13. Februar 2010
Die Macht der Hormone

Die Macht der Hormone

Weit über 100 Botenstoffe sind die Regisseure unseres Lebens. Welche Rolle sie bei Frauen mit 30, 40 und 50 spielen und was sie sanft stimuliert.

Hormoni im Körper
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Hormoni im Körper
Buch Dr. Wimmer
© Claudia Klein
Meine Hormone – Bin ich ferngesteuert: Dr. Johannes Wimmer nimmt uns in seinem neuen Buch mit in die faszinierende Welt der Hormone und erklärt, welche hormonell bedingten Beschwerden es gibt und was man tun kann, um Körper und Seele in Balance zu bringen.  Mehr Informationen zum Buch finden Sie hier >>

Sie gelten als Jungbrunnen, Energiespender oder Liebesturbos – die rund 100 Hormone, die bisher bekannt sind. Die Macht dieser Botenstoffe ist nach aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft sogar noch größer als bisher angenommen. Das trifft aber nur auf die körpereigenen zu.

Mehr Infos

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, Mozartstrasse 23, 93128 Regenstauf, www.endokrinologie.net

Ganz anders sieht es bei den Anti-Aging-Hormonen aus, die geschluckt oder gespritzt werden. Besonders die Wachstumshormone, noch vor Kurzem hochgepriesen als Garant ewiger Jugend, werden zunehmend kritisch betrachtet. „Es gibt keinerlei Hinweise, dass Wachstumshormone beim Anti-Aging irgendetwas bringen. Sie sind sehr teuer, müssen injiziert werden, weil eine orale Einnahme nicht hilft. Und Produkte aus dem Internet enthalten zum Teil gar kein Wachstumshormon“, warnt der Mainzer Endokrinologe Prof. Christian Wüster, Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg und Mitbegründer des European Center for Aging Research and Education (ECARE). „Es gibt zudem Studien, die von Nebenwirkungen wie Schwellungen an Armen und Beinen, abnormalem Knorpelwachstum und Diabetes berichten. Auch ein erhöhtes Krebsrisiko wird vermutet.“ Ähnlich kritisch wird heute der Einsatz etwa von Östrogenen und Gestagenen in der Wechseljahrstherapie gesehen. Prof. Wüster: „Bei erhöhtem Risiko für Brustkrebs, etwa bei Übergewicht, Rauchen oder Mammatumoren in der Familie, ist eine Hormonersatztherapie absolut tabu.“ Tatsächlich brauchen Frauen auch nur selten künstliche Hormone. Denn egal, ob mit 30, 40 oder 50: Meist lässt sich ein typisches Ungleichgewicht der jeweiligen Lebensdekade mit ganz einfachen natürlichen Maßnahmen ausbalancieren.

Das verändert sich in den 30ern

Mit 30 im Hoch der Sexualhormone

Der 30. Geburtstag ist ein Grund zum Feiern: Die weiblichen Sexualhormone sind stabil wie nie zuvor, die Regel kommt superpünktlich, das Immunsystem arbeitet mit voller Kraft. Dennoch spüren viele Frauen jetzt zum ersten Mal den Lauf der Zeit. Fältchen bilden sich um Augen und Mund – meist weil der Multistress von Lebensplanung, Karriere und Partnersuche Schlaf kostet. Fehlt aber die regelmäßige Nachtruhe von sieben bis acht Stunden, sinkt der Melatonin-Spiegel kurzfristig ab. Das Hormon ist ein Nachtarbeiter, der im Schlaf neue Zellen produziert, Hautschäden repariert und den Faltenglätter Collagen pusht. Aber auch die regelmäßige Einnahme bestimmter Arzneien wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen in stressbedingten Schmerzsituationen kann Kurzarbeit für die körpereigene Melatonin-Produktion bedeuten. Das zeigt eine Studie der Harvard University in Boston. Den Melatonin-Spiegel senkt außerdem Babywunsch- Stress. Dieser ist durchaus begründet, reduziert sich die Fruchtbarkeit bei 30- bis 34-jährigen Frauen doch immerhin auf 63 Prozent, bei 39-Jährigen sogar auf 52 Prozent.

Das verändert sich in den 30ern

Das steigt:
Männliche Sexualhormone, die Androgene,
können bei jüngeren Frauen um die 30 nicht nur zu kosmetischen Problemen („Erwachsenen-Akne“), sondern auch zu Störungen des Zuckerstoffwechsels bis hin zu Vorstufen einer Diabetes führen. Das Kuschelhormon Oxytocin wird vermehrt beim Stillen oder während einer Geburt, aber auch beim Küssen, Streicheln oder beim Sex gebildet.

Das sinkt:
Die Produktion von Wachstumshormonen
nimmt schon ab 25 kontinuierlich ab – sodass sie im 65. Lebensjahr nur noch rund ein Drittel der Ursprungsmenge erreicht. Zu wenig Schilddrüsenhormone haben rund 33 Prozent der Frauen. Ursache ist meist ein Jodmangel. Statt 8 bis 12 Gramm jodiertes Meersalz nehmen sie nur 3 Gramm täglich zu sich. Das kann sogar zu Osteoporose führen.

Das schützt vor einem Mangel

  • Die Zellreparatur durch Melatonin wird unterstützt, wenn Sie vor dem Einschlafen Naturklänge wie Wellenrauschen oder Vogelzwitschern hören, ergab eine Studie der Universität Leipzig.
  • Kurbelt auch die Melatonin-Produktion an: ein Cocktail aus 100 Milligramm Nicotinamid (Apotheke), 1000 Milligramm Calcium und 500 Milligramm Magnesium abends und 25 bis 30 Milligramm Vitamin B6 morgens.
  • Würzen Sie mit jodiertem Meersalz und setzen Sie zweimal pro Woche Fisch (z. B. 90 Gramm Schellfisch) auf die Speisekarte. Das reguliert die Schilddrüsenhormone.
  • Verzichten Sie auf Nudeln, Brot oder Kuchen aus hellem Mehl. Sie fördern die Pickel bildende Wirkung der Androgene. Besser sind Brot oder Nudeln aus Vollkorn.

Das verändert sich in den 40ern

Mit 40 sind die Hormone noch in Balance

Einen echten Mangel an Hormonen gibt es bis Mitte 40 bei den meisten Frauen nicht. Trotzdem schwanken die Sexualhormone Östrogen und Gestagen als erste Vorboten der Wechseljahre. Die Fettverbrennung nimmt um 10 bis 20 Prozent ab. Und ein paar Extrapfündchen belasten die Gelenke. Denn Fettzellen bilden das gewichtsregulierende Hormon Leptin. „Nach heutiger Kenntnis müssen wir davon ausgehen, dass Leptin Gelenkschäden durch Übergewicht beschleunigt“, sagt der Diabetologe Prof. Helmut Schatz aus Bochum. Außerdem schwächt es das Immunsystem. Setzt die Menopause sehr früh ein, kommt es zu einem fast doppelt so hohen Lungenkrebsrisiko. Frauen, die mit der Pille verhüten, bekommen dagegen seltener Eierstockkrebs, fand Dr. Cheryl L. Robbins vom Center for Disease Control in Atlanta heraus.

Das verändert sich in den 40ern

Das steigt:
Die Konzentration des Stresshormons Cortisol
kann bei einigen Frauen so ansteigen wie bei depressiven Menschen. Aber der erhöhte Hormonspiegel führt nicht zwangsläufig zu der Krankheit. „Es müssen verschiedene Umstände zusammenkommen“, erklärt Prof. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité. Das können sowohl die Gene als auch äussere Faktoren sein, wenn z. B. die Kinder ausziehen.

Das sinkt:
Das Wachstumshormon Somatotropin
wird immer weniger gebildet. Folge: Die Leber baut Fette schlechter ab. Der Serotonin-Spiegel sinkt allmählich. Der Botenstoff wird zu 97 Prozent im Darm gebildet, der sensibel auf alle hormonellen Veränderungen in den beginnenden Wechseljahren reagiert. Die Melatonin-Spiegel sinkt durch den präklimakterischen Hormonstress. Das bereitet vielen Frauen schlaflose Nächte.

Das schützt vor einem Mangel

  • Bereits 30 Minuten auf dem Heimtrainer mit moderater Geschwindigkeit können die Somatotropin-Produktion verdoppeln.
  • Lachen setzt Serotonin frei. Lachforscher sprechen daher auch vom „Jogging der Seele“. Ein Verzeichnis von Lachschulen finden Sie unter www.hoho-haha.de.
  • Nach intensivem Training oder etwa einem Halbmarathon kommt es zum „Runners- High“, bei dem Serotonin und Endorphine ausgeschüttet werden.
  • Glück lässt sich essen. Gewürze wie Chili mit dem Inhaltsstoff Capsaicin fördern die Serotonin-Produktion. Zu Glücks-Food zählen auch Hafer, fettarmer Fisch, Nüsse und Bananen.
  • Yoga stimuliert gezielt die Schilddrüse, die Eierstöcke und andere Hormon produzierende Drüsen. Ein Kursus in Yogazentren kostet rund 80 Euro. Gesetzliche Krankenkassen erstatten bis zu 80 Prozent des Beitrags.

Das verändert sich in den 50ern

Mit 50 beginnt eine neue Hormon-Phase

So stark, fähig und begehrenswert wie heute waren Frauen im Klimakterium noch nie. Aber jede dritte hat auch Probleme mit dieser Lebensphase. „Beschwerden wie Hitzewallungen oder Nachtschweiß lassen sich durch Hormone lindern“, sagt Prof. Christian Wüster. „Die Dosis macht das Gift. Hormone sollten deshalb möglichst gering dosiert werden, z. B. als Gel, das von der Patientin selbst abgemessen werden kann. Sie sollte ruhig auch mal einen Tag aussetzen und sich aus der Hormonersatztherapie langsam herausschleichen.“

Das verändert sich in den 50ern

Das steigt:
Der Testosteron-Einfluss
nimmt mit dem Ende der Östrogen und Progesteron-Produktion oft wieder zu. Das kann zu einem Damenbart führen. Die Bauchspeicheldrüse schüttet mehr Insulin aus, um ein Überangebot von Zucker aus dem Blut in die Zellen zu schleusen. Irgendwann ist sie erschöpft, produziert kaum noch Insulin. Diabetesgefahr!

Das sinkt:
Das Zusammenspiel von Östrogen und Progesteron
gerät um die 50 aus dem Takt. Mal reagieren die Eierstöcke verzögert auf die Signale der Hirnanhangsdrüse. Oder sie selbst vergisst den Hormonreiz für einen Eisprung. Es reifen keine Östrogen produzierenden Follikel mehr heran. Ohne Eisprung fehlt auch der Gelbkörper, der Progesteron freisetzt.

Das schützt vor einem Mangel

  • Hormonähnliche Phyto-Östrogene lindern Nachtschweiss und Hitzewallungen. Die Pflanzenstoffe finden sich z. B. in Leinsamen (Tagesdosis: 2 EL) und Hülsenfrüchten (Tagesdosis: 250 Gramm).
  • Ein Dosiergel im Spender setzt durch einfaches Pumpen eine Minimal-Dosis von 0,75 mg Östrogen / Estradiol) frei, die bei leichten Beschwerden ausreicht. Bei stärkeren wird bis zu viermal gepumpt. Das Gel baut in der Hornschicht der Haut einen gleichmässigen Hormonspiegel durch ein Wirkstoff- Reservoir auf.
  • Schlafstörungen steigen ab 50 um 260 Prozent an! Ein neues Melatonin-Retardpräparat dagegen kann eingesetzt werden, ohne vorher den Melatonin-Spiegel zu bestimmen.
  • Etwa ein Viertel der 50- bis 65-jährigen Frauen leidet an Blasenschwäche. Oft helfen Pflanzenöstrogene aus Rhapontikrhabarber, Soja, Rotklee oder hormonfreie Präparate aus der Traubensilberkerze (Apotheke). Aber auch ein Beckenbodentraining, das viele Kassen mit bis zu 80 Prozent der Kosten von 80 bis 120 Euro für 10 Stunden bezuschussen.

10 Hormone im Überblick

Hormone - was sind das eigentlich?

Ohne die chemischen Botenstoffe könnten wir nicht überleben. Hormone steuern als Informationsübermittler die 100 Billionen Zellen des Körpers durch gezielte Befehle. Sie regulieren unsere Temperatur, den Blutdruck und den Blutzucker, lassen Eizellen reifen, Babys wachsen, steuern unser Liebesleben. Gebildet werden sie in speziellen Drüsenzellen verschiedener Organe. Über den Blutstrom reisen sie zu den Zellen, wo sie an speziellen Andockstellen ihre Signale übermitteln. Ganz unabhängig sind sie aber nicht: Faktoren wie die Gene, Sport, Stress, Ernährung, Schadstoffe aus der Umwelt, Freude, die Tageszeit oder Alter – all das wirkt sich auf den Hormonhaushalt aus.

10 Hormone im Überblick

  • Adrenalin
    Gebildet im Nebennierenmark Aufgaben: Das „Stresshormon“ steigert die Herz- Kreislauf-Funktionen, mobilisiert Energiereserven. Noradrenalin hemmt Schmerzen Normalwert: Bis 110 nmol/Tag Mangel: Massive Schlafprobleme, plötzliche Stimmungsschwankungen, nachlassende Gedächtnisleistung und mangelnde körperliche Vitalität
  • Cortisol
    Gebildet in den Nebennierenrinden Aufgaben: Erhöht den Blutzuckerspiegel, stimuliert den Eiweissstoffwechsel Normalwerte: Schwanken über den Tag. Erwachsene um 8 Uhr: 50–250 μg/l, um 24 Uhr: unter 50 μg/l Dauerhaft erhöht: Knochenschwund, Diabetes, Akne, Immunschwäche Dauerhaft zu niedrig: Nebennierenrindenschwäche
  • Endorphine
    Gebildet in der Hirnanhangsdrüse Aufgaben: „Glückshormone“ sind schmerzstillend, regeln die Körpertemperatur, regulieren die Beweglichkeit des Darms Normalwert: Bei Ruhe 10–20 ng/l Beta-Endorphin Mangel: Depressionen
  • Insulin
    Gebildet in der Bauchspeicheldrüse Aufgabe: Senkt den Blutzuckerspiegel Normalwert: Weniger als 180 μmol/l Mangel: Überzuckerung. Anzeichen: starker Durst, Harndrang mit bis zu 6 Litern Ausscheidung pro Tag, Übelkeit
  • Melatonin
    Gebildet in der Zirbeldrüse Aufgaben: Das „Schlafhormon“ reguliert die „innere Uhr“ des Menschen, ist am Alterungsprozess des Körpers beteiligt Normalwert: 260 pmol/l Mangel: Starke Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, häufige Grübelattacken
  • Östrogen
    Gebildet in den Eierstöcken Aufgaben: Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, verhindert Knochenschwund, schützt vor Herz- Kreislauf-Erkrankungen Normalwerte: Abhängig von Menstruationszyklus und Lebensphase, z. B. während des Eisprungs 100–600 ng/l, in den Wechseljahren unter 10 ng/l Mangel: Knochenschwund, Verlust des Herz-Schutzes, Schlafstörungen, Hitzewallungen
  • Progesteron
    Gebildet in den Gelbkörpern eines Eierstocks Aufgaben: Verändert die Gebärmutterschleimhaut so, dass sie eine befruchtete Eizelle aufnehmen kann, sorgt für deren Entwicklung Normalwerte: Abhängig von Menstruationszyklus und Lebensphase, z. B. nach dem Eisprung mindestens 8 μg/l, in den Wechseljahren unter 1 μg/l Mangel: Geschwollene Hände und Füße, starke Kopfschmerzen, Ängste, Aggressivität und Reizbarkeit vor der Menstruation
  • Somatotropin
    Gebildet in den Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse Aufgaben: Das „Wachstumshormon“ fördert das Wachstum der inneren Organe, hat Einfluss auf den Stoffwechsel, ist an der Verknöcherung des Skeletts beteiligt Normalwert: Bis 8 ng/ml Mangel: kann zu vermehrtem Haarausfall führen.
  • T3 Trijodthyronin T4 Tyroxin
    Gebildet in den Follikelepithelzellen der Schilddrüse Aufgaben: Aktivieren den Stoffwechsel, tragen zur geistigen und körperlichen Entwicklung bei Normalwerte: T3: 0,8–2 ng/ml; T4: 5–11,5 ng/ml Bei Schilddrüsen- Unter-/Überfunktion: Geschwollene Augen, Gewichtszunahme, raue Haut, Heiserkeit, schnelle Ermüdung, Schwäche, Verstopfung, Frieren, Konzentrationsstörungen Bei Mangel: Kropf, Zittern, Durchfälle, vermehrter Appetit bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme, dünne Haare, Herzrhythmusstörungen.
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