder und ihre Mütter mit Brustkrebs finden die Frauen neue Kraft und Zuversicht – und ihre Kinder lernen wieder zu lachen.

© kali9 - iStockphoto

Der feine weiße Sand rieselt wie Zucker durch Heikes Finger in die glitzernden Holzdöschen von Kiana, 7, und Yara, 4. Jeden Abend nach der Gutenachtgeschichte. Er kommt direkt vom Sandmännchen, erklärt seine „Helferin“, Freizeitbetreuerin Heike, und wird den Schwestern mit jedem Körnchen einen Traum erfüllen. Die üblichen Mädchenträume, aber auch einen besonderen, der sie nicht mehr loslässt: „Unsere Mama soll wieder ganz gesund werden. Sie darf nicht sterben.“ Davon träumt jedes der 20 Kinder in der Grömitzer Klinik Ostseedeich, denn ihre Wirklichkeit ist hart: Die Mütter der Zwei- bis Zwölfjährigen haben Brustkrebs. Wie Ina Pleines, die Mutter von Kiana und Yara.

„Für mich hörte plötzlich die Welt auf, sich zu drehen, als ich die Diagnose bekam. Einen Tag vor Weihnachten 2008. Ich hatte einen seltenen Tumor in der rechten Brust, der durch eine Entzündung entsteht“, erzählt die 32-Jährige aus Waldalgesheim bei Bingen. „Weil der Krebs flächig wuchs, war er kaum zu ertasten und wurde erst sehr spät entdeckt. Da war der Tumor schon sechs mal vier Zentimeter groß und hatte 19 Lymphknoten befallen.“ Die Uniklinik Mainz fuhr Anfang 2009 harte Geschütze auf: achtmal Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern, Entfernen der Brust, danach 26 Bestrahlungen.

Die junge Mutter musste oft ins Krankenhaus und ihre beiden Töchter zurücklassen. Mal bei ihrem Mann, mal bei der Schwiegermutter, mal bei einer Freundin. Und wenn sie nach Hause kam, fühlte sie sich oft schlapp, müde, kaum alltagstauglich. „Ich merkte, wie sich Kiana und Yara immer mehr zurücknahmen, mir gegenüber vorsichtiger und bedachter wurden. Sie wollten die Mama halt nicht stören“, erinnert sich Ina Pleines. „Die Kleine steckte das besser weg. Sie ist seelisch robuster als ihre Schwester. Sie zeigte sich nur ein wenig ,motziger‘. Meine große Tochter ist zarter besaitet. Sie wurde noch stiller, noch zurückgezogener.“

Gemeinsam gesund werden

Die Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Pädagogen und Ernährungsexperten der Kurklinik direkt an der Ostsee wissen nur zu gut, wie sehr auch die Kinder unter der Krebserkrankung ihrer Mütter leiden. Denn sie arbeiten für das Modellprojekt der Rexrodt von Fircks Stiftung „gemeinsam gesund werden“: Hier kümmert man sich nicht nur um die Rehabilitation brustkrebskranker Frauen, sondern auch um die psychische Gesundheit ihrer Kinder. „Während der Krebstherapie wurden die Kinder schmerzhaft und leidvoll ins Abseits gestellt und konnten von ihren Müttern nicht durch ihre Unsicherheit und Ängste getragen werden. Sie haben keine Antworten auf drängende Fragen wie ,Mama, warum fallen dir die Haare aus, warum musst du schon wieder weg, stirbst du?‘ bekommen“, sagt Chefärztin Dr. Brigitte Freidling. „So entsteht ein seelisches und emotionales Defizit, das unsere Kur ausgleicht. Auch bei den Müttern, deren langwierige und strapaziöse Ersttherapie ja gerade mal zwischen sechs Wochen und sechs Monaten zurückliegt. Wir wollen erreichen, dass trotz der Ausnahmesituation eine gesunde, stabile und vertrauensvolle Beziehung zwischen Mutter und Kind möglich ist und die Kommunikation in der Familie wieder funktioniert.“

Durch die Therapie und den Kontakt mit anderen Patientinnen entsteht ein neues, positives Lebensgefühl

Nach neuesten Forschungsergebnissen der Universität Marburg, die das Modellprojekt begleitet, ist fast jedes zweite dieser Kinder verhaltensauffällig. 30 Prozent müssen sogar psychotherapeutisch behandelt werden. Dr. Freidling: „Kleinere Kinder werden aggressiv, klammern, kommen im Alltag nicht mehr zurecht, entwickeln Ess- und Schlafstörungen. Die schulpflichtigen Kinder haben Konzentrationsund Lernprobleme im Sinne eines ADHS, schlafen schlecht, leiden an Depressionen und Angststörungen.“ Dieser traurigen Bilanz setzt die Marburger Studie aber Zahlen entgegen, die hoffen lassen: Ein Jahr nach der Reha in Grömitz sind nicht mehr Kinder verhaltensauffällig als in der Durchschnittsbevölkerung. Auch den Müttern tut die Kur gut: Vor Beginn der Reha fühlen sich 46 Prozent stark oder sogar sehr stark belastet; ein Jahr später nur noch 15 Prozent.

Ina Pleines spürt schon nach zweieinhalb Wochen, dass die Kur neue Kraft, Harmonie und Balance in ihr wachsen lässt. „Das kommt allein schon dadurch, dass die Patientinnen gemeinsam mit ihren Therapeuten ihr individuelles Anwendungs-Programm festlegen.

Hier ist jede Mutter frei, ohne jeden Zwang“, schwärmt die Bodenstewardess und BWL-Studentin. „Ich habe mir mehr Ruhe gewünscht, mehr Zeit für mich. Bei Entspannungstraining und Nordic Walking am Meer kann ich endlich mal abschalten und zu mir kommen.“ Auch ihr rechter Arm, das wünscht sich die Rheinländerin, „soll wieder ganz zu mir gehören“ und all ihre quirligen Bewegungen mitmachen. Dafür trainiert sie in der Schulter-Arm-Gruppe. Bei der Marnitz- Massage genießt sie den zarten Fingerdruck der Physiotherapeutin, die im Schulter-Arm-Bereich jede Muskelfaser tiefenentspannt. Lymphdrainage ist für ihren nach der OP geschwollenen Arm eine heilsame Streicheleinheit. Auch für ihre Psyche.

Die Traumdose soll Kindern geheime Wünsche erfüllen

Während Ina Pleines in diese geschenkte Zeit abtaucht, spielen ihre Töchter an Bord des „Kinderboots“. So nennt die Klinik die Betreuung der Kleinen. Da wird mit den Erziehern gebastelt, gelacht und gesungen. Schulmädchen Kiana bekommt vom Hauslehrer Stützunterricht. Nach dem Mittagessen holen die Mütter ihre Kinder ab. Später gehen sie zum Töpfern oder Ponyreiten auf dem Bauernhof oder zum freien Mama- Kind-Toben am Strand. Wie im Urlaub. Oft besucht die vierjährige Yara aber auch die Traumgruppe, ihre große Schwester die Schatzgruppe. Mit Entspannungsmethoden nehmen die Psychotherapeuten dort den Stress und die Strapazen von den Kinderseelen, die die schwere Krankheit der Mutter hinterlassen hat. Den Kleinen helfen Traumgeschichten beim Verarbeiten; die größeren Kinder gehen auf Entdeckungsreise nach Schätzen in ihrem Ich. Sie lernen, dass diese einzigartig und unverwechselbar sind – und besondere Aufmerksamkeit verdienen. „In diesen Gruppentherapien geht es darum, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken, damit sie wieder sicherer und aufrechter durchs Leben gehen“, sagt Dr. Freidling. „Und wir helfen ihnen, Schuldgefühle abzubauen. Denn viele Kinder glauben, dass ihre Mutter durch sie krank geworden ist. Durch ihre Ungezogenheit oder durch schlechte Schulnoten.“

In der Reha finden Mütter und Kinder wieder zu mehr gegenseitigem Vertrauen, Nähe und Zuversicht

Kiana und Yara hüten ihre Schätze, ihre Träume, und behalten sie für sich. Kein Sterbenswörtchen darüber zur Mama. Ina Pleines: „Ich respektiere das, lasse ihnen diesen eigenen Raum. Der gehört nur ihnen. Ich merke ja auch, wie gut den beiden die psychologische Betreuung tut. Sie sind so lebhaft, fröhlich und ausgeglichen, so selbstbewusst!“ Auch sie spürt nach psychotherapeutischen Gesprächen eine Art heitere Leichtigkeit und neue Zuversicht für ihr Leben. Kaum Platz mehr für düstere Grübeleien oder Ängste.

Stattdessen ein neu erworbener Optimismus. „Ich nehme die Einstellung mit nach Hause, dass das Leben so viel mehr ist als die Krankheit. Wir haben nur dieses eine, und das ist trotz Brustkrebs noch nicht zu Ende! Die Therapeuten sagten zu uns: ,Ihr alle hier seid gesund. Nehmt diese Zuversicht mit in euer Leben und freut euch wieder auf alles Mögliche‘“, erzählt Ina Pleines, und ihre Augen fangen an zu glänzen. „Bei der ,Kurzhaarfraktion‘ – nach der Chemo wächst bei den meisten Frauen gerade stoppelkurzes Haar nach – wird viel gelacht.“ Sich fallen lassen, sich so geben, wie man ist, und genau so auch angenommen werden: Das macht es ihnen leicht, fröhlich zu sein. Und das ist es auch, was der jungen Mutter so guttut. In der Reha trifft sie Frauen, die ohne viele Worte wissen, was sie fühlt, wie es ihr geht, dass sie Angst hat zu sterben, solange ihre Kinder noch klein sind. „Man gehört irgendwie zusammen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Wertvoll ist für die Studentin auch, dass die Kurklinik auf Prophylaxe setzt. Und zwar ganzheitlich. Alles ist auf ein gesundes Leben nach dem Brustkrebs ausgerichtet, auf eines, das die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert und ihn davor schützt, dass die Krankheit wiederkommt. Entspannung und Bewegung gehören dazu. Aber auch Ernährung und Gewichtsmanagement. Darin war Ina Pleines schon vor der Reha eine erfolgreiche Expertin: Mit einer radikalen Ernährungsumstellung und Jogging alle zwei Tage hat sie sich von stattlichen 120 auf 75 Kilo verschlankt. Trotzdem lernt sie in Grömitz noch dazu. Vor allem, dass ihren Töchtern wegen des erhöhten Brustkrebsrisikos jetzt schon ein Schutzprogramm aus gesunder Ernährung und Stressbewältigung nützt. Und dass sie ab ihrem 25. Lebensjahr regelmäßig zur Früherkennung gehen müssen. Sie sollen aber nicht ängstlich werden, nur bewusst. „Und glückliche, unbeschwerte Mädchen sein. Ich möchte teilhaben an jeder Minute ihres Lebens, sie zu jungen Frauen heranwachsen sehen. Ich schaffe das. Ich bin doch gesund!“

Interview mit Annette Rexrodt von Fircks

Interview mit Annette Rexrodt von Fircks, 47, Dolmetscherin und Autorin von Brustkrebs-Ratgebern

"Die Kinder entdecken ihre inneren Schätze"

VITAL: Warum haben Sie die Stiftung ins Leben gerufen?
ANNETTE REXRODT VON FIRCKS: Mitten im Leben, mit 35 Jahren, erhielt ich die Diagnose, dass ich Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe. Eine der schwierigsten und schmerzhaftesten Aufgaben war es, meinen drei kleinen Kindern – sie waren erst drei, fünf und sieben Jahre alt – einerseits nichts zu verheimlichen, authentisch zu sein. Andererseits wollte ich sie aber nicht ihrer Kindheit berauben. Was sage ich, wie viel, wann? Darf ich ihnen meine Tränen, meine Ängste und Traurigkeit zeigen? Ich fühlte mich überfordert – und alleingelassen. Andere Mütter in meiner Situation sollten es besser haben, und so gründete ich die Rexrodt von Fircks Stiftung. Unser erstes innovatives Projekt „gemeinsam gesund werden“ startete Ende 2006.

Welches Ziel verfolgt es?
450 Mütter mit Brustkrebs haben jedes Jahr die Chance, im Anschluss an ihre Ersttherapie mit ihren Kindern an dem Modellprojekt „gemeinsam gesund werden“ teilzunehmen und wieder Kraft zu schöpfen und zu genesen. Ihre Kinder sind nicht nur „Begleitkinder“, sondern werden aktiv in das Therapiekonzept miteinbezogen. Wir helfen ihnen, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Das ist einzigartig in Deutschland.

Wie hilft die Klinik Ostseedeich diesen Kindern?
In einem „geschützten Raum“ werden sie auf die Rückkehr in den Alltag vorbereitet. Sie erfahren, dass sie nicht allein mit einer brustkrebskranken Mutter sind. Sie können Fragen stellen, ihre Ängste äußern und lernen dann, sie zu bewältigen.

Klinik Ostseedeich, Deichweg 1, 23743 Grömitz, Tel. 0 45 62/25 30, www.klinik-ostseedeich.de.
Der Weg zur Kur: www.mutter-kind.de

Rexrodt von Fircks Stiftung, Bendenkamp 98, 40880 Ratingen, www.rvfs.de

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