24. Januar 2011
Die Lachtherapeutin

Die Lachtherapeutin

VITAL besucht Frauen, die bewusst, fernab der Schulmedizin, kaum bekannte Verfahren gewählt haben, um zu helfen. Hier sagen sie, wie es dazu kam – und wie sie behandeln. Diesmal: Gabriela Leppelt-Remmel

Lachyogis
© jalag-syndication.de
Lachyogis

Die Bauchmuskeln beben, der Brustkorb vibriert, dann bricht es aus der Tiefe ihrer Kehle heraus wie aus einem explodierenden Vulkan. Erst als sonores Glucksen, dann als lang anhaltendes, schallendes Lachen, das ansteckt. Gabriela Leppelt-Remmel lacht anders als andere. So, wie ich es noch nie gehört – und gesehen habe. Ihr ganzes Gesicht lacht mit. Die Augen, die Stirn, sogar ihre Kinnpartie. Bis die Tränen kommen und der Körper kräftig durchgeschüttelt wird.

Wer dieses „Naturschauspiel“ einmal miterlebt hat, wundert sich nicht mehr, dass die 58-Jährige als Lachtherapeutin arbeitet. „Schauspiel ist ein gutes Stichwort“, sprudelt es aus der lebhaften Frau heraus. „Denn Lachyoga hat auch mit schauspielerischer Kreativität zu tun. Die Übungen bestehen zu einem Großteil aus fiktiver Pantomime, die zum Lachen anregt.“ Gabriela Leppelt-Remmel sieht die Fragezeichen in meinem Gesicht, springt auf, bildet mit ihrem rechten kleinen Finger und Daumen einen Telefon-Hörer – und lacht wieder dieses fast archaische Kinderlachen. „Lach yogis“ nennen diese Übung Handy-Lachen. Dann prostet sie mir plötzlich mit einem imaginären Glas zu und demonstriert mir das Cocktail-Lachen.

Gabriela Leppelt-Remmel
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Vor 30 Jahren zog Gabriela Leppelt- Remmel für die Liebe nach Hamburg. Dort lebt sie heute noch mit ihrem Mann. Ihre Tochter, 25, und ihr Sohn, 21, studieren

Mehr als 100 solcher Lachübungen haben ihre Erfinder, der indische Arzt Dr. Madan Kataria und seine Frau Madhuri, 1995 entwickelt. Die trugen sie getreu seines Mottos: „Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind – wir sind glücklich, weil wir lachen“ nach der Gründung des ersten Lachclubs in die Welt hinaus. Beim Lachen ohne Grund ist der Kreativität der Übenden keine Grenze gesetzt. Regelmäßig, oft spontan, entwickelt Gabriela Leppelt-Remmel in ihren Gruppen neue Übungen. Und kombiniert sie ganzheitlich mit Dehn- und Atemübungen, Mantren und Meditationen aus dem Hatha-Yoga. „Obwohl wir anfangs nur so tun, als würden wir lachen: Ein Blick in die Augen der Mit übenden genügt – schon springt der Funke über, und wir lachen ganz wahrhaftig“, erzählt die gebürtige Rheinländerin. „Man kann sich gegen diese Gruppendynamik, gegen diese Herz-zu-Herz-Ebene nicht wehren. Lachen ist ja eine grundlegende Kommunikationsform des Menschen, ein Ausdruck von Sympathie und gegenseitigem Einverständnis. Die besänftigende und konfliktbegrenzende Wirkung von Lach yoga fasziniert mich immer wieder.“

Das Lachen hat ihr Leben umgekrempelt

Lachtherapeutin
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So geht die Übung "Bären-Lachen": Rücken aneinander reiben und dann loslachen

Vor sechs Jahren öffnete ihr die Lachtherapie die Tür zu einer neuen Dimension ihres Lebens: Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern stand damals durch gesundheitliche Einbrüche an einem Wendepunkt. Bei der Post bewältigte sie als IT-Expertin eine stramme 50-Stunden-Woche und jede Menge Abendtermine. Dann noch das ständige Sitzen am Computer. Trotz leidenschaftlichen Workaholic-Rauschs zu viel für sie: drei Bandscheibenvorfälle im Nacken, an beiden Handgelenken ein Karpaltunnel-Syndrom, das operiert werden sollte. Obendrein eine Bakterien-Infektion, die sich über ein Jahr hinzog und unerträgliche Rheumaschmerzen und einen längeren Krankenhaus-Aufenthalt mit sich brachte. Um den Stress auszugleichen, fing Gabriela Leppelt-Remmel wieder intensiv mit Hatha-Yoga an – und stieß im Internet auf Lachyoga.

Lachraum
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Die Lachmeditation im Sitzen stärkt das Teamgefühl, das achtsame Miteinander

„Das Wort hat mich neugierig gemacht. Ich dachte: Okay, lachen könntest du auch mal wieder“, erinnert sie sich. Ihre erste Begegnung mit dem „Kunstlachen“, das ihr Leben verändern sollte, hatte sie im Hamburger Stadtpark. „Diese Stunde war für mich wie eine Therapie. Ich fühlte mich so befreit. Kein ständiges Grübeln mehr, wie es beruflich weitergehen soll. Ich war eins mit mir. Mir ging es so gut wie lange nicht mehr.“ Diese leichtfüßige Heiterkeit hielt tagelang an.

Sie ging regelmäßig zum Lachclub, dann zu einem Workshop der Lachyoga-Erfinder. Sie gaben ihr neue Denkanstöße. Der entscheidende: Jeder kann selbst bestimmen, ob er in der Hölle lebt oder nicht. Die damals 53-Jährige fackelte nicht lange und wagte den Sprung aus der „Job-Hölle“ in die Selbstständigkeit. Sie gründete selbst einen Lachclub und begann eine zweijährige Ausbildung zur Hatha-Yogalehrerin, um in die Tiefen der Yogaphilosophie einzutauchen und das Lachyoga durch Hatha-Elemente zu erweitern.

Was steckt dahinter?

Lachmeditation
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Das Stretchinglachen erweitert den Brustkorb und schafft "Lachraum" für das Zwerchfell

Seitdem hat Gabriela Leppelt-Remmel viel zu lachen. Nicht nur in ihrem Club, sondern auch, während sie Seminarleiter und Therapeuten ausbildet. Sogar, wenn todtraurige Menschen zu ihr kommen. „Das sind Depressive, aber auch Eltern, die ihr Kind durch Krebs oder Selbstmord verloren haben“, erzählt sie. „Durch das Lachen können sie leichter loslassen, bekommen wieder Mut und neue Zuversicht. Daran sehen Sie, dass es tatsächlich eine wirksame Therapie ist.“

Und ich erkenne spätestens jetzt, dass Gabriela Leppelt- Remmel eine wahre Heilerin ist, die einzig und allein auf Lachen als ein Ganzkörpertraining mit mehr als 100 beteiligten Muskeln setzt. Dürfte sie Rezepte ausstellen wie ein Arzt, würde sie auf ihre schreiben: jeden Tag 20 Minuten aus tiefem Herzen ehrlich und laut lachen. Wie ein Kind. Das hält nicht nur so fit wie eine Stunde Joggen. Es macht auch glücklich – wie eine achtsame, zärtliche Berührung.

INFO

  • Was steckt dahinter? Gabriela Leppelt-Remmel ist Hatha-Yogalehrerin und Master of Laughter Yoga. In ihren Lachsitzungen kombiniert sie beide Methoden. Sie leitet ehrenamtlich einen Lachclub (Preis: 3 bis 5 Euro) und Lachgruppen (8 Sitzungen 60 bis 80 Euro). Während eines Wochenend- Seminars bildet sie Lachclub-Leiter aus (230 bis 350 Euro), in einem einwöchigen Seminar Lachyoga- Lehrer (ca. 900 Euro). Mehr Infos auf www.yogilachen.de, www.hoho-haha.de.
  • Und die Forschung? Die Lachforschung (Gelotologie) hat die gesunde Wirkung der Lachtherapie seit den 1960er-Jahren hinreichend belegt. Der Sauerstoffgehalt im Blut steigt, das Gehirn schüttet „Glückshormone“ aus, die Lunge wird kräftig durchlüftet, die Herztätigkeit angeregt, die Anzahl der Killerzellen nimmt zu, der Stresshormon-Pegel sinkt und der Blutdruck wird reguliert.
  • Wem hilft die Methode? Menschen mit Depressionen, Schmerzen, Migräne, Rheuma, Burn-out, Schlafproblemen, Asthma, Infektanfälligkeit, Bluthochdruck.
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