Krankheit Die erste Lähmung

Jacqueline Carnevale war erst 19, als ihre Ärzte sie mit einer furchtbaren Diagnose konfrontierten: Multiple Sklerose. Doch die Bremerin, heute 26, lässt nicht zu, dass die Krankheit ihr das Leben vorschreibt.

Paar, Parkbank

Sie beginnen 2003. „Damals fühlte ich mich nicht wie 18, sondern wie 80“, sagt Jacqueline rückblickend. Während ihre Freunde ausgehen, Partys feiern, kämpft sie gegen eine nie enden wollende Müdigkeit. Dann, am 30. Dezember, die erste Lähmung. Diesen Tag vergisst sie nie. „Ich wusste ja gar nicht, was mit mir los war.“ Eine Entzündung des Rückenmarks, die mit der Zeit abklingen wird, lautet die Diagnose. „Nach etwa drei Monaten ging es mir besser“, sagt Jacqueline. Weitere sechs Monate später – der zweite Schub. Im Juni 2004 muss sie wieder ins Krankenhaus. „Der Oberarzt kam rein und warf mir nur Fremdwörter an den Kopf. Ich war benebelt vom Kortison und verstand überhaupt nichts“, erinnert sie sich. „Meine Mutter sprach dann mit einer anderen Ärztin. Danach war’s klar.“ MS, schubförmiger Verlauf.

Entscheidet sich in diesem Moment, ob die Krankheit den Menschen beherrscht oder der Mensch die Krankheit? „Ich habe sie weggeschoben, so getan, als wäre nichts“, sagt Jacqueline über ihre damalige Taktik, mit der MS umzugehen. Sie beginnt ihre Ausbildung bei der Bremer Agentur für Arbeit, zieht zu Hause aus, will ihr eigenes Leben, keines, das die MS ihr vorschreibt. Claudio ist immer an ihrer Seite, aus Freundschaft ist inzwischen Liebe geworden. „Nach jedem neuen Schub war ich natürlich sehr traurig und entmutigt. Ging es mir dann wieder besser, dachte ich aber jedes Mal: Jetzt lässt sie dich in Ruhe, die MS.“ Jacquelines Familie stammt aus Italien. Vielleicht kommt er daher, dieser Lebensmut, dieser Optimismus. Er ist zu ihrer schärfsten Waffe im Kampf gegen die Krankheit geworden. „Mein Opa hat bei einem schweren Unfall ein Bein verloren. An schlechten Tagen sagte er immer: Morgen wird es wieder besser.“

Sie muss entscheiden: Will sie ein Mittel, das nur zweite Wahl ist, oder Chemotherapie?

Doch besser wird es eben nicht. Mit 21 muss Jacqueline ihre Ausbildung abbrechen und zurück zur Mutter ziehen. Lange Strecken kann sie nur im Rollstuhl zurücklegen. Sie kann kein Glas mehr halten, zieht beim Gehen ein Bein nach. „Ständig bin ich gestolpert und durfte mich fragen lassen, ob ich betrunken sei. Und einmal musste mir meine Ärztin die Hose zumachen. Das fand ich schlimm.“ Alle Medikamente, die sie bis dahin bekommen hat, helfen kaum noch. Sie igelt sich zu Hause ein, all ihre Lebensträume zerplatzen. Nach einer Reha in Bayern trennt sie sich sogar von Claudio, obwohl er ihr die ganze Zeit beigestanden hat. „Ich hab ihm gesagt: Ich liebe dich nicht mehr. In Wahrheit wollte ich ihm nicht zur Last fallen, ihm nicht sein Leben wegnehmen. Das hat ihn sehr verletzt. Aber ich hatte keine Hoffnung mehr, sah alles nur noch schwarz.“

Ein halbes Jahr später steht sie wieder vor seiner Tür. Ihre Liebe ist stärker als die Krankheit. „Ich hänge sehr an ihm. Claudio ist meine größte Stütze“, sagt Jacqueline und nimmt seine Hand. Sie braucht ihn damals mehr denn je. 2006 muss sie eine fast unmögliche Entscheidung treffen: Beginnt sie doch die Chemotherapie, gegen die sie sich immer gewehrt hat, weil sie dann kein Kind mehr bekommen kann? Oder lässt sie sich mit dem neuen Wirkstoff Natalizumab behandeln, der die MS eindämmt, aber eine lebensbedrohliche Virusinfektion im Gehirn begünstigt?