13. Februar 2010
Die perfekte Kontaktlinse

Die perfekte Kontaktlinse

Sie sind so dünn und klein wie nie. Trotzdem sollte jede Kontaktlinse immer exakt ans Auge angepasst werden

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Frage: Was macht ein Brillenträger, wenn er aus der herbstlichen Kälte ins gemütlich beheizte Zuhause kommt? Antwort: Er wartet, bis sich der Nebel verzogen hat. Längst nicht die einzige Situation, in der Kontaktlinsen un(be-)schlagbar im Vorteil sind. Fast unsichtbar, stören sie nicht wie eine Brille im Gesicht beim Sport, und auch der Blick zur Seite bleibt scharf – ohne Randerscheinung.

Für einen Computer sieht unsere Hornhaut fast so aus wie der Meeresboden

Tatsächlich gibt es mittlerweile kaum noch einen Sehfehler, der nicht mit Kontaktlinsen korrigiert werden kann. „Trotzdem sind und bleiben sie ein Fremdkörper im Auge“, betont Dr. Gudrun Bischoff, Augenärztin in Hamburg und Vorsitzende der Deutschen Augenärztlichen Kontaktlinsengesellschaft (DAKG). „Jede Linse muss so genau wie möglich angepasst werden. Sie muss zum Leben und vor allem zum Auge ihres Trägers passen.“ Keine leichte Aufgabe. Ist doch unsere Hornhaut, auf der die Haftschale später schwimmt, so individuell wie unser Fingerabdruck. Wird die Wahl der passenden Linse damit aber nicht zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen? Nein, nicht mehr. Denn die erledigen heute Computer (Keratographen). Mittlerweile gibt es Systeme, die über 22 000 Messpunkte auf der Hornhaut innerhalb von Sekunden erfassen können. Dazu schicken sie Licht- oder Laserstrahlen in das Auge und ermitteln, wie viele davon zurückkommen. Eine spezielle Software berechnet daraus ein mehrfarbiges dreidimensionales Bild der Hornhautoberfläche. „Das sieht dann etwa so aus, als hätte ein Forschungsschiff den Meeresboden abgetastet“, erklärt Dr. Bischoff. Die Farbe Grün heißt: Hier gleicht die vermessene Hornhaut der eines Durchschnitts-Europäers. Gelbe und rote Bereiche sind steiler, blaue und violette Bereiche flacher. „Die Kontaktlinse an solche Abflachungen genau anzupassen, ist das eigentliche Kunststück“, so die DAKG-Expertin. „Die Zahl der Messpunkte, die der Computer erfassen kann, ist deshalb auch nicht so entscheidend. Viel wichtiger ist die Software, die sie verarbeitet.“

So finden Sie die richtige Linse

Heraus kommt eine virtuelle Kontaktlinse. Das Programm legt diese auf das Bild der vermessenen Hornhaut und präsentiert das Ergebnis dem Augenarzt. „Die Technik ist gut“, sagt Dr. Bischoff. „Trotzdem bleibt sie nur eine Hilfe. Sie wird den Arzt nie ersetzen. Gerade bei komplizierten Sehfehlern ist seine Erfahrung sehr wichtig.“ Nach der Vermessung sollten deshalb zunächst auch nur Probelinsen bestellt werden. „Der Arzt färbt dann die Tränenflüssigkeit des Patienten ein, bestrahlt sie mit Blaulicht und stellt fest, ob die Kontaktlinse tatsächlich so gut sitzt wie es der Computer dargestellt hatte“, erläutert Dr. Bischoff. Erst wenn das der Fall ist, werden die endgültigen Haftschalen geordert. So sollte es sein. Doch Hornhautvermessung und Kontaktlinsenanpassung müssen komplett aus eigener Tasche bezahlt werden. Wer privat krankenversichert ist, bekommt die Kosten (ab ca. 50 Euro) zumindest teilweise erstattet. Wer Kassenpatient ist, nicht. Vielen ist das zu teuer und auch zu aufwendig, wenn sie ihre Linsen bloß ab und zu tragen wollen. Die Folge: Meist mithilfe des Brillen-Passes werden über das Internet Kontaktlinsen bestellt und getragen, die eben nicht zum Auge passen.

Schlecht sitzende Kontaktlinsen sind Dauerstress für die Augen

Davon kann Dr. Gudrun Bischoff nur abraten: „Wer so Geld sparen will, spielt mit seiner Augengesundheit.“ Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Kontaktlinsenträger in ihre Praxis kommt, der über juckende oder brennende Augen klagt. Bei der Untersuchung zeigt sich dann meist noch ein roter Rand rund um die Hornhaut. „Das ist typisch bei schlecht sitzenden Linsen.“ Für die Augen bedeuten sie Dauerstress. Die Hornhaut bekommt keine Luft, die Zellen können Augenwasser, das in sie eindringt, immer schlechter herauspumpen. „Das kann später zur Folge haben, dass der Patient z. B. am grauen Star operiert wird und danach trotzdem nicht wieder klar sehen kann“, sagt Dr. Bischoff. Wer die Augen dagegen einmal genau vermessen lässt, kann solche Risiken auf ein Minimum reduzieren.

Hart oder weich? Das ideale Material für Ihre Linse

Je genauer allerdings die Messgeräte werden, desto eher wird bei der Suche nach der idealen Kontaktlinse übers Ziel hinaus geschossen. Dr. Bischoff: „Eine Linse kann perfekt zum Auge passen. Aber das nu_tzt dem Träger wenig, wenn er mit ihr im Alltag nicht zurechtkommt.“ Einem sechsjährigen Jungen hat sie deshalb z. B. lieber Kontaktlinsen und eine Brille verordnet, statt die „perfekte“ Haftschale, da ihre Handhabung für ihn zu schwierig war. „Auch der Beruf des Kontaktlinsenträgers und die Sportarten, die er betreiben will, spielen eine wichtige Rolle“, erklärt die Hamburger Augenärztin. „Und auf schönen großen Augen sind formstabile Linsen häufig zu sehen. Das wäre doch jammerschade!“

Zukunftsaussicht

Neue Linsen mit Wirkstoff-Depot sollen in Zukunft die Infektionsrate durch Pflege-Fehler senken und Augentropfen irgendwann ersetzen

In einem Punkt ist die Qual der Wahl allerdings auch leichter geworden: beim Material. Lautete die Gretchenfrage vor ein paar Jahren noch „Hart oder weich?“, bekommt man heute im Prinzip beides zusammen. Bischoff: „Auch formstabile, also harte Linsen sind mittlerweile flexibel.“ Der Silikon-Anteil kann an den Fettgehalt der Tränenflüssigkeit angepasst werden, damit im Auge keine lästigen Klümpchen entstehen.Forscher der Kinderklinik in Boston haben jetzt sogar eine Kontaktlinse entwickelt, die 30 Tage lang gleichmäßig ein Antibiotikum abgibt. Infektionen könnten ganz ohne Augentropfen behandelt werden. „Das ist aber noch Zukunftsmusik“, so Dr. Bischoff. Soll heißen: Um eine gewissenhafte Pflege kommt man nicht herum. Aktuelle Studien belegen, dass mehr als 70 Prozent aller Komplikationen mit Kontaktlinsen auf Pflege-Fehler zurückzuführen sind. „Außerdem wird häufig vergessen, dass sich unsere Augen mit der Zeit verändern. Kontaktlinsen passen nicht ein Leben lang“, warnt Dr. Bischoff. Auch ohne Beschwerden bleibt also der Besuch beim Augenarzt oder Optiker mindestens zweimal im Jahr (besser alle vier Monate) Pflicht.

Pflege-Tipps für Ihre Kontaktlinsen

Eine klare Sache: Pflege-Tipps für Ihre Kontaktlinsen

  • Erst Hände waschen, dann Linsen herausnehmen Eine Seife oder Waschlotion mit neutralem pH-Wert ist dafür am besten geeignet. Danach die Hände gründlich abspülen.
  • Es liegt auf der Hand: die manuelle Reinigung Die beiden Kontaktlinsen nacheinander auf die Innenfläche der Hand legen, mit einem Finger und etwas Reinigungs lösung vorsichtig säubern. Das löst Stoffe aus dem Tränenfilm, Make-up-Partikel und Schadstoffe aus der Umwelt.
  • Leitungswasser ist tabu – es kann die Linsen verformen Nach der manuellen Reinigung gehören Kontaktlinsen in den dafür vorgesehen Behälter. Er sollte immer mit neuer Desinfektionslösung gefüllt werden. Nicht bloß nachfüllen! Auch den Linsen-Behälter alle sechs Wochen gründlich schrubben und spätestens nach sechs Monaten erneuern.
  • Lidschlag und Tropfen schützen vor Austrocknung In klimatisierten Räumen oder am Bildschirm trocknen die Augen schnell aus. Deshalb regelmäßig die Lider bewusst schließen. Tropfen („künstliche Tränen“) helfen zusätzlich.
  • Bei einer Erkältung sind Kontaktlinsen tabu Weiche Linsen bieten den Erregern ideale Bedingungen. Bindehaut- oder Hornhautentzündungen können die Folge sein.
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