13. Juni 2012
Diagnose: Soziale Phobie

Diagnose: Soziale Phobie

Bei einer sozialen Phobie ist der banalste Kontakt mit Menschen angstbesetzt. Doch es gibt Auswege – wie die Lebensgeschichte von Gudrun Klee beweist. Sie besiegte ihre Angst.

Soziale Phobie
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Soziale Phobie

„Du bist wie dein Vater“, hat ihre Mutter mal gesagt. Das war nicht böse gemeint. Eher aufmunternd. Heute weiß Gudrun Klee, dass ihre Mutter ebenso recht wie unrecht hatte. „Mein Vater litt unter ähnlichen Problemen wie ich. Das ist mir inzwischen klar“, erzählt die Berlinerin. Doch anvertraut hat sie sich ihm nie. Auch der Mutter nicht. „Wir hatten ein gutes Verhältnis“, stellt Gudrun Klee klar. Aber sie fand damals kein Wort für das, was sie quälte, und war überzeugt, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, dem es so ging.
„Ich habe mich wahnsinnig geschämt“, sagt die 49-Jährige rückblickend. „Ich konnte mit niemandem darüber sprechen.“ Eine beste Freundin hatte sie nie. Auch ihr späterer Mann Andreas und die Söhne Stephan (heute 25) und Christian (heute 20) erfuhren all die Jahre nichts. „Professor Ströhle war der Erste. Dieser Termin bei ihm hat mein Leben verändert“, sagt Gudrun Klee – nicht weil es in einer Zeitschrift gut klingt, sondern weil es so war.

Frauen treffen soziale Phobien etwa doppelt so häufig wie Männner
Knapp zehn Jahre liegt dieses erste Gespräch mit Prof. Andreas Ströhle zurück, der die Spezialambulanz für Angsterkrankungen an der Charité leitet. „Seitdem habe ich mich noch mal neu kennengelernt“, sagt Gudrun Klee glücklich. Sie hat sich verändert, obwohl die Spuren der Vergangenheit wohl nie ganz verschwinden werden. Fast 30 Jahre hat eine soziale Phobie Gudrun Klees Leben beherrscht. „Aber ich habe mehr erreicht, als ich erwartet habe“, erzählt sie stolz. „Stehe ich heute im Supermarkt an der Kasse, weiß ich, wie es sich früher anfühlte. Aber: Es ist nicht mehr da.“ Es. Die Angst. Sie ist weg. „Das ist ein tolles Gefühl.“
Etwa jeder sechste Deutsche, zeigen große Studien, entwickelt im Laufe seines Lebens eine soziale Phobie. Frauen trifft es etwa doppelt so häufig wie Männer. „Angespannt zu sein, bevor man z. B. ein Referat hält, ist genauso normal wie ein gewisses Misstrauen Fremden gegenüber“, sagt Prof. Ströhle, um zu beschreiben, wo die Grenze zur Krankheit verläuft. „Angst ist eine lebenswichtige Emotion. Symptome wie Händezittern, Erröten oder Schwitzen allein machen noch keine Krankheit.“ Entscheidend sei das Ausmaß. Menschen mit sozialer Phobie nehmen jeden „Auftritt“ vor anderen wie ein Tribunal wahr. Sie haben Angst, sich zu blamieren. Angst, negativ beurteilt zu werden. Angst, zu versagen. Angst vor der Angst.

Oberflächlich betrachtet führen viele Betroffene ein fast normales Leben
Fast ununterbrochen kreist ihr Denken darum, ob das, was sie tun, in den Augen ihrer Mitmenschen „richtig“ ist. Jedes gesprochene Wort legen sie auf die Goldwaage. Jede noch so kleine Körperregung deuten sie als Beweis ihrer vermeintlichen sozialen Tollpatschigkeit. Sie glauben, dass alle Augen stets auf sie gerichtet sind. Jede Handlung wird zum Versuch, Ansprüche des Umfeldes zu erfüllen, die sich nie 100-prozentig vorhersagen lassen. Häufig lässt die Angst nur noch einen Gedanken zu: raus!
Immer mehr soziale Situationen werden gemieden. Erfolgserlebnisse bleiben aus, die Selbstunsicherheit nimmt zu, die soziale Phobie wird stärker. Ein Teufelskreis. „Oberflächlich betrachtet führen viele Betroffene ein fast normales Leben“, sagt Prof. Andreas Ströhle. „Doch man muss sich fragen: Wie wäre es ohne die Angst verlaufen? Sozialphobiker bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sie können ihre Potenziale nie ausschöpfen.“ Partnerwahl, Freunde, Ausbildung, Beruf – die Angst entscheidet, obwohl die Betroffenen wissen, dass sie übertrieben ist. Schleichend verlieren sie die Kontrolle.
Wann fing das an? Gudrun Klee spult ihr Leben zurück. Sie wächst als Einzelkind in der DDR auf. „Als ich in die Schule kam, hatte ich schnell das Gefühl, da nicht hinzupassen“, erzählt sie. Ihre Mitschüler schließen Freundschaften. Sie nicht. „Ich wusste einfach nicht, wie das geht. Ich war ein Fremdkörper.“ Sie wird nicht gemobbt. Sie wird ignoriert. „Ich war nur interessant, wenn man bei einer Klassenarbeit von mir abschreiben konnte.“ Denn ihre Noten sind gut. „Aber die Eins in Mathe hat mir auch nichts genutzt“, sagt Gudrun Klee und streicht einige Haare aus der Stirn. Sie findet sich zu groß, zu dick. Jede Sportstunde wird zum Spießrutenlauf. Vorlesen ist der blanke Horror. Einen totalen Black-out beim Wettrechnen vergisst sie nie. Als sie sich Jahre später dazu zwingt, zum Elternabend in die Schule ihrer Söhne zu gehen, sind alle Erinnerungen schlagartig wieder da. Gudrun Klee hält es kaum aus.
Einmal schreibt sie für ihren Sohn eine Englischarbeit. „Er bekam eine Eins und fragte mich: Wieso hast du kein Abitur gemacht, Mama?“ Die Antwort bleibt sie ihm lange schuldig. „Dafür hätte ich die Schule wechseln müssen und wäre in der DDR automatisch über ein Studium auf die Leitungsebene gekommen“, weiß Gudrun Klee heute. „Das war für mich der pure Graus.“ Sie macht stattdessen eine Gärtnerlehre. „Pflanzen erwarten ja nicht viel von einem.“ Inzwischen lacht sie darüber.

Die Nachbarin, die Verkäuferin, sogar bei den Schwiegereltern verkrampft sie innerlich
Nur ein Mal ist ein anderes Gefühl stärker als ihre Angst: die Liebe. Mit Ende 20 lernt sie Andreas kennen. Gudrun Klee macht mit ihrer Mutter Urlaub an der Ostsee. Andere junge Hotelgäste nehmen sie mit in die Disco. Sie kommt mit Andreas, einem Soldaten, ins Gespräch. Sie tanzen zusammen und verabreden sich sogar für den übernächsten Abend. Wie schafft sie das? „Der Wunsch war ja die ganze Zeit da“, sagt Gudrun Klee. „Ich wollte einen Mann, Kinder – das klassische Leben.“ Doch Andreas kommt nicht. Der Urlaub ist vorbei, sie muss wieder arbeiten – und auf einmal wartet Andreas mit einer Rose in der Lederjacke vor der Gärtnerei auf sie. „Da hatte er natürlich einen Punkt gemacht“, erinnert sich Gudrun Klee.
Zehn Jahre bleiben sie verheiratet. Zehn Jahre lang ahnt Andreas nichts von der Angst seiner Frau. „Andreas war der Gegenpol zu mir. Hinter ihm konnte ich mich verstecken“, so beschreibt Gudrun Klee das unbewusste Zusammenspiel. „Zu Hause fühlte ich mich sicher. Sowie ich die Haustür öffnete, sprang das Programm wieder an.“

Adressen & Informationen

Betroffene für Betroffene: Selbsthilfeverband für Soziale Phobie, Pyrmonter Str. 21, 37671 Höxter, www.vssps.de

Spezialambulanz für Angsterkrankungen: Charité – Universitätsmedizin Berlin, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Tel. 0 30/4 50 51 72 17 oder 4 50 51 72 44, www.angstambulanz-charite.de

Forschungsverbund soziale Phobie: www.sopho-net.de, Selbsttest, aktuelle Infos, Therapie

Die Nachbarin im Treppenhaus, die Verkäuferin im Supermarkt, Passanten, die nach dem Weg fragen, die Schwiegereltern – „ich hatte ständig das Gefühl, vor einer Prüfung zu stehen“. U- und S-Bahn kann sie nur fahren, wenn sie ein Buch dabeihat, das sie ablenkt. Immer steigt sie in den leersten Waggon. Freunde haben sie und Andreas praktisch nicht. Spricht doch jemand eine Einladung aus, erfindet Gudrun Klee immer neue Ausreden, um abzusagen.

Die Chance auf Heilung steht gut

Zum Vorschein kommt eine lebenslustige Frau, die gern mit anderen Menschen redet
Sie weiß nicht, wie viel ihr Mann von alldem mitbekommt. Möglicherweise verstärkt ihr Verhalten sein Benehmen. Und umgekehrt. Andreas entscheidet, was sie abends fernsehen. Er bestimmt, wohin sie in den Urlaub fahren. „Ich habe das auch lange zugelassen“, sagt sie selbstkritisch. Aber irgendwann regt sich Widerstand in ihr. „Diese Unselbstständigkeit gehörte nicht zu mir. So wollte ich nicht sein.“ Sie lässt sich von Andreas scheiden, da sind ihre Söhne fünf und zehn Jahre alt. Doch sie empfindet die Trennung nicht als Neuanfang. „Mir ist damals sehr bewusst geworden, was ich durch die Phobie alles verpasst habe“, sagt Gudrun Klee.
Sie erfährt, dass Andreas mit seiner neuen Partnerin ein Baby bekommt. Die Firma, für die sie arbeitet, geht pleite. Sie wird versetzt, doch auch ihr neuer Arbeitsplatz ist alles andere als sicher. „Die Zukunft hatte für mich plötzlich keine Farbe mehr. Ich fiel in ein schwarzes Loch“, sagt Gudrun Klee. Sie erlebt eine tiefe Depression. „Bei einer unbehandelten sozialen Phobie geschieht das häufig“, so Prof. Ströhle. „Auch Alkoholsucht kann hinzukommen.“
Gudrun Klee bittet ihre Hausärztin um Hilfe, bekommt Antidepressiva verordnet. Langsam fühlt sie sich besser. „Und dann sah ich diesen Fernsehbeitrag“, erzählt sie, und die Aufregung von damals schwingt wieder mit. Zum ersten Mal erfährt sie, dass ihre Ängste einen medizinischen Namen haben und Teil einer Krankheit sind, die sich sehr gut behandeln lässt. „Den Begriff ,soziale Phobie‘ hatte ich bis dahin noch nie gehört. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Der Film erklärte auch den Zusammenhang mit Depressionen. Plötzlich passte alles zusammen.“
Schicksal: Nur Tage später liest sie einen Artikel über die Charité-Ambulanz von Prof. Ströhle. Gudrun Klee nimmt all ihren Mut zusammen, wählt die abgedruckte Telefonnummer – und erreicht den Leiter sofort persönlich. „Danach konnte ich nicht mehr zurück.“ Sie ist froh darüber.
Zwei Psychotherapien
bewältigt sie im Abstand von zwei Jahren. Vieles kommt in dieser Zeit ans Licht. Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit: „Es steht mir nichts auf der Stirn geschrieben“, sagt Gudrun Klee mit Nachdruck. „Das findet alles nur im eigenen Kopf statt.“ Kein Mensch guckt nur sie an. Niemand findet nur sie merkwürdig. Und: Sie ist nicht der einzige Mensch auf der Welt, dem es so geht wie ihr. „Wie unter einer Glasglocke habe ich all die Jahre gelebt“, sagt Gudrun Klee. „Die ist jetzt endlich weg.“
Zum Vorschein kommt eine lebenslustige Frau, die gern mit anderen Menschen redet, gern zuhört. „Manchmal quatsche ich auf der Straße einfach fremde Leute an, wenn die ein süsses Kind oder einen witzigen Hund haben. Das macht mir richtig Spaß. Ich kann mich auf andere einlassen, ohne innerlich zu blockieren, ohne Beklemmungen. So wollte ich immer sein.“ Allein aufs Konzert von Peter Maffay? Auch das klappt jetzt. Ihr größtes Erfolgserlebnis seit den Therapien ist jedoch etwas anderes. Gemeinsam mit Prof. Ströhle hat sie Schülern von ihrer Phobie erzählt. „Und hinterher habe ich den Lehrern ins Gewissen geredet“, erzählt Gudrun Klee. „Die achten nur auf laute Schüler. Aber von den leisen hat vielleicht einer ein echtes Problem.“ Wie hat sie sich dabei gefühlt? „Richtig gut. Da habe ich wieder gemerkt, dass ich überhaupt nicht wie mein Vater bin. Ich bin eher wie meine Mutter: offen und sehr lebendig.“

Intreview mit Prof. Andreas Ströhle, 47, Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen der Berliner Charité

VITAL: Warum entwickeln mehr Frauen als Männer eine soziale Phobie?
Prof. Andreas Ströhle: Zum einen liegt das sicher an unterschiedlichen Rollenbildern. Zum anderen gibt es aber auch hormonelle Ursachen.

Wie sehen die genau aus?
Die Abläufe sind noch nicht ganz verstanden. Durch den Zyklus der Frau kommt es jedoch zu Schwankungen in der Progesteron-Produktion. Aus diesem Hormon bildet der Körper auch neuroaktive Steroide, die anxiolytisch, also angstlösend, wirken. Diese Substanzen scheinen sowohl in der Entstehung der Phobie als auch in der Behandlung eine wichtige Rolle zu spielen.

Wie steht’s mit den Behandlungsmöglichkeiten?
Sehr gut. Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen ist es bei der sozialen Phobie nicht so, dass die Betroffenen früh verrentet werden müssen. Es kommt darauf an, früh zu behandeln, damit die Lebensplanung nicht länger behindert wird.

Welche Therapien gibt es?

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie kann eine Behandlung mit bestimmten Antidepressiva helfen. Zunächst wird die Patientin umfassend über die Phobie informiert. Manchmal müssen Betroffene erst noch soziale Fertigkeiten üben und entwickeln. Der nächste Schritt ist die Exposition, das Aufsuchen angstauslösender Situationen, z. B. Passanten nach dem Weg fragen oder sich im Kaufhaus beraten lassen. Gruppentherapien sind ebenfalls sinnvoll.

Was ist das Ziel?

Es geht darum, Vermeidungsstrategien zu unterbinden. Außerdem soll die Betroffene ihre Gedanken und Gefühle in der sozialen Interaktion ändern. Sie soll lernen, dass ihre Annahmen darüber, was das Umfeld über sie denkt, wie es sie wahrnimmt, falsch sind. An ihre Stelle sollen konkrete und realistische Rückmeldungen treten.

Wie lange dauert das?

Eine gute Behandlung dauert etwa 25 Therapiestunden, manchmal auch länger. Sie wird von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.

Und nach der Therapie?
Dann ist es wichtig, im Alltag weiter an schwierigen Situationen zu arbeiten. Sport kann ebenfalls Ängste abbauen.

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