12. Februar 2010
Das Phänomen "Sommergrippe"

Das Phänomen "Sommergrippe"

Nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer können uns Erkältungsviren das Leben schwer machen. Wir verraten, was hinter dem Phänomen der Sommergrippe steckt und welche Personen besonders gefährdet sind.

Niesende Frau
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Niesende Frau

Bei der „Sommergrippe“ handelt es sich nicht um die „echte“ Grippe (Influenza), sondern um den leichter verlaufenden grippalen Infekt. Während wir uns bei einer Influenza von einer Sekunde auf die nächsten schwer krank fühlen, beginnt der grippale Infekt oft mit leichten Halsschmerzen oder Schnupfen. Doch auch Fieber, Schüttelfrost, Glieder-, Kopf- und Ohrenschmerzen können folgen – bis wir uns schließlich völlig abgeschlagen und matt ins Bett legen, während draußen alle fröhlich an ihrem Eis schlecken.

Die Erreger der Sommergrippe sind jetzt wieder unterwegs. Obwohl sie fast die gleichen Symptome wie die Keime eines normalen grippalen Infekts verursachen, haben sie mit ihnen nichts gemeinsam. „Ihre Verursacher sind nämlich meist Enteroviren wie der Coxsackie-Virus“, erklärt Privatdozent Dr. Eckard Schreier, Leiter des Fachgebiets Molekulare Epidemiologie viraler Erreger vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Wärme und hohe Luftfeuchtigkeit begünstigen ihre Ausbreitung, aber auch der intensivere Kontakt der Menschen untereinander in Schwimmbädern oder im Urlaubsflieger.

Die Ansteckung erfolgt meist über Augen und Ohren

Übertragen werden die Sommergrippe-Viren durch Tröpfcheninfektion. Die lästigen Störenfriede werden per Tröpfcheninfektion mit bis zu 900 Stundenkilometern von Mensch zu Mensch weitergehustet oder schweben Stunden als Mikroperlen in der Luft. Erhöhte Ansteckungsgefahr besteht immer dort, wo besonders viele Menschen zusammenkommen: Freibäder, Grillpartys, Open-Air-Konzerte. Und natürlich reichert auch der prustende und schniefende Vorder- oder Hintermann im Urlaubsflieger nach Mallorca die Luft mit Erregern an. Außerdem verbreiten sich Enteroviren vermehrt von den Händen in die Augenschleimhaut. Oder von den Fingern in den feuchten Gehörgang. Also, sooft es geht, Hände waschen.

Menschenansammlungen zu meiden würde uns schützen. Da wir uns aber wohl kaum alles verkneifen wollen, was Spaß macht, rät Thomas Löscher, Direktor der Abteilung Infektions- und Tropenmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Halten Sie sich von Leuten fern, die niesen oder husten. Diejenigen, die erkrankt sind, sollten so klug sein, sich ihrerseits zurückzuhalten, um andere nicht anzustecken.“ Gerade in den ersten Tage der Infektion ist die Ansteckungsgefahr hoch, deswegen sollte man lieber das Bett hüten. Im Flugzeug kann ein Tuch, wie ein Mundschutz vor Nase und Mund gehalten, als kleiner Abwehrschild dienen. Weil das Virus auch durch direkten Kontakt übertragen wird (Händeschütteln, Treppengeländer, Türklinken), reduziert häufiges Händewaschen die Ansteckungsgefahr. Generell spielt auch die Veranlagung eine große Rolle im Kampf gegen die Ansteckung, das heißt: die Widerstandsfähigkeit des eigenen Immunsystems. Und um das steht es im Sommer leider nicht immer zum Besten.

Wer ist besonders gefährdet?

Sportler bekommen besonders häufig den grippalen Infekt

Gerade bei Sommertemperaturen schwächt jede stärkere Belastung, die länger als 60 Minuten dauert, die Körperabwehr. Normalerweise sollten Sie Ihrem Körper danach jedes Mal mindestens 6 bis 24 Stunden lang Zeit zur Regeneration geben. Sportmediziner nennen dies einen „Open-Window-Effekt“, weil hier den Erregern Fenster und Türen geöffnet werden. Denn das Immunsystem ist nach dem Sport voll damit ausgelastet, Muskelentzündungen zu bekämpfen – für die Viren-Abwehr hat es keine Zeit.

Kinder erwischt’s schon mal jeden Monat

Das Immunsystem von Kindern unter 15 Jahren ist noch nicht austrainiert. Beim Spielen mit anderen Kindern, ob zu Hause, auf dem Spielplatz oder in Schule oder Kindergarten wird es einem regelrechten Viren-Bombardement ausgesetzt. Weil der Schleim bei Kindern viel zäher ist als bei Erwachsenen, leiden sie auch stärker. Das Abhusten fällt schwerer. Noch dazu kommt, dass sich besonders kleine Kinder noch nicht ausdrücken können. Weil Sie nicht sagen können, wo und was genau ihnen wehtut, weinen und quengeln sie mehr.

Stress belastet das Immunsystem

Auch Stress, egal ob auf der Arbeit oder im Privatleben belastet unser Immunsystem und schwächt die Abwehrkräft. Nehmen Sie sich deswegen genug Zeit, um zum Beispiel den Urlaub zu planen oder die letzten wichtigen Aufträge eim Büro zu erledigen. Nur wer schon einigermaßen entspannt in den Urlaub startet, wird ihn auch vor Ort wirklich genießen können und mindert das Risiko an einer Sommergrippe zu erkranken.

Jeder 5. erkrankt im Urlaub

Von neun Tagen Urlaub verbringen 21 Prozent der 64,8 Millionen deutschen Reisenden vier bis fünf Tage mit Fieber im Bett, statt cool am Pool zu liegen. Durch Buchungsstress, Klima-Umstellung und ungewohnte Kost schüttet der Körper mehr vom Immunfeind Kortison aus. Und die Anreise im klimatisierten Flugzeug oder Auto trocknet die Schleimhäute aus: Sie verlieren ihre Schutzfunktion. Dazu kommen die Erreger im Urlaubsland – nicht schlimmer als die heimischen, aber unbekannt für das Immunsystem.

Großes Erkältungspotenzial steckt im Sommer vor allem auch in der Kälte. „Die Abwehr wird reduziert, wenn Körperteile kalt werden“, sagt Prof. Löscher. „Zum Beispiel, wenn wir verschwitzt in den Schatten gehen. Dort entsteht die sogenannte Verdunstungskälte. Auch kalt eingestellte Klimaanlagen kühlen den Körper aus.“ Darüber hinaus trocknet eine zu kalte Klimaanlage, ebenso wie Hitze und Zugluft (im Cabriolet, bei geöffnetem Fenster) Mund- und Nasenschleimhäute aus, was deren Schutzschildfunktion zunichtemacht. Kaum verwunderlich also, dass ein Fünftel aller deutschen Sommerurlauber bis zu fünf Tage schniefend im Bett verbringt, statt sich am Pool zu sonnen.

Bettruhe ist angesagt

Wenn der Hals plötzlich kratzt und die Glieder schmerzen, heißt es: ab ins Bett – obwohl der Strand oder ein Ausflug lockt. Unser Körper braucht jetzt dringend Ruhe und viel Flüssigkeit, zwei bis drei Liter pro Tag. Kleiner Trost: In der Regel dauert die Sommergrippe drei bis vier Tage, also deutlich kürzer als eine Erkältung im Winter.

Fühlen Sie sich länger als eine Woche krank, treten zusätzlich Herz- oder Kreislaufbeschwerden auf, verschlimmern sich die Symptome oder klettert das Fieber auf über 39 Grad, sollten Sie dringend einen Arzt aufsuchen! Vor allem bei Kindern, alten Menschen, Schwangeren und Immungeschwächten kann eine bakterielle Zweitinfektion auftreten, zum Beispiel in Form einer Lungenentzündung. Der Arzt wird dagegen das passende Antibiotikum verabreichen. Grundsätzlich hilft ein Antibiotikum bei der durch Viren ausgelösten Sommergrippe aber nicht.

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