ADHS ADHS in der Familie

Es ist nicht bloß eine Kinderkrankheit: Drei von hundert Erwachsenen leiden darunter, ein „Zappelphilipp“ zu sein. Deutsche Forscher testen jetzt neue Therapien gegen ADHS. VITAL begleitete eine Betroffene.

Auf dem Stuhl zappeln

Dann, vor zehn Jahren, bekommt sie ihren Sohn Cen – und hat immer stärker das Gefühl, dass sich bei ihm ihre eigene Geschichte wiederholt. „Er zeigte kaum Feinmotorik, konnte sich nicht konzentrieren, nie still sitzen. Schon morgens beim Frühstück gab es ,Zappel-Theater’, und regelmäßig flog etwas um“, erzählt Nihal Acikdüsün rückblickend.
„So wie bei mir.“ Als Cen in die Schule kommt, wird es noch schlimmer. Seine Mutter sieht, wie er leidet. „Er ist ja nicht dumm. Er wollte ja lernen, ruhig in der Klasse mitarbeiten. Aber er schaffte es nicht.“ Nihal Acikdüsün bittet die Kinderärztin um Hilfe, die sich am Ende sicher ist: Cen hat ADHS.
„Das war ein Schock. Es hat mir Angst gemacht“, erinnert sich Nihal Acikdüsün.

Mit der Krankheit leben lernen

Ihr Sohn bekommt Ergotherapie verordnet. Aber das ist noch nicht alles: „Die Kinderärztin sagte zu mir: ,Lassen Sie sich bitte auch testen.‘ Da war ich total verwirrt. Warum denn ich?“ Damals weiß sie noch nicht, dass ADHS zu 75 Prozent erblich bedingt ist. Sie geht zu einem Psychologen, das Ergebnis fällt eindeutig aus: Auch sie hat ADHS. Seit ihrer Kindheit. „Cen hat es dann wohl von mir“, sagt Nihal Acikdüsün.
„Seit ich das weiß, kann ich besser damit umgehen.“ Der Zufall will es, dass bei jenem Psychologen, der mit ihr das Puzzle zusammensetzt, eine Broschüre der Universität Tübingen ausliegt. Für eine Studie, in der zwei neue Therapien für Erwachsene mit ADHS untersucht werden sollen, werden Testpersonen gesucht. Nihal Acikdüsün meldet sich.

Die Forschung geht weiter

Seitdem fährt sie zweimal in der Woche mit dem Auto nach Tübingen. Heute stand sie im Stau. „Das war natürlich eine Supersache für mich“, witzelt Nihal Acikdüsün voller Ironie, während sie vor einem Computer Platz nimmt. Diplom-Psychologin Eva Wiedemann hilft ihr beim Aufsetzen einer weißen Kappe. Deren eingebaute „Fühler“ erfassen Nihal Acikdüsüns Hirnströme und leiten sie über allerlei Kabel zum Rechner. Eine Stunde lang wird Nihal Acikdüsün nun auf den Monitor gucken. In dessen Mitte, vor blauem Hintergrund, steigen weiße Luftblasen auf. Am Rand stellt die Software in Echtzeit Hirnwellen von Nihal Acikdüsün dar, die sie steuern und unter festgelegten Schwellenwerten halten soll.

Autor: Stephan Hillig

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