15. Februar 2010
Der Blasenschrittmacher

Der Blasenschrittmacher

Bei Blasenschwäche helfen Medikamente oder Beckenbodentraining – und in schwierigen Fällen ein Schrittmacher.

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Für mich begann 2006 ein neues Leben. Und das verdanke ich dem Blasenschrittmacher“, sagt Gertraud Schlechter aus der Nähe von Heilbronn. „Die Inkontinenz hatte mich völlig isoliert.“ Die letzten beiden Jahre vor der Operation traute sie sich kaum mehr aus dem Haus. Leicht fällt es der 52-Jährigen nicht, ihre Geschichte zu erzählen. Aber sie möchte informieren, verhindern, dass andere Frauen ebenso leiden müssen wie sie. In Deutschland sind 2,6 Millionen Menschen unter 65 Jahren von Blasenschwäche betroffen. Dazu kommen noch einmal 14,7 Millionen Ältere. Ein viel verschwiegenes Leiden. Deshalb erhalten viele Patienten nicht die Therapien, die ihnen helfen könnten.

Für Gertraud Schlechter begann alles mit einem Routineeingriff. Im Alter von 39 Jahren musste sie sich die Gebärmutter entfernen lassen. Um einem Absacken und damit einer Blasenschwäche vorzubeugen, wurde die Blase noch in derselben Operation neu „aufgehängt“. Der Effekt war nicht wie gewünscht. Eine leichte Inkontinenz stellte sich ein. „Ich ging zu einem Urologen, aber der war keine Hilfe und wenig sensibel. Deshalb versuchte ich, das Problem mit Einlagen in den Griff zu bekommen“, erinnert sie sich. Anfangs gelang das, dann nahmen die Beschwerden zu. „Diesen Zustand wollte ich nicht so einfach hinnehmen. Doch dass es so schwierig werden würde, eine geeignete Behandlung zu finden, konnte ich natürlich nicht wissen.“ Was folgte, war eine jahrelange Klinik-und-Ärzte-Odyssee. Alle Therapien schlugen fehl. Mal trocknete ein Medikament so stark den Mund aus, dass es abgesetzt werden musste. Auf andere Mittel reagierte Gertraud Schlechter allergisch. Monatelange Krankengymnastik brachte nur kurzfristigen Erfolg. Und dazwischen immer wieder Operationen – insgesamt zehnmal.

„Ich fühlte mich völlig allein“

Einige Behandlungen verschafften ihr für kurze Zeit Erleichterung. „Aber dann wurde es jedesmal wieder schlimmer“, sagt die heutige Schrittmacher-Patientin. Als bei einer so genannten „Zügelplastik“ die Blase in einer Art Hängematte befestigt wurde, vertrug sie das verwendete Netzmaterial nicht. Es kam zu einer schweren Entzündung im Bauchraum, deren abgekapselte Herde ihr bis heute zu schaffen machen.

Versteckspiel

Doch mindestens ebenso belastend wie die Schmerzen und Narben war die Angst. Die Angst, dass andere etwas mitbekommen könnten von der Blasenschwäche, die sich irgendwann kaum noch verbergen ließ. „Bis 2001 habe ich gearbeitet. In der Fertigung. Feinelektronik löten.“ Gertraud Schlechter denkt nur ungern an diese Zeit zurück. „Wechselkleidung hatte ich immer dabei. Denn Einlagen reichten schon lange nicht mehr. Und ständig die Furcht, es nicht rechtzeitig zur Toilette zu schaffen, die Furcht vor den wissenden Blicken der Kollegen. Das Arbeitsleben war ein Gräuel.“ Auch das Privatleben war auf ein Minimum reduziert. Aus dem Haus ging sie nur noch im Notfall. Jeder Weg war genau durchgeplant. Sie kannte alle öffentlichen Toiletten in der Stadt und in den Nachbarorten. Traute sich kaum mal, ein Glas Wasser zu trinken, um den unweigerlich folgenden Harndrang zu vermeiden. „Aber das Schlimmste war die Einsamkeit“, sagt sie rückblickend. „Ich konnte mit niemandem darüber reden, was in mir und mit meinem Körper vorging.“ Ihren Mann überforderte die Situation. Freundinnen mochte sie sich nicht anvertrauen. Und dass es für ihr Problem auch Selbsthilfegruppen gab, sagte ihr keiner ihrer Ärzte.

„Es war der letzte Versuch“

Dann kam die Wende. Ihre Klinik überwies sie nach diversen erfolglosen Operationen an das Klinikum am Plattenwald in Bad Friedrichshall und damit an Prof. Burkhard von Heyden. Der Chefarzt der Urologie setzt, wenn andere Therapien nicht zum Erfolg führen, einen speziellen Blasenschrittmacher ein. „Das Gerät nutzt schwache und ungefährliche elektrische Impulse, um die Nervenfasern zu steuern, die Befehle vom Gehirn über das Rückenmark an die Blase als elektrische Signale senden. So verhindert es einen unkontrollierten Harnverlust“, erklärt der Experte. Seit 1994 arbeitet er mit dieser Technik. Doch bis heute ist das Verfahren kaum bekannt. Die Operation ist zwar nicht riskant, aber kompliziert. Jedes Jahr erhalten nur etwa 200 Patienten in Deutschland so einen Schrittmacher. Doch der Bedarf, so schätzt der Experte, ist mindestens fünf- bis zehnmal so hoch.

Die Angst ist weg

„Eigentlich hatte ich nach all den schlechten Erfahrungen beschlossen, mich nicht mehr operieren zu lassen. Es war der absolut letzte Versuch“, sagt Gertraud Schlechter. „Bei dem Eingriff wollten dann sehr viele interessierte Ärzte zusehen, der Saal war richtig voll. Aber das war mir nach so vielen OPs völlig egal.“ Seit diesem Tag trägt sie eine kleine Elektrode über dem Steiß, die über einen feinen Draht mit dem im Unterbauch eingesetzten Schrittmacher verbunden ist. Beides von außen nicht zu sehen und auch kein unangenehmer Fremdkörper, wie sie versichert. Mit dem Schrittmacher kam sie von Anfang an gut zurecht. Über einen externen Schalter wird er nach Bedarf an- und ausgestellt. „Ich bin so froh, dass ich diese OP gewagt habe. Das Gerät bedeutet so viel mehr Lebensqualität und Freiheit für mich.“

„Die Angst ist weg“

Heute ist die 52-Jährige wieder gern unterwegs, trifft sich mit Freundinnen, ist insgesamt viel offener geworden: „Als ich meinen Bekannten von der Inkontinenz erzählt habe, zeigten sie viel Verständnis. Aber früher hätte ich dieses Wort einfach nicht über die Lippen gebracht.“ Inzwischen stellt es für sie auch kein Problem mehr dar, ausreichend zu trinken. Zur Toilette muss sie zwar relativ oft, doch das sei keine große Einschränkung: „Mit einem Rhythmus von anderthalb bis zwei Stunden kann ich gut leben. Das schränkt mich bei meinen Aktivitäten nicht ein. Und mal eine Einlage zu nehmen ist für mich auch nicht schlimm. Ich weiß ja, dass keine echte ,Katastrophe’ mehr passiert. Ich bin so dankbar, dass ich nicht mehr in ständiger Angst leben muss.“

Info-Adressen

Mit Informationen rund um das Thema Inkontinenz, Adressen von Spezialisten, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen hilft Ihnen die Deutsche Kontinenzgesellschaft weiter. Im Internet: www.kontinenz-gesellschaft.de. Hotline 0 18 05/23 34 40 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz), montags bis freitags 10–12 Uhr und 15–18 Uhr.

Anderen Betroffenen rät Gertraud Schlechter, sich nicht zu verstecken, sondern den Kontakt zu suchen: „Heute, wo ich weiß, dass es Millionen Betroffene gibt, würde ich gleich in eine Selbsthilfegruppe gehen und mich viel besser informieren.“

Interview

„Der Schrittmacher hemmt den Entleerungsreflex“

Prof. Burkhard von Heyden, Chefarzt der Urologie am Klinikum am Plattenwald in Bad Friedrichshall, erklärt das Verfahren

Hilft der Blasenschrittmacher bei jeder Form von Harninkontinenz? Bei einer Belastungsinkontinenz – also wenn beim Husten, Niesen oder Lachen Urin verloren geht – funktioniert er nicht. Er eignet sich für Personen mit einer motorischen Drangblase, bei denen Medikamente nicht helfen. Gehen immer nur ein paar Tropfen verloren, ist eine Behandlung mit Medikamenten in der Regel erfolgreich.

Was führt zu einer schweren Drangblase? Meist gehen den Beschwerden Operationen im kleinen Becken voraus, etwa eine Gebärmutterentfernung. Aber auch schlecht verlaufene Blasen- OPs, die immer wieder nachoperiert wurden, führen zu solchen Beschwerden. Durch die Narbenbildung sind die Nerven, die für eine normale Entleerung zuständig sind, völlig gestört. Das kann dann zu einer kindlichen Reflexblase führen, die sich unkontrolliert entleert. Aber auch ein Harnverhalt ist möglich. Auch in diesen Fällen lässt sich ein Schrittmacher erfolgreich einsetzten.

Was bewirkt er? Eine Elektrode am Sakralnerv, am unteren Rücken, reizt mit 12 An/Aus-Impulsen in der Sekunde den Nerv, der die Blase und den Blasenschließmuskel steuert. Der Stimulator, der samt Batterie unter die Haut am Bauch eingesetzt wird, liefert den nötigen Strom. Diese Dauerstimulation stört den Fremdreflex, der bei der Reflexinkontinenz eine nicht unterdrückbare komplette Entleerung auslöst, sobald eine bestimmte Blasenfüllung erreicht ist.

Und wenn sich die Blase entleeren soll? Zum Wasserlassen wird der Stimulator ausgeschaltet. Das geschieht mit einem externen Schalter, der etwa so groß ist wie ein Handy. Er wird einfach über den Stimulator gelegt und dieser ausgeschaltet. Nach dem Wasserlassen stellt man den Stimulator genauso wieder an.

Was spürt man von der Stimulation? Immer beim Anschalten ein leichtes Kribbeln, das aber nach wenigen Sekunden verschwindet.

Und die Erfolgsquote? In einer Probestimulation wird mit einem externen Gerät über mehrere Tage getestet, wie der Körper reagiert. In 50 Prozent der Fälle kann der Stimulator die Blasenschwäche so deutlich verringern, dass dann ein internes Gerät eingesetzt wird.

Tipps

Sensible Blase? Dagegen können Sie etwas tun

Mit Tabuthemen ist das so eine Sache: Man fragt lieber nicht nach und schadet sich damit nur selbst. Schluss damit!

Jede vierte Frau in Deutschland kennt das Problem einer sensiblen Blase. Geburten, die Wechseljahre und Übergewicht gelten als häufige Ursachen, aber auch Blasenentzündungen oder eine angeborene Bindegewebsschwäche können dafür verantwortlich sein. Meist gehen nur hin und wieder ein paar Tröpfchen verloren. Nicht wirklich schlimm, aber auch nicht gerade toll. Und etwas, das man in den allermeisten Fällen ändern kann. Hier ein paar Tipps:

  • Beckenbodentraining Die meisten bemerken ihren Beckenboden erst, wenn er Probleme bereitet. Schade eigentlich, denn wer diesen Muskel kräftigt, stärkt nicht nur seine Blase. Die Haltung verbessert sich ebenfalls, was Rückenschmerzen vorbeugt. Und viele Frauen empfinden mit einem trainierten Beckenboden auch den Sex intensiver. Kurse gibt es an Volkshochschulen, bei Krankengymnasten und an Beckenbodenzentren. Auch im Rahmen der Prävention zahlen die Krankenkassen oft Zuschüsse.
  • CoreWellness-DVD Die Alternative für zu Hause: Zusammen mit der norwegischen Sportwissenschaftlerin und Physiotherapeutin Kari Bø, einer internationalen Expertin, hat die Firma Tena eine Trainings-DVD für den Beckenboden entwickelt. Die Wirksamkeit des Konzepts ist wissenschaftlich belegt. Das Programm dauert für Anfänger etwa 20 Minuten, in der Kurzfassung für Geübte nur noch 10 Minuten. Kostenlos zu bestellen unter www.corewellness.de.
  • Hygiene-Produkte Viele Frauen, die bei sich eine Blasenschwäche entdecken, greifen spontan zu Slipeinlagen und Binden, die für die Monatshygiene entwickelt wurden. Da sich Urin und Menstruationsblut aber von der Zusammensetzung und beim pHWerte unterscheiden, ist das Ergebnis oft unbefriedigend. Viel effektiver und angenehmer zu tragen sind Spezial- Produkte für die sensible Blase aus dem Sanitätsgeschäft oder Supermarkt.
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