28. Januar 2010
Heilung von Brustkrebs

Heilung von Brustkrebs: So stehen die Chancen

Vor wenigen Jahren fast undenkbar: Die Heilungschancen von Brustkrebs liegen heute bei 90 Prozent. Wenn Frauen richtig vorsorgen.

Brustkrebs
© iStockphoto
Brustkrebs

Die Angst war immer da, seit meinem 17. Lebensjahr. Damals, vor 22 Jahren, erkrankte meine Tante Annegret an Brustkrebs. Ich wusste aus Zeitschriften, dass ich dadurch ein leicht erhöhtes Risiko habe, selbst einen Tumor zu bekommen. Aber ich war mir sicher: du nicht! Du kriegst diese schreckliche Krankheit nicht! Jeden Monat habe ich meine Brüste unter der Dusche abgetastet. Ich ging regelmäßig zu Früherkennungs- Untersuchungen, ernährte mich gesünder als die meisten meiner Freundinnen. Ich achtete einfach auf mich.“

Knoten nach dem Abstillen

Dennnoch erwischte es Marita T., Grundschullehrerin aus Frankfurt, eiskalt. Vor zwei Jahren bekam sie eine Tochter. „Nach dem Abstillen ertastete ich einen Knoten in meiner linken Brust. Ich konnte es nicht glauben, habe bis zur letzten Sekunde fest gehofft, dass es eine harmlose Zyste ist.“ Eine Mammografie plus Ultraschall erhärtete einen schlimmen Verdacht.

Der Arzt entdeckte sogar zwei Knoten. Beide knapp unter 1 Zentimeter groß. „Die Welt blieb stehen. Ich lief wie durch Watte, um mich war nur noch erdrückende Stille. Niemals zuvor habe ich mich so verletzlich und angreifbar gefühlt. Ich wollte mein altes Leben zurück – und wusste doch, dass ich jetzt kämpfen musste. Dass der Krebs keinen Platz in meinem Leben haben darf. Dass meine Tochter und mein Mann mich brauchen!“ Eine Feinuntersuchung des entnommenen Gewebes brachte dann endgültige, bösartige Klarheit. Schon vier Tage später bekam Marita T. einen Operationstermin in der Universitätsklinik Frankfurt am Main.

Hohe Heilungschancen

Hohe Heilungschancen

Immer noch ist Brustkrebs die bedrohlichste Krankheit für Frauen. Über 57 000 erkranken jährlich daran. Bei etwa jeder zehnten Frau entdecken die Ärzte im Lauf ihres Lebens ein Mammakarzinom. 19 000 Patientinnen pro Jahr sterben an der Krankheit. Doch die bittere Diagnose verliert zunehmend ihre Schrecken. „Die Heilungschancen bei früh erkanntem Brustkrebs liegen heute bei über 90 Prozent“, so Hilde Schulte, Bundesvorsitzende der „Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V.“. Und der Eingriff wird von Jahr zu Jahr schonender. Durch neue Therapien und Operationsmethoden kann die Brust inzwischen in 70 Prozent der Fälle erhalten werden. Amputationen gehören bald zur Ausnahme: „Die Rate der Brusterhaltung ist in den letzten Jahren um 6 Prozent gestiegen“, bestätigt Dr. Mahdi Rezai, Direktor des Brustzentrums Düsseldorf am Luisenkrankenhaus.

Vorbeugen ist alles

„Die beste Methode, um bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren frühzeitig bösartige Veränderungen der Brust festzustellen, ist derzeit das qualitätsgesicherte Mammografie- Screening“, sagt Prof. Dagmar Schipanski, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Heidelberg. „Jede zweitemFrau dieser Altersgruppe nutzt eine derartige Vorsorgeuntersuchung. Eine gute Zahl. Aber wünschenswert wären 70 Prozent und mehr. Europaweit gesehen liegen deutsche Frauen noch deutlich unter dem Durchschnitt.“

Fettarm ernähren

Aber auch durch die Ernährung lässt sich vorbeugen. Bereits seit Anfang der 80er Jahre wird ein Zusammenhang zwischen bestimmten Ernährungsweisen und Brustkrebs vermutet. Doch erst jetzt belegt eine Studie des Potsdamer Instituts für Ernährungsforschung mit 15 351 Teilnehmerinnen: Nehmen Frauen zu viel fettreiche Lebensmittel wie Butter, Margarine, Aufschnitt, Würstchen, Hamburger und verarbeiteten Fisch zu sich, dafür aber zu wenig Vollkornbrot und Fruchtsäfte, treten im Verlauf von sechs Jahren etwa doppelt so viele Brustkrebserkrankungen auf – unabhängig von Gewicht, Hormonersatztherapien oder den Wechseljahren.

Klinik checken

Klinik checken

Lebensentscheidend ist aber auch die Wahl der richtigen Klinik. Studien belegen, dass in einem Brustzentrum mit seiner Spezialisierung und hohen Operationsrate die Überlebenschancen steigen. Tatsächlich aber geht ein Drittel der Frauen immer noch lieber in ein nahe gelegenes kleineres Kreiskrankenhaus, das nur sehr wenig Erfahrung hat, z. B. nur 20 Fälle im Jahr behandelt. Hilde Schulte: „Wichtig ist es, darauf zu achten, dass das Brustzentrum zertifiziert ist.“ Denn der Begriff „Brustzentrum“ ist nicht geschützt. Die Qualität wird nur gesichert, wenn die Klinik z. B. nach den Richtlinien der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert ist. Ein zertifiziertes Brustzentrum muss nachweisen, dass es mindestens 150 Neuerkrankungen pro Jahr behandelt und jeder Operateur mindestens 50 Operationen pro Jahr durchführt.

Gen-Detektive

Neben einer verbesserten Früherkennung verliert der Brustkrebs auch mehr und mehr seine Geheimnisse. Ärzte können heute aus entnommenem Gewebe Informationen über praktisch alle Gene erhalten, die im Tumor aktiv sind. „Dieser genetische Fingerabdruck verrät, mit welchen maßgeschneiderten Therapien der Tumor sich am effektivsten bekämpfen lässt“, sagt Gynäkologe Prof. Christian Singer, Brustzentrum der Uniklinik für Frauenheilkunde, Wien. Ist der Krebs hormonabhängig? Reagiert er auf auf eine Anti-Hormon Therapie, etwa mit dem Eibenextrakt und Östrogenblocker „Tamoxifen“? Alle diese Fragen können heute schon vor einem Eingriff geklärt werden. Das hat Vorteile: Die Heilungschancen steigen, die Nebenwirkungen nehmen ab.

Geringeres Rückfallrisiko

Galt vor wenigen Jahren noch das Motto „Erst OP, dann Chemo“, denken Chirurgen jetzt weltweit um. Denn der Einsatz von Zellgiften vor einer Operation, die auch mit Antikörpern oder in seltenen Fällen mit Antihormonen kombiniert werden, führt allein schon in etwa 40 Prozent der Fälle zu einer kompletten Rückbildung des Tumors. Operiert werden muss allerdings trotzdem noch. Denn es gibt bisher keine zuverlässige Methode, die sicher erkennt, ob die Krebsgeschwulst restlos verschwunden ist. Aber fast alle Tumoren schrumpfen auf diese Weise schon vor ihrer Entfernung, und die Brust kann in immer mehr Fällen erhalten bleiben. Es kommt auch zu erheblich weniger Tochtergeschwülsten (Metastasen). Das mindert das Rückfallrisiko enorm. Eingesetzt wird diese „systemische Therapie“, die auf den gesamten Körper einwirkt, wenn der Tumor größer als 2 Zentimeter ist, aggressiv wächst und Lymphknoten befallen sind. Experten schätzen, dass diese Behandlung in Kürze noch erfolgreicher sein wird. Denn es laufen bereits vielversprechende Versuche, sie mit Wirkstoffen wie den „Biologicals" bzw. „small molecules“ hochzupowern. Mit Medikamenten also, die direkt in den Stoffwechsel der Tumorzelle eingreifen und sie aushungern.

Makellose Brust nach der OP

Makellose Brust nach der OP

Angst macht den betroffenen Frauen nicht nur die Diagnose Brustkrebs. Sie befürchten auch, dass ihr Busen nach dem Eingriff nicht mehr attraktiv ist. Zu Unrecht, denn die Rekonstruktion der operierten Brust wird immer perfekter. Eine Studie untersucht gerade die neue Technik des „Lipofillings“. Dabei handelt es sich um eine Injektion mit kleinsten Mengen körpereigenen Fettgewebes, die in der Schönheitschirurgie schon ihren festen Platz hat. „Der Operateur saugt Fett aus Bauchraum, Hüfte oder Knie ab und injiziert es an der operierten Stelle in der Brust“, erklärt Wiederherstellungschirurg Dr. Mario Rietjens vom European Institute of Oncology in Mailand. Vorteil: Bislang mussten Unregelmäßigkeiten in der Brust – z. B. durch großflächige Tumorentfernung oder strahlengeschädigtes Gewebe – erneut unter Vollnarkose operiert werden. Mit Klinikaufenthalt und der Gefahr zusätzlicher Narbenbildung. Die Eigenfettinjektion ist dagegen eher ein ambulanter Eingriff in örtlicher Betäubung – nicht schlimmer als eine Unterspritzung der Lippenfalten.

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Neue Arzneien schützen vor Rückfällen.

Neues Leben

Marita T.: „Am liebsten würde ich sagen: ,Ich hab es hinter mir!’ Doch die Narben machen mir noch zu schaffen. Auch kann ich den Arm nur schwer anheben. Die ersten Wochen nach dem Eingriff fühlte ich mich tief erschöpft. Aber dann ging es langsam bergauf. Sicher auch durch die Kraftquellen, die ich mir suchte. Ich entspanne mich regelmäßig bei Yoga und Qigong, singe in einem Kirchenchor und arbeite meine Ängste mit einer Psychoonkologin auf. Aber ich weiß auch, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, den Krebs zu besiegen, auf meiner Seite ist. Ich werde leben!“

Experten-Interview & Tipps

„Operationen werden schonender“


Dr. Mahdi Rezai ist Direktor des Brustzentrums Düsseldorf am Luisenkrankenhaus.

VITAL: Gehört ein Leben ohne Brust endgültig der Vergangenheit an – auch nach einer Amputation?

DR. REZAI: Heutzutage ist fast immer eine Rekonstruktion der Brust möglich. Das kann durch moderne, gesundheitlich unbedenkliche Silikonprothesen geschehen. Aber auch durch Eigengewebe aus Bauch und Rücken – oder durch eine Kombination beider Methoden. Vielversprechend sind zudem neu entwickelte Permanent- Expander mit einer inneren, mit Kochsalzlösung auffüllbaren und anpassbaren Kammer, die eine allmähliche Gewebedehnung ermöglichen. So kann die Brust sofort nach dem Eingriff wieder aufgebaut werden. Wo sehen Sie weitere Fortschritte in Richtung mehr Lebensqualität für Brustkrebs Patientinnen? Die Operationen sind heute grundsätzlich schonender als noch vor wenigen Jahren. Bei Therapien mit starken Nebenwirkungen wie etwa der Chemotherapie haben die Ärzte umgedacht. Heute wird nicht mehr die höchst mögliche tolerierbare Dosis, sondern die minimal wirksamste eingesetzt. Ein weiterer Durchbruch ist, dass die Lymphknoten in der Achselhöhle heute nicht mehr so radikal entfernt werden. Dadurch bleiben den Patientinnen große Probleme, wie etwa schmerzhafte Lymphödeme, erspart.

Hier finden Sie Hilfe

Medizinische Anlaufstellen und Brustkrebs-Infos:

Ausführliche Klinikporträts von zertifizierten Brustzentren, Reha-Einrichtungen oder spezialisierten Ärzten, aber auch die neuesten Infos über Brustkrebs finden Sie im „medführer Brustkrebszentren“. www.medfuehrer.de

Allround-Hilfe:

Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V., Thomas-Mann-Str. 40, 53111 Bonn, www.frauenselbsthilfe.de

mamazone e. V. – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs, Postfach 31 02 20, 86063 Augsburg. www.mamazone.de

„Aktion: Bewusstsein für Brustkrebs“. Brustkrebstelefon: 0 62 21/4 24 23 43 (Mo–Fr 8–12 Uhr). www.brust-bewusst.de

„MammaCare“ zeigt die richtige Methode für das Selbstabtasten der Brust: Kelsterbacher Str. 28, 64546 Mörfelden-Walldorf. www.mammacare.de


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