Krankheit Ich wollte das neue Medikament

Jacqueline Carnevale war erst 19, als ihre Ärzte sie mit einer furchtbaren Diagnose konfrontierten: Multiple Sklerose. Doch die Bremerin, heute 26, lässt nicht zu, dass die Krankheit ihr das Leben vorschreibt.

Paar, Parkbank

Jacqueline greift nach dem letzten Strohhalm. „Ich wollte das neue Medikament. Alles andere blendete ich aus.“ Sie spricht mit Claudio, mit ihrer Familie. Bis auf eine Tante sind alle für das neue Präparat. Ihre Großeltern begleiten sie zur ersten Infusion – jeden Monat bekommt sie eine. Die wirken sensationell: Schon nach der zweiten Infusion kann sie mit Claudio über die Bremer Bürgerweide schlendern – einen Kilometer! Wenige Monate später setzt sie ihre Ausbildung fort. „Ich hatte wieder Freunde, Kollegen, Aufgaben“, zählt Jacqueline glücklich auf. Trotzdem will sie niemandem falsche Hoffnungen machen: „Dass das Natalizumab bei mir so gut wirkt, ist eine große Ausnahme. Und in mir arbeitet die MS ja weiter.“ Doch davon spürt sie bis heute nichts.

Wie lange das so bleibt, kann ihr niemand sagen. Umso stärker blickt sie auf das, was sie jetzt kann, genießt jeden Tag ihres neuen Lebens. Am 20.10.2010 haben Claudio und sie standesamtlich geheiratet. „Das Datum wollte ich unbedingt“, sagt Jacqueline. Als sie sich das Jawort geben, wächst Chiara schon in ihrem Bauch heran. „Es gab Freunde, die entsetzt waren, dass ich ein Kind will, obwohl ich MS habe. Solche Freunde brauche ich nicht.“ MS ist nicht vererbbar. Allerdings muss Jacqueline das Natalizumab in der Schwangerschaft absetzen. Prompt kehrt die Krankheit zehn Tage nach der Geburt mit voller Wucht zurück. Es passiert, als die jungen Eltern Kaffeebesuch haben. „Das war bislang der schlimmste Schub“, sagt Jacqueline leise. Es geht nicht ohne das Medikament. Da es in die Muttermilch übergeht, darf sie Chiara nicht mehr stillen. „Das war für mich am schlimmsten. Aber ich muss fit sein für sie.“ Und mit der Flasche klappt es ja schließlich auch.

In drei Jahren geht Chiara in den Kindergarten, in sechs in die Schule. Hat Jacqueline Angst, dann im Rollstuhl zu sitzen? „Nein. Ich glaube einfach fest daran, dass mein ,Wunder-Mittel’ so lange wirkt. Und die Forschung hat bis dahin sicher neue Wirkstoffe gefunden.“ Sie legt Chiara zurück in die Babyschale. „Heute ist noch Krabbelgruppe“, sagt sie zum Abschied. Die MS wird es schwer haben gegen so viel Lebensmut.